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Jammer dieser Welt zu den Wonnen des Paradieses trägt. Es lebe Coffin und die Champagne!

Diese mit so eindringlichem Feuer verfaßte Apotheose, die der unverfälschte Ausdruck der Ansichten und Neigungen eines Mannes war, der als achtzigjähriger Greis einem jungen Mädchen, mit dem er tändelte, auf dessen Bemerkung: ,, Lassen Sie ab oder ich schreie!" antwortete: Schreien Sie! es wird uns beiden zur Ehre gereichen!", diese Apotheose also fand in ganz Paris einen so ungeteilten, lauten An­Klang, daß selbst Grenans eifrigste Anhänger dem Burgunder untreu wurden und, trotz der wiederholten Warnungen Fagons, allmählich mehr und mehr auf die Seite des Cham­pagners traten.

Der Champagner, wiederholten alle Roués von Paris, ist der Weine Don Juan.

Und diese einzige Metapher verschaffte diesem Weine einen glänzenden Sieg über die Schwerfälligkeit des Burgunders, der seit jenem Augenblick den Kürzern zog und für alle Zeiten den Mut verlor, mit dem Don Juan der Weine" in die Schranken zu treten.

Die Stadt Rheims aber, eingedent der Verdienste, die sich der ehrenwerte Meister Coffin zur Förderung des Sieges der Champagne über ihren burgundischen Nebenbuhler er­worben hatte, decretierte, daß dem ausgezeichneten Vertei­diger alljährlich zwei Körbe des allerfeinsten Champagner­weins auf Kosten des Magistrats poſtfrei nach Paris geschickt werden sollten.

Coffin teilte dieses freiwillige Geschenk der guten Stadt Rheims mit Herrn von Fontenelle bis zum Jahre 1749, wo er am 20. Juni in einem kräftig- blühenden Alter von drei­undsechszig Jahren an einer Brustentzündung starb.

Grenan, der, dem äußeren Anscheine nach, Coffins uner­bittlichster Gegner geblieben, im stillen aber fortgefahren war, seinen Bibliothekskeller zu leeren, hatte 26 Jahre früher, in einem Alter von 32 Jahren, seiner Kellerbibliothek den Rücken gekehrt und in einem starken Burgunderrausche seine Reise ins Jenseits angetreten.

Fontenelle aber, der täglich ein Glas Champagner trank, erreichte bei dieser Lebensweise ein Alter von fast hundert Jahren. Geboren am 11. Februar 1657 zu Rouen, starb er am 9. Januar 1757 zu Paris, nach einem fröhlichen Mahle, bei dem er das letzte Glas Deil de Perdrix auf das Andenken seines Freundes Coffin geleert hatte.

Auch nach Deutschland spielte dieser Streit hinüber. Friedrich d. Gr. legte seiner Akademie die Frage vor:" Wa­rum gibt ein mit Champagner gefülltes Glas einen reineren Klang, als ein mit Burgunder gefülltes?" Im Namen der Akademie antwortete der gelehrte Sulzer:" Die Mitglieder wären bei ihren geringen Besoldungen außer Stande, ſo koſt­bare Versuche anzustellen.

EINSTUND JETZT

Ein Wiedersehen.

Auf den Höhen längs des Hudson in Amerika hatte sich ein preußischer Krieger, der Unteroffizier H. vom 71. Regiment, sein Haus gebaut. An einem schönen Sonnabend des Jahres 1898 betrat er ein Lokal in West- Hoboken, wo er bald einige Herren ent­deckte, die es sich an einem Tische gemütlich gemacht hatten und eine animierte Unterhaltung pflogen. H. setzte sich zu ihnen und, da sich die Unterhaltung um den Krieg von 70/71 drehte, speziell um die Beschreibung der Schlachtfelder nach dem Kampf, so hatte er denn als Mitkämpfer von Sedan auch bald Gelegenheit, in die linterhaltung mit einzugreifen. Dabei spielte sich folgender merk­trürdiger Zufall ab: Der Erzähler, Unteroffizier H. von der 2. Kompagnie 71. Regiments begann:

,, Nachdem die ganze Aktion vorbei war, lagerten wir auf dem Glacis der Festung Sedan in Balan. Gegen 11 Uhr zog ich mit meinen 16 Mann durch das brennende Dorf Balan, um jenseits des Ortes vielleicht einige Lebensmittel zu entdecken. Kurz hinter Balan, auf der Chaussee nach Bazeilles, gab ich meinen Leuten einen Platz an, wo sie sich am nächsten Morgen sammeln sollten. Ich selbst ging querfeldein und gelangte bald an ein Lagerfeuer der bayerischen Artillerie. Eine kräftige Stimme rief: Hollah Preuß!" Weiter kam der Erzähler nicht, denn ihm gegenüber am Tische erhob sich plötzlich einer der Zuhörer und verlangte stürmisch und

hartnäckig, die Geschichte selbst weiter erzählen zu dürfen. Der Erzähler gab zuerst seinem Unwillen über die Störung Ausdruck, ließ dann den anderen unbekannten Herrn aber gewähren, und nun entwickelte sich folgendes Zwiegespräch zwischen Herrn H. und dem anderen- nennen wir ihn W.:

W.: Und dieser Bayer gab Ihnen einen Kochgeschirrdeckel voll Suppe?"

H.( ganz erstaunt):" Das stimmt!"

W.: Und dann zeigte er Ihnen die Leichen zweier bayerischer Offiziere, umgeben von hohen brennenden Kerzen?" H.( verblüfft): Ganz richtig!"

W. Dann gab er Ihnen eine Pferdedecke für die kühle Nacht?" H.( mit der Faust auf den Tisch schlagend):" Donnerwetter, ja, wirklich!"

W.( noch stärker auf den Tisch schlagend): Sehen Sie, und der Baher war ich!"

Es bleibt nur noch übrig, zu berichten, daß dieser Vorfall zu einer gemütlichen Kneiperei führte, die sich bis zum frühen Morgen hinzog, denn das Zusammenfinden zweier Kriegskameraden unter so eigenartigen Umständen im fernen Amerika, 28 Jahre nach der Schlacht bei Sedan, mußte doch gehörig gefeiert werden.

*

Bunte Blätter.

Ein sonderbares Verteidigungsmittel wandte der Abt von Münchsteinach bei Neustadt an der Aisch an. Er ließ sich im Bauernkriege 1522 vor seinen Belagerern dadurch retten, daß er Bienenkörbe in großer Zahl auf die stürmenden Bauern hinab­werfen ließ. Aehnlicherweise wurden im 30jährigen Kriege bei einem Sturmversuch der Schweden auf Kissingen die Feinde, welchen eine Menge Bienenkörbe mit ihren Bewohnern entgegen­geschleudert wurden, gezwungen, vom Sturm abzulassen. Dieses Verteidigungsmittel benutzten übrigens auch die Burgunder gegen die Schweizer im sog. Pontarlierkriege.

Lord und Dichter. Der engliche Lord Fitzgerald hatte längst gewünscht, den Dichter Johnson fennen zu lernen und ließ ihn eines Tages zur Tafel laden. Johnson erschien, wurde aber wegen seiner nachlässigen Kleidung vom Psörtner abgewiesen. Während des darüber entstandenen Wort: vechsels kam der Lord selbst dazu, und als er die Ursache desselben erfahren hatte, sah er den Dichter befremdet an und sagte: Es ist nicht möglich, daß Sie Johnson sind; Sie sehen ja aus, als könnten Sie nicht "!" zu einem Schafe sagen."-"!" antwortete Johnson und sah dabei den Lord unverwandten Blickes an.

*

Ein tättowierter König. Als Bernadotte, König von Schweden, im Sterben lag, verlangte man von ihm, daß er sich zur Ader lassen solle. Er weigerte sich trotz der ernstesten Vorstellungen seiner Aerzte mit der Ausrede, daß Alexander der Große, obgleich ein viel jüngerer Mann, so einem Aderlaß erlegen wäre. Nach des Königs Tode wurde der wahre Grund seiner Weigerung entdeckt. Sein Arm war tättowiert; man konnte groß und deutlich die Worte: Liberté, Egalité, Fraternité" lesen, die aus der Revo­lutionszeit stammten. Natürlich hatte Bernadotte sie lebenslänglich zu verbergen gesucht.

*

Was nützt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist? Dieses geflügelte Wort vom Kasernenhofe hat wohl Vielen, die es aus­sprechen hörten oder selbst aussprachen, ein Lächeln abgewonnen; einem Herrn E. ist aber in der Schlacht von Beaumont vom 30. August 1870 durch den gerollten" Mantel das Leben gerettet worden. E. erhielt, als das 4. Armeekorps die Divisionen de Failly's aus dem Gehölz von Givodeau warf, einen Schuß in den linken Teil der Brust, der unter den Tragriemen des Tor­nisters zu liegen kommt. Die Kugel hatte aber, da sie den Weg durch den gerollten Mantel und den Tragriemen nehmen mußte, an Kraft verloren und schlug nur oberflächlich in das Rippenfleisch ein, ohne die Rippen selbst zu treffen. Ja, sie war, als sie später entfernt wurde, dem Gesetze der Schwere folgend, ein Stück zwischen Haut und Fleisch abwärts geglitten. Herr E. durfte nun als Leichtverwundeter auf einige Wochen nach seiner deutschen Heimat reisen. Hier zeigte er den aufgerollten Mantel, der nicht weniger als sechzehn Löcher durch die Kugel erhalten hatte, seinen Freunden und Verwandten.

Nr. 119

Montag, den 30. Mai.

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1788); verantwortlich: Albin Klein.

(( 8. Fortschung.)

Die Rache ist mein.

Originalroman von Ottomar Beta

Franziska nickte Erich zu und reichte ihm die Hand, welche er in plötzlicher Ergriffenheit inbrünstig an die Lippen führte. ,, So habe ich mir den Sohn gedacht, dessen Mutter jene Briefe schrieb," sagte sie, ihm sanft die Hand entziehend. Dann crrötete sie tief und beugte sich über ihre Stickerei. Aber um einer nicht erwünschten Pause vorzubeugen, beschrieb sie ihm nun die Lage der Gräber seiner Eltern. ,, Wir haben cin Lieblingswort Ihres Vaters auf den Stein setzen lassen: Sumus umbra."

Fiebiger kehrte zurück, Stöberer folgte.

Also Herr Staudius will uns schon wieder ver­laffen...?"

Erich erhob sich. Er blickte auf die beiden Herren, als wenn ihnen jenes Motto auf der Stirn geschrieben stünde. Leider muß ich," sagte er, ich werde genötigt sein, eine Wohnung im Speicher zu beziehen... das ist mir zur Bedingung gemacht worden; keine sehr angenehme, aber da ich einmal zusagte, so muß ich schon an dem Pakte festhalten. Indessen es hat damit keine übermäßige Eile."

,, Bei uns hätten Sie es besser gehabt, Herr Staudius," schmunzelte Stöberer, sich verlegen die Hände reibend. Wir hatten uns das so schön ausgedacht, alles so schön zu­fammengereimt.

,, Nicht wahr?!" rief der alte Fiebiger; nun, vielleicht kommt das noch alles in Ordnung. Ich höre, lieber Erich, daß Herr Stöberer Sie von unseren Plänen unterrichtet

hat.

Herr Stöberer hielt es für angemessen," sagte Erich. Ich danke für das mir geschenkte, in diesem Falle durch­aus ungesuchte Vertrauen. Ich lehne jede Verantwortung der Konsequenzen ab."

Diese trägt ein anderer," schmunzelte Stöberer mit breitem Grinsen.

,, Das freut mich," sagte Erich. Dann empfahl er sich. Es trieb ihn nun doch, zunächst die Gräber seiner Eltern aufzusuchen. Denn obwohl, wie Franziska sagte, Gott ein Gott der Lebendigen ist und nicht der Toten, so sind wir Menschen, doch am irdischen haftend, auch dem Staube noch verwandt und ihm zugetan, der im Schoße der Erde ruht. Wir sind dem Schatten ähnlicher als wir wähnen. Sumus umbra.

3ehntes Kapitel.

Herr Moritz hatte allerdings den Bureauvorsteher des Justizrats veranlaßt, jene Frühstücksunterhaltung mit Erich zu pflegen. Er selber fand sich denn auch am Nachmittage ein, um sich über den Erfolg derselben zu unterrichten. Er var nicht in rosiger Laune. Denn seine eigenen Nachfor­schungen in der Stadt und am Hafen waren im gewissen Sinne ergebnislose gewesen, oder vielmehr, sie waren an ür ihn höchst unerwünschten Ergebnissen sehr reich.

Er bat Stöberer zu sich empor in seine große, elegant eingerichtete, aber trotzdem öde Garçonwohnung im Ober­geschoß des Staudiusschen Hauses; und Stöberer gehorchte

Nachdrud verboten);

ihm, würde ihm selbst gehorcht haben, wenn auch dringende Geschäfte im Bureau des Justizrats vorgelegen hätten. ,, Nun, Stöberer?"

Es war vergebens, Herr Morit."

Ein Fluch entfuhr den Lippen des Kaufmanns. Er hat sich an die Amerikaner versagt und will sein Wort nicht brechen, indessen in einem Punkte hat er nach­gegeben.

,, Nun?"

Er wird das Haus räumen und im Speicher Wohnung nehmen."

" In welchem? Riet hat bereits sämtliche leere Speicher gemietet, die zu haben waren," grollte Herr Moritz, das e- sicht verziehend. Sie werden ja hören, was da vorgebt. Ein Teil meiner Träger sind mir schon davongelaufer.

" Ich riet Ihnen stets, Sie sollten mit den Leuten ein festes Abkommen treffen," erwähnte Stöberer, mun fönnen Sie sie nicht einmal polizeilich belangen."

Wer konnte so etwas voraussehen... und ich petie doch, dieser hergelaufene Tunichtgut... er steckt dahinter," Knirschte Morig.

Wohl möglich, und das wird ja auch nicht lange ein Geheimnis bleiben. Vorläufig wissen wir mir, daß er von einem Sträfling Geld borgt und... Bodenmeister wird mit einem Freilogis im Speicher, gleichsam Nachtwächter. Wenn er wirklich als Kapitalist beteiligt müre, wie Sie ver­muten, so würde er keinen Grund haben, daraus einen Hehl zu machen!"

,, Meinen Sie?"

Diese Worte sprach Herr Morit mißtrauisch und ab­weisend. Dann ging er auf den schweren Teppichen, mit denen seine halbdunkeln Gemächer belegt waren, unruhig auf und ab, mit dem lautlosen Tritt des Panthers.

,, Welches Motiv..?" fragte Stöberer heimlich lächelnd; aber Moritz achtete seiner nicht. Plötzlich fuhr er halb in­grimmig, halb weinerlich heraus:

Ach!... Mir ist das Leben zuwider... ich kann nicht sagen, wie!"

Dabei ballte er seine kleine elfenbeinfarbige Faust, als wollte er jemand erdrosseln, und seine Augen funkelten im Finstern. Die ganze Gestalt, das gelbliche Gesicht, das schwarze, kurze Haar erinnerten wirklich an einen Napoleon, dessen Ehrgeiz sich auf dem Boden des Handelsmonopols austobte. Stöberer räusperte sich.

Wenn Riez," sagte er leise, gleichsam hörbar sinnend, nur vorgeschobene Person ist, dann könnte man jene Leute, die sich seiner bedienen, überbieten."

Morig stieß einen unartikulierten Schrei aus.

" Jene Leute hätten sich also den rechten Mann ausgesucht, meinen Sie," fann Stöberer weiter, einen Mann, der die Geschäftslage genau kennt, der auf demselben Boden mit Ihnen schon Schlachten geschlagen und verloren hat und mit Lust bei der Sache ist."

Hol's der...! Sie haben sämtliche schwimmende Ladungen aufgenommen und bar bezahlt," knirschte Moritz,

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