Basel
AM
HÄUSLICHEN
HERD
Leben heißt tätig sein; wer viel schläft, lebt wenig.
Wer viel von seiner Pflicht redet, tut leicht wenig dafür. Wer die Zeit nicht gut benutzt, bestiehlt sich selbst.
Blumen und Parfüms.
!
Kleine Blumen, fleine Blätter Streuen mit leichter Hand Gute, junge Frühlingsgötter Tändelnd auf ein luftig Band. Der zarteste Schmuck für Mädchen und junge Frauen sind Blumen. Eine einzelne Blüte, ein paar Knospen, Apfelblüten, Margueriten, Kornblumen oder die immer passende Rose bleiben stets das Kleidsamste. Was künstliche Blumen anbetrifft, so müssen sie selbstverständlich bezüglich ihrer Farben biel sorgfältiger ausgewählt werden als natürliche, weil bei diesen Farbennuancen zarter und feiner abgetönt sind und sie sich deshalb leicht jeder Toilette anpassen, was bei künstlichen Blumen nicht immer der Fall ist. Sparsamkeit beim Einkauf von künstlichen Blumen ist daher nicht am Play. Nicht unwichtig ist die Wahl der Blumen in bezug auf das Alter. Für eine junge Frau sind Blumen von leuchtenden Farben und vollen Formen, sowie alle Arten Rosen am geeignetsten, während der Flieder, die Malwen und Astern für reifere Jahre passen. Für junge Mädchen bieten Vergißmeinnicht, Feldwinden, Rosenknospen, Maiglöckchen und alle Arten von Ranken und Frühlingsblumen den paſſendſten und schönsten Schmuck.
Von den Blumen zu den Wohlgerüchen ist der Uebergang nicht schwer. Hängen sie doch beide eng zusammen und wie fast jede Dame ihre Lieblingsblume hat, so pflegt sie auch ihr Lieblingsparfüm zu besitzen. Es ist unnötig, die Namen der Parfüms aufzuzählen, welche salonfähig sind, diese erfährt man in jedem Geschäft, das dieselben führt. Nur darauf soll aufmerksam gemacht werden, daß es eine schlechte Wirtung hervorbringt, wenn jemand sein Taschentuch mit einem Wohlgeruch gleichsam begossen hat, während die übrigen Kleidungsstücke davon keine Spur haben. Um daher einen gleichmäßigen zarten Duft hervorzubringen, ist es am besten, wenn man verschiedene Riechkissen( sachets) sowohl in den Wäscheschrank, wie auch in den Kleiderschrank legt und zwar von ein und demselben Parfum; auch Taschentücher und Handschuhe lege man auf ein solches Kissen. Daß alle strengen Gerüche, wie Moschus, Patschouli u. s. w. zu vermeiden sind, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Eau de Cologne ist kein eigentliches Parfüm für Kleidung, da es nicht haftet, es bleibt aber der angenehmste und kräftigste Wohlgeruch.
Küche und Keller.
Saurer Schweinebraten. Man schneidet von der Keule, welche sich hierzu am besten eignet, die Schwarte ab und ebenfalls einen Teil des Fettes, legt sie mit Zwiebelscheiben, Gewürz, Lorbeerblättern und Wachholderbeeren, sowie etwas Salbei, Thymian und Basilicum in einen großen Napf, bestreut sie mit Salz, gießt abgekochten und ausgekühlten nicht zu scharfen Essig darüber und läßt sie mehrere Tage in dieser Marinade liegen, wobei man sie täglich zweimal umwendet. Bei der Zubereitung legt man das Fleisch in die Pfanne, gießt einen Teil der Marinade nebst etwas Wasser darunter und brät sie einige Stunden unter Begießen im heißen Ofen. Wenn sie weich ist, bestreut man sie mit seingestoßener Semmel oder Zwieback, der mit ganz wenig Zucker und einer Prise gestoßenen Nelken vermischt ist, bräunt sie im Ofen, rührt den Bratensaft mit etwas siedendem Wasser von der Pfanne los, gießt die Sauce durch, entfettet sie und verdickt sie nach Belieben mit etwas Meyl. Man reicht Sauerkraut und Kartoffeln dazu, oder Salat.
Schüssel- Eier.( Eine füße Spetje welche sich rasa beretten läßt.) Man verrührt Liter Milch mit fünf ganzen Eiern, etwas Vanille, Zucker und etwas Arat recht gut, läßt es dann furze Zeit stehen, damit sich die Blasen sezen. Dann streicht man eine Porzellanschüssel mit Butter aus, gießt das Abgerührte hinein, taucht sechs Stück Zwieback in Milch, läßt sie aber nicht weich werden, legt sie darauf herum, bäckt es eine Viertelstunde im heißen Ofen und gibt die Speise mit Zucker und Zimmt bestreut zu Tisch.
Praktische Winke.
Moos zu färben. Will man sich für den Winter Moos färben, um es für Fenster, Blumenkörbe u. s. w. verwenden zu können, so tut man 30 Gramm Alaun, 15 Gramm aufgelöstes Indigokarmin in 1/4 Liter kochendes Wasser. Man taucht das Moos hinein, gießt die Flüssigkeit ab und trocknet das Moos an einem luftigen schattigen Play. Will man das Grün recht hell haben, so muß man der Flüssigkeit mehr oder weniger Pikrinsäure zusetzen.
Am Toilettentisch.
Selbstfrisieren. Im Geheimen wird wohl in manchem Frauenköpfchen schon der Wunsch gehegt worden sein, sich so oder so frisieren zu können, wie sie dies bei dieser oder jener Dame zu bewundern Gelegenheit hatte. Und gar nicht schwer ist das, wenn man die nötigen Wege weiß und die notwendigen Behelfe dazu hat. Man braucht eine, allerdings von fachkundiger Hand ondulierte und geformte Einlage aus Haaren, die nicht sehr kostspielig ist und mit deren Hilfe man seinem Haar die gewünschte Form im Nu geben kann. Man kämmt das abgeteilte Vorderhaar herunter, befestigt die Einlage leicht und legt das Haar leicht darüber. Die Einlage wird sich nicht nur gar nicht merklich machen, weil sie aus ganz gleichfarbigen Haaren gemacht ist, sondern sie wird dem Haar Gestalt und Façon geben, ohne ſpürbar zu ſein, denn sie ist federleicht. Das Haar hält auf diese Art sehr lange und wenn es noch so empfindsam iſt.
Die Speisekammer.
Beim Mieten einer neuen Wohnung sollte man stets darauf achten, daß die Speisekammer und Küche nach Norden oder Osten liegen. Besonders wichtig ist diese Lage für die Speisekammer, denn ist sie nach Süden gelegen, so ist es in den Sommermonaten unmöglich, Vorräte von Lebensmitteln anzukaufen, indem Fleischwaren, Butter, Fett, Eier u. s. w. in kürzester Zeit verderben und der wesentliche Vorteil, welcher beim Ankauf größerer Vorräte dem Haushalt zufließt, geht verloren. Wer eine Speisekammer hat, welche den halben Tag der heißen Sonne ausgesezt ist, braucht unbedingt einen Eisschrank und die Ausgaben für das Eis sind für eine Hausfrau, welche genau zu wirtſchaften hat, keine geringen. Liegt der Raum hingegen nach Norden und hat man einen trocknen tiefliegenden Keller, so können diese Ausgaben gespart werden. Zum Aufbewahren zubereiteter Speisen und solcher Vorräte an die sich gern Ungeziefer segt, welche aber doch Luftzutritt erfordern, sind Schränke oder Behälter, deren Türen nur aus Rahmen bestehen, welche mit Fliegengitter versehen sind, sehr zu empfehlen und da man sie in verschiedenen Größen und Formen faufen kann, lassen sie sich leicht in jeder, auch der fleinsten Speisekammer anbringen. Solche Schränkchen lassen sich überdies mit einiger Geschicklichkeit leicht herstellen. Man nimmt ein leichtes, nicht zu fleines längliches Kiſtchen, ſtellt es der Länge nach auf, fertigt aus dem Deckel desselben eine Abteilung hinein, sodaß man zwei Fächer hat und bringt eine Türe an, welche aus einem Holzrahmen besteht, welchen man mit Fliegengitter versieht. Der Holzrahmen, welcher genau vor das Kistchen passen muß, kann bei jedem Tischler bestellt werden. Die Türe verbindet man an einer Seite mit zwei Scharnieren, welche mit sechs Schräubchen an Kiste und Türe befestigt werden, während sich die andere Seite leicht mit einem Ring schließen läßt, welchen man in einem fleinen Hafen einhängt, der an der Teiste angebracht ist. In den Seitenwänden des Kitchens macht man zwei Lufilöcher, welche innen mit Fliegengitter versehen werden.
Nr. 91.
Montag, den 25. April.
1904.
Oberbessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
der
Gießener Neueste Nachrichten.
Band nu Berlag ber Gießener Berlagsbenderet, vorm. With. Rellerfde Budbruderet( gegs. 1789); vecento: In leis
Iwan der
Schreckliche.
Original- Ronan von Hans Hoffmann.
Erstes Kapitel.
Das neue Schuljahr nahm acht Tage nach Oſtern ſeinen Anfang.
Wie die Kraniche, ihr Klaglied singend, ziehn"
so wälzien sich die Gymnasiasten von Stolpenburg in endlasen Reihen heran, alle in jener trostlosen Stimmung_unbestimmter Gewissensangst, wie sie nach den Ferien auch des redlichsten Schälers Brust beklemmt, nachdem die von hundert jungen Herzen liebevoll gepflegte Hoffnung wieder einmal zu schanden gevorden geworden ist, die Hoffnung, es möchte noch in der lezten Nacht dus Gymnasialgebäude ein Raub der sein, oder mindestens werde durch den Ausbruch der Cholera, Flammen oder ber Direktor eine Beute jähen Todes geworden der Pest oder des schwarzen Todes, durch einen tropischen Cylon, ein ungeheueres Erdbeben, die plögliche Erhebung einee feuerſpeienden Verges mitten auf dem Marktplatz oder ein ähnliches Ereignis von öffentlichem Interesse der Beginn des Unterrichts noch um einige Tage verzögert werden.
Auch diesmal war nichts dergleichen geschehen; die breite Tür des Gynasiums war höhnisch aufgesperrt, und nicht das räume entgegen. fleinste Hindernis stand dem freien Eintritt in die Klaſſen
Da waren sie wieder, die kahlen, graugetünchten Wände, die großen Fenster mit den kleinen Scheiben, die schwarze Tafel, das dräuende Katheder, die nüchtern hingereckten Tische; selbst der einzige Schmuck der letzteren, die kunstvoll eingeschnittenen Buchstaben, flammende oder durchbohrte Herzen und andere Sinnbilder früher Seelenzartheit waren durch brutales Ueberstreichen mit dicker brauner Farbe wieder zerstört worden, und es bedurfte zu ihrer WiederHerstellung voraussichtlich der mühevollen Arbeit mancher Religions- und Mathematikstunde.
Wie alle Untertertien stand auch die von Stolpenburg in dem Ruf namenloser Verworfenheit, und wie alle Untertertien auch diese mit gutem Grunde. Heute war freilich noch nichts von ihrer sonstigen Furchtbarkeit zu spüren; stumm und verdrossen saßen die wilden Scharen schon lange vor dem verhaßten Glockenton jeglicher auf seinem Plaze, nur ein schauerliches Gähnen unterbrach häufig die schwüle Stille, manchmal auch wohl ein eigentümlicher, ſcharf klatschender Doppelschlag, der für kundige Ohren das Austeilen und Wiederempfangen einer nachbarlichen Ohrfeige bezeichnete. Doch die Grundstimmung der Klasse war trübe und friedlich, überaus friedlich. Die meisten hatten die Köpfe tief in ihre Lehrbücher versenft; einige ganz verzweifelte Charaktere aber hatten jede Hoffnung draußen gelassen, ihre Bücher entschlossen zugeklappt und ſtarrten blödsinnig in den regengrauen Morgenhimmel.
Da kam noch ein Halbverspäteter hereingeschossen, und ſeine Stimme klang hell und derb in die allgemeine Dumpfheit:
„ Au, Jungens, der Neue iſt draußen! Ich hab' ihn ge sehen! Und wir kriegen jetzt gleich die erste Stunde bei ihm! Ich weiß es von dem Primaner Buzke, der mein Freund ist!"
( Nachdruck verboten.) Das wirfte wie ein Trompetenstoß quf alte Strettroffe. ,, Wer? Wie heißt ar?-- Mie fteht er aus?- Wat friegen wir bei ihm?" schrte es durcheinander.
Wie er heißt, weiß ich nicht, aber Mathematif gibt er natürlich," antwortete der junge Wissende mit ganzer Ueber legenheit.
,, Donnerwetter, wie steht er aus?"
„ Eflig," sagte jener kleinlaut, sehr eflig!"
Auf diese knappe Personalbeschreibung hin schien die Stimmung wieder eine äußerst flaue werden zu wollen, als plößlich aus dem Hintergrunde, wo die gefürchtetsten und bestraftesten Individuen hausten, eine entschlossene Stimme sich vernehmen ließ:
Na, Kinder, dem wollen wir's zeigen!"
Dieser bescheidene Schlachtruf hob die Stimmung wieder mit überraschender Schnelligkeit.
Von allen Seiten klangen fröhliche Zurufe: „ Na, natürlich!— Das wollen wir auch!— Ei weih!-- Mit dem wollen wir schon fertig werden! Was will der? Bloß so'n Mathematiker!- Der soll nicht mucken!"
Wißt ihr was, Kinder?" gellte eine herrschende Stimme durch das allgemeine Brausen.„ Die letzte Bank fängt an zu trommeln, sowie er frech wird, und wenn er dahin läuft, legt die erste los, und dann
Ach was, alle Bänke zugleich," schrie ein anderer, das fluscht besser. Daß ihm gleich Hören und Sehen vergeht!" „ Ach, die da vorn sind ja doch gemein und drücken sich!" scholl es hinten aus der Verbrechergegend.
" Wer gemein ist, wird verhauen!" war die prompte Antwort.
„ Und wer petzt"
„ Na, so gemein ist doch keiner! Und wir würden ihn auch zu Mus feilen!"
" Famos, Jungens! Also paßt auf: wenn ich meinen Federkasten vom Tisch fallen lasse, geht's los!" Das war der Ruf des ersten Aufwieglers.
„ Aber nicht gleich von Anfang an," rief ein Besonnener, ,, vielleicht ist er überhaupt anständig
,, Na nu! Ganz egal, getrommelt wird doch!" „ Natürlich! Eh' er übermütig wird! Erst müssen wir ihn klein kriegen; nachher können wir ihn ja besser behandeln, wenn er anständig ist."
„ Uebrigens ist er doch immer bloß ein Mathematiker." „ Na, denn also drauf!"
So hatten Kampfluſt und Siegesgefühl die Wolken des Trübsinns schnell verscheucht; diese jungen Germanen gingen so freudig in die Mathematikstunde wie ihre Ahnen in die Schlacht.
Jetzt ging die Tür auf, herein trat mit großen, ruhigen Schritten der neue Lehrer und stand vor der scharf beobachtenden und schweigsam lauernden Klasse.
Allein keine Hand regte sich, fein Fuß ward gerückt, keine Lippe murrte, kaum daß eine Wimper zu zucken wagte; still, wie in Erz gegossen, ferzengerade, in musterhafter Haltung, saß die gefährliche Untertertia vom ersten bis zum letzten Glied ohne Ausnahme und ohne Unterbrechung. Wie ein


