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Nr. 282.
Jufertion& prets: Die einspaltige Betttzelle für ganz OberBeffen, bie Kreise Wezlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg. Rebaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Freitag den 1. Dezember 1905
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Anabhängige Tageszeitung
( Sießener Zeifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Der deutsch- amerikanische Handel.
Deutschland hat sein Handels- Vertragsverhältnis zu Amerika am 30. November zum 1. März 1906 gefündigt. Das war eine formale Notwendigkeit, nicht mehr und nicht weniger. Denn am 1. März 1906 treten die Konventionaltarife der neuen Handelsverträge in Kraft, die das Deutsche Reich mit Rußland, Desterreich- Ungarn, Italien, Rumänien, Belgien und der Schweiz abgeschlossen hat. Diese Konventionaltarife enthalten manche recht wesentliche Ermäßigung gegenüber dem im Jahre 1902 vom Reichstag gutgeheißenen neuen Generaltarif, gehen aber vielfach erheblich über die alten Tarife hinaus. Die alten Tarife bildeten die Grundlage unseres Handelsabkommens mit Amerika. Würde dieses Abkommen nicht gekündigt, so blieben die Sätze des alten Tarifes für die amerikanische Einfuhr bei uns in Geltung, und auf Grund der Meistbegünstigungsbestimmung hätten alle Staaten, mit denen wir Verträge geschlossen, das gleiche Anrecht. Die Kündigung unseres Abkommens mit Amerifa war somit lediglich die formale Konstatierung der Tatsache, daß der deutsch- amerikanische Handelsverkehr vom 1. März 1906 ab eine nene zolltarifarische Grundlage erhält.
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In früheren Zeiten hätte sich der Wandel ohne jeden Anstoß und ohne alle Aufregung vollzogen: die beiden Reiche gewährten einander nach wie vor Meistbegünstigung, d. h. die Herfünfte des einen zahlten beim Eintritt in das andere den niedrigsten Zoll, der für die betreffende Ware irgendwem zugestanden war. Ein reiner Meistbegünstigungsbertrag war es, über den im Jahre 1828 die Vereinigten Staaten und Breußen übereingefomunen waren. Dieser Vertrag blieb durch aller Zeiten Wandel in Geltung. Weder hüben noch drüben dachte man an eine Kündigung. An Preußens Steile trat allmählich der Norddeutsche Bund, der Zollverein, das Deutsche Reich im übrigen blieb alles beim Alten. Erst als die Vereinigten Staaten das System des Hoch- Schußzolls angenommen und eine fast unübersteigliche Zollmauer aufgeführt hatten, gaben sie der Meistbegünstigungs- Bestimmung eine Deutung, die ihr für uns allen Wert nahm. Nach amerikanischer Auffassung sollte die Meistbegünstigung gar nicht sein, was ihr Name besagt; es sollte vielniehr von Fall zu Fall festgestellt werden, welches im besten Falle noch sehr geringe- Wich von Beginftigung einem anderen Staat als Entgelt für besondere Zugeständnisse von dessen Seite einzuräumen sei. In dem Dinglay Tarifgeset war ausdrücklich vorgesehen, daß der Präsident der Vereinigten Staaten einen Zollnachlaß bis zur Höhe von 25 Prozent auf Stulpturen, Gemälde, Weinstein, Wein und Spirituosen zubilligen dürfe, wenn das im Interesse Amerikas liege und andere Staaten dafür der amerikanischen Ausfuhr mindestens gleichwertige Zugeständnisse machten. Innerhalb einer zweijährigen Frist war dem Präsidenten die Befugnis gegeben, auf Wunsch und mit Zustimmung des Senats auch sonst noch einige Einräumungen zu machen. Die zweijährige Frist ist längst vorüber. Der Senat hat den Präsidenten von ihr nicht Gebrauch machen laffen. Vor fünf Jahren kam zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten eine Abrede zustande, die von uns aus Amerika alle Meistbegünstigung gewährte, von Amerika aus einige Zugeständnisse ohne erheblichen Belang machte.
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Jezt ist durch die Kündigung die Möglichkeit einer neuen Vereinbarung geschaffen, und der große Unterschied zwischen unserem Generaltarif und unserem Vertragstarif wird es den Vereinigten Staaten wünschenswert machen, seiner großen Ausfuhr nach Deutschland den Wettbewerb unter gleichen Zollbedingungen zu erhalten. Amerika liefert uns manches, was wir ebenso gut von anderwärts beziehen können und bei ungleicher Bonbehandlung sicher von anderwärts bekommen würden. Wir sind nicht auf amerikanisches Getreide ange= wiesen, weder auf Weizen noch auf Korn, und auch für das amerikanische Petroleum können wir Ersatz haben, das vollauf gleichwertig ist. Die Einräumungen, die das DinglayTarifgesetz nach der oben erwähnten längst verstrichenen zweijährigen Frist gestattet, stehen außer jedem annehmbaren Verhältnis zu Wert und Bedeutung der von uns zu gewähren= den Meistbegünstigung. Der Kongreß in Washington wird fich schon entschließen müssen, durch eine Novelle zum DinglayTarifgesetz die Möglichkeit einer beiderseitigen gleichen Abmessung von Zugeständnissen zu schaffen. Bis zum 1. März 1906 ist die Zeit freilich sehr fnapp, denn der gesetzgeberische Apparat arbeitet in den Vereinigten Staaten ziemlich langsam. Auch darf man nicht glauben, daß etwa der Senat, der hochschutzölnerisch ist, allzu lebhafte Neigung befäße, den Dinglaytarif zu durchbrechen. Man wird deshalb kaum vermeiden fönnen, zunächst ein Provisorium zu verabreden, mit halben Bugeständnissen auf beiden Seiten, und dieses Provisorium zeitlich gerade so lang zu bemessen, daß die geseggeberische Grundlage für ein Definitivum drüben hergerichtet werden lann.
Man spricht hier immer von Verhandlungen mit dem Präsidenten Roosevelt. Das ist irreführend. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat bei Verträgen herzlich wenig zu sagen. Maßgebend ist allein der Senat in Washington. Ohne diesen kann kein Handels- und fein wirklicher Meiſtbegünstigungs- Vertrag zustande kommen. Der deutsche Botschafter in Amerika hat deshalb doppelt schwere Arbeit. Wenn sie ihm nicht ganz und namentlich nicht im ersten
Anlauf gelingt, so fällt der größere Teil der Schuld den Verhältnissen zu. Selbstverständlich wünscht man bei uns ein freundschaftliches, verträgliches Abkommen mit den Vereinigten Staaten, ohne daß man deswegen den Anspruch erhebt, die Amerikaner sollten von der Wirtschaftspolitit lassen, die sie fitr sich als gut ansehen. Beide Reiche wollen und sollen nichts von der Selbständigkeit ihrer Wirtschaftspolitik aufgeben. Aber auch im Zeichen des Schutzzolls kann man fich verständigen. Der Versuch hierzu wird eben gemacht, und wir hoffen, daß er gelingen wird.
Ohne Telegraph!
Rußland ist so gut wie ganz von der übrigen Welt abgeschnitten. Denn ein Land, aus dem heutzutage der Telegraph nicht Kunde von den Geschehnissen bringt, gilt als ein weltverlorenes. Und dennoch finden sich immer noch Kanäle, burch die Nachrichten aus dem Zarenreich herausgelangen; so ist die Verbindung von Petersburg über Finnland noch offen. Die Nachrichten aber, die auf diese Weise uns erreichen, sind furchtbar ernst und lassen auf das Schlimmste schließen.
Der Bruderzwist im Heere hat am Schwarzen Meer seinen Anfang genommen.
Schlacht bei Sebastopol.
Es ist tatsächlich bei Sebastopol zu einer regelrechten Schlacht gekommen, in der schließlich die Meuterer unterlagen. Diese standen unter dem Befehl des Leutnants Schmidt und kämpften auf das wütendste gegen 20 000 Mann treuer Truppen, die dort unter Admiral Tschuchnin konzentriert waren. Nach einer auf beiden Seiten verlustreichen zweistündigen Schlacht, und nachdent Leutnant Schmidt tötlich verwundet war, mußten sich die Meuterer ergeben. Der Kampf hat aber auch unter den Schiffen der Schwarzen Meer- Flotte mächtig aufgeräumt. Ueber die in Petersburg verbreiteten Einzelheiten der Schlacht wird von dort be= richtet:
Um drei Uhr nachmittags am Mittwoch wurde das Schwarze Meer- Geschwader, das die Andreasflagge durch die rote Flagge ersetzt hatte, vom Lande aufgefordert sich zu ergeben. Als die Antwort ver neinend lautete, erhielten die Nordbatterien Befehl, das Feuer auf die Flotte zu eröffnen, fie machten indessen mit den Meuterern gemeinsame Sache und bombardierten zusammen mit den Kriegsschiffen die Südbatterien und die Stadt, von der die Hälfte zerstört wurde. Doch auch die Flotte litt sehr,„ Otschatow", Schmidt's Flaggschiff, und„ Dnjestr“ wurden in Grund gebohrt, Panteleimon" wurde stark be= schädigt, und mehrere Torpedoboote liefen auf. Das Regiment Brest erstürmte die Nordbatterien mit dem Bajonett. Um 5 Uhr ergaben sich die noch lebenden Meuterer.
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So fonnte Admiral Tschuchnin dem Zaren die Botschaft melden, daß er Herr von Sebastopol sei. Allein die Rückwirkung dieser Schlacht von Russen gegen Russen auf die Stimmung am Zarenhofe scheint nicht ausgeblieben zu sein.
Witte und Duruowo.
Der Minister des Innern, der geschworene Feind des Grafen Witte und seines Reformwertes, Herr Durnowo, weiß den Augenblick zu nutzen. Wenn die Anzeichen nicht trügen, ist Wittes Stern im Sinken, und die Anhänger des alten Zaren- Regimes wittern Morgenluft. Aus Petersburg wird gemeldet:
Unter dem Vorsitz des Zaren fand in Barskoje Selo ein Ministerrat statt, in dem die Ablehnung der Forderungen des Semstwo- Kongresses beschlossen wurde.
Dieser Beschluß würde von den meittragendsten Folgen sein. Das Zarentum würde damit ein va banque- Spiel unternommen haben, das angesichts der unsicheren Haltung der Armee sehr gefährlich ist. Schou haben am Zarenhofe Teile der Garde den Gehorsam verweigert. Ueberall breitet sich der Streik wieder aus. Wer in der Lage ist und über die nötigen Mittel verfügt, verläßt das ungaftliche Land. Die Postämter sind von Auswanderungsluftigen belagert. Die Abdankung oder gar die Entlassung Wittes würde das Signal zu einem Losbruch sein, der deshalb so unheimlich lich ankündigt, als bei dem Stocken des wirtschaftlichen Lebens weite Volksmassen sich dem Mangel preisgegeben sehen und nichts mehr zu verlieren haben.
Deutscher Reichstag.
( 3. Sigung). CB. Berlin, 30. November. Heute wurde zunächst das Resultat der am Schluß der gestrigen Sitzung vorgenommenen Wahlen zur Konstituierung des Hauses mitgeteilt. Wahrend das alte Präsidium, bestehend aus dem Grafen Ballestrem, dem Grafen StolbergWernigerode und dem Abg. Dr. Paasche wiedergewählt wurde, ist bei den Schriftführern eine Veränderung vor sich gegangen. Der polnische Graf Mielczynski wurde fallen ge=
lassen und durch den Avg. v. Damm von der wirtschaftlichen Vereinigung ersetzt. Nach Erledigung einiger schleunigen Anträge wegen Aussehung von Strafverfahren gegen Abge= ordnete folgte das Hauptstück der Tagesordnung: die Sozialdemokratische Interpellation wegen der Fleischnot. Der Abg. Scheidemann begründete in die nahezu anderthalbstündiger Rede Anfrage, welche Maßregeln der Reichskanzler der zur Beseitigung Teuerung ergreifen wolle, und speziell, ob er gedenke, die Zölle aufzuheben und die Grenzen für die Einfuhr von Vieh und Fleisch zu öffnen. Der Redner führte an der Hand der Denkschrift der preußischen Landwirtschaftskammer viele Ziffern an, um die Kalamität zu erweisen, und richtete scharfe An griffe gegen die Agrarier und die Regierung, ganz besonders aber gegen den Minister von Podbielski persönlich. Er erweckte des öfteren Heiterkeit, sowie Beifall links und Widerspruch rechts, der Sigungssaal und die Tribüne waren gut besetzt, aber nicht so, daß man von einem großen Tage reden möchte. Der Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky beschränkte sich in seiner Antwort auf die Verlesung ciner Erklärung, daß der Reichskanzler wohl die Kompetenz habe, die Bundesregierungen zur Aufhebung der Grenzsperren zu veranlassen, daß er aber nach den forgfältigen Erwägungen, die die Einzelstaaten mit negativem Ergebnis angestellt hätten, vorläufig von diesem Rechte keinen Gebrauch machen werde. Zur sachlichen Widerlegung der Scheidemannschen Ausführungen ergriff sodann der preußische Landwirtschaftsminister von Podbielski das Wort, der natürlich auch die gegen seine Person gerichteten Angriffe zurückwies. Dabei erklärte es Graf Ballestrem als der Ordnung des Hauses nicht entsprechend, daß der Minister dem Abgeordneten Scheidemann vorwarf, er habe sich zum Sprachrohr des über ihn verbreiteten ,, Gewäsches" gemacht. Es folgte dann noch eine längere Besprechung.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
* Der Gesezentwurf über die Ansgabe von Reichsbanknoten zu 50 und 20 Mark ist dem Reichstag zugegangen. Der Entwurf enthält für die Reichsbant die Ermächtigung, solche Banknoten auszufertigen. Er hat schon in der letzten Session dem Reichstage vorgelegen, fonnte aber infolge des vorzeitigen Schlusses nicht erledigt werden.
* Durch die aus Kapstadt eingeführten Ochsen ist die Rinderpest in Deutsch- Südwestafrika, und zwar auf ber Strecke Lüderitzbucht- Kubub- Keetmannshoop, also auf dem Hauptzufuhrwege für die Truppen, eingeschleppt worden. Die Tötung alles Großviehs im Seuchengebiet ist angeordnet. Der Betrieb wird mit Mauleseln durchgeführt. Der Verkehr ist auf ein Viertel der bisherigen Leistungen zurückgegangen. Die Verpflegung der Truppen ist ernstlich gefährdet und der Gang der Operationen wesentlich beeinträchtigt.
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Die Verluste bei den verschiedenen Gefechten in Deutsch- Ostafrika sind beträchtlicher gewesen, als man bisher annehmen konnte. Weiße Offiziere und Soldaten sind zwar ziemlich verschont geblieben, dagegen sind zahlreiche Askaris und Hilfsmannschaften betroffen worden. Hauptmann Nigmann meldet aus Fringa, daß er in Ühehe, Mahenge und Songea vierzehn Gefechte, darunter sechs schwere, gehabt. Dabei fielen vier Askari, neun wurden verwundet. Vom Hilfspersonal find 60 Mann gefallen, 45 verwundet und vermißt. Die Haltung der Askari und Hilfsleute war musterhaft. Der Norden und Osten des Bezirks Iringa wird noch von Aufständischen beunruhigt.
* Im Nachtragsetat für den Kolonialhaushalts- Voranschlag werden die Beträge für die Bahnlinien WindhukRehoboth- Keetmannshoop und Lüderizbucht- Kubub- Keetmannshoop gefordert. Die Kosten für die Bahn Windhuk- Rehoboth find auf 11 Millionen Marf, die der Linie Lüderitzbucht- Kubub auf 9,5 Millionen Mark bemessen.
* Die Novelle über Erleichterungen beim preußischen Einkommensteuergefeß ist ausgearbeitet und wird dem Landtag alsbald nach seiner Eröffnung zugehen. Zwecks Vereinfachung des Veranlagungs- und Beschwerdeverfahrens namentlich für die Einkommen unter 3000 Mark sind in Aussicht genommen die Beseitigung der Veranlagung nach dreijährigem Durchschnitt und die Veranlagung nach dem wirklichen Einkommen des letzten Jahres in allen hierzu geeigneten Fällen, sowie die Einführung der Berufung an die Veranlagungsfommission statt an die Berufungsfommission für alle Steuerpflichtigen, die der Deklarationspflicht nicht unterliegen. Die vorgeschlagenen Steuererleichterungen sehen eine Er mäßigung für stärkere Familien vor. Bisher fonnten diese Vergünstigung nur Steuerzahler bis zu 3000 Mart Einkommen in Anspruch nehmen. In Zukunft soll die Grenze bis zu 6500 Mark Einkommen gelegt werden. Ferner liegt es in der Absicht, die Beschränkung der Vergünstigungen auf Kinder von weniger als 14 Jahren aufzuheben. Endlich ist in Aussicht genommen, daß, wie jetzt schon bei drei und mehr Kindern die Ermäßigung um eine Steuerstufe eintreten muß, für die Folge eine solche Ermäßigung um zwei Stusen


