Ausgabe 
1.7.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 152.

Erites Blatt.

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Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 1. Juli 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle omtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Licht und Schatten.

[ Politische Wochenschau.]

Die Leitung der deutschen Politik ist allezeit bemüht ge­wesen, freundliche Beziehungen zu allen Mächten zu unter­halten. Sie konnte das, weil sie von keiner etwas unbilliges wünschte. Wenn Trübungen vorfamen, war nicht auf ihrer Seite die Schuld. Möglich, daß es hier oder da einen un­geschickten Staatsmann gab, der in der allseitigen Freund­willigkeit ein Zeichen von Schwäche sehen zu dürfen glaubte und darin eine Aufforderung erblickte, die vermeintliche Schwäche eingensüchtig auszunügen. Trat ein solcher Fall ein, so mußte dem Kurzsichtigen freilich nachdrückliche Belehrung zuteil werden. Ohne Groll, ohne Uebereifer, ohne Erre­gung, aber eindringlich, so daß der Belehrte die Lektion nicht wiederholt wissen mochte. Die deutsche Politik wandelte im Licht; ihre Wege wie ihre Ziele lagen vor aller Augen offen da. Und wenn von anderer Seite versucht wurde, durch dunkle Machenschaften die deutschen Wege zu kreuzen, die deutschen Ziele zu versperren, so wurde schnell in das Dun­fel hineingeleuchtet, und die Schatten verschwanden und die Nachtvögel flatterten aufgescheucht davon, wie etwa Herr Delcassé, der sieben Jahre lang die französische Politik be­stimmt hat und in wenigen Monaten so vergessen sein wird, als wäre er nie gewesen. Wohltätig hüllt Schatten ihn ein. Mildes Vergessen wird ihn decken, da das Unglück nicht ein­getreten ist, das er leichtfertig heraufzubeschwören im Be­griff gewesen. Als vor etwa dreieinhalben Monat Kaiser Wilhelm seine jüngste Mittelmeerreise von Bremen aus an­trat, beleuchtete er warnend und mahnend in einer Rede die Weltlage. Seine Warnung ist verstanden, seine Mahnung gehört worden, und aufatmend haben die französischen Boli­fifer sich von einem verderblichen Abenteuer abgewandt. Von Marokko wird noch eine ganze Weile die Rede sein; aber nicht als einer Gefahr, sondern als einem Vereinigungs­punkt, der alle Beteiligten zu gemeinsamer Wahrung ihrer Interessen zusammenruft. Und darin besteht der große Ge­winn der deutschen Licht- Politik, die man auch eine Wahr­heits- Politik nennen könnte, daß man auch anderwärts ler­nen wird, nicht auf Sondervorteile bedacht zu sein, vielmehr in der Berücksichtigung der gerechten Ansprüche aller das Mittel zur Befriedigung aller zu finden. Jedes andere Be­streben schafft Mißvergnügte und Feinde des Bestehenden. Das aber zu verhüten ist die Aufgabe jeder wahrhaft gesun­den und konservativen Politik.

Es ist nicht angängig, daß alle jederzeit über aues das­selbe denken und die gleiche Meinung haben. Auch ist nicht zu verlangen, daß der, dessen Ansicht nicht zur Geltung ge­femmen, nun plößlich sich befeyre. Auch nach entschiedenem Streit bleiben die Meinungsverschiedenheiten bestehen. Aber der Streit soll aufhören, sobald die Entscheidung gefallen, und Mehrheit wie Minderheit sollen sich beeifern, auf der durch die getroffene Entscheidung geschaffenen Grundlage das allgemeine Beste zu fördern. In Preußen ist hierfür eben ein Beispiel gegeben und eine neue Gelegenheit geboten worden. Das Herrenhaus hat das Beispiel gegeben, indem es gegen die innere Neigung seiner Mehrheit das Gesetz über den Bergarbeiterschuk guthieß. Es wollte ein Ver. sprechen, das die Regierung gegeben, nicht uneingelöst lassen. auch wo Inhalt und Art des Versprechens ihm nicht eigentlich zusagte. Allerhand Schatten hatten sich zwischen Regierung und Herrenhaus gedrängt; aber sie wichen vor dem Licht der Verständigung, deren Grundlage in dem beiderseits betonten Grundsatz zu finden ist, die Berggesetzgebung nicht aus der Zuständigkeit der Einzellandtage an die Zuständigkeit des Reichstages auszuliefern.

Die deutsche Flotte hat einen zwar nur äußerlichen, aber doch recht bedeutungsvollen Ausbau erfahren. Die Er­nennung des Admirals von Köster zum Großadmiral führ zum erstenmal den Rang eines Feldmarschalls in die Marine ein. Damit ist eine Gleichstellung vollzogen, die man in weiten Arsen freudig begrüßen wird, nicht zunt wenigsten natürlich in der Flotte selbst. Helles Licht fällt durch die Ernennung auf die Flottenpläne, auf deren Verfolgung feine Einschüchterungsversuche, die übrigens nur von unlegi timierter und unverantwortlicher Seite gekommen sind, von Einfluß sein können.

Der schwedisch- norwegische 3 wist, der beinahe beendet und durch ruhiges Auseinandergehen abgeschlossen schien, hat sich wieder etwas verschärft. In Schweden will eine Partei den Lurus einer Art Mobilmachung aufwenden, um die Unionsfahne doch nicht ohne allen kriegerischen Lärm zu begraben. Man wird sich am Ende mit einigem rednerischen Gewehrfeuer begnügen. Das ist jedenfalls we lächerlich. Es ist mit Sicher niger kostspielig und weniger heit zu erwarten, daß die friedliebenden Elemente die Ober­hand behalten werden, besonders da zu diesen in erster Reihe der staatsfluge König Oskar gehört.

In Ungarn ist es einstweilen so schlimm noch nicht ge. kommen, wie die Szenen bei der Vertagung des Abgeord netenhauses befürchten ließen. Man liebt in Ungarn die " große Geste", die man für schön, und das tönende Wort, das man für eindrucksvoll hält. Saiser Franz Josef, der seine Ungarn fennt, hat die Dinge weniger schaver genommen und läßt den Baron Jejervary mit den Führern des vertagten Abaeordnetenhauses weiter verhandeln. Vielleicht rechnet

man auf flügere Nachgiebigkeit, wenn die Gefahr einer wirt. schaftlichen Vereinsamung Ungarns zeitlich näher gerückt sein wird. Nur im Verein mit Desterreich kann Ungarn zum Handelsvertrag mit Deutschland kommen, sonst findet unga­risches Getreide an der deutschen Grenze die Schranke des autonomen Tarifs, der unter Umständen auch noch einer Er­höhung fähig ist.

Aus Rußland kein Licht, nur düsterer Schatten. Im fernen Osten Asiens der Krieg, der andauernd mit Unglüd geführt wird, im europäischen Gebiet Revolution, in Heer und Marine Unsicherheit und Gehorsamsverweigerung bis zum offenen Aufstand wie in Odessa. Vizeadmiral Ne­bogatom soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Man wird nicht den Mut haben, ihn zu verurteilen. Auch ist er nicht schuldiger als irgend ein anderer. Und die Friedens­verhandlungen mit Japan? Es gibt nicht mehr viele, die an ihren Ernst glauben, recht viele dagegen, die der Ansicht sind, den Bevollmächtigten werde bald der Bevollmächti­gende fehlen.

Die Schreckenstage in Russland.

Es macht immer mehr den Eindruck, daß die Meuterei der Matrosen, die in Odessa begann und in Libau fortgesetzt wurde, auf eine Revolutionierung der ganzen russischen Flotte zurückzuführen ist. Die Regierung ist sogar der An­sicht, daß die Meutercien gemeinschaftlich mit der revolutio­nären Organisation im Lande vorbereitet worden sind.

Die Lage in Odessa

war gestern vor Eintreffen des Sebastopol- Geschwaders trostlos, dem Pöbel und der Anarchie preisgegeben. Ein über London hierher gelangtes Telegramm aus Odessa besagt:

Die Stadt befindet sich in den Händen der Revolutio­näre, und der Pöbel beherrscht die Stadt. Viele Läden und Warenhäuser wurden geplündert, und der Dampfer der Freiwilligen Flotte Saratow" wurde nieder­gebrannt. Das Schlachtschiff Potemkin" feuerte noch gestern auf die Stadt.

Eine weitere Meldung weiß von einem Straßeniampf in Odessa zu berichten. Danach soll eine Menge von 12 000 Personen die Truppen angegriffen haben, worauf diese Feuer gaben und mehrere hundert Personen niederstreckten. Die Spitäler sind mit Verwundeten überfüllt.

Die Zustände sind so schlimmt geworden, daß die in Odessa residierenden Konsuln sich an ihre Regierungen mit der Bitte gewandt haben, Kriegsschiffe zum Schutz der frem­den Staatsangehörigen zu entsenden.

Die Beerdigung Omeltschuks.

Wie sehr die Macht der Aufrührer unter der Führung der Mannschaft des Knäs Potemkin" schon gewachsen ist, hat die feierliche Beerdigung des zu einem Märtyrer gestem­pelten Matrosen Omeltschuf bewiesen, dessen Tod zu der Meuterei den Anlaß gab. Der Sarg wurde von acht Matro­jen, Kameraden des Verstorbenen, getragen. Voran ging bie Geistlichkeit; eine zahllose Menge folgte dem Sarge; auf bem Wege, den der Zug nahm, sah man weder Polizei noch Militär. Für diese Anordnung weiß die Bevölkerung dem Plazkommandanten Dank.

Kosaken als Revolutionäre. Während bislang die Kosaken als die festesten Stützen der Regierungsgewalt galten, ist selbst in die Reihen dieser Truppen der meuterische Geist eingedrungen. Es wird da­cüber aus Odessa berichtet:

Als die Menge sich zu einer regierungsfeindlichen Straßenkundgebung anschichte, ersuchte der Kommandic­rende der Wachtmannschaft den Offizier einer vorüber­reitenden Kosafen- Patrouille, die Menge auseinander_zu treiben. Der Offizier und seine Kosaken weigerten sich, bewaffnet gegen Wehrlose einzuschreiten, sie sekten sich vielmehr an die Evite des Zuges. Auf diesen stürzte fich sodann eine Eskadron Gensdarmen, alle Kosaken fie­len unter deren Streichen, und unter der Menge wurde ein furchtbares Blutbad angerichtet.

Inzwischen sind aus den russischen Ostseehäfen schlimme Nachrichten über die Revolutionierung der Flotte ein­getroffen.

Straßenkämpfe in Liban.

Zu offenem Kampfe zwischen Marine und Landtruppen ist es in Libau gekommen. Es wird darüber von dort gemeldet:

Die sechs im Hafen stationierten Matrosen- Kompagnien brachen in die Depots ein, bemächtigten sich der Waffen und der Munition und pflanzten die Fahne der Revo­Intion auf. Infanterie, Artillerie und Kosaken nahmen den Kampf mit den aufrührerischen Matrosen auf, und es kam zu regelrechten Kämpfen. Schließlich behielten die Landtruppen die Oberhand und zerstreuten die Menterer. Indessen entkamen diese mit Waffen und Munition. So bieten die russischen Seehäfen das Bild des Schreckens und der Greuel, deren Ende nicht abzusehen sind.

Politische Rundschau.

Deutfches Reich.

* Allem Anschein nach geht die Marokko- Angelegenheit bestredigender Lösung entgegen, wenn auch bis jezt noch kein definitives Resultat erzielt ist. In Paris fand ein Ministerrat statt, der die Erklärungen Rouviers über den günstigen Stand der Verhandlungen mit Deutschland zur Kenntnis nahm. Da die Besprechungen zurzeit noch fort­gesetzt werden, liegt es in der Absicht des französischen Ministerpräsidenten, abzuwarten, daß die Verhandlungen eine entscheidende Form angenommen haben, ehe er eine amtliche Mitteilung über die Angelegenheit veröffentlichen läßt.

* Der französische Sozialistenführer Jaurès kündigt an, daß er, einer Einladung deutscher Gesinnungsgenossen fol. gend, am 9. Juli in Berlin öffentlich über die Erhaltung des Weltfriedens sprechen werde. Das Auftreten des in Frankreich sehr angesehenen Politikers ist zurzeit deshalb besonders interessant, da Jaurès unablässig für friedliche Verständigung in der Marokkofrage eintritt. Huftralien.

** Im australischen Bundesparlament ist ein Mik trauensvotum gegen die Regierung zur Annahme gelangt, und zwar mit der stattlichen Mehrheit von 42 gegen 25 Stimmen. Den Ausschlag gab die Arbeiterpartei, die mit den Schutzzöllnern gegen den Premierminister Reid und die freihändlerische Partei stimmte.

Hof und Gesellschaft.

*** Der Kaiser hat die Jacht Hohenzollern" ver­lassen und sich auf den Meteor" zur Teilnahme an der Wettfahrt von Kiel nach Travemünde begeben. Derthin

hat sich die Kaiserin an Bord der Hohenzollern" begeben.

Soziales Leben.

[] Wohltätige Stiftungen. Der Stadt Berlin ist eine reiche Stiftung zugefallen. Sie führt nach dem Namen des Stifters die Bezeichnung Emil Quenfel- Stiftung". Auf der Masse von 665 000 Mark ruhen lebenslängliche Ver­bindlichkeiten von 22 700 Mark, die übrigen Erträgnisse sollen für arme Waisen verwendet werden. Der Stadtrat Beck in Stendal vermachte sein gesamtes Vermögen von 400 000 Mark zu einer Wohlfahrtsstiftung für Arme und Kranke.

[] Arbeiter- Entlassungen. Die Bremer Werft Vulkan" in Vegesack hat ihre Arbeiter mit Ausnahme derjenigen, die dem aus Meistern, Vorarbeitern und einigen nichtsozial­demokratischen Arbeitern, zusammengesetten Arbeiterbund angehören, entlassen, da die Differenzen der Kesselschmiede in Geestemünde noch nicht beigelegt sind.

Nab und Fern.

Eine neue Großstadt. Die Regierung in Düsseldorf strebt eine Vereinigung der Städte München- Gladbach, Rheydt und Odenkirchen an. Die vereinigten, nebeneinander­liegenden Städte würden alsdann eine Einwohnerzahl von etwa 120 000 haben und unter die Großstädte rangieren. Ob die Vereinigung zustande kommt, ist noch zweifelhaft, denn die Rheydter verspüren wenig Lust, die Selbständig­keit aufzugeben und in Groß- Gladbach aufzugehen.

Mord aus Eifersucht. Auf einem Dampfer, der vor einigen Tagen im Hamburger Hafen von Brasilien an­langte, erstach ein Araber, der einer reisenden Truppe an­gehörte, seine junge Frau mit einem Dolchmesser. Er hatte sie im Verdacht, daß sie mit einem zu derselben Truppe ge­Der hörigen jungen Wüstensohne allzu freundlich tue. Mörder wurde der Hamburger Polizei übergeben.

Ein altägyptisches Königsgrab. Ein Engländer, na­mens Davis, hat ein neues, bislang noch unberührtes K- nigsgrab in Aegypten entdeckt und darüber jetzt eingehende Berichte veröffentlicht. Die Grobfammer enthielt die man­nigfachsten Gerätschaften und Kostbarkeiten und wird zur Bereicherung der Kenntnisse vom altägyptischen Leber sehr biel beitragen. Auch Gold ist in dem Grabe reichlich ge­funden.

Dreizehn Schulmädchen ertrunken. Ein Schülerinnen­Pensionat am Comersee unternahm fürzlich einen Ausflug auf Barfen. Eins der Fahrzeuge, das mit Schulmädchen dicht besetzt war, schlug um, und dreizehn der Kinder fande trotz aller Bemühungen ihren Tod in den Wellen.

Ein lohnender Diebstahl. In einer Bank in Madrid wurde dieser Tage ein Diebstahl von 200 000 pesetas fest­gestellt. Ein Angestellter, namens Lamdras, wurde unter dem Verdacht des Diebstahls verhaftet.

Eine Weltreise im Automobil. Der Amerikaner Glid. den, der sich mit seiner Gattin auf einer Reise um die Welt im Automobil befindet, traf fürzlich in Paris ein. Er be­nuẞt einen 24 HP. Napier- Wagen und hat bereits über 4000 Kilometer zurückgelegt. Er ist in allen Erdteilen ge­wesen mit Ausnahme von Afrifa, wohin er im Herbst zu fahren gedenkt.