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Nr. 128.

Jufertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, bie Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg.

Rebattion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Freitag, den 2. Juni 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenbleicu( wöchentlich). Das Blatt and eint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberbessen. Die verfloffene Reichstagsfeffion.

( Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.) Die Reichstagssession ist durch kaiserlichen Befehl am Dienstag geschlossen worden. Sie hat am 30. November 1903 begonnen, also eine Dauer von 548 Tagen gehabt, in­nerhalb deren 193 Sigungen stattfanden. Fast bis zuletzt war es zweifelhaft gewesen, ob Schluß oder Vertagung ein­treten soll. Den Ausschlag für den Sessionsschluß gaben die Stimmen der größeren Bundesstaaten, die sich gegen den Reichstag in Permanenz" erklärten. Der Unterschied awisben Bertagung und Schluß ist in der Hauptsache rein foi maler Natur. Die Pause, die cine Session von der an­deren trennt, ist in der Regel nicht länger als die Dauer einer größeren Vertagung. Für die Geschäftsführung macht sich der Unterschied insofern bemerilich, als das Ende einer Seffion alle noch unerledigten Gesetzesvorlagen begräbt und ihre erneute Einbringung und Beratung von Anbeginnin der nächsten Session erfordert, während die Vertagung die Fcitsetzung aller Beratungen an der Stelle der Unter­bredung gestattet. Früher war alljährlicher Sessionsschluß die stetig beobachtete Regel. Eine erste, sogar noch weiter­gehende Durchbrechung fand im Jahre 1870 statt. Damals verlängerte der Norddeutsche Reichstag sein eigenes Mandat, um Neuwahlen während des Krieges zu vermeiden. Später, bei der Beratung der Reichs- Justizgesetze, die am 1. Oktober 1879 in Kraft traten und die sich innerhalb einer Session nicht erledigen ließen, setzte man eine besondere Zwischen­femmission ein- deren Mitglieder übrigens eine Pauschal­Entschädigung erhielten, deren Arbeiten von einer Session zur anderen fortgesetzt werden durften. Erst in einer näher­liegenden Zeit kam es häufiger vor, daß gesetzgeberische Ar­beiten, deren Unterbrechung untunlich war, der Vertagung vor dem Sessionsschluß den Vorzug geben ließen. Sessionen bon mehrjähriger Dauer gehörten nun nicht zu den Aus­nahmen. Das bot eine gewisse Bequemlichkeit; es ist gleich wohl sehr verständlich, daß man an maßgebender Stelle die Ausnahme nicht zur unverbrüchlichen Regel wollte werden lassen. Die jetzt abgeschlossene Session war ohnehin lang genug.

Gerade die Ungewißheit der Entscheidung mag dazu bei getragen haben, daß der gegenwärtige Sessionsschluß nicht allzuwenig Reste" zurückläßt, deren Beratung in der näch sten Session von vorn wird beginnen müssen. Zu den meist bedauerten wird die Novelle zum Militär- Pensionsgesetz ge hören, die freilich allseitig mit einer Sympathie von übler Vorbedeutung begrüßt worden war. Es ist nämlich eine alte parlamentarische Erfahrung, daß Gesetzesvorlagen, denen alle Parteien ihre Sympathie befunden, in der Regel ein borzeitiges Grab in einer Kommission finden. Hätte man den Sessionsschluß vorhergesehen, so würde man in diesem Fall vielleicht eine Ausnahme gemacht und die Erledigung beschleunigt haben. Anders verhält es sich mit den Börsen gesegnovellen, deren ganzer Richtung ein großer Teil des Reichstags grundsätzlich widerstrebte, so daß eine annehm bare Verständigung kaum zu erwarten war. Die Vorlage wegen des Baues der Kamerun- Eisenbahn ist mit dem viel besprochenen Toleranz- Antrag des Zentrums in die Ver­fenfung geraten. Doch beide gehören zu den Würmern, die nicht sterben". Sie werden in der nächsten Session wiederkehren. Zu den unerledigten Aufgaben gehören noch die Maß- und Gewichtsordnung und der Gesetzentwurf über die Ausgabe von Banknoten zu 50 und 20 Mark.

Die ge

Was der Reichstag in der abgeschlossenen Session das Wort im engeren Sinne genommen zustande ge­bracht hat, war von großer und dauernder Bedeutung. Die Erledigung des Etatsgesetzes erfolgte unter besonderen Schwierigkeiten. Kaum daß es gelang, es vor dem legten Termin, dem 31. März, unter Dach zu bringen. Die Be­ratung war gar zu eingehend gewesen, mit Erörterungen beladen, die nur äußerlich an den Etat anlehnten. Resolu­tionen in größerer Zahl waren das Ergebnis dieser ausdeh­nenden Gründlichkeit. Der Inhalt der Resolutionen stellte namentlich dem Reichsamt des Innern gegenüber einen Wunschzettel dar, dessen Erfüllung eine neue Erweiterung der sozialen Aufgaben einleitet. Andere Resolutionen gaben Direktiven für manche Verwaltungsreformen. fetliche Festlegung der zweijährigen Dienstzeit erfolgte zu­gleich mit einer geringen Heeresvermehrung, die die Zahl der Bataillone auf 636, die der Schwadronen auf 510 brachte. Beachtenswert ist, daß die Bewilligung fast ohne Kampf erfolgte und der Kampf jedenfalls von Erbitterung frei war. Von geringerem Belang war das Totalisator­gesetz, das die Einrichtung von Wettmaschinen nur den Ver­einen gestattet, die die Erträge aus dem Wettunternehmen zum Besten der Landespferdezucht verwenden. Auch die Gefeße, die die Zuständigkeit der Schöffengerichte etwas er­weitern und die Zuständigkeit des Reichsgerichts auf Streit­gegenstände im Wert von 2500 Mark und darüber beschrän­fen, sind von minderer Tragweite. Dagegen bilden Beratung und Annahme der Handelsverträge eine bedeutsame Kund­gebung der abgelaufenen Reichstagssession. Die Vernichtung der baltifchen flotte.

Noch immer läßt sich der volle Umfang der Katastrophe, die in der Koreastraße über die baltische Flotte hereinbrad.

nicht in allen Einzelheiten übersehen. Soviel ist aber sicher, daß die baltische Flotte bis auf wenige kleinere und unbeden­tende Kampfeinheiten als vernichtet zu betrachten ist. Die schwache Hoffnung, die sich nach den ersten unzulänglichen Berichten noch in Petersburg behauptete, Roschdjestwensky fönnte mit einem Teil seiner Schiffe nach Wladiwostok ent­wichen sein, ist gründlich zu schanden geworden. Roschdjest­wensky ist schwer verwundet in die Hand des Feindes ge­fallen. Mit ihm ein zweiter russischer Admiral, der nach einer Meldung Fölferschm sein soll, während dieser nach einer anderen Version ertrunken wäre.

Es wäre ja auch zu verwundern gewesen und gar nicht nach der Art der Japaner, wenn sie den großen Sieg, der ihnen winkte, nicht durch rücksichtslose Verfolgung in seinem vollen Unifang ausgenügt hätten.

Die Jagd auf die fliehenden Schiffe wurde von Togo sofort energisa) aufgenommen und hat denn auch die günstigsten Resultate gezeitigt. Geben wir dem siegreichen Admiral selbst das Wort. Er schreibt in der Fort­setzung seiner offiziellen Berichte über die Schlacht:

Nachdem sich der Hauptmacht der vereinigten japa­nischen Flotte bei den Liaucourt Rocks am Nachmittag des 28. Mai, wie schon gemeldet, der Rest der russischen Flotte ergeben hatte, hielt die japanische Flotte mit der Verfol­gung inne, sah aber gleich darauf, während sie dabei war, die russischen Schiffe zu verteilen, in südwestlicher Rich­tung das Küstenpanzerschiff Admiral Uschakow". Sofort wurden die beiden Panzer wate und Jakumo" zur Verfolgung geschickt, die das russische Schiff, nachdem sie es zur Uebergabe aufgefordert, dieses aber die Uebergabe verweigert hatte, um 6 Uhr nachmittags in Grund bohr­ten; die übrig gebliebene Besatzung, mehr als 300 Mann, wurden gerettet. Der russische Panzerfreuzer Dmitri Donskoi" wurde um 5 Uhr nachmittags in nordwestlicher Richtung gesehen, fofort gejagt und eingeholt und heftig von unserer vierten Division und zweiten Torpedoboots­zerstörerflottille beschossen. In der Nacht wurde der Dmitri Donskoi" von der ebengenannten zweiten Flottille angegriffen und am nächsten Morgen am südwestlichen Ufer der Urleung- Insel an der forcanischen Küste festge­kommen, entdeckt. Der japanische Torpedobootszerstörer Sazanami" nahm gegen Abend des 27. Mai südlich von der Insel Urleung den russischen Torpedobootszerstörer Biedovy", auf dem sich Admiral Roschdjestwensky und ein anderer Admiral, beide schwer verwundet, und 80 Russen einschließlich der Offiziere vom Stab des Flaggschiffs ,, Knjäs Ssuworow", das am 27. Mai gesunken war, be­fanden; sie wurden sämtlich zu Gefangenen gemacht. Von unferem geschützten Kreuzer Tschitose" wurde, während er im Norden freuzte, noch ein anderer russischer Torpedo­bootszerstörer in den Grund gebohrt. Unsere Kreuzer ,, Niitaka" und der, Torpedobootszerstörer Murakumo" griffen am Mittag des 28. Mai einen russischen Torpedo­bootszerstörer an, welcher schließlich sank.

Die russischen Verluste,

someit sie bisher in Tokio amtlich ermittelt sind, umfassen die folgenden Schiffe:

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Gesunken: 6 Schlachtschiffe: Anjäs Ssuworow", " Imperator Alexander III."," Borodino", Osljabja", Sfiffoi", Welifi"," Nawarin"; 5 Kreuzer: ,, Admiral Nachimow", Dmitri Donskoi", ,, Wladimir Monomach", ,, Swietlana", Schemtschug". Weiter die Küstenpanzer Ad­miral Uschakow", ebenso 2 Spezialschiffe, Kamtschatka" und " Iltisch", und 3 Torpedobootszerstörer.

Genommen: 2 Schlachtschiffe, Orel" und Impera­tor", Nikolai I.", 2 Küstenpanzer, General- Admiral Aprarin" und" Admiral Senyawin", und 1 Torpedoboots­zerstörer Biedovy".

Also hat Rußland 22 Schiffe mit einem Gesamttonnen­gehalt von 153 411 Tonnen verloren, außer dem Kreuzer Almas", von dem man in Tokio annimmt, daß er ge­sunken sei.

Auf japanischer Seite sollen nach Angabe des Admirals Logo feine ernstlichen Beschädigungen von Schiffen zu ver­zeichnen gewesen sein. Von anderer Seite wird dagegen behauptet, daß zwei japanische Schlachtschiffe, ein Kreuzer und neun Torpedoboote eingebüßt sein sollen.

Außer den oben aufgezählten großen Verlusten in der Schlacht in der Koreastraße soll die russische Marine noch ein weiterer schwerer Schlag getroffen haben.

Der Kreuzer Gromoboi" gesunken.

Der durch seine fühnen Kreuzfahrten rühmlichst bekannte Bladimostoffreuzer Gromoboi" soll verloren gegangen und Admiral Skrydlow dabei ertrunken sein. Aus Tokio wird gemeldet:

Der russische Kreuzer Gromoboi" mit fast 800 Mann an Bord stieß, als er Wladiwostok verließ, offenbar in der Hoffnung, sich mit dem Rest der baltischen Flotte ver­einigen zu können, auf eine japanische Mine und ging bei schwerer See mit Mann und Maus unter.

Daß Admiral Skrydlow sich an Bord des Gromoboi" befand und mit ihm ins Wellengrab versunken ist, wird daraus gefolgert, daß Skrydlow vor drei Tagen ankündigte, er würde in See gehen und der Kreuzer Rossija" merde ihm begleiten,

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Ein kleiner russischer Erfolg

ird aus Wladivostok gemeldet. Dort soll am 30. Mai das Geschwader- Torpedoboot Grosny" eingetroffen sein, dessen von einem verwundeter Kommandeur berichtete, daß er großen japanischen Torpedobootszerstörer verfolgt worden jei. Mehrere Stunden hätten beide Schiffe aus nächster Nähe miteinander gefämpft, bis ein russisches Geschoß den Gegner in den Grund bohrte. Der Grosny" sei unbeschädigt, ein Offizier und drei Mann seien getötet worden.

Die Stimmung in Petersburg

ist sehr gedrückt. Man kann die vorliegenden traurige; Nachrichten dem Volke nicht mehr verheimlichen. Die Flotte Dernichtet, die Führer ertrunken oder gefangen, feine Aus­sicht auf Ersatz! Wenigstens nicht in absehbarer Zeit. Nan fann es verstehen, daß jezt wieder Friedensstimmen in Ruß­land und anderswo sich erheben, aber es scheint borlo nicht fo, als ob die russische Regierung ihnen ohne weitere Gebot schenken will

Die Politik.

Im britischen Oberhause sprach der Minister des Aeußern über die Handelsbeziehungen zwischen Dentsch. land mit England. Aus den Ausführungen ging hervor, daß die Regierungen beider Staaten den, Abschluß eines Handelsvertrages in Erwägung gezogen haben, doch sind die Verhandlungen vorläufig gescheitert infolge der imperia­listischen Politik der britischen Regierung. Doch herrschen auf beiden Seiten die freundschaftlichsten Beziehungen.

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Die Reichstagserfahwahl im Wahlkreise Hoeln er­gab das Resultat, daß zwischen dem nationalliberalen Kan­didaten Hausmann und dem Sozialdemokraten Brey eine Stichwahl stattfinden muß.

Zu der hessischen Wahlrechts- Vorlage, die das direkte, a'eiche und geheime Wahlrecht einführen will, hat der Kam­nierausschuß jekt Beschluß gefaßt. Die Mehrheit des Aus­schusses steht der Vorlage ablehnend gegenüber, hält sich aber für verpflichtet, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um ibre Annahmet ermöglichen, ohne daß der Staat durch das Ueber machtigwerden von Sonderbestrebimaen Rot leide Aus dieser Erwägung heraus haben 21 Mitglieder des erstemmer einen Initiativantrag auf Abänderung der Artikel 67, 69 und 110 der Verfassungsurkunde eingebracht; hiernach werden die beiden Kammern in bezug auf das Bud­getrecht gleichgestellt. Die Weitererhebung von Auflagen für den Fall des Nichtzustandekommens des Finanzgesetzes wird neu geregelt und für gewisse Fälle ebenfalls die Zu­stimmung beider Kammern verlangt.

Die Geseßentwürfe über Menderungen des Gerichts. erfassungsgesetzes und der Zivilprozeßordnung haben die Zustimmung des Bundesrates gefunden, ebenso die Gesezentwürfe über das Vereinswesen und die Synodalord­nung für die reformierte Kirche in Elsaß- Lothringen.

Das Gebiet in Kamerun, in welchem die Unruhen aus­gebrochen sind, umfaßt die südöstliche Ecke der Kolonie. Es ist verhältnismäßig klein, so daß einstweilen keine große Be­fürchtungen gehegt zu werden brauchen. Jedoch sind Kom­plikationen namentlich wegen der Nähe der französischen Grenze nicht ausgeschlossen, so daß der Bewegung ernste Auf­merksamkeit gewidmet werden muß.

Mit der Zulassung konfessionsloser Volksschulen be schäftigte sich die württembergische Abgeordnetenkammer, Sie lehnte den Antrag mit 53 gegen 9 Stimmen ab.

Frankreico.

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Der König von Spanien ist in Paris eingetroffen. Im Elysee fand ein großes Festmahl statt, bei dem der König und Präsident Loubet Trinksprüche mit Versicherung der Freundschaft austauschten. Weitergehende politische Beden­tung hat Besuch nicht.

Rufstand.

On Rodz kam es zu einem heftigen Zusammensto. Infanterie ging gegen eine 600föpfige Volksmenge vor, die sich beim Hospital des Roten Kreuzes angesammelt hatte. Act Arbeiter wurden verwundet. Ein Schutzmann wurde durch vier von Unbekannter abgegebene Revolverschüsse berlegt,

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Hof und Gefellschaft.

Vor dem Kaiser fand am Mittwoch die Früh. fahrsparade der Berliner, Charlottenburger und Spandauer Garnison auf dem Tempelhofer Felde statt. Dia 1. Kompagnie des 2. Garde- Regiments hatte die 36 Fahnen und die 4. Eskadron der Garde- Kürassiere die 4 Standarten