TEA
Gedacht, getan! Sie läutete drüben an, und das Glück wollte es, daß der Oberlehrer zu Hause war.
,, Kann ich den Herrn Oberlehrer Müller einige Augenblicke sprechen?"
,, Bitte, treten Sie näher, gnädige Frau," sagte der Oberlehrer höflich, in der Meinung, es handle sich um die Mutter eines seiner Schüler.
Sie werden wissen, Herr Oberlehrer, daß ich Ihre Nachbarin bin, denn ich wohne seit einiger Zeit Ihnen gegenüber. Nun haben wir ein Dienstmädchen engagiert, mit dem wir im großen und ganzen zufrieden sind, d. h. zufrieden gewesen wären, wenn wir nicht eine abscheuliche Entdeckung gemacht hätten. Ich brauche mich wohl nicht näher zu erklären, Herr Oberlehrer, Sie wissen ja ganz genau, um was es sich handelt."
,, Bedauere, gnädige Frau, ich habe wirklich keine Ahnung, da ich leider keine Zeit habe, mich um die Angelegenheiten Ihrer Wirtschaft zu kümmern."
,, Nicht um meine Wirtschaft handelt es sich," erwiderte Jenny nachdrücklich, sondern um mein Dienstmädchen, wie bereits bemerkt, und ich möchte Sie bitten, diesen Weg zu verlassen, der doch beiderseits ins Verderben führen kann." ,, Aber, gnädige Frau, ich verstehe nicht-" ,, bitte, Sie verstehen wohl. Sie würden ein gutes Werk tun, wenn Sie sich mit Elvira vollständig auseinandersetzten
,, Ah, um Elvira handelt es sich?" ,, Ah, endlich verstehen Sie doch. Elvira ist es allerdings, derentwegen ich gekommen bin."
,, Sie ist allerdings etwas dreist," meinte nachträglich der Oberlehrer, und wenn sie Ihnen etwa unverschämt gekommen sein sollte, so bin ich gern bereit, ihr nachdrücklich meine Meinung darüber zu sagen."
„ Herr Oberlehrer, mir sind Ihre moralischen Anschauungen ganz unverständlich. Ich wünsche im Gegenteil, daß Sie Ihren Einfluß auf Elvira ganz aufgeben, daß Sie mit ihr gar nicht mehr sprechen, daß Sie sie vollständig ignorieren sollen."
" Aber entschuldigen Sie, gnädige Frau, wofür bezahle ich sie denn?"
" Sie sollen sie nicht mehr bezahlen, das verlange ich in erster Linie."
Oberlehrer, sein Gegenüber erstaunt anblickend. " Ich soll sie gar nicht mehr bezahlen?" fragte der
,, Ganz gewiß, denn sie bekommt von uns Kost und Lohn genug.
Wer? Elvira, unser Dienstmädchen?" " Ihr Dienstmädchen?"
„ Ja, unser Dienstmädchen, das meine Frau selbst ge= mietet hat. Oder gibt es hier zwei Elviras? Sie meinen doch die mit dem roten Haar und der Narbe an der Stirn?"
" Ja, ganz dieselbe. Aber ich wußte nicht, daß Sie eine Frau haben, und gemietet wurde Elvira nicht von Ihrer Frau Gemahlin, sondern von mir."
In der nun folgenden Unterredung kam endlich die Wahrheit zutage. Fräulein Jenny bat um Entschuldigung, und man kam schließlich überein, das gegenwärtige Verhältnis bis zur Rückkehr der Frau Oberlehrer bestehen zu lassen. Diese sollte dann entscheiden.
Als nun Frau Oberlehrer zurückkehrte, kannte ihre Entrüstung über den frechen Streich Elviras keine Grenze, und da diese Entrüstung von den beiden alten Damen geschürt wurde, stand es bald fest, Elvira sollte beiderseits entlassen
werden.
Der Tag der Entlassung kam heran.
die Frau Oberlehrer. ,, Haben Sie schon eine Droschke bestellt, Elvira?" fragte
,, Nein, wozu eine Droschke, ich ziehe ja gegenüber zu den beiden alten Damen.
"
Empört lief Frau Oberlehrer Müller hinüber.
" Ist es wirklich wahr, daß Sie Elvira gemietet haben?" " Ja, liebe Frau Oberlehrer," erwiderte Fräulein Jenny, die Achseln zuckend,„ Dienstmädchen sind knapp." Frau Oberlehrer seufzte.
„ Das ist allerdings wahr, und ich hätte es auch bedenken sollen."
Damit wandte sie der falschen Dame den Rücken.
WITZ
HUMOR
Der verdächtige Aufsak. In Sekunda der Herr Professor spricht Mit Würde vom hohen Katheder: " Ich will beginnen den Unterricht, Es gebe Achtung ein jeder!
Die deutschen Aufsätze geb' ich zurück Ja, lachen Sie nur, Karl Siefert: Sie haben ein wahres Meisterstück Von Interpunktion geliefert!
Als Varus, Komma, im dunklen Wald Zur, Komma, Stelle kam, Komma. Wo die Deutschen, Komma, im Hinterhalt Ihn, Komma, erwarteten, Komma
So bis zum Schluß sich die Kommata ziehn- Mir wird's ganz schwarz vor den Blicken! Ich möchte den Aufsatz wohl nach Berlin Zum Geheimrat Koch hinschicken. Und untersucht diesen Kohl er da, Dann wird er seufzen im stillen: Der Aufsatz hat ja die Cholera, Er wimmelt von Kommabacillen!"
Vorschlag zur Vernunft.
In einem kleinen Städtchen hat, wie man dies noch zuweilen findet, ein„ Schnellläufer" die Jugend durch seine Kunststücke belustigt. Nachdem derselbe das Städtchen verschiedene Male auf und ab gelaufen ist, geht er schließlich von Haus zu Haus sammeln", um sich den wohlverdienten Preis für seine Anstrengungen einzukassieren. Bei diesem Rundgang kommt er auch unter anderm an die Tür des dicken Rentier X., der gerade ins Wetter guckt. Als er dem wohlbeleibten Herrn Rentier seinen Teller hinhielt, fragt ihn derselbe, was die Sammelei zu bedeuten habe.
„ Es ist fürs Schnelllaufen!" erwidert der Künstler selbstbewußt. „ Was? Schnelllaufen? Darauf gebe ich nichts. Weshalb
gehen Sie nicht langsam, wie andre vernünftige Menschen?"
**
Traurig. A.:„ Du siehst so traurig in die Welt, lieber Freund; bist du vielleicht in deiner jungen Ehe nicht glücklich? Sprich dich doch aus, oder hast du nichts zu sagen?"- B.: ,, Absolut nichts! und eben deshalb bin ich traurig!"
Erklärt. Präsident:„ Sie werden beschuldigt, eine Hand voll Kleingeld, etwa fünf Mark, aus der Kasse eines Schenkwirt@ entwendet zu haben.' Angeklagter:„ Ach, Herr Präsident, wenn man seit zwei Tagen nichts gegessen hat!..." Präsident:
"
,, Aber es ist doch festgestellt worden, daß Sie bei Begehung des Diebstahls einen Zwanzigmarkschein in Ihrer Börse hatten." Angeklagter:„ Das gestehe ich ein, Herr Präsident, aber ich wollte denselben nicht wechseln!
*
Kinderhumor.
Ungefährlich. Tante:„ Wir wollen heimgehen, Karlchen es droht zu regnen." Karlchen:„ D, Tantchen, das macht nichts! Darum tut es es doch nicht." Tante: Wieso?" Karlchen:„ Papa droht auch immer mich durchzuprügeln, tut es aber doch nie."
"
Unangenehme Logik. Tante: Frißchen weißt du nicht, daß, wenn ein Kind immer so häßliche Gesichter schneidet, der liebe Gott sie ihm einmal stehen läßt?" Frißchen:" Nicht wahr, Tante, wie du klein warst, ist dir auch einmal das Gesicht stehen geblieben?"
Stellvertretung. Die Mutter hat Lenchen zu Bett ge bracht, mit ihr gebetet und wendet sich zum Gehen, als di Kleine zärtlich bittet, noch ein Weilchen bei ihr zu bleiben. ,, Nein mein Herzchen", erwidert die Mutter, ich muß jetzt wieder zum Papa und du bist ja auch nicht allein, bei dir ist der lieb Gott." Lenchen besinnt sich ein wenig und sagt dann bittend: „ So schicke doch den lieben Gott zum Papa und bleibe du bes mir."-
Nr. 96.
Samstag, den 30. April.
1904.
Oberhessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
ber
Gießener Neueste Nachrichten.
Sand und Beslag ber Chebaner Berlagsbruderet, vorm. Bilh. Reller'sche Buchbruderst( segs. 1789); verantwor
( 5. Fortsetzung.)
Iwan der Schreckliche.
Original- Roman von Hans Hoffmann.
Nur wie war ein Mathematiker an der Mädchenschule zu verwerten? Als gemeiner Rechenlehrer dieser unmöglich!
Mit großer Geistesgegenwart erkannte sie, daß die mathematischen Wissenschaften zwar im allgemeinen in ihrer abstrakten Herbheit für Mädchenköpfe wenig geeignet sind, in ihren Anfangsgründen jedoch für gereiftere Schülerinnen von erklecklichem Nußen sein könnten. Klagt man doch allerorten so viel über die Eigenartigkeit weiblicher Logik; warum sollte man nicht einmal versuchen, von hier aus die bessernde Hand anzulegen?
In dieser rasch eroberten Erkenntnis schrieb sie Herrn Doktor Belling einen sehr schmeichelhaften Brief, in welchem sie ihm ihre Bitte vorlegte, einige besonders begabte junge Damen ihrer Anstalt in seiner schönen Wissenschaft zu unter
richten.
Mit Alma Gruber schloß sie inzwischen einen heuchleriſchen Waffenſtillſtand.
Seit jenem ersten Kaffeebesuch in der Gartenlaube hatte Gotthold Belling die Gewohnheit angenommen, alle Dinge von Wichtigkeit, die in sein stilles Leben fielen, mit Fräulein Helene Gehrke zu besprechen; er fand, daß solche Aussprache in: wunderbarer Weise seine Gedanken klärte und sine Entſchlüſſe feſtigte. Und es war merkwürdig, wie sich die Zahl der wichtigen Dinge im Lauf der Wochen mehrte; bald gab es kaum noch Vorfälle, die unbedeutend genug waren, um nicht dringend einer Erörterung zu bedürfen. Und wenn er ging, sie in der Laube oder in dem behaglichen Hinterſtübchen aufzusuchen, hatten ſeine düstern Augen einen warmen Glanz, und wenn er zurückkam, einen noch wärmeren.
Ihr Verkehr war ein sehr offenherziger und zwangloser, wie unter guten Kameraden; eine sanfte Kühle wehte zwischen ihnen hin und her, eine freundliche Klarheit, die jede schwüle Stimmung ausschloß.
Helene war stolz darauf, daß sie durch ihre kluge Ehrlichkeit diesen erquickenden Umgangston ermöglicht hatte; lagen seitdem doch ihrer beider Herzen offen vor einander wie zwei schöngedruckte Bücher. Sie konnte friedlich ruhen in seiner edlen Freundschaft wie in einem sommerlichen Kornfeld, und sie konnte ungestört den versunkenen Blumengarten der süßen Leidenschaft im sicheren Herzen verwahren. wußte, sie hatte nichts von dem Freunde, nichts für den Freund zu fürchten; sie sah, seine Augen ruhten mit maßvoller Wärme auf ihr und sein Händedruck verriet niemals einen schnelleren Pulsschlag.
Sie
Und er, er gestand sich, daß er noch niemals eine gleich glückliche Zeit durchlebt habe; er war mit sich und der Welt zufrieden; die täglichen Angſtſtunden vor der Klasse waren schnell überstanden; weitere Wünsche hatte er nicht, als täg lich ein halbes Stündchen lang in Helenens große graue Augen zu sehen und mit ihr ein vernünftiges Gespräch zu führen. Daß ihr Herz versagt war, wußte er ja; so kam ihm auch nicht einmal der Gedanke, ob es vielleicht ein noch reizvolleres Verhältnis zwischen zwei jungen Leuten ungleichen Geschlechtes geben könne. Auch erfüllte ihn die hohe Idea
( Nachdruck verboten.)
lität ihrer Auffassung mit so großer Hochachtung, daß er es für schändlich gehalten hätte, die Haltbarkeit derselben auch nur auf die Probe zu stellen, denn er war von der Einzigkeit einer wahren Liebe genau so fest überzeugt wie sie.
Als Gotthold das überraschende Schreiben des Fräulein Leinemann empfing, eilte er natürlich auf der Stelle, den Rat seiner guten Freundin einzuholen.
Was gedenken Sie zu antworten?" fragte Helene, als sie den Brief gelesen hatte.
Ich hätte Lust, den Antrag anzunehmen," sagte er, vornehmlich des mir gebotenen schönen Ertrahonorares megen; wenn ich dasselbe regelmäßig zurücklege, so kann ich vielleicht schon in zwanzig Jahren so viel beiſammen haben, um mich als Privatdozent habilitieren und ganz meiner Wiſſenſchaft leben zu können. Ich bin dann eben erst fünfzig Jahre alt und habe noch eine reiche Zukunft vor mir"
,, Spätestens mit siebenzig Jahren werden Sie dann schon Professor," lachte Helene, mit neunzig bekommen Sie den Charakter als Geheimrat, mit hundert bis hundertundzehn den Orden pour le mérite für Kunst und Wissenschaft, mit hundertundzwanzig den Ehrendoktor der Universität Yoko hama welche glänzenden Aussichten! Und das alles wer den Sie im letzten Grund einem ungezogenen kleinen Backfischchen verdanken.'
Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert.
Ganz einfach. Fräulein Leinemann bedarf Ihrer pädagogischen Faust zur Zähmung einer Widerspenstigen nebenbei bemerkt, des reichsten und hübschesten Mädchens der Stadt, Fräulein Alma Gruber-"
Da ist sie freilich sehr an den Unrechten gekommen obgleichwer weiß vielleicht werde ich mit den Mädchen von vornherein besser fertig als mit den Jungen, auch mit einem freundlicheren Gesicht sie sind von Natur zarter, feinfühliger, schmiegsamer-
„ Um Gottes willen, wo denken Sie hin? Nur feinspiziger, boshafter, listiger und übermütiger sind wir natürlich nur, so lange wir Schulmädchen sind ich rate Ihnen ernstlich, lieber dort die Hand aus dem Spiele zu Lassen, wenigstens so lange Alma Gruber die Schule besucht, und nachher wird Fräulein Leinemann Sie ohnehin ent behren können."
st denn dieses Kind ein so unerhörter Ausbund von Gefährlichkeit?"
Allerdings, und für Sie doppelt gefährlich, denn Ihr Nimbus darf nicht den kleinsten Riß bekommen. Sie mag sonst nicht bösartig von Natur sein, aber sie kennt weder Nespekt noch Furcht; unr wenn Sie wirklich so wären, wie Sie manchmal aussehen, dann könnten Sie den Versuch wagen, die junge Löwin zu zähmen. So aber- denken Sie doch, sie versagt Ihnen den Gehorsam, sie troẞt Ihren grimmigen Blicken und lacht Sie aus ich traue ihr das zu, sie ist verzweifelt flug was wollen Sie machen Prü geln können Sie sie doch nicht, sich mit ihr schießen auch nicht. Sie müssen Ihre Niederlage hinnehmen; Alma wird dann zwar aus der Anstalt entfernt werden und fortan auf anderem
-


