Nr. 101.
Erstes Blatt.
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Samstag, den 30. April 1904.
Gießener
13. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Unabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Geht Leutwein?
Giner merkwürdigen Unsicherheit der Entschließungen begegnet man gegenwärtig in den leitenden kolonialen Areisen. Noch vor wenigen Stunden hieß es, das Gesuch des Gouverneurs Leutwein um Entbindung von der militärischen Oberleitung wäre genehmigt und an seiner Stelle Generalleutnant v. Trotha nach der Kolonie als Oberbefehlshaber geschickt worden. Jetzt heißt es wieder anders Leutwein bleibt und von der Entsendung von Trothas oder bes ebenfalls genannien, aus den Chinawirren bekannten Generalleutnants v. Gahl sei keine Rede mehr.
Ob das die letzte und die am Ende zutreffende Lesart bleiben wird, sei dahingestellt. Alles wird von der Entscheidung des Kaisers abhängen, dem der Reichskanzler am Donnerstag in Karlsruhe Vortrag über die Lage in idhestafrika hielt. Die Verschiedenheit der halbamtlichen Meldungen über den Kommandowechsel läßt sich wohl so erklären, daß der Generalstab durch das Militärkabinett him Kaiser auf Genehmigung des Rücktritts Leutweins und Entsendung eines der beiden genannten Generäle drang, während das Kolonialamt angesichts der Bewährung Leutmeins als Truppenführer und angesichts der Kolonialfremdheit der beiden Generäle für Leutweins Bleiben eintrat. Diese Forderung dürfte auch der dem Kolonialamt vorgefegte Reichsfanzler zu der seinigen gemacht und beim Kaiser verfochten haben. Wie die Entscheidung des Kaisers ausfallen wird, der bisher persönlich für die Entsendung eines Generals war, das läßt sich natürlich nicht vorausfagen.
Sicher ist einstweilen nur eins, nämlich die
Entsendung von Verstärkungen.
Bi groß diese sein werden, läßt sich noch nicht sagen. Man spricht in folonialen Kreisen davon, der Kaiser wolle weitere 2000 Mann nach der Kolonie entsenden. Die Kolonialverwaltung dagegen will die Höhe der Ver: stärkungen von den Forderungen des Gouverneurs abhängig machen. Immerhin besteht auch im Kolonialamt Neigung zu einer ausgiebigen Vermehrung des Expeditionskorps; man weist darauf hin, daß es notwendig sein werde, nach der Niederwerfung der Herero auch die Ovambofrage aufzurollen, um in der Kolonie endlich für alle Zukunft den Negeraufständen ein Ende zu machen. Jedenfalls wird, wie der Reichsschatsekretär gestern in der Budgetkommission des Reichstages mitteilte, der Volksvertretung demnächst ein neuer, der
dritte Nachtragsetat für Südwestafrika zugehen. Ueber seine Höhe konnte der Schatzsekretär natürlich noch nichts mitteilen, da diese ja von der eingangs erwähnten kaiserlichen Entschließung abhängt.
Für den Fall, daß Leutwein die militärische Oberleitung behält, erwartet man in kolonialen Kreisen einen größeren Schlag gegen die Herero erst im Mai. Dann hat Leutwein den Fesselballon und die Funkentelegraphie- Abteilung zur Verfügung, außerdem ist das Expeditionskorps bis dahin durch die unterwegs befindlichen Nachschübe ergänzt, so daß eine größere Operation auch ohne die in Quarantäne liegende Kolonne Glasenapp möglich wird. Vielleicht kommt es auch gar nicht mehr dazu. Wie der jetzt in Hamburg eingetroffene Oberst Dürr einem dortigen Journalisten erklärte, würden nach seiner Ansicht die Herero wegen Munitionsmangels bald gezwungen sein, um Frieden zu bitten. Ein Uebertritt der Herero über die englische Grenze sei bei ihrer Anhänglichfeit an ihr Land und Vieh nicht zu befürchten; die Engländer würden dies auch wegen der Rinderpestgefahr nicht dulden.
*
Dem Reichstage ist ein Telegramm einer Versammlung bon Ansiedlern aus Swakopmund, Karibib, Okahandja, Outjo und Windhuk zugegangen, in dem er gebeten wird, bei der dritten Lesung des Ergänzungsetats die Entschä bigungsvorlage der Reichsregierung ohne EinschränFung anzunehmen oder die dritte Lesung bis zu dem Ende Mai bevorstehenden Eintreffen einer Abordnung von AnsiedLarn zu vertagen.
Der Krieg in Oftafien.
Immer wieder kommen Berichte von neuen Kämpfen
im Jalu, die allerdings im Moment nicht auf ihre Richtig. feit zu kontrollieren sind. Die Russen sollen jetzt nach zweiägigem Kampf eine Niederlage erlitten und die Japaner den Fluß überschritten haben.
Bei den letzten Kämpfen, die amtlich beglaubigt sind, jat
cine japanische Flottenabteilung am Jalu Eräftig mitgewirkt. Der Kommandant berichtet darüber: Als die Schiffe am 25. d. M. den Jalu hinauffuhren, eröffnete feindliche Artillerie von dem Yongampho gegenüber liegenden Flußufer Feuer auf die Schiffe, aber ohne irgendwelchen Erfolg; ebenso erschien russische Kavallerie, die sich aber zurüdzog, als unsere Abteilung auf sie schoß. Am 2: 6. April feuerten ungefähr 100 Mann russischer Kavallerie auf unsere Dampfbarkaffen. Unser Torpedoboot erwiderte
das Feuer und die Russen gingen unter Zurücklassung zahl reicher Verwundeter hinter einen Hügel zurück. Wir hatten feine Verluste.
Auch über die
Vernichtung des Transportdampfers Kinschin Maru" liegt jetzt ein ausführlicher amtlicher Bericht vor, aus dem noch einzelne interessante Einzelheiten nachzutragen sind. Die Japaner hielten das russische Geschwader für ein japanisches und gaben das Signal Führen euch Kohlen zu". Russischerjeits erfolgte das Antwortsignal:„ Sofort Halt machen". Als das Kommando des Transportdampfers seinen Irrtum erkannte, stürzte es zu den Schaluppen und Dampfbartassen und versuchte, auf ihnen zu entkommen, doch die russischen Dampffutter nahmen alle gefangen. Leute der Besatzung wurden anfänglich an Bord nicht bemerkt, dann aber in einer verschlossenen Kaüt 6 Infanterieoffiziere entdeckt, welche ohne Widerstand auf den Kreuzer Rurif" übergeführt wurden. Weiter fanden die Russen 130 Infanteristen, die sich weigerten, sich zu ergeben. Der Admiral, welcher etwa 8 Kabellängen entfernt war, sandte den Russen den Befehl zu, den Transportdampfer zu verlassen. Japanische Infanteriſten feuerten und verwundeten einen Matrosen und d Steuermann. Hierauf wurde der Transportdampfer durch eine mechanische Mine und einige Schüsse in den Grund gebohrt. Die Japaner stellten das Feuer nicht ein und machten auch keine Rettungsversuche, obwohl sie über eine Schaluppe verfügten. Sie schossen weiter, bis die Fluten über das. Schiff zusammenschlugen.
Das Wladiwostokgeschwader ist am 27. d. Mts. glück ch wieder in seinen Heimatshafen zurückgekehrt. Zu einem Treffen mit japanischen Kriegsschiffen ist es nicht gekommen, doch wurde zweifellos von solchen auf die russischen Kreuzer Jagd gemacht. Diese fingen mit ihren drahtlosen Telegraphieapparaten unverständliche Worte und Ziffern auf, welche, wie sich später herausstellte, zwischen japanischen Schiffon gewechselt waren.
Die Helden von Tschemulpo,
die Ueberlebenden der in den Grund gebohrten russischen Arenzer Warjag" und„ Korejek", sind in Petersburg ane tommen und im Triumph zum Winterpalais gezogen, wo sie fürstlich bewirtet wurden. Jeder Soldat durfte sein Ge. deck mitnehmen. Der Zar ließ sich von ihnen die Vorgänge in Tschemulpo erzählen. Hieran reihte sich ein Empfang der Offiziere und Mannschaften im Volkshause, der sich bis zum späten Abend hinzog. Alle wurden noch beschenkt."
Das Märchen von der Vermittelung.
Jetzt wendet sich auch die russische Regierung gegen die Gerüchte von einer bevorstehenden Vermittelungsaktion der englischen Regierung. Sie weist darauf hin, daß Rußland alles getan habe, um einen Krieg zu vermeiden. Jetzt werde sie die Einmischung einer dritten Macht absolut nicht zu Lassen,--
Die Politik.
Die zur Herstellung des Gleichgewichts im Reich 3- etat von der Regierung vorgeschlagene Zuschußanleihe von 59½ Millionen Mark wurde von der Budgetkommission des Reichstags bis auf 5½ Millionen Mark gestrichen.
A Für den Volksschullehrermangel in Deutschland ist faum etwas so bezeichnend, wie folgende aus Sachsen- Altenburg berichtete Geschichte: In Windischleuba war im ver flossenen Jahr ein Kaufmann als Volksschul. lehrer tätig! Er hat jetzt die Lehrerſtelle aufgeben müssen, da es ihm zu Ostern nicht gelungen war, durch eine Prüfung am Landesseminar die Qualifikation zum Lehrer zu erwerben. Und jetzt ist als Nachfolger des Kaufmanns ein Dragoner- Unteroffizier als Schulverweser bè. rufen worden. Das erinnert an die Zeiten des„, a.ten Frib", der bekanntlich auch Unteroffiziere zu Lehrern machte. Aber was damals ein Notbehelf und immerhin besser war als nichts, das ist der heutigen deutschen Bundesstaaten unwür dig. Dieser Zustand wird sich auch nicht eher bessern, ehe nicht die Lehrergehälter erhöht werden.
Die zweite sächsische Kammer hat die von der Dresdener Regierung vorgeschlagene Aenderung des sächsischen Wahlrechts abgelehnt und statt dessen sich mit den Deputationsvorschlägen einverstanden erklärt, die in der HauptSache auf Einführung des Plural- Wahlsystems hinausgehen. Staatsminister von Metzsch gab die Bereitwilligkeit der Regierung zu erkennen, auf Grund der in der Debatte gemachten Vorschläge einen neuen Gesezentwurf demnächst dem Landtage vorzulegen.
Eine Erhöhung und Erweiterung der Warenhaussteuer steht in Preußen in Sicht! Zunächst handelt es fich ja nur um einen Kommissionsbeschluß, ganz zweifellos aber wird das Plenum des Abgeordnetenhauses sich diesen Beschluß zu eigen machen. Die Abgeordnetenhaus- Kommission für Handel und Gewerbe beriet dieser Tage über den bom Zentrum, den Konservativen und Freikonservativen gemeinsam eingebrachten Antrag auf Abänderung des Warenhaussteuergesetes. Mit 12 aegen 3 Stimmen wurde die
Untergrenze der Besteuerung statt wie bisher auf 400 000 Mart auf 200 000 Mark festgesetzt. Die Warenhaussteuer soll also schon bei einem Umsatz von 200 000 Mark erhoben werden. Ferner wurde eine Erhöhung der Steuer beschlossen, die nicht mehr wie bisher bis zu 2 Prozent, sondern bis zu 5 Prozent steigen soll, je nach der Verschiedenheit der von den Warenhäusern geführten Waren. Gehören diese letteren nur zu zwei Warengruppen des Gesetzes, so soll die Steuer bis zu 3 Prozent steigen; erstreckt sich der Handelsbetrieb des Warenhauses auf nicht mehr als auf drei Warengruppen, so soll die Steuer bis zu 4 Prozent steigen; werden noch mehr Arten von Waren vertrieben, so soll die Steuer 5 Prozent des Umsaßes erreichen können. Von den Regierungsvertretern und den liberalen Parteien wurden diese Vorschläge bekämpft. Von den Freunden der Erhöhung wurde in der Debatte u. a. erklärt, wenn sich das Oberverwaltungsgericht aber auf den Standpunkt stellen würde, das Gesetz in der neuen Form sei rechtsungültig, weil es der Gewerbefreiheit widerspreche, so würde eine Aenderung der Reichsgesetzgebung vorgenommen werden müssen. Schließlich wurde auch noch ein Antrag auf Aufhebung des§ 5 des bisherigen Gesezes angenommen.
Rufsland.
O Die polnischen Sozialdemokraten in Rußland zeichnen sich nach wie vor durch recht unüberlegte Streiche aus. Wie aus Warschau gemeldet wird, verbreitet das Zentralfomitee der polnisch- sozialdemokratischen Partei Rußlands hundertausende von Proklamationen im ganzen Lande, in denen es auffordert, zur Maifeier Versammlungen und Massenausflüge zu veranstalten, rote Fahnen auszuhängen und sonstige Rundgebungen gegen die Regierung ins Werf zu setzen. Die Gendarmerie und Polizei sind daraufhin natürlich verstärkt worden. Noch mehr: Die Verhängung des Belage= rungszustandes über Warschau, Lodz und andere Großstädte steht wegen der geplanten Maifeier bevor. In Russisch- Polen fanden auch bereits Massenverhaftungen von Sozialisten statt. Daß die Sozialisten sich mit solchen Kundgebungen ins eigene Fleisch schneiden, scheinen sie sich nicht flar machen zu wollen.
Hus den Parlamenten.
* Die jüngst veranstaltete Rheinmeinprobe im breußischen Abgeordnetenhause und die dort noch bevorstehende Probe der Moselweine hat die elsaẞ- lothringischen Weinbauer nicht ruhen lassen. Sie beabsichtigen, die Weine Elsaß- Lothringens im Reichstage demnächst dem sachverständigen Urteil der Volksvertreter zu unterverfen.
Deutscher Reichstac.
( 73. Sigung.)
CB Berlin, 29. April.
• Bei der heute fortgesetzten ersten Beratung der Börsengefeßnovelle ergriff zuerst der Graf Reventlow von der wirtschaftlichen Vereinigung das Wort, der einen der Diskussion bisher fremden Ton anschlug. Er erging sich mit beißender Fronie in den heftigsten Angriffen gegen die Börsenkreise und die Regierung, warf jenen vor, ihnen seien Treu und Glauben Fremdworte, dieser, sie habe durch ihre Konnivenz gegenüber den Zeitgeschäften das Recht gebeugt, eine Aeußerung, für die der Präsident Graf Ballestrem ihm einen Ordnungsruf erteilte. Sachlich erklärte er sich für scharfe Strafbestimmungen gegen Mißbräuche, im übrigen müsse man, um diese zu beseitigen, das Börsengeset nicht revidieren, sondern nur so, wie es ist, durch führen. Der preußische Handelsminister Möller trai ihm scharf entgegen und verwahrte wie die Re zierung auch die Börsenkreise gegen seine Angriffe. Nach ihm sprach als zweiter Redner der Konservativen Gras Schwerin- Löviz, der nicht grundsäßlich gegen eine Revision des Börsengesetzes ist, der sich aber mit den in der Novelle vorgeschlagenen Aenderungen nicht befreunden kann und jedenfalls eine Reform obne Einführung strenger Straf bestimmungen ablehnt. Nachdem Geheimrat Wendelstadi den Standpunkt der Regierung dahin präzisiert hatte, daß nur die unentbehrlichen und erlaubten Zeitgeschäfte auf eine anfechtbare Grundlage zu stellen, begründete Abg. Bern tein nochmals die im wesentlichen wohlwollende Haltung Der Sozialdemokratie dem Entwurfe gegenüber. In der peiteren Debatte traten neue Gesichtspunkte kaum mehr jervor. Abg. Burlage verteidigte seine Behauptung Jegenüber gewissen Angriffen. Die Abg. Gamp von der Reichspartei, Mommsen von der Freisinnigen Vereini jung ergänzten die Ausführungen ihrer Fraktionsgenossen ). Kardorff und Dowe.
Preussifcher Landtag. Haus der Abgeordneten.
RK Berlin, 29. April. ( 63. Situng.) Von den wasserwirtschaftlichen Vorlagen stand heute die erste, der Gesetzentwurf betr. die Verbesserung der Vorflut in der unteren Oder, Havel und Spree zur ersten Lesung. Von Bedeutung in der Debatte, die sich ziemlich schleppend
mein nur zu bald zeigte es fich, wie sehr es ein Danaer
Binar.
gefchent gewefen war.
fönchen utri fo biel fanfte Energie und energische Sanftmut, daß Leinemann verschwendete an dies eine PerAlma Gruber erwies fich als schlecht
hätte
, Aber, Erna," rief
die
nichts unpassenderes fürders aber einen lebendigen!"
Husaren anzusehen!
eichte Alma entriistet, es gibt junges Mädchen, als einen die Geächtete unterhielt
sich in der liebenswürdigsten In dieser Tonart ging es
meiter mit
Inbefangenheit unverdrossen
schildern vermögen, als eine große Freude. fehen, daß die Dichter ein großes Leid viel erschöpfender zu Freude zu erwarten haben, ist schon aus der Tatsache zu era
De wenschen hier auf Erden viel mehr Leib als
Gift ebenso stumpf und gefühllos gemacht worden, wie ein mie erschreckt herabsinken. Die Sinnpflanze, welche auch den Beinamen die schamhafte" trägt, ist durch das betäubende werden, ohne daß die Blätter sich falten und die Blattſtengel nicht langer Zeit ihre Empfindlichkeit und kann angerührt man
einige Tropfen Chloroform gießt, fo berliert sie in


