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mein Geschäft gesteckt hatte, doch mein Vermögen wurde dadurch sehr beeinträchtigt, und ich mußte alle möglichen Versuche machen, um mich durchzuwinden. Jetzt, da ich von dieser Last befreit bin, kann ich mir eine Fabrik errichten und brauche nicht mit den Vermittlern und Zwischenhändlern zu arbeiten. Das ist ein Verdienst von 20 Prozent, das heißt, der Wohlstand für uns und eine goldene Zukunft für unsere fleine Luise."
,, Die liebe Kleine! Ich habe meiner armen Mutter die goldene Kette mit der silbernen Medaille vom Hals genommen, die sie so sehr liebte, und von der sie sich in ihrem Leben nie getrennt hat. Ich habe sie in eine fleine Büchse gelegt und auf den Kamin gestellt; unser Kind soll sie als teures Andenken an ihre liebe Großmutter tragen."
Es trat eine Pause ein, in der die alte Dame unbeweglich dastand; denn aus Furcht, die Diele könnte durch Knarren ihre Anwesenheit verraten, wagte sie feinen Schritt zu tun. Die vom Fenster kommende Luft erschien ihr jetzt wie ein eisiger Winterhauch; sie atmete, als hätte jedes Wort ihr das Herz gebrochen. Dann hörte sie, wie die beiden auf sich zutraten, und wieder sagte eine Stimme:
,, Nein, nein, gehe nicht hinein. Du würdest dich zu sehr Totenschein ausstellen. Ich werde dich für zwei lieben, mein aufregen; außerdem wird der Arzt gleich kommen und den Herz."
müden Stimme: Sie umarmten sich, und die junge Frau seufzte mit ihrer
Arme Mama.. du hast recht, für sie und für uns ist es besser!"
III.
Sie entfernten sich. Madame Bremieur blieb entsetzt stehen, als hätte sich vor ihr in der Diele das schwarze Loch eines Grabes geöffnet; es war ihr, als ströme alles Blut ihres Herzens durch einen breiten Riß zur Erde, und sie schluchzte.
mein Gott, o mein Gott, wie sie alles vergessen haben, wie schnell sie sich trösten... Ja, bin ich denn seit Jahren und Jahren tot?"
Da packte sie der Schwindel von neuem, und sie fühlte eine entsetzliche Leere um sich her. Dann benutzte sie den letzten Rest von Scharfsinn und Energie, nahm die Kette weißen Lippen: ab, legte sie in die Schachtel und murmelte leise mit ihren
Ich hätte sie so gerne ins Grab mitgenommen, doch sie wollen es nicht; meine kleine Enkelin soll sie haben...
Mit dem Finger hielt sie wieder den Zeiger der Uhr_an, ging zum Fenster und schloß es geräuschlos. Schwankend ergriff sie die brennende Kerze und zündete mit zitternder Hand auch alle übrigen wieder an. Sie wollte auch die Blumen und Kränze wieder um das Bett legen, doch dazu hatte sie keine Zeit mehr; der Schwindel wurde stärker, die Kräfte verließen sie, und sie konnte nur mühsam wieder zum Bette gehen und sich darauf ausstrecken.
Als sie wieder dalag, ging ihre Bruſt keuchend auf und nieder, und von neuem preßte ihr der Eisenring die Schläfen ein.
Der Duft der Blumen betäubte sie, und doch bemühte sie sich, sie mit vollem Munde einzuatmen, denn sie dachte noch jezt in der Qual und dem Dunkel der nahenden Ohnmacht: „ Es ist besser Meine Tochter hat ja gesagt, es ist besser, wenn ich sterbe Ich bin ja auch dazu bereit. ich habe auch schon die Totentoilette; auch das Herz einer Toten habe ich. Es schlägt fast gar nicht mehr.: Der Arzt kann in jeder Minute kommen, dann darf ich nicht mehr am Leben sein.... Ach, wenn er mich nicht wieder auf: vect Wenn er mich nur nicht wieder aufweckt
Sie haben mir zu weh getan.... zu weh!... Nach diesem Schmerze wird es mir nicht allzu schwer fallen, jetzt wieder 3lt sterben."
Die Worte erstarben auf ihrem Munde, eine heftige Kälte überfiel sie, sie schloß die Augen und schlief ein.
IV.
dan Schwiegersohn und sagte: Als der Arzt den Tod konstatiert hatte, wandte er sich zu
vor dem Tode wohl noch viel geweint?" Ihre bleichen Wangen leuchten noch von Tränen, sie hat
seit seiner Worte fest überzeugt: Verwundert versicherte der Schwiegersohn, von der Wahr
Ach nein, das nicht, sie ist ja ohne Bewußtsein gestorben, clitten hat sie nicht.“
EINST UND JETZT
Die Pendule als Kriegsbeuke. Heute noch ist es den Deutschen nicht klar, warum die Franzosen den deutschen Soldaten den Diebstahl von Standuhren, sogenannten Pendulen, nachreden. Durch Originalität zeichnen sich die heutigen Franzosen durchaus nicht aus; wie Napoleon III. seinen Oheim, Gambetta die Revolutionsmänner von 1793 zu kopieren strebte, so sind auch die alten Witze aus der ersten Invasion hervorgezogen und neu in Scene gesetzt worden. Als die Kosaken 1814 nach Frankreich kamen, sagte man ihnen nach, sie hätten Pendulen an ihren Sattelknöpfen mit sich geführt, wie man dies in ErkmannChatrian's Roman Waterloo" nachschlagen kanu. In die Rolle der Kosaken von damals sind 1870,71 die Deutschen eingefügt worden.
Der Witz der Sache liegt nach französischer Anschauung in Folgendem: Die Pendule gilt den Mitgliedern der großen Nation als die Krone und Spitze der Zivilisation und der Gegensak zwischen dem deutschen Barbaren und seiner ursprünglichen Wildheit und dem Besitze einer so raffinirten Einrichtung, wie die Pendule, ist für sie von großem Effekte. Daneben soll damit, außer Raublust und Barbarei der Deutschen, auch noch ihre naive Beschränktheit gezeichnet werden, die nach Dingen greift, von deren Wesen und Bedeutung sie keinen Begriff hat und die sich durch die Vergoldung um die Bronze zum Glauben verleiten läßt einen Goldklumpen aus dem reichen Frankreich in die nordischen Hütten schleppen zu können. Die Plünderung von Pendulen charakterisiert nach französischer Auffassung nicht allein unsere Raublust und Barbarei, sondern auch unsere naive Dummheit.
Bunte Blätter.
Kaltblütig. Während der Belagerung von Konstantine stand General Carnot( der Großvater des ehemaligen Präsidenten von Frankreich), von seinen Adjutanten umgeben auf einer kleinen Anhöhe. Während des Bombardements auf beiden Seiten wondte sich der Beschlshaber an den zu seiner Linken stehenden Leutenant und verlangte eine Prise Tabak. Eben war der Angeredete im Begriff, dem General die Dose zu reichen, als er, von einer Kanonenkugel getroffen, tot zu Boden stürzte. Vollkommen ruhig drehte sich Carnot auf die andere Seite und sagte zu dem rechts stehenden Difizier:" So geben Sie mir die Prise, nachdem Ihr Kamerad seine Dose eben mit sich genommen hat!"
Höfische Rangordnung. Während der Regierung Ludwigs XIII. hatte der Sänger Chassé, ein Edelmann aus der Bretagne, viel Glück bei den Damen und erlebte die romantischsten Abenteuer. Eine vornehme Französin und eine Polin hatten sogar seinetwegen einen regelrechten Zweikampf im Boulogner Hölzchen; sie mußten dafür im Kloster und durch Verbannung büßen. Dem Sänger aber ließ der König durch den Kardinal Richelieu befehlen: seine Verführungskünste einzustellen. ,, Was kann ich dafür", erwiderte der aufgeblasene Geck,„ daß ich der liebenswürdigste Mann im Königreiche bin?!"- Unverschämter Schuft!" wütete Richelieu; ,, wie kannst Du Dich solcher Behauptung erfrechen? Erst kommt der König, dann ich, und Du bist günstigsten Falls erst der Dritte in der Reihe!"
Newyorker Hafenpolizei. Die nordamerikanische Weltstadt bereitet der Polizei ebenso große Schwierigkeiten zu Wasser, wie zu Lande. Zahlreich sind die Verbrecher hier wie da, zu Lande finden sie Schutz in den Kellern und Spelunken, in dem weitausgedehnten Hafen aber wimmelt es von Schiffen, zwischen denen die kleinen Boote der Einbrecher, Schmuggler und Mordgesellen fich leicht verbergen können. Die Hafenpolizei muß sehr scharfe Augen haben, um bei Nacht diese Verbrecher von harmlosen Schiffsleuten zu unterscheiden. Ein rascher Dampfer:„ Patrol", die Patrouille oder Patrolle, sowie eine Anzahl kleiner Boote ( Police boats) stehen ihr zur Verfügung und sind der Schrecken aller Wasserpiraten. Die kleinen Boote sind nur mit einem Ruderer und einem Polizeibeamten bemannt und flitzen immer im Hafen umher, jeden Schlupfwinkel zwischen den vor Anker liegenden großen Fahrzeugen durchsuchend. Erbarmen finden die Piraten nicht, da sonst kein mit Gütern beladenes Schiff und tein bei Nacht vom Lande an Bord zurückkehrender Seemann vor ihren verwegenen Angriffen sicher sein würde.
Nr. 19.
Dienstag, den 26. Januar
1904
Oberbessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
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Gießener Neueste Nachrichten.
nd und Gerlag der Siebener Berlagsbruderet, vorm. With Keller'sche Buchbruceret( gegs. 1729); nerast
Der Beuge.
Roman von Marie Bernhard.
103
( 16. Fortsetzung.)
Hilda Ermshagen, in ihrem weißen, gestickten Musselinkleide, das ihren schönen Nacken und die fein gerundeten Arme hervorschimmern ließ, saß an ihrem Piano und warf achtlos die Noten durcheinander. Es hatte sich bisher noch nie so gemacht, daß sie hätte mit Hellmut Norden musi zieren können, man sah einander überhaupt beinahe nur während der zwei gemeinsamen Mahlzeiten, dem Diner im Speisesaal und dem späten Souper, das man gewöhnlich bei diefen milden Abenden in der luftigen, glasbedeckten Vorhalle, im Licht der Schirmlampen, einzunehmen pflegte.
Die Herren waren enorm beschäftigt, es gab jezt, während des Frühjahrs, stets für die Kaufleute in Yokohama eine erhöhte Tätigkeit, das hatte ihr Bruder ihr in entschuldigendem Tone gesagt und hinzugefügt, er bedaure es sehr, sie so oft allein lassen zu müssen, indessen sei es wohl nur natürlich, daß seine Einführung in ein so weitverzweig tes Geschäft, die verantwortliche Stellung, die er in demjelben einzunehmen berufen sei, für die beiden Herren Norden, sowie für ihn selbst, den vollen Aufwand von Arbeitskraft im Gefolge hätte. Walter hatte dann einige bei fällige Aeußerungen über die genannten beiden Herren an diese Bemerkung geknüpft, er hatte Norden senior geradezu ein kaufmännisches Genie genannt, einen Mann, von dem man enorm profitieren könne, der Junior zeige gleichfalls viel Begabung, sei gut eingearbeitet und keineswegs bequem oder unpünktlich, ihm werde aber auch alles merkwürdig leicht gemacht, denn im persönlichen Verkehr zum Beispiel ihin von selbst zu. brauche er bloß mit den Augen zu winken, und alles fliege
Ja, Hilda mußte das glauben! Aber jedesmal, wenn Hellmuts sonnige Augen vor ihrem inneren Gesicht auf tauchten, suchte sie den Eindruck möglichst rasch zu über winden, es ſträubte sich etwas in ihr, den Mann, der allen unwiderstehlich sein sollte, auch auf sich selbst diese Wirfung äußern zu lassen.
Sie hatte noch so wenig von Yokohama und seiner näheren Umgebung gesehen. Einmal war das Wetter zu Anfang nicht günstig gewesen, und dann konnte sie, eine junge Dame, nicht gut allein auf Entdeckungsreisen ausgehen. Von den Herren aber hatte keiner Zeit, sie zu begleiten. Hellmut hatte dies mit einem sehr ausdrucksvollen Blick bedauert, sein Vater hatte ruhig darauf erwidert, Fräulein Ermshagen sei sicher viel zu klug, um nicht den Verhältnissen Rechnung zu tragen und den Zeitpunkt abzuwarten, da die Herren sich die Belohnung ihrer eifrigen Arbeit ausbitten vürden, die darin bestände, daß man ihr so viel von Japan zeige, als es irgend tunlich sei.
Das hatte sehr höflich geklungen, und ausgesucht höf: lich war Norden senior immer, sowohl gegen Hilda, als auch Jegen deren Bruder! Die junge Dame nannte sich selbst nnerlich findisch, daß sie sich immer wieder auf einem Geühltiefinnerlicher, unerklärlicher Antipathie ertappte, ſobald sie an den älteren Herrn Norden dachte. Sie war nicht gesonnen, sich diese unflare Gefühlsaufwallung unge straft hingehen zu lassen, sie pflegte sonst sehr bestimmte
( Nachdruck verboten.
Gründe für ihre Zu oder Abneigungen zu haben, und hier fand sie feine, aber bis jetzt, sie wußte es deutlich, war es ihr noch nicht gelungen, mit dem Gefühl einer seltsamen Beklommenheit, die sich ihr jedesmal aufs Herz legte, sowie sie längere Zeit mit dem Chef ihres Bruders zusammen war, fertig zu werden. Von rechtswegen hätte ihr gerade an diesem Mann alles gefallen müssen, sein glänzender, ehrenvoller Ruf in der kaufmännischen Welt, die strenge Rechtlichkeit, die jeder an ihm rühmte, seine guten Manieren, seine innige Liebe zu dem Sohn, die für Hildas feine Beobachtung deutlich gleich in der ersten Zeit zutage getreten war, und doch mußte sie sich zwingen, auf den unbefangenen Verkehrston, den der ältere Herr ihr, dem jungen Mädchen, gegenüber anschlug, einzugehen und sich an den limgang mit ihm zu gewöhnen Das würde sich geben, und das mußte sich geben, ohne allen Zweifel, aber es war ihr überhaupt wunderlich zu Sinn in diesem Yokohama. Heimweh konnte sie es nicht nennen, das unbestimmte, sehnsüchtige Gefühl, das oft wie eine weiche, unwiderstehliche Welle ihr ganzes Herz überflutete, hatte sie doch nie eine eigentliche Heimat gehabt! Weder in London, noch in San Franzisko oder Hamburg hatte sie sich so schwer in die Verhältnisse hinein gefunden, dort hatte sich alles so klar und selbstverständlich geordnet, es mußte das Fremdartige der Tropen sein, was sich ihr so beängstigend um die Seele legte und doch hätte sie nicht von Japan fort mögen!
Nein, keine große Arie, überhaupt keine Noten! Ihre Hände warfen die Hefte, welche sie gefaßt hatten, beiseite und improviſierten ein kleines Vorspiel auf den Tasten, es klang traurig und bang, wie der Ruf eines vereinsamten Herzens. Nun kam die Stimme dazu, die dunkle, leidenschaftliche Altſtimme, und ein schlichtes Volksliedchen wars, das sie sang.
Wenn ich ein Vöglein wär' Und auch zwei Flügel hätt', Flög' ich zu dir"-
Wer Hilda Ermshagen das singen hörte, nimmermehr hätte der sie für eine Amerikanerin gehalten; so singen nur die deutschen Mädchen!
,, Kein' Stund' in der Nacht,
Da nicht mein Herz erwacht,- An dich gedenkt
Hinter dem Türvorhang stand ein Mann und lauschte mit zurückgehaltenem Atem. Er hatte Nell, die ihn anmelden wollte, mit einer sehr unzweideutigen Bewegung zurückgewiesen, und nun war er allein geblieben und hörte sie.
Hellmut Norden hatte von sich gesagt, er sei fein ganz schlechter Dilettant auf dem Piano: er war aber mehr als das, er spielte mit guter Technik und mit einer ganz be merkenswerten eigenen Auffassung; von seiner Mutter hatte er die Begabung für die Musik und die enthusiastische Vorliebe dafür geerbt. So viel Zeit er irgend hatte erübrigen können, hatte er auf das Studium seiner geliebten Ton
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