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Safertis spreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 fg. fonft 15 Bfg. Reklamen ble Petitgeile 30 resp. 40 fg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 2. November 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weylar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Ein Treffen in Südwestafrika.

Die aufständische Bewegung in unseren südwestafrika­nischen Schutzgebieten hat abermals zu einem größeren Ge­fecht geführt. Der Feind wurde in die Flucht geschlagen und zwar mit erheblichem Verlust. Aber auch die braven deutschen Kämpfer haben zahlreiche Tote und Verwundete zu beklagen.

Die Gegner standen in starken Schanzen etwa 400 Mann starf unter Morenga, Morris und Johannes Christian am Orangefluß in der Gegend von Hartebeestmund, etwa 20 Kilometer füdöstlich von Hornsdrift. Oberstleutnant von Semmern griff mit der Abteilung Koppy an. Es kam zu einem äußerst schweren Kampf, der bis zur Dunkelheit währte. Am Morgen räumte der Feind nach kurzem Feuer­gefecht seine Stellung und zog in westlicher Richtung ab. Eine Verfolgung war wegen der Erschöpfung der Truppen und wegen Proviant- und Munitionsmangel nicht möglich, deshalb waren die Verluste des Feindes nicht festzustellen. Die englische Polizei hat nach Beobachtungen vom Südufer des Orangeflusses angegeben, daß der Feind starke Ver­Iuste gehabt habe, besonders habe die Artillerie gut gewirft.

Auf deutscher Seite fielen drei Offiziere und 13 Mann, drei Offiziere und 18 Mann wurden schwer verwundet, 13 Mann leicht verwundet, 5 Mann werden vermißt, werden also wahrscheinlich zu den Toten zu rechnen sein. Die Ver­wundeten wurden nach der Missionsstation am andern Ufer des Orangeflusses gebracht. Oberstleutnant von Sommern marschierte nach Warmbad, wo er inzwischen wohl einge­troffen ist. Er bemerkt in seinem Gefechtsbericht, daß die Truppe im Ueberwinden außergewöhnlicher Schwierigkeiten und in unerschütterlicher Tapferkeit während des Kampfes Großes geleistet habe.

Die Aufständischen standen wieder unter dem Befehl Morengas, der unzweifelhaft der geschickteste Führer der Rebellen ist. Er soll auf verhältnismäßig hoher Bil­dungsstufe stehen und seine Kriegführung nach europäischen Begriffen einrichten. Auf die Dauer kann selbstverständlich auch ein schlauer Bandenführer nicht die allmählich Nieders werfung des Aufruhrs hintenanhalten.

Auf der Fährte Hendrik Witbois.

Der alte Bastardkapitän hat es bisher verstanden, den ihn bedrängenden Truppen zu entwischen, obwohl er oft genug schwere Einbuße an Menschen und Proviant erli't. So auch jetzt wieder. Hendrik Witboi ließ nach vergeb­lichen Versuchen, durch Angriffe auf die besetzten Wasser­stellen Aminuis und Kiriis Ost Wasser zu bekommen, 350 Weiber und Kinder, darunter seine nächsten Angehörigen, halbverdurftet zurück. Sie liefen den deutschen Truppen zu ind werden nach Keetmanshoop gebracht.

Hendrik selbst ist aus der Gegend von Siriis Ost über Plumput Gorinais in nordwestlicher Richtung geflüchtet. Major v. Estorff ging mit einer Stompagnie, zwei Geschützen uni zwei Maschinengewehren von Mutorob, mit 80 Reitern und zwei Geschützen von Fahlgras aus ihm entgegen, mäh­rene Major v Rengerfe mit einer Kompagnie und einer Batterie ihm über Geiaub folgt. Postierungen am Fischfluß und am Anob sollen ein Entkommen Hendrik Witbois nach Weiten oder Osten zu verhindern suchen.

Es wäre ein großes Stüf Arbeit getan, wenn es gelänge, den geriebenen Zuchs zu fangen.

Der Unterführer Cornelius wurde von der Abteilung Lettow über die Zwiebelhochebene verfolgt. Er überschritt nördlich Chamis den Konfip und wurde bei Gorabis von der 4. Ersatzkompagnie gestellt. Nach einstündigem Gefecht zog Cornelius unter Zurücklassung von zwei Toten west­märts ab und wandte sich dann in nordöstlicher Richtung über Blumpüt- Remmhöhe nach dem Schwarzrand. Haupt­mann v. Lettow mit drei Kompagnien ist mit seiner Ver folgung beauftragt.

Nach der Verfaffungs- Proklamation.

In Rußland sind die Ereignisse nicht nur in Fluß, sie liberstürzen sich geradezu. Wie der Wechsel vom Alten zum Nenen überraschend gekommen ist, so treten ale dessen Aus­fluß neue Wendungen zutage, die ebenso sensationell wirken. Pobjedonoszewo entlassen! Nachdem die Neugestaltung der Dinge dem Grafen Witte in die Hände gegeben war, blieb für den bis dahin allmächtigsten Mann im Zarenreiche fein Platz mehr in leitender Stellung. Der Zar mußte die Konsequenz ziehen und sich von dem Gewaltigen trennen, der bislang sein Mentor gewesen war. Pobjedonoszew geht in Gnaden, aber er geht. Es wird darüber aus Petersburg gemeldet:

Die Enthebung des Oberprofurators des Heiligen Synods, Pobjedonoszew, erfolgte durch ein in gnädigen Worten gefaßtes kaiserliches Resfript und unter Be­laffung Pobjedonoszews in seinen Stellungen als Mit glied des Reichsrats, Staatssekretär und als Senator.

Das ist alles Mögliche für einen Staatsmann, der über die Ereignisse zu Falle kommt. Aber seiner Macht ist

Pobjedonoszew ledig. Denn diese wurzelte in seiner Stellung an der Spiße des Heiligsten Synods, von der aus er die russische Kirche leitete und über deren gewaltigen Arm gebot. Mit dem Meister fällt sein Gehilfe. Nach einer weiteren Meldung ist der Unterrichtsminister General­leutnant Glasom auf sein Ansuchen seines Postens enthoben und zur Verfügung des Kriegsministers gestellt worden. Die Leitung des Unterrichtsministeriums übernimmt zeit­weilig sein bisheriger Gehilfe Lukjanow.

Die neuen Minister.

Inzwischen ist Graf Witte rüstig am Werke, das neue Rußland zu gestalten. Zunächst hat er sein Kabinett zu sammengestellt. Einer Petersburger Nachricht zufolge, sieht es folgendermaßen aus:

Das Ministerium des Innern übernimmt Karabazew, bisher Chefredakteur des Rus"; Finanzen: Romanow; Krieg: Kossitsch, früher liberaler Gouverneur von Sa­ratow; Unterricht: Senator Kony. Ihre Vortefeuilles behalten der Minister des Auswärtigen Graf Lamsdorff, Marineminister Birilew und Verkehrsminister Fürst Chilkow.

Diese Ernennungen sind geeignet, einen günstigen Ein druck zu machen. Die Zeitung Ruß" gehört dem Fürste: Suwarin und ist ein verbreitetes gemäßigt liberales Blatt Der Senator Kony, dem das wichtige Ressort des Unter richts anvertraut ist, gilt als eine sehr geachtete Persön lichkeit. Dazu kommt die Tatsache, daß sechs Zeitungen die verboten waren, der Straßenverkauf wieder freige geben ist.

Es muß sich zeigen, wie weit diese ersten praktischen Er folge des neuen Regimes dazu führen werden, die nod immer herrschende Erregung zu bannen.

Fortdauer der Unruhen.

Zu lange hat man mit den Reformen gewartet, als das deren Gewährung sofort alles Mißtrauen verscheucher fonnte. Man traut nicht der Ehrlichkeit der Zusagen, uni bielfach gehen die Forderungen über das Maß des Ge währten hinaus. Man will Taten sehen und verlangt so fortige Freilaffung der politischen Gefangenen. Mehrfad ist diese erfolgt, so in Moskau. An anderen Stellen ist e zu neuen Bluttaten gerade aus Anlaß der Verfassungs proflamation gekommen. So wurde in Kiem mitten in das vom Freudentaumel ergriffene und auf den Straßen seiner Gefühlen Ausdruck gebende Volk von dem Militär geschossen und die in wilder Flucht zerstiebende Menge wurde von der Kugeln der Soldaten verfolgt. In Odessa ist es wieder zi blutigen Kämpfen gekommen. In Petersburg, Warschau Riga und anderen Orten sind Aufforderungen zur Fort Sebung des Kampfes verteilt worden, bis Garantien für di Durchführung der verheißenen Reformen gegeben sind Während an manchen Orten der Streif beendet ist, geht ei anderwärts, wie in Riga und Helsingfors weiter, und aud die Angestellten der Warschau- Wiener Bahn haben beschlos sen, im Ausstande zu verharren.

Die Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen, daß eine Fortdauer der Wirren den Zaren, der in die Reformer sicherlich nur ungern eingewilligt hat, durch eine derartige Aufnahme seiner Proflamation sich der absolutistischen Hof partei wieder zuwenden und gegen Witte mißtrauisch ge macht werden könnte.

Neue Erklärungen Wittes.

Graf Witte erkennt selber offenbar die Schwierigkeiten der Lage. Er hat in der Nacht, die der Verfassungs- Profla­mation folgte, eine Abordnung der revolutionären Ver­bände empfangen und an die Hilfe der Gesellschaft appel­liert und Befriedigung der arbeitenden Klassen zugesagt. Ueber sonstige bedeutungsvolle Aeußerungen des Grafen Witte heißt es in einer Meldung aus Petersburg:

Er wolle in die Duma kommen, seine Macht nieder­Legen und sagen: Tut, was ihr für das Wohl des unglück­lichen Rußlands als notwendig erachtet. Um aber bis zum Zusammentreten der Duma dem Lande Beruhigung zu bringen, müsse er das Vertrauen der Gesellschaft ge­nießen, und das sei nicht der Fall. Er hätte sich an einige bekannte Männer mit der Bitte um Hilfe gewandt, habe aber bis jetzt keine zustimmende Antwort erhalten.

Was das allgemeine direkte Wahlrecht betrifft, so er­flärte Graf Witte sich nicht als dessen grundsätzlichen Geg­ner, er halte es aber für besser, wenn die Reichsduma dieses Wahlrecht proklamiere. Er wolle aber sofort das Wahl­gesetz vom 6. August umändern und die intelligenten Klassen und Arbeiter wahlberechtigt machen. Auch das sei aber nicht sein letztes Wort, vielleicht würden seine Mit­arbeiter ihn von der Notwendigkeit sofortiger Einführung des allgemeinen Wahlrechtes überzeugen. Bis zur Ein­führung eines Gesetzes über die Preßfreiheit werde die Bensur faktisch abgeschafft sein. Auch die Notwendigkeit einer Amnestie erfenne er an, aber es bedürfe einiger Zeit, um das Gesetz über die Amnestie auszuarbeiten. Die Be­stimmungen über den verstärkten Schutz seien Unsinn, aber er könne sie nicht gleich abschaffen, denn wenn nach Ab­schaffung ein Attentat passiere, werde man sagen, er sei daran schuld

Was ist uns Russland?

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In Rußland hat durch den Willen des selbstherrscher. lichen Zaren das Selbstherrschertum formell aufgehör. Jener Wille mag durch äußere Umstände beeinflußt, ja bei. nahe gezwungen worden sein die Tatsache bleibt bea stehen, daß der Selbstherrscher als seinen unerschütterlichen Willen dargetan und verkündet hat, es solle in seinem Reic fein Selbstherrschertum mehr geben. Zar Nikolaus II. hat feierlich der alleinigen gesetzgebenden Gewalt entsagt, in­dem er erklärte, es solle in Zufunft kein Gesetz Geltung haben und möglich sein, das nicht zuvor die Zustimmung der vom ganzen Wolfe zu wählenden Reichsduma gefunden hätte.

In Wirklichkeit hat es ein Selbstherrschertum der Zarem schon lange nicht gegeben; vielleicht hat es niemals wirklicht existiert, seitdem das russische Reich große Ausdehnung ge­wonnen hatte. Ganz gewiß sind die Zaren seit Peter dem Großen, obwohl sie sich Selbstherren nannten, die Diener ihrer Knechte gewesen. Launen waren ihnen gestattet, di sie auch für den Ausdruck eines eigenen Willens halters durften; aber da ihr Auge nicht bis an das Ende ihres Willens reichte, war die Ausführung in die Hände von Be­amien gelegt, die bei dem Mangel einer wirksamen öffent­Lichen Kontrolle bald zu den eigentlichen Herren wurden. Der Zar behielt die Gewalt, seine Günstlinge zu wechseln, aber bei der Günstlingschaft blieb das Herrschertum. Als Potemkin seine Herrin mit den gemalten Dörfern und Landschaften betrog- da war er der Herr Rußlands und seiner Herrin. Kaiser Nikolaus I., der Urgroßvater des jetzt regierenden Zaren, war eine fräftige Natur, ein ge­borener Autofrat. Doch er wußte ganz genau, daß er dem schin", der Beamtenschaft, gegenüber ohnmächtig war. Er for ite einen Minister, einen Gouverneur zerschmettern, aber der nächste, der an die verwaiste Stelle trat, handelt: wie der Vorgänger. Zar Nikolaus I. wußte sich belogen und bestohlen. Aendern konnte er es nicht, denn Lüge und Diebstahl gehörten zu den Grundpfeilern des russischen Staats- und Cesellschaftsgebäudes. Er wollte es auch nicht ändern, denn das einzige durchgreifende Mittel sagte ih nicht zu: die Verleihung einer Constitution an sein Land, der teilweise Verzicht auf den Schein einer unbegrenzt Machtvollkommenheit für sich selbst. Seine autorratija: Natur sträubte sich hiergegen. Ehen der Sohn, Bar Alerander II., war eher geneigt, den Schritt zu der großen Neuerung zu tun. Er hatte die entscheidende Entschließung bereits gefaßt, als er hon Mörderhand siel. Wie sehr er mit seiner Umgebung zu fämpfen gehabt, ehe er die Ver­fassungsverheizung untersdrieb, zeigt das immer wieder austauchende Gerücht: die reaktionäre Partei sei es ge­wesen, die den 3ar- Befreier" den Bomben der Nihilisten förmlich ausgeliefert, die Ermordung herbeigeführt hätte. Unter dem Enkel, Alerander III., war das Selbstherrscher­tum unangreifbar gesichert. Der Generafprofureur ,, heilig dirigierenden Synod", Pobjedonoszew, war der eigentliche Regent Rußlands, dessen Zar sein Schiller ge­wesen und mit blinder Bietät zu ihm ausblickte. Erst der Urenfel, Zar Nikolaus II., hat den Mut gewonnen, dem Trug des Selbstherrschertums zu entsagen. Die Revolution hatte auch einem blöden Auge flar gemacht, daß das Selbst­herrschertum eine Selbsttäuschung gewesen. Von einer Verführung" des Volkes konnte nicht mehr die Rede sein, nachdem ungefähr das ganze Volf gemeutert hatte.

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Tatsächlich ist der Zar nicht weniger mächtig geworden, weil er seine Befugnisse, die er doch nicht selbst, mur durd Beamte ausüben konnte, einschränkte. Er hat im Gegen­teil seine Abhängigkeit von der Beamtenschaft abgestreift, die unverantwortlich war, weil ihr die Kontrolle durch die Oeffentlichkeit fehlte. Das A und O der ganzen russischent Revolution, deren Zeuge wir gewesen sind, besteht darin, nicht daß der Zar sich des Selbstherrschertums entäußert hat denn dieses Selbstherrschertum eines Einzelnen mar immer eine bloße Fiktion, sondern daß der Beamtenschaft cine öffentliche Aufsicht und Kontrolle gegeben worden ist. Die Reichsduma wird diese Kontrolle üben, die Vertre­tung des Volfes, das die Tätigkeit der Beamteni haft täg­lich sicht und am eigenen Leibe empfindet. Alles übrige ise nur Beiwerf und logische Konsequenz, die sich aus der inne­ren Entwickelung ganz von selbst erzwingen würde, wenn sie nicht freiwillig eingeräumt worden wäre. Eine bloße Konsequenz ist es auch, daß die Bestechung aufhört, eine unentbehrliche russische Staatseinrichtung zu sein. Daß die Bestechlichkeit aufgedeckt wurde, war nicht nötig, denn jeder­mann fannte sie. Aber der Bestechliche brauchte feinen Rich­ter zu fürchten. Die Solidarität des Tschin", der russi schen Beamtenschaft, schütte ihn. Die Oeffentlichkeit des fontrollierenden Parlaments tilgt das lebel an der Wurzel. Wirtschaftlich wird das für Rußland von größter Be­deutung sein. Industrie und Handel können nicht gedeihen. we der Grundsatz von Treue und Glauben nicht allgemeiner Anerkennung sicher ist. Der einzelne Unternehmer, der e beimische wie der fremde, war der Willfür ausgesett, ihm jede sichere Berechnung unmöglich machte. Rußlands natürlicher Reichtum mußte deshalb brach liegen.

Nicht zum wenigsten litt unter dem Selbstherrschertum