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Fünftes Kapitel

Die Sehnsucht trieb Djambek schon nach wenigen Tagen wieder nach Batum. Er war nach dem Feste heimgekehrt, um sich zu sammeln, um ruhig zu überlegen, wie er es er­reichen konnte, Cherif- Pascha von seinem Geschäfte abzu­bringen aber diese ruhigen Gedanken wollten nicht kom­men, immer wieder trat ihm ihr Bild vor Augen, immer hörte er die leisen Worte: Dir, nur dir soll mein Herz ge­hören," und so drängte die beglückende Gegenwart jede Kom­bination über die Zukunft zurück. Er hatte nur einen Wunsch, ein Verlangen: sie wieder zu sehen, den Klang ihrer Stimme wieder zu vernehmen, und da ihn die Ungeduld ver­zehrte, so machte er sich mit raschem Entschlusse auf den Weg.

Zu seiner unangenehmen Ueberraschung wurde ihm be­deutet, daß der Pascha nicht anwesend sei; er ging daher nach der Stadt zurück und schlenderte am Hafen umher, da er wußte, daß um diese Stunde Artſchil noch im Amte war. Er begegnete mehreren Bekannten und verplauderte mit diesen einige Zeit, dann versuchte er nochmals sein Glück beim Gou­berneur, aber vergeblich. Er beschloß nun, sich nach Artſchils Wohnung zu begeben und dortselbst dessen Heimkunft abzu­

warten.

Endlich kam dieser, und Djambek, der das Bedürfnis fühlte, von der Geliebten zu reden, suchte das Gespräch auf sie zu bringen, allein der andere hatte sie auch nicht seit dem letzten Abend gesehen und wußte ihm mithin nichts mitzu­teilen. Er erwähnte hingegen, daß er gestern mit Cherif­Bascha zusammengetroffen, der ganz ungewöhnlich übler Laune gewesen sei und ganz ohne ersichtlichen Grund über die Frauen losgezogen habe, die nach seiner Versicherung nur dazu geschaffen seien, immer und ewig den Frieden in den Häusern zu stören.

Diese Mitteilung machte Djambeks Herz rascher klopfen. Er schloß daraus, daß Thamar eine Unterredung mit ihrem Oheim gehabt, worin sie ihren Entschluß fund gegeben, nie­mals Hassan- Begs Gattin zu werden, und damit war schon ein großer Schritt getan. Man konnte hoffen, daß der Pascha mit der Zeit seine Idee fallen lassen würde, und dann konnte vielleicht Djambek eines Tags sein Glück versuchen.- Was gäbe es eigentlich gegen ihn einzuwenden? Hassan- Beg nahm wohl eine wichtige Stelle ein, und voraussichtlich stand ihm noch eine glänzende Zukunft bevor, allein Djambek selbst war dem Nebenbuhler um nichts zurück. War nicht sein Geschlecht eines der vornehmsten im Lande? Besaß er nicht ausgedehnte Liegenschaften, die ihm die Möglichkeit boten, eine hervorragende Rolle zu spielen? Warum also hätte ihn Cherif- Pascha nicht willkommen heißen sollen? Die Ant­wort auf diese Frage mußte er sich freilich schuldig bleiben, auch hätte er sie wahrscheinlich weniger zuversichtlich gestellt, wenn er eine Ahnung von den Gründen gehabt hätte, die Cherif- Pascha bewogen, die Bewerbung des andern mit aller Macht zu unterstüben. Mit den Oberen war nicht zu spaßen, wenn ihnen in Stambul die böse Geschichte von den Unter­schleifen zu Ohren kam das wußte der Statthalter; und da Hassan- Beg die einzige Person war, welche auf unerklärliche Weise davon Kenntnis erhalten hatte, so war der geeignetste Weg, das Geheimnis zu hüten, der, daß er in Cherif- Paschas Verwandtschaft trat und dann gemeinschaftliche Sache mit ihm machte.

Djambek war zu ungeduldig auf Nachrichten, um sich mit dem zu begnügen, was ihm Artſchil erzählt hatte; da heute Empfangsabend im Hause des Gouverneurs war, beschloß er, hinzugehen; vielleicht fand sich wieder ein günstiger Augen­blick zu einer Unterredung mit jener, von der er Lag und

Nacht träumte.

Seine Aufnahme von seiten des Gouverneurs war eine auffallend fühle ein kaum merkliches Kopfniden war dies­mal alles, was der Pascha für ihn hatte; kein Wort der Be­grüßung, fein Scherz, fein erfreutes Grinsen wie sonst- Djambek fühlte sogleich, daß die Dinge anders standen, als er sie sich vorgestellt hatte. Von Thamar war nichts zu sehen, und Daria schien ihm ängstlich auszuweichen, wenn er sich ihr zu nähern suchte. Schon wollte er unwillig das plötzlich so ungaftlich gewordene Haus verlassen, als er leise seinen Na­men rufen hörte. Er blickte nach der Richtung, woher der Ruf gekommen, und näherte sich vorsichtig jenem Teile der Veranda, der dicht mit Orangen- und Zitronenbäumen ver­stellt war. Jetzt erkannte er die Stimme Darias:

,, Bleiben Sie, wo Sie sind man darf Sie unter keiner

Bedingung mit mir sehen,"

belaubten Zweigen.

st Thamar frank?" fragte er leise. ,, Nein, aber sie darf ihre Gemächer nicht verlassen. Man hat euch neulich belauscht, daher die eisige Kälte von heute. Cherif- Bascha ist außer sich nehmen Sie sich in acht. Wenn Sie wissen wollen, wer den Verräter gespielt, so können Sie ihn im Hause sehen: er sitzt mit Hassan- Beg beim Brett­spiel... Genug für heute, man könnte uns auch belauschen."

Eines noch," bat Djambek, wie kann ich in Zukunft Nachricht erhalten? Nach dem, was Sie mir gesagt, wird mir das Haus verschlossen bleiben."

" Ich kenne niemand, den man ins Vertrauen ziehen tönnte; vorläufig heißt es, sich also in Geduld fassen." ,, Aber doch hie und da ein Wort- nur die einfache Nach­richt: sie ist wohl."

Das wird nicht angehen. Alles, was ich Ihnen ver­sprechen kann, ist, Sie es wissen zu lassen, falls Gefahr im Verzug wäre. Aber wie und durch wen, das ist mir selbst noch

Vielleicht durch meinen Verwandten?" unterbrach Djambek hastig. Nein, nicht durch ihn, er wagt es gewiß nicht, mit einzugreifen." Er stockte einen Augenblick, um in Gedanken seine Bekannten aufzuzählen; Murza- Chan etwa? Auch der nicht; nach seiner ablehnenden Haltung von un­längst war auch in dieser Angelegenheit keine Hilfe von ihm zu erwarten.

Nun?" fragte Daria ungeduldig. Schnell, ich höre Stimmen."

Da kam ihm in der Bedrängnis eine Idee:

In der Moschee unten beim Hafen der Muezzin Achmed- er ist mir ergeben."

"

Gut, gehen Sie nun!"

Er schlich von der Veranda ins Haus und suchte mit den Augen jenen, den ihm Daria als Verräter bezeichnet hatte; unweit von der Stelle, wo er stand, tönte das Geflapper der Würfel an seine Ohren, und mit einem raschen Blicke hatte er den erkannt, der dort mit Hassan- Beg spielte und dabei lachend eine Geschichte erzählte: Totia... Elender Wicht!" mur­melte Djambek, die Faust ballend, dann verließ er das Haus, ohne sich von jemand zu verabschieden.

Sein Weg ging gerade zu Achmed. Neben dem schlanken Minaret stand das bescheidene Häuschen, welches dem Gebet­sänger zur Wohnung angewiesen war. Djambek drückte an die Klinke, die Tür wich in ihren Angeln zurück.

Wie? Du?" rief Achmed überrascht. Bringst du mir vielleicht gute Nachrichten?"

,, Von deiner Schwester, glaubst du? Nein, weder von ihr noch von mir; auch ich habe die Gnade Cherif- Paschas eingebüßt. Wohl versprach er mir, wegen deiner Schwester Freilassung Befehl zu geben, aber bis heute hat er sein Ver­sprechen nicht gehalten, und von jetzt an bin ich überzeugt, daß meine Fürsprache eher Schaden als Nugen bringen wird. In einer Woche ist sie ohnedies frei, und du weißt, daß ihr Gatte einstweilen gut aufgehoben und gepflegt ist. Ihr soll es dann auch an nichts fehlen."

Ich danke dir! Du hast schon mehr getan, als ein barm­herziger Mensch zu tun verpflichtet ist; wir stehen tief in deiner Schuld."

Es ist nicht der Rede wert übrigens, wenn du dich verpflichtet fühlst, so bietet sich vielleicht demnächst eine Ge­legenheit, mir einen Dienst zu erweisen; ich glaube, derlei Schulden lasten ehrlichen Leuten immer drückend auf dem Herzen, es ist dir also möglicherweise willkommen, dieselbe abzutragen."

,, Gewiß, man könnte mir keine größere Freude machen." So höre denn: man wird dir nächstens entweder schrift­lich" oder mündlich von einer Person Nachricht geben, die mir mehr wert, als alles andere auf der Welt, ist. Diese Nach­richt, bitte ich dich, mir mit einem Eilboten zukommen zu lassen."

Das ist alles?"

Alles! Glaube nicht, daß es ein kleines Stück Arbeit sei; die Sache mag mit Gefahr verbunden sein, es heißt daher, mit Vorsicht zu Werke gehen. Und vergiß nicht: von der augenblicklichen Beförderung hängt vielleicht mein Lebens­glück ab. Nimm dich jedoch in acht: mächtige Personen stecken im Hinterhalt." ( Fortsetzung folgt.)]

Gleich und gleich gefellt sich gern, Wer du bist, zeigt dein Begleiter, Aus dem Knecht kennt man den Herrn. Aus der Fahne ihre Streiter. Was du billigst, noch so fern, Ist nach Tagen oder Wochen Dein, als ob du's selbst gesprochen.

Bwei Rendez- vous.

Novelette von Hansi Imeran. ( Nachdruck verboken.)) Ihr erstes Rendez- vous! Sie war noch ganz jung, als sie dazu ging, so jung, daß sie zuerst den kleinen Plök" um Rat fragte, um zu erfahren, was eigentlich Rendez­vous heißt. Aber sie fand nur das Wort rendre, und die Frageform rendez- vous", gebt ihr wieder?

Das stimmte nicht; so war's sicher nicht gemeint, und hätte der Plötz damals die rechte Antwort gegeben, es wäre anders verlaufen, ihr erstes Rendez- vous.

-

Alle Nachmittage saß die blonde Hanna mit ihren Freundinnen auf dem Nikolaikirchplatz in Berlin und strickte.

Es war noch um die Zeit, da die Kirche die beiden schönen Türme nicht besaß und der kleine Fleck um dieselbe ein Stück Poesie und Romantik im Herzen Berlins bildete.

Die Häuser in der unmittelbaren Nähe waren schlicht und einfach; höchstens zweistöckig und die Bewohner der­selben saßen an den lauen Frühlings- und Sommerabenden gern auf den Bänken vor ihren Türen und verzehrten, fröh­lich plaudernd, ihr bescheidenes Abendbrot.

Jetzt heißt das kleine Viertel mit seinen Nebengassen auch noch das Dörfchen", aber die Akazienbäume stehen nur noch vereinzelt; die dichten Fliederbüsche sind in die schönen Schmuckanlagen, die das Gotteshaus zu beiden Seiten um geben, eingefügt, und nur hier und dort mahnt ein oder das andere niedere Haus, wie das naturhistorische Museum des längst verstorbenen R..., neben dem Wohnhause Lessings, an das alte Berlin. Jeden Nachmittag bei schönem Wetter versammelte sich auf dem Platz die Kinderschar der Gegend, um zu spielen. Auch die kleine Hanna war dabei, oder vielmehr die große, denn sie war mit zwölf Jahren schon recht entwickelt, und wenn nicht die blonden Hängezöpfchen und das kurze Kleid ihr Alter verraten, man hätte das Per­sönchen mit den braunen, neugierig in die Welt blickenden Augen für sechzehn Jahre halten können.

Und sie spielte noch so gern, die Hanna Fischer", über haupt, wenn Jungens" dabei waren.

Aber es ging nicht so, wie Hanna gern wollte. Sie hatte Eltern, und zwar war der eine Teil die gestrenge, pantoffel­führende Mama", vor der selbst der lange Papa Angst hatte.

Besagte Mutter erlaubte das Herumtummeln erst dann, wenn die Dicke" ihr bestimmtes Stück gestrickt hatte; denn Mama war eine fromme Frau, und die Strümpfe waren für die Heidenkinder in Afrika bestimmt.

Aso Hanna strickte für die Mission, obgleich sie oft­mals dachte und auch ihren Freundinnen klar machte, daß, da es in Afrika doch so heiß sei, die schwarzen Buben und Mädchen doch ganz gut barfuß laufen könnten.

Aber das half ihr alles nichts; Mama blieb unerbittlich, und fehlte auch nur eine Tour an der bestimmten Zahl, so mußte die Hanna ,, drin" bleiben.

Sie war schlau und fand einen Ausweg, kannte sie doch so schöne Märchen, und die erzählte sie ihren Gespielinnen, wenn ihr jede zum Dank dafür- dann ein paarmal Hesunstrickte.

Und das taten sie alle gern.

,, Sie weiß ja so fein zu erzählen, daß man ihr den genzen Tag zuhören möchte."

Kam die Mutter wohl dann aus dem nahegelegenen Ge­schaft, um nach dem Wildfang" zu sehen, so nahm derselbe rasch das Strickzeug in die Hand, und die Gestrenge fand cle in bester Ordnung.

Sdleg vier Uhr war an den meisten Nachmittagen im Genues Kloster" der Unterricht zu Ende.

Der Trupp der Schindlerianer", Zöglinge des Schind­

lerschen Waisenhauses in der Friedrichsgracht, nahm seinen Weg regelmäßig über den Nikolaikirchhof. Hier sah sie ihn und er sie.

Alle Mädchen fanden ihn einfach schneidig", den lang­aufgeschossenen, blonden, blauäugigen Jüngling mit der grünen Joppe und der Müße, die keck auf der linken Haupt­seite faẞ.

Der Tertianer hatte nur Augen für Hanna; schwenkte nur für sie die Müße zum Gruß und pfiff nur für sie: ,, Ach wie ist's möglich denn,

Daß ich dich lassen kann," u. s. w.

An einem schönen Maitage, als alle Anospen sprangen, da war auch in ihrem Herzen die Liebe aufgegangen, und übermütig warf ste dem Klosterschüler ihr Knäuel grauer Wolle vor die Füße.

Er hob es regelmäßig auf, gab es ihr zurück und schob ihr einen Bettel in die Hand, grüßte und ging. Allgemeines Erstaunen der kleinen Schar; was mochte das wohl sein?

Ein einfacher Zettel war's mit folgenden Worten: Mein liebes Fräulein!

Könnte ich nicht einmal Gelegenheit haben, mit Ihnen zu plaudern? Gewähren Sie mir doch, bitte, ein Rendez- vous morgen nachmittag um 6 Uhr an der Petri­Kirche.

Ihr ganz ergebener

Lothar Schäffer. Nein, Kinder! Was sagt ihr nun dazu! Was mag Vothar"( übrigens ein famoser Name) denn von mir wollen? Was meint er denn mit dem Rendez- vous?"

Du, darüber ist gar nichts zu lachen," meinte die eine, meine Schwester bekam einmal einen Brief von dem hüb­schen Proviſor der Simon- Apotheke, da stand auch etwas von Rendez- vous drinnen, und Mama fing den Brief ab; da gab's aber eine Ohrfeige. Also nimm dich in acht." Ja, was soll ich denn aber machen?" klagte Hanna, der bei der Aussicht auf Ohrfeigen( sie wußte, ihre Mama hatte eine große Fertigkeit darin, mehrere hintereinander zu geben) ganz weinerlich wurde, wer hilft mir denn? Emma, hol' doch einmal den" Plöß heraus, wir wollen ſehen, was Rendez- vous eigentlich auf Deutsch bedeutet."

Doch das Buch gab die gewünschte Auskunft nicht. Hanna, Hanna, geh' nicht hin; wer weiß, was dir alles passieren kann," meinte die furchtsame Mieze.

" Was soll er aber denn vor mir denken; er bittet mich doch darum!"

Ich hab' einen Ausweg," rief Emma, die Aelteste von allen; du gehst hin, und damit dir nichts passiert, gehen

wir alle mit."

" Ja, ja, so wird's gemacht!" rief der Chor, und Hanna, der die Sache eigentlich noch gar nicht einzuleuchten schien, mußte sich fügen.

Am andern Nachmittag, um dreiviertel sechs, zogen nun alle, neun an der Zahl, an den bestimmten Ort. Frau Fischer war nach dem Missionshause gegangen, und so konnte Hanna unauffällig verschwinden.

Punkt sechs Uhr kam der blonde Jüngling quer über den Weg.

Er sah die Kavalkade, machte komische Geberden, winkte der Hanna zu, und als diese auf alle diese Zeichen nicht rea­gierte, zog er die Brauen finſter zusammen, ſteckte die Hände in die Hosentaschen und machte Kehrt.

Nun hielt es Hanna nicht länger. Emma kniff sie zwar in den Arm- aber sie riß sich los und lief ihm nach. In der mitte des Dammes stieß sie auf nicht auf ihn- sondern auf die Mama, die den davoneilenden Jüngling bemerkte, so­fort auch einiges Verständnis für die Sache zu haben schien und ihrem geliebten Sprößling nicht eine, wohl aber einen ganzen Hagel schallender Ohrfeigen verabreichte.

Der Jüngling ging von dem Tage an nicht mehr über den Nikolaikirchhof, sondern machte den Umweg über den Molkenmarkt; seine Liebe war solchen Knalleffekten nicht gewachsen.

So endete ihr erstes Rendez- vous, und noch manchmal im späteren Leben denkt sie lächelnd daran zurück.

,, Hanna, du brauchst heut mit dem Essen nicht auf mich zu warten; ich habe wieder sehr viel zu tun und lasse mir mein Mittagbrot aus dem Ratskeller' rüberholen; ich arbeite durch," sagte der Magistratsassessor zu seiner ihm beim

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