Ausgabe 
27.2.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 49.

Zweites Blatt.

bonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­fährlich Mr. 1.50.

Settebeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Samstag, den 27. Februar 1904.

Gießener

13. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz O hessen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Reklamen die Betitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88 Fernsprechanschluß Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Sichener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Nord und Süd im Eisenbahntarif.

Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt uns am 24. d. Mts. aus Berlin: Im Anschluß an die gestrige Eisen­bahndebatte, in der die schroffe Stellung Süddeutschlands gegen eine Reichseisenbahn" wieder einmal klar zu Tage trat, hatte ich eine interessante Unterredung mit einem be­tannten Parlamentarier von jenseits der Mainlinie, die eine bisher noch nicht gewürdigte Seite der Frage beleuchtete. Die Abneigung der süddeutschen Politiker gegen einen Zusam­menschluß ihrer Bahnen mit den preußisch- hessischen zu einer Reichseisenbahngemeinschaft, so äußerte sich mein Ge­währsmann die Bähnchenpolitik", wie der sächsische Finanzminister sagte, gründet sich abgesehen von den be­fannten einzelstaatlichen Bestrebungen nicht nur auf den Wunsch, ihren Ländern die Einnahmen aus dem Frachtver­kehr direkt zufließen zu lassen. Sie fühlen instinktiv, daß sie mit dem Anschluß an Preußen etwas verlieren würden, was ihnen bisher ihre Bähnchen" lieb und wert machte: den demokratischen Zug in der Verwaltung. Ich sehe, daß Sie etwas verblüfft sind. Allein, wenn man das Wort Demo­fratie nicht im politischen, sondern im wissenschaftlichen Sinne auffaßt, wird man es als das Prinzip der ausgleichen­den Gerechtigkeit gegen die einzelnen sozialen Klassen an­sehen, und in diesem Sinne gibt es tatsächlich in den Eisen­bahnpreisen ein demokratisches Prinzip. Es gibt eine Tarif­politik, die die oberen Klassen begünstigt, wie es eine solche gibt, die den breiteren Massen des Volkes zu gute kommt. In neuerer Zeit, das muß zugegeben werden, hat der demo­fratische Zug in der preußischen Eisenbahntarispolitik ent­schieden zugenommen. Man sieht das vor allen Dingen aus der Stellung, die die preußische Regierung sowohl unter dem früheren, wie unter dem heutigen Eisenbahnminister gegenüber allen Sonderbegünstigungen einnimmt. Schon bor vier Jahren wurde im preußischen Abgeordnetenhause die Aufhebung der Rundreisehefte, der Rückfahrkarten und äbnlicher Einrichtungen in Aussicht gestellt, um dadurch eine

Mein

Spezial­

Verbilligung des Kilometerpreises herbeizuführen. Die Wir­kung davon wäre denjenigen Klassen zu gute gekommen, die nur selten, und dann wohl nur einer Notwendigkeit folgend, reisen, während das große Heer der Vergnügungsreisenden allerdings nicht mehr die auf Kosten der allgemeinen Fahr­fartenpreise gehabten Annehmlichkeiten genießen könnte. Wenn wir diese beiden Kategorien von Reisenden volkswirt­schaftlich definieren, so stehen sich hier die ärmeren und reicheren Kreise einander gegenüber.

Wenn wir nun die norddeutschen und süddeutschen Tarife nach ihrer Tendenz vergleichen, so wird man zugeben müssen, daß in Süddeutschland der demokratische Zug maßgebendes Prinzip der Tarifpolitik ist. In Norddeutschland beträgt der Einheitssatz für die zweite Klasse 6 und für die dritte Klasse 4 Pfennig pro Kilometer, in Süddeutschland dagegen 5,3 bezw. 3,4 Pfennig. In der ersten Klasse sind in Norddeutsch­land und Süddeutschland sich die Preise gleich. Der süd­deutsche Einheitspreis der beiden unteren Fahrklassen ist also eine Konzession an die breiten Volksschichten. Man sieht diese Tendenz auch wieder am folgenden Bild: In Süddeutsch­land erhöht sich der Preis der zweiten Klasse gegenüber dem­jenigen der dritten um 60 Proz., in Norddeutschland aber bloß um 50 Proz. Also auch hier gibt sich die Tendenz zu erkennen, die wohlhabenderen Klassen schärfer heranzuziehen. Weiterhin beträgt in Norddeutschland der Einheitspreis für den Schnellzug 9 Pfennig, in Süddeutschland 9,1 Pfennig, ebenfalls wieder das Merkmal einer schärferen Belastung der wohlhabenderen Kreise. In Süddeutschland beträgt der Ein­heitspreis für 10 Kilogramm Gepäck 35 Pf., in Norddeutsch­land 50 fg. In Süddeutschland gewährt man den Passa­gieren fein Freigepäck, in Norddeutschland darf aber ein Reisender 25 Kilogramm Gepäck gebührenfrei mit sich führen. Da nur die ärmeren Klassen mit leichtem Gepäck reisen, so bezweckt also auch jene Maßregel eine Belastung der oberen Zehntausend und verfolgt demnach ein demokra­tisches Prinzip in der Tarifpolitik. Wir möchten wünschen, daß man sich in Norddeutschland die süddeutsche Demokratie in der Tarifpolitik" zum Muster nähme.

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[ Graf Ballestrem und die Kazbalgeret.] Craf Ballestrem rügte im Reichstag am 20. Februar den Aus­druck ,, Kazbalgerei" mit den Worten: Hier sind doch keine Kazen." Aber Kazbalgerei hat mit den Streitigkeiten von Kazen nichts zu tun. Kluge, bekanntlich eine der ersten Autoritäten in ethymologischen Dingen, sagt in seinem Wörterbuch über das Wort folgendes: Kazbalgen, schon im 16. Jahrhundert allgemein üblich, daneben im 16. Jahr­hundert miteinander im Kazbalg liegen: wohl eigentlich Bild aus einer Tierfabel, worin Hunde sich um ein gefundenes Kazenfell zanken." Mithin hätte Graf Ballestrem allen­falls sagen können: wir haben hier keine Hunde! Eine zweite Erklärung des Wortes ist die folgende: Kazbalger waren zur Zeit der Lanzknechte Söldner, die, mit zweihändi­gen, langen Schwertern bewaffnet, vor der Lanzenlinie des hellen Haufens kämpften und die Aufgabe hatten, ihren nachfolgenden Leuten in der geschlossenen Lanzenwehr des Feindes Plaz zu machen. Ebenso verfuhr natürlich auch der Gegner. So kam es vor dem allgemeinen Kampfe zu Einzelkämpfen, die durch das Wort Kazbalgerei bezeichnet werden. Der Kazbalger ist ein Mensch, der seinen Balg, d. h. seine Haut billig wie ein Kazenfekauft hat. Da sein Geschäft der Zweikampf war, so ist sich herumhauen übertragenerweise Kazbalgen oder auch balgen genanni

worden.

[ Eine eigenartige Neutralitätserklärung,] die nichts an Kürze und Bündigkeit, aber manches an Höflichkeit zu wün. schen übrig ließ, gab einst ein türkischer Großherr ab, als ihm zur Zeit des siebenjährigen Krieges der Ausbruch der Feind­seligkeiten zwischen Frankreich und Preußen angezeigt wurde. Der französische Gesandte hatte ihm mündlich die Nachricht mitgeteilt. Mit echt orientalischer Gelassenheit entgegnete der Sultan: Mir ist es vollkommen gleich, ob das Schwein den Hund frißt oder der Hund das Schwein!"-- Mittler­meile sind die ,, Beherrscher der Gläubigen" doch etwas liebens­würdiger geworden.

Frühjahrs- Pferdemarkt zu Gießen.

Am Mittwoch, den 16. März 1904, vormittags, findet auf den städtischen Markianlagen nächst der Rodheimerstraße Pferde= markt statt. Für Stallungen in der Nähe des Marktes ist aus­reichend Sorge getragen; wegen derselben wolle man sich an Herrn Hoflohnkutscher Huhu dahier wenden. Auskunft über sonstige Markt­angelegenheiten erteilt Herr Weinhändler Auguft Schwan dahier. Mit dem Pferdemarkt ist eine

Brämiierung

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verbunden, für welche 1585 Mr. zur Verfügung stehen. Prämiierungsplan ist von Herrn Defonomierat Schlenke Hard hof bei Gießen oder von Herrn Weinhändler Schwan- Gießen zu beziehen. Die Breisverteilung erfolgt im Anschluß an die Prämiierung um 122 Uhr. Von 11 Uhr ab Konzert auf dem Marktplay. Omnibusverbindung von dem Bahnhof nach dem Marktplatz und zurück. Am 17. März, nachmittags 2 Uhr, findet in der Turn­Halle der Stadtknabenschule eine

Verlosung

statt von Pferden, Wagen, landwirtschaftlichen Maschinen und Ge­rätschaften, Haushaltungs- und Gebrauchsgegenständen. Der General­vertrieb der Lose á 1 Mark ist dem Herrn Richard Buchacker dahier übertragen.

Gießen, 15. Januar 1904.

Die Städtische Pferdemarktkommission. Jean Kirch, Stadtverordneter.

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