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Frühstück gegenübersißenden jungen Frau, in der wir Hanna

Fischer nach neun Jahren wiedersehen.

,, Ach, Richard, du hast so wenig Zeit für mich; immer und immer wieder die Arbeit; ich könnte ordentlich eifersüchtig auf sie werden."

,, Kind, red' keinen Unsinn; meinst du denn, daß das Räderwerk des Magistratswesens so leicht zu überschauen sei? Wenn ich erst ordentlich eingearbeitet bin, dann habe ich auch wieder Muße."

" So sagst du immer, Richard; Pflicht und Arbeit; aber daß du ein junges Weib zu Hause hast, vergißt du ganz."

,, Du wirst dir und mir an diesem schönen Morgen noch die" Stimmung verderben. Der Ehestand ist doch nicht zum mir einen Kuß und sei vernünftig." Tändeln und Kosen da. Uebrigens muß ich fort; komm, gib Damit verließ Assessor Wolfram, ein stattlicher Mann von ungefähr 36 Jahren, das Zimmer.

,, Nun geht er wieder; so ist's immer!" seufzte Frau Jo­hanna ,,, und ich hätte ihn doch so gern zu Hause! Wenn ich wenigstens ein Kind hätte."

Ein Kind," darüber versank die junge, schlanke Frau in Nachdenken.

Wie hatte sie sich als Mädchen den Ehestand ausgemalt! Wie poetisch und romantisch erschien ihr alles in dem Para­diese der Liebe, in dem zwei Menschen für das ganze Leben wandelten.

Vor ein paar Jahren hatte der Assessor sie heimgeführt; sie hatte den Kopf voll Ideale und Phantasiegebilde mit in die Ehe gebracht und fand nun doch manches anders, pro­saischer. Zwar war das Liebeswerben ihres Mannes gar ders, war er öfter in das Haus ihrer Eltern gekommen. nicht besonders poetisch gewesen. Als Freund ihres Bru­

Vom ersten Augenblick an konnte sie den ernſten, klugen Mann gern leiden. Und als er sie dann eines Tages fragte, ob sie sein liebes Weib werden und ihm in sein Heim folgen wolle, da hatte sie laut aufgejubelt vor Glück und Seligkeit. Zuerst fühlte sie sich sehr glücklich in ihrem Chestand. Ihr Mann nahm ein paar Wochen Urlaub, und so hatten sie denn vollkommen Muße in ihrem jungen Liebesglück.

Aber dann kam die Zeit der Arbeit. Das traf sie hart; so mußte so viel allein sein!

" Denkst du denn manchmal an mich, bei deiner Arbeit?" fragte sie ihren Gatten.

Kind, dazu läßt mich die Arbeit nicht kommen."

Da nun das ausblieb, was ihr Befriedigung gewährt hätte, und das Kind, auf welches sie all' ihre Hoffnung ge= setzt, sich nicht einstellte, so fühlte sie eine Leere in ihrem Chestand.

Sie war zu viel allein und geistig zu unbeschäftigt. Ihre kleine Wirtschaft füllte ihre Zeit nicht aus. Verkehr hatten sic, da ihr Mann noch nicht lange in Berlin weilte, auch nicht genügend und die üblichen Frauenhandarbeiten ließen ihr noch Zeit zu Reflexionen.

Fräulein Baumann läßt fragen, ob die gnädige Frau schon zu sprechen sei?", unterbrach das eintretende Mädchen ihren Gedankengang.

,, Gewiß, gewiß, führ' sie nur herein."

Das ist ja herrlich, daß du schon so früh kommst, Else!" begrüßte Frau Assessor Wolfram das eintretende junge Mädchen.

herführt." " Ja, es ist aber auch ganz etwas Besonderes, was mich

Das seh' ich dir schon an, deine braunen Augen blizen förmlich vor Lust, und dein Kraushaar ist ganz vom raschen Gehen zerzaust, du siehst wirklich charmant aus, noch dazu in dem schneidigen Matrosen- Kostüm."

,, Na, na, mach' mich nur nicht eitel!" neckte die Freundin, ,, ich; revanchier' mich doch nicht, aber hör' die Ueberraschung! Heut' abend ist Frerichskommers in der Philharmonie, mein natürlich mit?" Bruder hat zwei Billets für dich und mich besorgt. Du kommst

,, Da muß ich aber doch erst Richard um Erlaubnis fragen, und der kommt heut' nicht zu Tisch."

Desto besser, dann holen wir uns telephonisch seine Er­laubnis.

"

Gesagt, getan! Die beiden Freundinnen begaben sich in die nächste Konditorei an das Telephon und erhielten bald die Familie der Freundin gut aufgehoben wußte. gewünschte Antwort, da Assessor Wolfram sein Weib bei der

( Schluß folgt.)

FELD UND FLUR

Wie man Machtigallen timmt.

Das Stimmen der Nachtigallen ist eine höchst ergötzliche musika­lische Unterhaltung, die man in der schönen Jahreszeit draußen im Freien genießen kann. Schlägt eine Nachtigall, so sucht sie sich gewöhnlich ein Plätzchen im dichteſten Gebüsch aus. Unbemerkt kann man ganz nahe an den Busch herantreten. Am besten tut man, sich

während des Schlagens" zu nähern, in den Pausen aber, die die Nachtigall während ihres Konzerts macht, still zu stehen, um so die Sängerin nicht zu stören. Man lauscht nun dem Gesang eine Weile, bis die Nachtigall jene schwermütigen langgezogenen Töne- tü­- anstimmt. Noch während sie dieses- flötet, fängt man an, diesen Ton nachzuahmen, pfeift jedoch einen Ton höher. Die Nachtigall verstummt und lauscht andächtig, bis sie in den von dem Stimmer angeschlagenen Ton einfällt. Man läßt sie wieder einige Male ihr- flöten und pfeift dann nochmals einen höheren Ton. So läßt sich das ergötzliche Spiel forttreiben, bis die Töne so hoch liegen, daß sie die Nachtigall nicht mehr erreichen kann. In diesem Augenblick bricht die Sängerin jäh ab. Man braucht es aber nicht bis zu dieser Höhe zu treiben, sondern kann, wenn anzunehmen ist, daß die Nachtigall nicht mehr viel höher pfeifen wird, das Stimmen in umgekehrter Weise vornehmen, indem man jedesmal einen Ton tiefer pfeift, auf den die Nachtigall ebenfalls bereit­willigst eingehen wird, bis auch hier ihre herrliche Stimme nicht mehr ausreicht und sie durch ein lustiges Gezwitscher dem Spiele ein Ende macht. Eine Hauptsache ist, daß man sich ganz ruhig verhält und ein wenig Ausdauer hat, da die Nachtigall nicht immer sofort auf das Stimmen eingeht. In buschbewachsenen Gegenden, die reich an Nachtigallen sind, kann man übrigens auch mehrere dieser kleinen Sangesfünstler zu gleicher Zeit herauf und herunterstim men, wie in solchen Gegenden auch leicht zu beobachten ist, daß sich eine Nachtigall von der anderen in der Tonart gern beeinflussen läßt.

*

Das Chamäleon der gemäßigten Zone ist unser einheimischer Laubfrosch, da er seine Farbe vom hellen Grün bis zum dunklen Braun berändern kann. Er paßt sich nicht nur dem wechselnden Grün der verschiedenen Pflanzenarten an, auf deren Blätter er sich niederläßt, sondern ist auch schon vorübergehend gefleckt gefunden worden. Auch Gemütserregungen tragen biel zur Farbenänderung bei und deshalb ist die alte volkstümliche Behauptung richtig, daß der Laubfrosch sein schönes grünes Kleid verliere, wenn man ihn in die Hand nimmt. Auch die Molche( Tritonen) wechseln die Farbe je nach ihrem körperlichen und geistigen Wohlbefinden.

Eine Wunderpflanze ist die in Kalifornien wachsende Selaginella rediviva. Sie gehört zu der Familie der Bärlappe und kommt auf schattigen Plätzen im Gebirge vor. Fast das ganze Jahr über bleibt die Pflanze braun und trocken, öffnet sich und grünt aber nach heftigem Platzregen, um sich drei, vier Stunden nach eingetretener Sonnenhise wieder zu schließen. So kann man die Pflanze, weil sie lange ohne Wasser zu bleiben vermag, leicht nach Europa ver­senden, wo wir das seltsame Wunder nachzuahmen imstande sind, indem wir die ausgetrocknete Selaginelle in ein Aquarium oder eine Schüssel Wasser setzen. Man soll sie aber nicht länger als etwa 36 Stunden auf einmal im Wasser lassen, da längeres Darinliegen das Grünen derselben verhindert. Wenn Trockenheit und ins Wasser legen so viel als möglich der Natur nachgeahmt wird, kann diese Bilanze lange Jahre bei uns gehalten werden, ohne ihre Lebens­kraft zu verlieren.

Wie man ein zuverlässiger Wetterprophet werden kann. Ist der Himmel schleierig bedeckt und zeigen sich auf diesem Hintergrunde fleine, spindelförmige, dunkle Strichwolken wie kleine Rauchpartien, so neigt das Wetter zu Regen. Intensives dunkelrotes Abendrot deutet auf unruhiges Wetter mit Regen, ebenso eine fahlgelse Farba des Himmels bei Untergang der Sonne auf Niederschläge. Starkes, dunkelrotes Morgenrot, besonders wenn dasselbe nicht tief am Huri, zont, sondern höher hinauf am Himmel zuerst sichtbar wird, läßt Regen erwarten. Morgengrau deutet auf einen heiteren Tag, ebenso fallende Morgennebel. Steigt dagegen der Nebel in die Höhe, so daß er die Spitzen der Türme oder der Berge bedeckt, so bleibt das Wetter trüb. Heiterer Himmel mit graubläulichen Dunst am Horizont läßt Fortdauer des schönen Wetters erwarten. Erscheinen dagegen bei heiterem Himmel entfernte Berge sehr nahe und klar, so kann man sich auf einen baldigen Umschlag des Wetters gefaßt machen.

Nr. 139

Mittwoch, den 22. Juni.

1904.

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

( 6. Fortseßung.)

Die Ndjaren.

Originalroman von Arthur Gundaccarv. Suttner.

Dieser Ausruf versezte Djambek in eine ganz eigentüm liche Gemütsverfassung. Was hatte sie damit sagen wollen? Als vertraute Freundin Thamars mußte sie ihre Gründe ge­habt und gewußt haben, warum sie ihn des Undanks beschul­bigte... Undank! Er konnte nur eine Deutung finden, und diese machte ihm das Herz mit fieberhafter Heftigkeit pochen.

Er hielt es hier in diesem Gewühl nicht aus, er brauchte die frische, kühle Luft, die vom Meere heraufströmte. Zuerst warf er noch einen raschen Blick nach der Stelle, wo Thamar gestanden; er konnte sie nicht mehr entdecken, vermutlich hatte sie sich zu den Gästen gesellt, die im Nebenzimmer Er­frischungen einnahmen.

Ein fahles Mondlicht lagerte über der Gegend; Gras­plätze und Buſchwerk schimmerten in hellem Graugrün, wäh­rend die ferner liegenden, bewaldeten Hügelfetten teils in den trüben Dämpfen aufgingen, die von der sumpfigen Ebene emporschwebten, teils gegen den dunklen Horizont zurückzu­zu zerfließen. Die dem Lande eigentümlichen milden Wohl­weichen schienen, um allmählich in der schwarzen Unendlichkeit gerüche erfüllten die Luft und wurden mit jedem Atemzuge erneuert, der über das blühende Strauchwerk strich. Kein anderes Geräusch in dieser feierlichen Nachtſtille als der Ufer. Die intensive Helle, mit welcher der volle Mond die gleichmäßige Anschlag der Meereswellen an das sandige Gegend überschwemmte, ließ die Lichter im Hafen nur trübe und matt flackern gleich Kohlenstückchen, die im Verglimmen find.

Djambek schritt einen schmalen Pfad entlang, der zwischen Buchsstauden zu einer Aussichtsstelle führte, deren Mittel­punkt mit einer Magnoliengruppe bepflanzt war. Als er aus dem Dickicht heraus auf den Grasplatz trat, blieb er über­rascht stehen: eine weiße Gestalt saß dort auf der Bank unter den duftenden Bäumen. Seine erste Bewegung war die ge­mesen, sachte zurückzutreten, um die Ruhende nicht zu stören, aber es zog ihn so heftig nach der Stelle, daß er diesem Drange nicht zu widerstehen vermochte. Darias Ausruf war ihm in Erinnerung gekommen jeßt bot ihm vielleicht der Zufall die Gelegenheit, darüber Aufklärung zu erhalten.

Schlief sie? Ihr Kopf ruhte in der Hand, und die Lider waren geschlossen. Ein Ast krachte unter seinen Füßen, und das brachte sie zum Erwachen; sie fuhr betroffen empor, ließ sich aber wieder auf die Bank sinken, als sie Djambek er­fannte.

Verzeihen Sie mir die Störung!" sagte er leise." Sie waren vorhin von Gästen so sehr umdrängt, daß ich ver­Ihnen wechseln fonnte." gebens auf einen Moment lauerte, wo ich ein paar Worte mit

Ja, das war ein recht ermüdender Abend," versetzte sie, besonders ermüdend, da ich mich nicht in der Stimmung fühlte, heitere Gespräche zu führen."

... So habe ich richtig erkannt, daß Sie irgend ein Kummer drückt.'"

,, Sie haben es bemerkt? Und ich glaubte, mich doch gut zu

( Nachdrud verboten.); verſtellen! Ohne Zweifel wissen Sie auch den Grund, denn ich sah, wie Sie mein Oheim beiseite zog, um Ihnen eine Mit­teilung zu machen."

,, Er sprach mit keinem Worte darüber das heißt, jetzt erinnere ich mich, daß er versicherte, in freudiger Stimmung zu sein, aber"

,, Nun so will ich selbst Ihnen die Freudenbotschaft ver­künden: Ich bin Braut."

Sie sind

Braut?"

Sie nichte, und ihre Stimme zitterte vor Erregung:

Ja, mein Dheim hat die Sache abgemacht gerade so, als hätte es sich darum gehandelt, ein Reitpferd zu gutem Preise loszuschlagen."

Und wer ist die Person, an die man Sie delt hat?"

,, Hassan- Beg."

-

berhan­

" Dacht' ich's doch!" rief Djambek bitter. Nicht umsonst sagte mir eine innere Stimme: in diesem Mann wirst du eines Tags deinen schlimmsten Feind erkennen!"

Ein freudiger Zug, den sie nicht zu verbergen suchte, glitt bei diesen Worten über ihr Gesicht, und der leuchtende Blick, den sie Djambek zuwarf, gab ihm nun die deutliche Erklärung des vorwurfsvollen Ausrufes, den er aus Darias Mund vernommen hatte. Thamar!" kam es bebend zwischen

seinen Lippen hervor, und weiter versagte ihm die Stimme

aber er sank ihr zu Füßen und ergriff ihre Hände, deren frampfhafter Druck ihm mehr erwiderte, als viele gesprochene Worte- und dann fühlte er, wie ihre Lippen leise seine Schläfe berührten. Beide blieben so eine Zeit lang, ohne eine Silbe zu sprechen, während eine dunkle Gestalt, die drüben aus dem Gebüsch getreten war, neugierig herüber­lugte, um dann wieder geräuschlos im Dickicht zu ver­schwinden.

" Ich muß nun gehen," sagte sie, plötzlich zum Bewußt­sein kommend. Wenn man uns so hier sähe, das wäre von schweren Folgen für uns beide begleitet. Laß mich, Ge­liebter- und höre mein Gelöbnis: Dir, nur dir allein soll mein Herz gehören!" Sie sprang hastig auf und drängte ihn sanft zurück. Lebe wohl!"

Wie traumverloren starrte Djambek der hellen Gestalt nach, die im nebelhaften Licht des Mondes gleich einem Wesen aus der Feenwelt über die kleine Wiesenfläche entschwebte, um plöglich in nichts aufzugehen. Er wollte ihr flehend zu­rufen, ihn noch nicht zu verlassen, er wollte ihr sagen, wie selig, wie beglückend dieser Augenblick gewesen, er wollte mit ihr besprechen, was nun zu tun sei, wie man sich verhalten müsse, um das drohende Ereignis abzuwenden, um dem Ent­schlusse des Oheims entgegenzuarbeiten und noch vielerlei Dinge durchkreuzten sein Gehirn, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und jetzt, als er endlich ihren Namen zu rufen vermochte, war sie seinen Blicken entschwunden.

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