Ausgabe 
27.2.1904 Erstes Blatt
 
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Nr. 49.

Erstes Blatt.

onnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., We Saus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­fährlich Mr. 1.50.

Batisbettagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Samstag, den 27. Februar 1904.

Gießener

13. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Betitzelle für ganz hefsen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 8 Fernsprechanschluß Nr. 362.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Krieg in Oftafien. Immer wieder wissen russische Berichte von erneuten Au­griffen der Japaner auf Port Arthur zu melden, die ohne Berluste auf russischer Seite mit Abweisung der japanischen Flotte geendet hätten. Was an diesen Darstellungen Wahres ist, läßt sich nicht beurteilen, jedenfalls zeigen die immer wiederkehrenden Meldungen, daß die Japaner nicht locker Lassen, um Port Arthur, diesen wichtigsten russischen Stüß. punkt, in ihre Gewalt zu bekommen.

Allerdings werden sie in Port Arthur einen hartnäckiger Biderstand finden, denn die Russen haben jetzt 30 000 Mann darin versammelt, und die Festungswerke sind ungemein stark Ein neuer Umgehungsplan von der Landseite her soll den japanischen Flottenoperationer deshalb zu Hilfe kommen. Aus London wird gemeldet:

Der englische Missionspfarrer Gillespie brachte nach Niutschwang die Nachricht, daß japanische Truppen bei der Possiet- Bai südlich von Wladivostok landeten und auf Huntschun( landeinwärts auf mandschurischem Gebiet) marschierten. Die dortige russische Garnison in Stärke von 600 Mann sei ohne Kampf abgezogen. Die Japaner hätten den Marsch auf Kirin fortgesetzt. In Korea kon­zentrierten sich die russischen Truppen in Andschu, von wo kleinere russische Abteilungen südwärts patrouillieren. Auch in Kasan und Yungju zeigten sich wiederholt russische Vor­truppen.

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Die Meldung wird in der vorliegenden Fassung kaum richtig sein. Nicht auf Kirin werden die Japaner mar­schieren, denn da würden sie in zu gefährliche Nähe der russischen Hauptmacht bei Charbin geraten. Sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach einen Haken südwärts schlagen und sich über Mukden gegen Port Arthur zu konzentrieren.

Die Politik.

Unermüdlich sind unsere lieben englischen Vettern in der ihnen offenbar sehr lieb gewordenen Beschäftigung, Deutschland zu verkleinern und anzuschwärzen. Jezt ver­breiten britische Blätter wieder eine angeblich aus Kapstadt stammende Meldung, die es so hinstellt, als seien die deut­schen Expeditionstruppen in Südwestafrika zur Untätigkeit berurteilt, weil sie keine Pferde hätten. Gewiß macht sich der einstweilige Mangel an Pferden bei den Operationen der Truppen fühlbar; wie untätig" sie aber sind, beweisen die amtlichen deutschen Depeschen über die zahlreichen erfolg­reichen Gefechte mit den Herero. Mit unverkennbarem Be­hagen teilen die englischen Blätter mit, die Herero hätten 50 Kilometer Eisenbahn und eine große Brücke zerstört. Sie bemühten sich, weitere Fortschritte der deutschen Truppen aufzuhalten, bis sie ihr Vieh weggebracht haben. Von deut­scher Seite werde behauptet, die britische Regierung habe Agenten entsandt, um die Herero aufzureizen. Viele Eng­länder seien deshalb festgenommen worden. Diese letzte Nachricht ist leider, möchte man hinzufügen falsch. Darüber, daß die Engländer die Anstifter des Aufstandes gewesen sind, herrscht in Kolonialkreisen kein Zweifel. Selbst­verständlich sind es nicht offizielle Beauftragte der britischen Regierung, sondern britische Händler, die sich als freiwillige Agenten des Londoner Kabinetts fühlen. Hoffentlich tut die deutsche Regierung den britischen Lügenmeldungen nicht erst die unverdiente Ehre eines Dementis an.- Nach einer amtlichen Mitteilung aus Südwestafrika ist der badische Forstpraktikant Dr. Gerber, der angeblich mit dem Redakteur Müllendorff zusammen von den Herero ermordet sein sollte, ebenso wie Müllendorff gerettet.

*

Die große wasserwirtschaftliche Vorlage, von deren Be­standteilen die Vorlage, betr. die Oderregulierung inzwischen schon bekannt geworden ist, wird, wie jetzt mit ziemlicher Sicherheit feststeht, dem preußischen Abgeord­netenhause zu Anfang nächster Woche zugehen. Sobald die Vorlage verteilt ist, wird das Haus an einem bis zwei Tagen die Sibungen ausfallen lassen, um den Mitgliedern Beit zum Studium der Vorlage zu lassen. Dann soll gleich die erste Lesung stattfinden, die naturgemäß mehrere Tage dauern wird. Unter diesen Umständen scheint es ausge schlossen, daß der Etat rechtzeitig bis zum 1. April fertig­gestellt werden könnte.

Auf Anordnung des preußischen Eisenbahnministers werden vom 1. April d. J. ab die Amtsbezeichnungen der weiblichen Postangestellten wie folgt geändert: etatsmäßige Fahrkartenausgeberin" in( etatsmäßige) Eisenbahn­gehilfin; diätarische Fahrkartenausgeberin, Telegra­phistin" oder Abfertigungsbeamtin" in Eisenbahnan­wärterin; Fahrkartenausgeberin, Talegraphistin oder Abfertigungsbeamtin im Probedienst" in Gehilfin im Probedienst; ,, Hilfsfartenausgeberin, Hilfstelegra­phistin oder Abfertigungsgehilfin" in Aushelferin.

Hof und Gesellschaft.

Zur Mittelmeerfahrt des Kaisers wird gemeldet, daß der Kaiser sich am 12. März morgens an Bord des Norddeutschen Lloyddampfers König Albert" in Bremer­haven einschiffen wird. Der Dampfer König Albert" wird auf der Reise voraussichtlich in Antwerpen, Vigo, Gibraltar und Port- Mahon anlaufen und von dort nach Neapel weiter­gehen, woselbst sich der Kaiser an Bord seiner Jacht Hohen­zollern" zu begeben beabsichtigt.

Deutfcher Reichstag.

( 43. Sitzung.) CB, Berlin, 26. Februar. Man mag gegen andere Arbeiten des Reichstags manches auszusetzen haben; keinesfalls aber wäre der Vorwurf be­rechtigt, daß sie im Automobiltempo fortschreiten. Dafür soll dieses aber jetzt zum Objekt der Gesetzgebung durch den Reichstag gemacht werden. Den zweiten Verhandlungs­gegenstand beim Justizetat bildet nämlich die Frage der Vorbeugung und der Haftung bei dem durch Auto­mobile herbeigeführten Personen und Sachschaden. Diese Frage ist vor kurzem bereits in beiden Häusern des preußischen Landtags und auch in anderen parlamentarischen und sonstigen Körperschaften, so im vorigen Jahre vom Suristentag, eingehend erörtert worden. Im Einklang mit den Ergebnissen dieser Verhandlungen hat der Nationallibe­rale Prinz Schönaich- Carol ath Resolutionen einge­bracht, durch welche einheitliche Landesgesetzliche Bestim­mungen gegen das übermäßig schnelle Fahren von Kraft­wagen und eine Haftpflicht der Automobilbefizer gefordert werden. Resolutionen des Zentrums und der Konservativen verfolgen die gleiche

Auf diesen letzteren Ruhmestitel darf der interessante Vortrag, den hier vor einem distinguierten Publikum, zu dem auch König Viktor Emanuel und mehrere Minister zählten, der italienische Leutnant Rosetti hielt, unbedingt Anspruch machen, wenn das, was er mitteilte, stellenweise auch wunderlich genug klang. Rosetti berichtete Authentisches über die sagenumwobene Favoritin des koreanischen Herr­schers, die als die schönste Frau Koreas gilt. Diesen Anspruch gründet sie auf folgende liebreizende Eigenschaften: Sie besitzt einen stark entwickelten Bauch, eine safrangelbe Haut, ein pockennarbiges Gesicht, einige ebenholzfarbige Zähne, borstenartige Haare und eine nach oben gebogene trompeten­förmige Nase. Das ist das Schönheitsideal der Koreaner! Aber Frau Om so heißt die Favoritin fann lesen und schreiben, malt sehr gut, singt wie eine Krähe, spielt eine Art Harfe und ist schlau wie sieben Füchse. Sie stammt aus der Hefe der chinesischen Gesellschaft und war früher nicht biel mehr als eine öffentliche Dirne. Durch einen Minister, den sie zu fesseln wußte, avancierte sie zur Hofdame der Kaiserin. Om brachte zwei Kinder mit und mußte ihre ganze Schlauheit anwenden, um ihre Liebesverhältnisse und ihre unehelichen Kinder vor den zahlreichen Spionen des Hofes zu verbergen. Die Kaiserin war nämlich eine sehr moralische Dame und duldete an ihrer Seite nur Mädchen bon erprobter Tugendhaftigkeit. Om gewann bald die Zu­neigung der Kaiserin und auch die des Kaisers. Schließlich bekam aber die Kaiserin Wind von dem Treiben ihrer Hof­dame, und Om mußte bei Nacht und Nebel die Flucht er­greifen. Sie suchte und fand Zuflucht im Dirnenviertel der Hauptstadt, wo sie ein drittes Kind zur Welt brachte. Nach der Ermordung der Kaiserin kehrte Om, die in einem hohen Beamten einen einflußreichen Beschützer gefunden hatte, an den Hof zurück und wurde die offizielle Favoritin des Kaisers. Seit jener Zeit ist sie von Tag zu Tag mächtiger geworden.

rung einer obligatorisch und ergänzen sie durch die Forde. Sie wurde wieder zur Palastdame ernannt und möchte gern.

Der

Bildung von Haftpflichtgenossen­schaften. Die Antragsteller erkennen durchaus die Bedeutung der Automobile als Verkehrsmittel, besonders in ihrer zu­fünftigen Entwickelung, und die Bedeutung der deutschen Automobilindustrie an, wollen aber dem ein Ende machen, daß sich das Automobil als Herr der Straße fühlt. Staatssekretär des Reichsjustizamts, Dr. Nieberding, erklärte, daß Vorarbeiten im Sinne der Resolutionen in den beteiligten Reichsämtern und Ministerien bereits im Gange jeien. Die dann folgende Debatte bot u. a. das seltene Schau­spiel eines Zusammengehens des sozialdemokratischen Abg. Stadthagen mit der äußersten Rechten. Schließlich wurden sämtliche Resolutionen angenommen. Dann wandte sich die Erörterung zwei Fragen zu, die auf den Handwerker­lagen und auch in den Parlamenten seit langen Jahren schon Gegenstand seither ergebnisloser Verhandlungen sind. Es handelt sich um die Sicherung der Forderungen der Bau­handwerker und um die unbillige Konkurrenz der Zuchthaus und Gefängnisarbeit. Staats­sekretär Nieberding stellte einen Gesezentwurf zur Regelung dieser Frage in Aussicht. Indessen war, was er über den Inhalt dieses Geseßentwurfes in großen Umrissen indeutete, nicht danach angetan, daß man annehmen könnte, der Erlaß werde vom Handwerk begeistert willkommen ge­jeißen werden.

Preufsifcher Landtag.

Haus der Abgeordneten.

( 28. Sigung.) RK. Berlin, 26. Februar. Die Weiterberatung des Justiza mts brachte auch heute keine sonderlich aufregenden Momente. Die Debatte brachte lediglich eine Nachlese der Erörterungen vom Tage zuvor über den Streitfall Dr. Barth- Kösliner Staats­anwaltschaft und einige lokale Klagen und Wünsche. Für die Verbesserung einzelner Beamtenkategorien, besonders bei den Oberlandesgerichten, traten die Abgg. Faltin( 3entr.), b. Buddenbrock( kons.), Werner( Antis.) und Goldschmidt( freis. Vp.) entschieden ein. Der Juſtiz­minister Schönstedt sagte Prüfung der meisten vorge­brachten Wünsche zu.

Intimes aus Korea.

Rom, 26. Februar. Korea oder, wie seine Einwohner selbst es nennen, das Land der Morgenruhe", ist durch die russische Note, in der gegen Japans Vorgehen dort geharnischter Protest eingelegt und die koreanische Unabhängigkeit und Integrität als eine Forderung des Völkerrechts proklamiert wird, in den Vor­dergrund des Interesses gerückt. Mag man über die Rechts­frage denken, wie man will, zu gönnen wäre es den Koreanern, wenn ihr Land aus dem Schlummer, im dem es nicht nur am Morgen, sondern Tag und Nacht ruht, durch fremden Einfluß, sei es nun japanischer oder russischer, end­lich einmal geweckt würde. Denn rückständig ist man in Korea in einem Grade, daß manche Schilderungen dortiger Verhältnisse geeignet sind, bei Europäern ungläubiges Kopf­schütteln zu erregen, selbst wenn sie noch so streng bei der Wahrheit bleiben.

ihren jüngsten Sohn zum rechtmäßigen koreanischen Thron­erben proflamieren lassen. Die Japaner werden ihr jetzt wohl einen Strich durch die Rechnung machen.

Recht amüsant war die Schilderung, die der Vortragende von dem koreanischen Finanzminister Yi- Yong- It gab. Yi­Yong-, dessen Sturz und Verhaftung neulich gemeldet wurde, war nicht nur Herr der Finanzen, sondern auch Reiter­oberſt, Kommandant der kaiserlichen Garde, Direktor der Münze und der Regierungsdruckerei, Hüter des kaiserlichen Schazes, Direktor der Verwaltung des Ginseng- Monopols ( Ginsengwurzel ist eine angeblich heilkräftige Pflanze, die in China, Japan und Korea hoch im Preise steht), erster Präsident des obersten Gerichtshofes 2c. Er war ein wahres Finanzgenie. Einmal hatte der Finanzminister einige hunderttausend Dol­lars zu zahlen. Da in seiner Kasse gerade Ebbe war, ging er einfach in die Regierungsdruckerei, ließ eine dem Schuld­betrage entsprechende Anzahl 1 Dollar- Briefmarken drucken und schickte sie an den Postminister mit dem Ersuchen, sofort den Betrag für diese neue Markenemission einzusenden. Der Postminister schickte jedoch die Marken mit wendender Post zu­rück und richtete an den Kollegen von den Finanzen die höf­liche Anfrage, ob er vielleicht verrückt geworden sei. Darüber geriet nun der Finanzminister wirklich aus dem Häuschen und verlangte die sofortige Hinrichtung des Poſtministers. Der Kaiser war aber nicht so blutgierig, und der Postminister durfte nicht nur den Kopf, sondern sogar sein Amt behalten. Yi- Yong- F's schönster Traum war die Gründung einer ko­reanischen Nationalbank. Es ist zwar kein Kapital im Lande, aber das kümmerte ihn wenig; Papier ist ja in Hülle und Fülle da, und wenn man nur Papier hat, kann man zu jeder Tageszeit Banknoten machen und allen Verpflichtungen nach­kommen. Vi- Yong- If hoffte noch immer durch die Papier­geldfabrikation im großen Korea zum reichsten Lande der Welt zu machen; er wunderte sich nur, daß noch kein europäi­scher Finanzminister diesen genialen Einfall gehabt hat. Nun hat die japanische Invasion diesen glänzenden Aussichten für Korea ein jähes Ende bereitet. Hi- Yong- It wird seine großen Reformpläne" in seinem klugen Kopfe still begraben issen, notabene, wenn er diesen noch auf seinen Schultern trägt und der Henfer ihn dem in Ungnade Gefallenen nicht bor die Füße gelegt hat.

Nab und Fern.

Die geschiedene Prinzessin von Schönburg- Waldenburg, Mice von Bourbon, wird ihrem Bruder Don Jaime auf den Kriegsschauplatz folgen. Sie wird sich als Krankenpflegerin dem russischen Roten Kreuz anschließen.

Kampf zwischen ungarischen Gendarmen und serbischen Deserteuren. Seit der letzten serbischen Revolution sind die Desertionen serbischer Soldaten auf südungarisches Gebiet fast an der Tagesordnung. Dieser Tage kamen wieder drei Soldaten über die Donau und trieben sich in der Gegend bon Palanka herum, wo sie in einem Heuschober übernach teten. Sie begannen, da ihre Mittel zu Ende waren, ein lustiges Räuberhandwerk und plünderten die Leute aus, die vorüberkamen. Vier Gendarmen trafen sie in einem Heu­schober, wo sie eben die Beute verteilt hatten. Die drei Deserteure begannen auf die Gendarmen zu schießen, die Gendarmen feuerten gleichfalls zweimal und trafen einen der Näuber. Sie wollten die beiden anderen fesseln, einer von