Ausgabe 
2.9.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 206.

Erstes Blatt.

Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­heffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptegpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 2. September 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfs., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilager: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten Neueste

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Das friedenswerk.

Die weitere Aufstellung des Friedensvertrages durch den russischen Beauftragten Professor von Martens und den japanischen Rechtsbeirat Dennison in Portsmouth gehi jezt schnell von statten. Sie haben bereits zehn von ben fünfzehn Artikeln fertiggestellt, aus denen der Vertrag bestehen soll. Wie man annimmt, werden sie in ein bis zwei Tagen ihre Arbeit beenden. Man hofft, daß der Ver­trag Dienstag oder Mittwoch unterzeichnet werde. Witte bat Komura, das Datum der Unterzeichnung des Friedens. bertrages festzusetzen, da er am 12. September abzureisen trünsche.

Die ostchinesische Bahn.

Die Bedingungen, unter denen Japan als Besitzer der ofichinesischen Bahn anerkannt wird, besagen, daß Rußland an China 75 Mill. Dollars für Chinas Interessen an der Bahn zahlt, und daß die Frage, wer schließlich Besitzer der Bahn sein wird, zwischen Japan und China geregelt wer den soll. Dem Vernehmen nach sollen, wenn China die Bahnlinie behalten will, die 75 Millionen an Japan ge­zablt werden, neben der Rückzahlung der von den japani­fden Eisenbahnbehörden für den Wiederaufbau der Linic aufgewandten Summe. Die Eisenbahn zwischen Charbin und der sibirischen Grenze und von Charbin südlich bis zur Station Kunatschenzy bleibt in den Händen der Russen. Rußland wie Japan erhalten die Erlaubnis, Wachmann­schaften längs der in ihren Händen befindlichen Eisenbahn­Linien zu unterhalten und Truppen im Falle ernster Un­ruben zu entsenden. Die Zahl der Truppen soll aber nicht größer sein, als zur Wiederherstellung der Ordnung not­reendig ist

Japan braucht kein Geld.

In einer Unterredung erklärte der japanische Finanz­ager: Talabira, Japan belive nicht weniger als 35 Millionen Bfund Sterling 3 völlig freien Verfügung in London, Deutschland und den Bereinigten Staaten. Er sähe deshalb feine Nonvendigkeit zur Ausgabe einer neuen Anleihe, da die verfügbaren Hilfsquellen Japans reichlich die mit dem Kriege zusammenhängenden Kosten und die dadurch veran Jagten Rebenausgaben deckten. Es eriſtiere nicht die Ab­Ficht, eine Anleihe aufzunehmen. Man rechnet auch mit der Entschädigung von Rapier für die Gefongenen, die sich auf 150 Millionen Yen belaufen soll.

Eine russisch- japanische Entente.

Gleich nach dem Bekanntwerden des Friedensschlusses sprach man von einem Geheimvertrag, der eine enge Ver­bindung zwischen den bisher feindlichen Staaten herbeifüh ren solle. Tatsächlich ist ja in dem Triedensinstrument ein Handelsvertrag in Aussicht genommen, der beiden Ländern nene Absatzquellen eröffnen soll. Qian erklärt die Nachgiebigkeit der Japaner auch aus solhen wirtschaftlichen Beweggründen. Sie hätten eine andaserale Abneigung wie in Frankreich nach 1870 gegen Deutschland scireiden wollen. Dagegen kann von der behaupteten affcubrüderschaft in nächster Zeit wohl kaum die Rede sein. Minister Witte, den man in Petersburg für den zufünftigen Reitsfanzler hält, sagte in einem Interview, eine wuh- japan'sche Entente fönne den größten Nuten bringen und werde sich wohl ver­wirklichen, aber eine Allianz sei zurzeit unmöglech. Die russische Regierung veröffentlicht eine amtliche Darstellung der Friedensverhandlungen, die sich mit den bisher bekann ten deckt.

Der Waffenstillstand.

Die japanische Regierung hat auf eine russische Anfrage durch Komura ihre Zustimmung zu einem sofortigen Wassen­stillstand erklären lassen. Es sob sich nur noch um die Vcc­einbarungen der beiden kommandiere:: den Feldherren han. deln. In Rußland wird der letzte Mobilisationsbeebi aus. geführt, obwohl keine neuen Truppen nach dem seinen Osten entsandt werden. Täglich wird der Waffenstillstand cr: varlet, der den größten Teil der russischen Truppenmischt zurii.fbe­ordert. Ein fester Bestand von annähernd 300 Cann wird jedoch im fernen Osten Garnison nehmen. Zur Heim­beförderung der Kriegsgefangenen hat die Hauptverwaltung für Seehandel und Seehäfen bereits Vorbereitungen ge troffen.

Mißvergnügen in Japan.

Die öffentliche Meinung in Japan äußert sich vorläufig man als ungünstig und nicht ausreichend bezeichnet. Auf Sie Nachricht vom Frieden wurde auf dem Gebönde der Zeitung Hochi" in Tokio die Fahne auf Halbmost achitt. Az Blätter mit Ausnahme des Kokuarin" beschlossen, auf bren Redaktionen die Fahnen auf Halbmail zu hissen, sobald die amtliche Bekanntmachung vom Friedensschluß eriolge. Grai Katsura und Marquis to erhalten zahlreide Denfidanten zugesandt, in denen gegen die Friedensbedingungen Wider­spruch erhoben wird. Das Fehlen jeder Freudenbezen gura ist das hervortretendste Merkmal für die Aufnahme der grie densnachricht durch das japanische Volk. Die nationalisti schen und radikalen Preßorgane fordern zum offenen Breit

gegen den Friedensschluß auf, alle übrigen Blatter ouer den Regierungsorganen bringen Artikel, in denen fick tie. dergeschlagenheit und Enttäuschung zeigt. Troy diefer äußer­lichen Erregung, die durch das hochgespannte Nationalgeiübl erklärlich und zum Teil vielleicht auch auf politische Stim. mungsmache zurückzuführen ist, braucht man in allgemeinen nicht daran zu zweifeln, daß das japanische Volk in seiner breiten Masse den Frieden aufrichtig begrüßt. Der Krieg hat ungezählte Familien, die sich bisher eines stillee Glücks erfreuten, ruiniert. Sie werden der Rückkehr geordneter Zustände sicher nicht gram sein.

Politische Rundschau

Deutsches Reich.

Zu den Stenerentwürfen der Reichsfinanzreform soll, vie neuerdings verlautet, nun doch eine Tabaksteuervorlage jehören, die aber nur bestimmt sein soll, den Lurusverbrauch stärker heranzuziehen, namentlich den Zigarettentabak

* Eine Acnderung auf dem Gebiete der Reichspostmarken steht bevor. Es soll mehr noch wie bisher den Versuchen zur Fälschung entgegengetreten werden. Schon seit einiger Zeit ind Versuche im Gange, Postwertzeichen auf Papier mit Wasserzeichen herzustellen. Diese Versuche sollen sehr gute Resultate ergeben haben. Am 1. Oktober steht ferner die Ausgabe neuer Postwertzeichen für Deutsch- China und Kiau­tschon in Aussicht. Die Aenderung wird darin bestehen, daß in Stelle der bisherigen Wertangabe in Mark und Pfennig die dem chinesischen Münzsystem näherstehende Bewertung nach Dollars und Cents tritt.

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* In Mannheim findet vom 5. bis 7. Dezember eine vom Reichsamt des Innern einberufene Konferenz über die Neuregelung der Binnenschiffahrtsstatistik statt. An der Konferenz werden Vertreter der statistischen Aemter und Schiffahrtsgesellschaften aus verschiedenen Teilen Deutsch­lands sowie andere Interessenten teilnehmen.

* Wegen der Meldungen über einzelne Cholerafälle hatte man es in Frage gezogen, ob das englische Ostseegeschwader nach Neufahrwasser, dem Hafen von Danzig, ginge. Die Zweifel sind ungerechtfertigte gewesen, denn gestern ist die englische Flotte bereits in Neufahrwasser eingelaufen. Das einfahrende Geschwader bestand aus zehn Panzerschiffen, rei Kreuzern und vier Torpedobootzerstörern. Um 10 Uhr morgens wurde Anker geworfen. Gleichzeitig wurde die Deutsche Flagge auf dem Flaggschiff gehißt und mit 21 Schuß salutiert. Unmittelbar darauf erwiderte die Strand­batterie den Salut. Auf der Mole hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden. Gegen 11% Uhr ging Admiral Sir Arthur Wilson mit seinem Flaggleutnant an Land, und beide begaben sich zunächst zur kaiserlichen Werft, wo sie dem Oberwerftdirektor einen Besuch abstatteten; dann juhren sie im Automobil des Oberwerftdirektors zum Kom­mandierenden General, zum Oberpräsidenten, zum Ober­bürgermeister, sowie zum Stadtkommandanten. die eng lische Torpedoboots flottille, bestehend aus sieben Torpedo. bootszerstörern und dem Kreuzer Sapphire" ist gestern Jegen 10% Uhr auf der Reede von Glücksburg eingetroffen. Das deutsche Torpedo- Schulschiff Blücher" falutierte die Flagge des Konteradmirals Winsloe. Der Salut wurde on der Sapphire" erwidert. Das Geschwader ging vor Der Marinestation Mörwick am Eingange des Flensburger ŏafens zu Anker.

* Neue Bestimmungen für die Schutzgebiete Afrikas und der Südsee werden dur) eine kaiserliche Verfügung ge­troffen. Die Verordnung ändert vom 1. Oktober die Zwangs- und Strafbefugnisse der Verwaltungsbehörden. Tie früheren für Südwestafrika und die Marschall- Inseln erlassenen Verordnungen treten außer Kraft. Ferner wird eine faiserliche Bergverordnung für Deutsch- Südwestafrika im 1. Januar 1906 in Kraft gesetzt.

frankreich.

** Die Regierung hält den Zwist mit Marokko wegen der Berhaftung des algerischen Kapitäns mit dessen Freilassung nicht für erledigt. Das Ministerium des Auswärtigen ist der Ansicht, daß die Freilassung nur aus Entgegenkommen nicht Jenüge. Wenn der Sultan unverzügliche Entschuldigung und Entschädigung verweigere, werde der Gesandte Taillan­Dier Fez verlassen, und es würden Maßregeln getroffen wer­den, um den Sultan gefügig zu machen. Der Befehl, meh­cere Kriegsschiffe für eine Flottendemonstration bereit zu halten, ist erneuert worden.

Türkei.

** Die Regierung hält den Aufstand in Yemen für nieder­jeworfen. Bei der hohen Pforte erwartet man jeden Augen­blick die Einnahme der Hauptstadt Sana durch die türkischen Truppen.

Alien.

** Auf die Absicht, die japanische Schiffahrt erheblich aus­zudehnen. deuten größere Schiffsbestellungen in England

hin. Die japanische Dampfergesellschaft Nippon Jusen Raisha steht im Begriff, mit den Schiffsbauern am Clyde Berträge für acht neue Dampfer abzuschließen. Die Auf­träge befinden sich bereits in den Händen des japanischen Konsuls. Man hält in England auch Nachfrage nach Damp. fern mittleren Tonnengehalts, die man aus zweiter Hand für die japanische Küstenschiffahrt kaufen will.

Die in Berlin eingetroffene Antwortnote der franzö­sischen Regierung in der Maroffo- Angelegenheit wird auf die gegenwärtig zwischen Deutschland und Frankreich be­stehenden guten und angenehmen Beziehungen hingewiesen und die Hoffnung auf ein gedeihliches Ergebnis der Kon­ferenz ausgesprochen, deren baldiger Zusammentritt auch Frankreich erwünscht scheint. Nach Erörterung der tech­nischen Lokalfragen wird noch kurz die Uebereinstimmung der Berliner und Pariser Regierung bezüglich der großen marokkanischen Finanzreform fonstatiert. Die Konferenz wird bei Feststellung der Grundlagen der marokkanischen Staatsbank wie bei den Kreditverhandlungen die Zehn­Millionen- Anleihe des Sultans in Deutschland erörtern. Russland.

** Auch die neuesten Ereignisse haben keine Besserung in den inneren Zuständen gebracht. Namentlich am Schwar zen Meer zeitigt die herrschende Görung schlimme Ausbrüche. Am Kaukasus nimmt der Geger: zwischen Muhammeda­nern und Armeniern fortwährend zu. In der Stadt Schuscha und den umliegenden Dörfern ist die Lage kritisch. Die Stadt wird von Tataren, die stark bewaffnet sind, belagert; die Armenier werden von den Tataren niedergemacht. Die telegraphische Verbindung mit Schuscha ist durchschnitten. In Odessa explodierte in der Villa des reichen Industriellen Becker eine Bombe. Frau Becker und ihre zwei Söhne wurden schwer verwundet und die Villa vollständig demoliert. Die Haussuchung erwies, daß in der ,, Villa Becker" cine Bombenfabrit eingerichtet war und daß die beiden Söhne der revolutionären Organisation ange­hören. Im Laboratorium wurden mehrere Dynamit bomben und einige hundert revolutionäre Broschüren ge­funden. Die drei verwundeten Bersonen wurden nach dem Gefängnishospital transportiert.-- In Vetrikau nahm die Menge für ein durch Krosafen mißhandeltes Mädchen Partei. Eine herzukommende Injantcriepatrouille erichoß eine Person und verwundete heben.- In dem Crte Offenhof bei Dorpat wurde ein Polizeibeamter ermor­det und gräßlich verstümmelt. In Riga ist es zu neuen Unruhen gekommen. Viele Fabriken streiken.

Eof und Gesellschaft.

*** Der Kaiser trifft am 7. September in Homburg v. d. H. ein und nimmt am Tage darauf die Parade über das 18. Armeekorps ab. Am 9. September findet die Ent­hüllung des Kaiser Wilhelm- Denkmals statt.

Anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares wollen die preußischen Kriegervereine der Kaiserin ein größeres Kapital überreichen zur Verivendung für die wei­tere Ausbildung der aus den Kriegertvaisenhäusern zur Entlassung tommenden Zöglinge. Für zahlreiche dieser Böglinge beginnen die Schwierigkeiten dann erst recht, wenn das Waisenhaus die sorgende Hand nicht mehr über sie hält. Sammlungen für den genannten Zweck sind bereits unter den Kriegervereinen im Gange.

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Herzog Karl Eduard von Sachsen- Koburg und Gotha ist zum Besuch bei dem Kaiserpaar in Potsdam ein­getroffen.

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Der Unterstaatssekretär im preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe, Lohmann, ist in Großtabarz ( Thüringen), wo er sich zur Kur aufhielt, gestorben.

Deer und flotte.

Festfahren eines deutschen Kreuzers. Der Seeadler" fuhr Donnerstag auf der Fahrt nach Ostafrika außerhalb des Hafens von Labuan auf der Tridentuntiefe fest. Nachdem das Schiff geleichtert war, wurde es mit Hilfe des Dampfers des Norddeutschen Lloyd Kedah" wieder flott gemacht und ging unbeschädigt nach Singapur weiter.

Soziales Leben.

Die Beendigung der Bewegung im rheinisch- westfäli schen Holzbearbeitungsgewerbe. Auf dem Rathause in Essen wurde das Protokoll über den Friedensschluß und der Ar­beitsvertrag für das Baugewerbe vom Vorstand des Arbeit­geberbundes und von den Vertretern der beiden Bau­arbeiterorganisationen unterzeichnet. Die Arbeit wurde schon gestern zum großen Teil wieder aufgenommen. Es wurde zur Schlichtung zukünftiger Streitigkeiten eine Eini­gungskommission gewählt.

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