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30.3.1904 Erstes Blatt
 
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einen Moment an.'

Und wie geht's dem Geretteten?"

gegriffen. Bei solcher Gelegenheit kommt's gewöhnlich auf Wenn ihm das nur nicht schlechter bekommt als das Frieren über den Wolken" Der Sprecher hatte nicht ganz unrecht mit seiner Be " Wird in einigen Tagen wieder hergestellt sein. Majestät fürchtung. Schon nach einem halben Jahr kam die Nachricht, soll sich übrigens angelegentlichst nach seinem Befinden er daß Hauptmann von der Lanken bei der Erſtürmung eines fundigt haben. Was für ein Glückspilz! Sein Avancement Hererolagers, das er als erster betreten hatte, gefallen war. ist sicher!" Ein Pfeil war ihm gerade ins Herz gedrungen.

Die Genesung des Oberleutnants ging aber doch lang­samer von statten, als man geglaubt hatte. Er mußte vier­zehn Tage sorgfältig gepflegt werden und konnte deshalb dem feierlichen Begräbnis des Hauptmanns Hahlo, an dessen Witwe auch der oberste Kriegsherr ein Beileidsschreiben ge­richtet hatte, nicht beiwohnen. Dann aber kam der Tag der Rückkehr in sein Heim, und wehmütig ließ er dort den ganzen furchtbaren Vorgang noch einmal in seinem Innern vor­beiziehen. Nun war sie frei, und das glückliche Gefühl einer schönen Hoffnung erwachte in ihm. Er gedachte der Zeilen, die sie ihm am Tage vor der verhängnisvollen Fahrt bei seinem Besuch zugesteckt hatte, und freudig sprang er auf und eilte zum Schrank, um in die Tasche des Uniformrocks zu fühlen. Da steckte noch der Zettel unversehrt. Er holte ihn heraus, führte ihn an die Lippen und öffnete ihn, um sich wie­der an den lieben Schriftzügen zu erfreuen. Aber was war. das? Ein mit Bleistift zugeschriebener Zusatz?...

Als der Bursche in das Zimmer trat, um nach den Be fehlen seines Herrn zu fragen, fand er ihn regungslos auf. dem Divan liegen. Er schien doch noch recht schwach zu sein, fam aber bald wieder zu sich. Und er wollte von keiner ärzt­lichen Hilfe hören, sondern fleidete sich schnell an und ging aus, um der Witwe des Hauptmanns Hahlo einen Besuch abzustatten.

Sie errötete fanft, als sie ihn empfing. Dann heftete sie ihre blauen Augen besorgt auf ihn und fragte teilnahmsvoll: " Sie sehen sehr angegriffen aus, Herr von der Lanken. Sind Sie noch leidend?"

Er antwortete nichts, langte den Brief hervor und gab ihn schweigend in ihre Hand.

Sie sah ihn verwundernd an und warf einen flüchtigen Blick auf das Blatt. Dann aber schaute sie noch einmal auf­merksam hin und stieß einen Ruf der Ueberraschung aus. Das ist von seiner Hand?" fragte sie zitternd. sawohl, gnädige Frau!"

,, und wo schrieb er das?"

Hoch über allem Frdischen, über den Wolken." Aus ihren Augen stürzten Tränen. Und wie

starb

er?" fragte sie tonlos.

Mit eignem Willen. Er hätte sich retten können und tat

es nicht. Aber er rettete mich."

" Der Hohe! Der Herrliche!"

Ja, gnädige Frau, so hoch und herrlich, daß ich durch die entsagende Buße eines ganzen Lebens kaum werde gut machen können, was ich in Gedanken an ihm gesündigt habe."

Sie erwiderte nichts, aber sie nickte und weinte still vor sich hin.

Er ergriff ihre Hand und drückte einen leidenschaftlichen Kuß darauf. Der erste und der letzte!" flüsterte er schmerz­lich. Leben Sie wohl, für immer!"

Für immer!" kam es wie ein schwaches Echo von ihren Lippen.--

Nach einer Stunde erschien der Leutnant wieder zu Hause und sah ganz schrecklich aus. Wie solche Fahrt doch einen Menschen mitnehmen kann!" dachte der Bursche.

Auch den Kameraden gefiel von der Lanken gar nicht mehr. Er ging nie aus und lebte ganz zurückgezogen. Ge­radezu entrüstet aber waren sie nach einem Vierteljahr, und im Kasino wurde offen darüber gesprochen.

Ist es wirklich wahr", fragte einer von ihnen, daß sich Lanken nach Afrika gemeldet hat?"

" Freilich zur Schutztruppe! Ich finde diesen Einfall gänzlich abgeschmackt."

Wieso? Dort kann er in ein paar Jahren schon Major ſein." Nein, nein, Lanken ist kein Streber. Die Sache muß irgend einen andern Haken haben."

,, Vielleicht reizen ihn die schwarzen Damen da unten?" Machen Sie keine Wize, Knesebeck! Jedenfalls werden wir ihm einen großartigen Abschied geben."

Kein Schimmer davon! Hat er sich verbeten." Na, denn nicht!" erklärte der erste ärgerlich. Mag sich Lanken meinetwegen in dem dunkeln Backofen rösten lassen.

WITZ

UND

HUMOR

Liebe Gäfte. Das sind die glücklichen Stunden Die kommen, weiß keiner woher, Sie haben die Augen verbunden Und wandeln die Kreuz und die Quer'.

Man grüßt sie mit Sehnen und hoffen, Man lockt sie mit perlendem Wein, Und alle Herzen sind offen,

Und jeder Mund spricht: herein. Ein Weib nur haßt sie auf Erden:

Wenn sie betreten ein Haus,

Dann fliegt mit düster'n Geberden

Frau Sorge zum Schornstein hinaus.

*

Der Gentleman. Sieh nur, wie der Müller nobel einher­geht!"" Ja, der trägt we der seine Kleider noch seine Schul­den ab!",

Diplomatisch. Junge Frau: Ach, liebes Männchen, ich gratuliere dir recht herzlich zu deinem Geburtstage und wünsche dir alles Gute- und und weißt du, was ich dir noch wünsche?" Er: Nu, was denn, Schatz?" Junge Frau( verschämt): " Daß du nicht so erschrickst über meine Schneiderrechnung!"

*

-

Der schlaue Johann.

Beutnant: Johann, ich bin für niemand zu sprechen; sollte nach mir gefragt werden, sagst du, ich hätte Dienst!" Bursche: Zu Befehl, Herr Leutnant!" Besuch: Herr Leutnant zu Hause?" Bursche: Herr Leutnant haben Dienst!" Besuch: Aber ich muß Herrn Leutnant unbedingt in einer wichtigen Sache sogleich sprechen!" Bursche:" Hm, na da will ich' mal nachsehen, vielleicht macht Herr Leutnant gerade Rührt euch"!"

Am

Aus dem Roman eines schriftstellernden Kommis. Himmel hatte sich inzwiſchen ein heftiges Gewitter etabliert."

Aufrichtig. Weinhändler( zu ſeinem Sohn): Arthur, geh' sparsam mit dem Gelde um! Es ist sau er verdient!"

Aus der Gesellschaftsbotanik. Der Otto heiratet also die reiche Witwe?"-" Ja, sie ist eine Moo 3 blume und er ein Glückspilz!"

Schnitzel und Späne.

Schweigen ist Gold!- weil's meist gut bezahlt wird. Der wird seine Pflicht am besten Und am pünktlichsten erfüllen,

Der als strengsten Vorgesezten Hat den ei g'nen festen Willen.

Nichts freut den Schwachen so sehr, als daß auch der Starke Schwächen hat.

Am herzlichst en reicht man sich die Hände, wenn sie Teer sind.

Den wahren Freund erkennt, den falschen durch- sch aut man.

Eine Heldin ist jene Frau, die gesteht, daß sie- unrecht hat.

Nr. 71.

Mittwoch, den 30. März.

1904

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Send and Berlag der Slepener Berlagsbruderet, vorm. Wilh. Keller'sche Buchbindersi( gegr. 1783); zeno: 131& Iela

Gewissensqualen.

Kriminal Roman von Robert Buchanan.

Es war in der Nacht zum 15. Oktober 18**, als ich, Charles Sucherland, Doktor der Medizin der Univer­sität Edinburgh, ordentliches Mitglied der Medizinischen Gesellschaft und damals praktischer Arzt in London, einen recht merkwürdigen Traum hatte.

Mir war es, als ob ich an den Usern eines angeschwolle­nen Stromes stände, der seine Wogen rasch der bleifarbenen See entgegenivälzte. Die Ufer standen in lebhaftem Grün und waren mit großen, weißen Blumen besäet. Am Him­mel waren zwar keine Wolken zu sehen, aber doch war es trübe; die Luft war drückend und still, und die ganze Ge­gend erschien mir seltsam fremd. Plötzlich erhob sich ein kühler Wind, der mir in's Gesicht blies, und ein lang­gezogenes, leises Wehklagen drang an mein Ohr.

Von neuem richtete ich meinen Blick auf den Strom und erblickte in der Mitte desselben, mit den Wogen kämpfend und in den zischenden Strudel immer tiefer sinkend, eine weibliche Geſtalt. Sie war in Schwarz gekleidet und wandte mir ihr Antlitz zu, das leichenblaß war. Ein jugendliches Gesicht schien es zu sein, und auf seinen zarten Zügen malte sich die furchtbarste Angst. Mit ihren großen, schwarzen Augen sah sie mich starr an, und als ich ihren Blick er­widerte, ſtreckte die Geſtalt flehentlich die Hände gegen mich aus und rief leise im Tone der Verzweiflung dreimal: Hilf mir, hilf mir, hilf mir!" Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, wollte ich diesem Hilferuf Folge leisten, und mit den Worten: Ich komme!" stürzte ich mich kopfüber ins Wasser und erwachte.

Ja, ich erwachte und fand mich in meinem Bett in meiner Wohnung in der Wigmorestraße. Von der Stirn lief mir der falte Schweiß, und am ganzen Körper zitterte ich wie Espenlaub. Während der nächsten Augenblicke war ich unfähig, mich zu bewegen. Forschend ließ ich meine Blicke durch's Zimmer gleiten, um mich zu vergewissern, daß ich wirklich in meiner Wohnung wäre; dann setzte ich mich in meinem Bette aufrecht und fuhr mir mit der Hand über die Augen.

" Bah!" sagte ich zu mir." Deutlich genug war's ja, aber es war doch nur ein schwerer Traum."

Ein schwerer Traum freilich, und es ist ja auch richtig, daß ich schon oft vorher geträumt habe; aber bisher waren meine Träume von derselben Natur wie die anderer Sterb­licher gewesen: sie waren gekommen und wieder gegangen, ohne in meinem Hirn irgend eine Spur zurückzulassen. Ich war durchaus nicht romantisch veranlagt und besaß Nerven, die so regelmäßig wie ein Uhrwerk arbeiteten und mich mit einer gesunden Verdauung und einem friedlichen Schlafe beglückten. Aber dieser Traum wollte nicht aus meinem Gedächtniſſe ſchwinden, und so oft ich auch versuchte, wieder einzuschlafen, es gelang mir nicht mehr. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, so sah ich jenes blasse, vor Angst ver­zerrte Gesicht und hörte wieder jene klägliche Stimme, die mich zur Hilfe rief.

Schließlich kam ich zu der Ueberzeugung, daß alle Ver­suche, weiter schlafen zu wollen, zwecklos waren. Ich klin­

( Nachdruck verboten.))

gelte daher meinem Diener und sah auf die Uhr; sie zeigte auf halb sieben.

In meinem kleinen Haushalt stand man zeitig auf, und auf mein Läuten erschien Ferguson sofort. Vorsichtig steckte er seinen Kopf durch die Tür und fragte bescheiden: Haben Sie vielleicht gerufen, Herr Doktor?"

Es schien mir lächerlich, daß er erst noch fragte, und etwas aufgebracht fuhr ich ihn an:" Selbstverständlich habe ich geläutet. Sind Briefe da?"

Nein, Herr Doktor", antwortete Ferguson, der wohl glauben mochte, daß es mit mir nicht ganz richtig sei. Es ist ja erst halb sieben."

" Schön, bringen Sie mir meine Sachen! Ich will jetzt aufstehen."

Jawohl, Herr Doktor!"

Er zog sich zurück, um gleich darauf zurückzukehren und mich zu fragen: Entschuldigen Sie, Herr Doktor, fühlen Sie sich vielleicht nicht ganz wohl?"

Zu jeder anderen Zeit hätte ich diese doch sicherlich ganz harmlose Bemerkung lachend mit der Versicherung beant­wortet, daß mir durchaus nichts fehle, an jenem Morgen muß ich aber sehr reizbar gewesen sein, denn die unschuldige Frage des Dieners brachte mich vollkommen außer Fassung. Dummkopf!" fuhr ich ihn heftig an. Muß man denn gleich krank oder verrückt sein, wenn man einmal um 6 Uhr morgens baden will? Bringen Sie mir meine Sachen und sorgen Sie dafür, daß um halb 9 Uhr mein Frühstück be­reit steht.

Das Badezimmer grenzte an mein Schlafzimmer. Ich konnte daher hören, wie Ferguson die Wanne für mich zu­recht machte. Bald kam er auch wieder zurück, um mir zu mel­den, daß das Bad fertig sei, und dann ging er nach der Küche, wahrscheinlich um seiner Frau zu erzählen, in welch' übler Laune ich heute aufgewacht sei.

Durch das Baden schienen sich seine Nerven zu be­ruhigen, und ich fühlte mich wieder in normalem Zustande. Als ich mich, begleitet von meinem Hündchen, zum Aus­gehen anschickte, schien das Unbehagen, in das mich mein Traum versetzt hatte, vollständig geschwunden zu sein, Ich begab mich nach dem Regentspark und machte einen Spazier­gang in demselben. Punkt halb 9 Uhr kehrte ich nach Hause zurück, mein Frühstück stand auf dem Tisch, und ich ver­zehrte es mit Appetit. Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg zu meinen Patienten. Ich war nicht gerade ein sehr gesuchter Arzt wer ist dies wohl überhaupt mit dreißig Jahren? aber neben einer nicht ganz unlohnen­den Praxis hatte ich auch in einem Krankenhause zu tun. Meine Abende verbrachte ich gewöhnlich mit Studieren, und gerade in der letzten Zeit las ich anhaltend und viel.

Als ich nach vollbrachtem Tagewerk des abends wieder in meinem Studierzimmer saß und eifrig über gewisse neue Theorien und Erperimente nachdachte, durch die ich die Wissenschaft bereichern wollte, und die mir zu Ruhm und Ansehen verhelfen sollten, da hatte ich mein Abenteuer der vergangenen Nacht ganz und gar vergessen. Müde und der Ruhe bedürftig ging ich um Mitternacht zu Bett.

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