Einzelbild herunterladen

Welt berichtigen möchte, sich auf alte Schulden, auf alte Sünden besonnen. Die Folge davon ist, daß der Schazz­fanzler eine Barsendung erhält, ein Sühnegeld, dessen rich­tigen Empfang er dann, da weder Namen noch Adresse die Zustellung begleiten, in den Tagesblättern bekannt gibt und so öffentlich bescheinigt.

Oder es hat irgend ein erschütterndes Stück im Theater, die Leftüre eines Buches, ein kleiner Zwischenfall im Leben auf einmal einem Menschenkinde seine Sündhaftigkeit ins Gedächtnis zurückgerufen. Vielfach hat auch eine ergrei­fende Predigt in der Kirche auf das schlummernde Gewissen eines Frommgläubigen eingewirkt. Der Renige läuft nun ſtracks zum Pfarrer, der ihn so mächtig gerührt hat, beichtet und gesteht unter anderen Schlechtigkeiten auch ein Steuer­bergehen mit ein. In dem und dem Jahre habe ich die und die Steuer nicht bezahlt!".. ,, Da und dort habe ich die Zollbehörde durch Schmuggelei geschädigt, als ich jüngst vom Kontinent herüberkam und ein paar Flaschen Köl­nisches Wasser in der Tasche versteckt einführte!" Nach solchem Geſtändnis händigt der Sünder dem Geistlichen den Fehlbetrag ein, und der Seelsorger schickt die Summe prompt an den Schatzkanzler als Sühnegeld. Schwachheit, dein

Oft geschieht es freilich dabei Name ist Mensch!, daß der ersten Reue eine zweite auf dem Fuße folgt: der Reuige bereut seine Reue. Der ver­meintliche Todeskandidat übersteht seine Krankheit und wird dem Leben und der Sünde wiedergeschenkt. Bei dem tief zerknirschten Kirchgänger ist die Wirkung der Predigten ver= rauscht. Nun ärgert ihn seine Schwäche, seine Voreilig­feit. Flugs setzt er sich hin, schreibt einen Brief an das Schazamt and widerruft alle früheren Zugeständnisse. Irren ist ja ebenso menschlich und möglich als Sündigen. Der Vorschnelle hat seinen Irrtum herausgefunden. Er hatte ge­glaubt, dem Staate noch Geld zu schulden. Das sei aber ganz und gar nicht der Fall. Kurz, der Schreiber möchte sein zu Unrecht gezahltes Geld wieder haben und bittet um Rückerstattung. Dafür wird es freilich nötig, daß er nun fann ihm sonst nichts bewiesen werden, so ist in der Tat aus seinem Inkognito heraustritt. Darf er das wagen, die Behörde gezwungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und den Betrag wieder herauszugeben. Es sind wirklich Beispiele vorhanden, wo die Rückzahlung durch das Schatzamt an rückfällige Sünder erfolgt ist.

Daß sich keiner der Neumütigen von der erstgenannten Art in Person auf dem Schatzamt einstellt und freimütig erklärt, was er gesündigt, das ist begreiflich. Sollte er viel­leicht sagen: Hier, meine verehrten Herren! Ich bringe Geld, das ich meinem Vaterlande hinterzogen habe. Nehmen Sie mir's gefällig ab und fragen Sie nicht weiter, was und wieso? Denn es ist Gewissensgeld!" Das hieße die Ehr­lichkeit bis zur Gefährlichkeit treihen, und der Reumütige würde in ein unangenehmes Kreuzfeuer von Fragen hinein­geraten und für seine wenn auch etwas verspätete Tugend­haftigkeit üblen Lohn erhalten. Man könnte auf dem Schatz­amt sehr neugierig und zudringlich werden, nach Namen und Adresse des Renigen und den näheren Umständen der Mogeleien sich erfundigen wollen, und auf das unangenehme Inquisitorium könnte etwas noch weit unangenehmeres fol­Nein, nein, es ist genug, bereut zu haben und zur Einsicht gefonumen zu sein! Die Behörde selbst sieht die anonymnen Zusendungen am allerliebsten. Sie ersparen viel Weitläufigkeiten. Das Sühnegeld ist und bleibt für das Schazamt ein geschenkter Gaul und dem soll niemand Großbritannien selber. ins Maul sehen, auch nicht der Lord Schatzkanzler von

gen

Es ist nur zu verwundern, daß diese merkwürdige Insti­tution des Gewissensgeldes nicht auch in anderen Ländern eriſtiert! Daß England in diesem Fall der Welt an Tugendhaftigkeit über ist! An verspäteter freilich! Die ursprüngliche Sündhaftigkeit, die der Rene vorausgegangen ist, blüht in Albion eben so üppig als sonstwo. Auch dort gen, sich auf dem Papier zum armen Mann zu machen liebt man es, der Steuerbehörde ein Schnippchen zu schla­und seine Einkünfte tief unter das Niveau der Wahrheit zu setzen. Auch dort gedeihen die Männer, die ihre Zigarren den Zollbeamten nicht deklarieren, und die echten Evas­töchter, die mehr Freude haben an einer Elle unrechtmäßig über die Grenze geschmuggelten Seidenbandes, als über die prachtvollste Seidenrobe, die ihr ein aufmerksamer Gatte aus Paris mitgebracht und feierlichst und ehrlichst ver­zollt hat.

AUS DEM REICHE

DES

WISSENS

Die tiefste Temperatur an der Erdoberfläche.

Die größte Kälte tritt nicht am Nordpol ein, sondern auf einem Gebiete, das mehr als 20 Breitengrade südlicher, an der Grenze der nördlich gemäßigten und der arktischen Polarzone liegt. Dieses Gebiet dehnt sich östlich vom Mittel- und Unterlauf der Lena in Sibirien aus, und ziemlich in seinem Mittelpunkte liegt das Dertchen Werchojansk, südlich davon die kleine Stadt Jakutsk. In dem erstgenannten Orte ist als tiefste Temperatur 69,8° C. beobachtet worden; in Jakutsk- 62º C., beides die niedrigsten Wärmegrade, welche man an der Erdoberfläche angetroffen hat. In den letzten Jahren hat der russische Maler Borissom wieder: halt Reisen nach Nowaja Selmja gemacht und u. a. auch die Küstengebiete am Matotschkin Schar besucht. Diese Meeresstraße trennt die Nord- und Südinsel Nowaja Selmjas voneinander und wird von Gletschern und eisbedeckten Bergen begrenzt. Alz Borissom einen dieser bestieg, fand er in einer Felsennische unter einem Haufen von Steinen einen Rasten mit einem Maximum- und Minimum- Thermometer, welche die Firma 2. J. Kappeler, eines wohlbekannten österreichischen Instrumentenmachers, trugen. Diese Thermometer gehörten wahrscheinlich dem österreichischen Geologen Häfer zu, der sie bei seinem Besuche des Matotschfin Schar 1872 zurückließ. Sir ruhten also völlig unberührt dort über 30 Jahre und ihre Angaben sind für unsere Kenntnis der Temperatur- Extreme jener Gegend von sehr hohem Werte. Das Minimum- Thermometer zeigte, daß während des angegebenen Zeitraums die tiefste Temperatur

-560 R., also-70° C. betragen hat. Nimmt man an, daß dieses Thermometer in seinen Angaben zuverlässig ist, was man bei dem vortrefflichen Dufe seines Verfertigers voraussetzen darf, so würde am Matotschkin Schar die tiefste bis jetzt bekannte Temperatur der Grooberfläche eingetreten sein, während man bisher dort niemals eine niedrigere Temperatur als 37,5° C. beobachtet Das aufgefundene Maximum- Thermometer zeigte als höchste Temperatur+ 12° R. oder+ 15° C., was völlig mit den bisherigen Erfahrungen über die sommerliche Wärme in jener Gegend übereinstimmt.

hatte.

Buntes Allerlei.

Salzgewinnung am Toten Meer. Das Salz, welches durch Verdunstung aus dem Toten Meere gewonnen wird, ist ein Mo­nopol der türkischen Regierung. Wenn Araber oder Eingeborene der Umgegend bei der Gewinnung von Salz am Ufer des Toten Meeres betroffen werden, so verhaftet man sie sofort. Das meiste Salz, welches in Hebron, Jerusalem und in anderen Gegenden Palästinas verbraucht wird, stammt aus der genannten Suelle, doch wird es stets unter Aufsicht von Regierungsbeamten ge= wonnen, und die hierbei erzielte Einnahme fließt der Regierung zu

Das rote Licht als Heilfaktor. Neben einer Reihe anderer Maßnahmen, esprengung des Körpers mit Arak, Räucherungen, bewirken die chinesischen Aerzte in origineller Weise den Abschluß alles anderen außer dem roten Lichte. Es werden nach Angabe des Marine- Arztes Jules Regnault 4 Gramm roten Pygamons ( Cheng Ma) einige Minuten mit kochendem Wasser abgebrüht; in diesen Absud wird dann ein faustgroßes Tuch von Baumwoll­stoff getaucht, der ebenfalls mit einem roten Pflanzenextrakt ge­färbt ist; der Stoff wird gut ausgedrückt und mit der roten Flüssigke.t werden dann alle Stellen, wo sich Blattern zeigen, gefärbt. Die Metode ist in ganz China und Indochina bekannt und wird auch in den populär medizinischen Büchern allgemein empfohlen. Die Anamniten ergänzen die Vorschriften oft durch Benutzung roter Vorhänge. Die Metode ist einigermaßen unbeholfen, umständlich und primitiv; da aber Glasfenster dort ungebräuchlich sind und das weiße Tageslicht zu allen Ritzen und Spalten der Türen und Fenster eindringt, ist es nicht gut möglich, auf andere Weise als durch direkte Bemalung die Chromotherapie" durch­zuführen. Was der Verstand des Verständigen sieht, das übte in Ginfalt ein kindlich Gemüt, könnte man die Dichterworte hier variieren. Finsen kam durch wissenschaftliche Experimente zu seiner klar umschriebenen Methode, die bei den Chinesen durch gute Beobachtung zufälliger Befunde in hundertjähriger Praxis sich gefunden und in der etwas fauzigen Art erhalten hat. Der Baumwollstoff dürfte ja überflüssig sein.

Nr. 18.

Freitag, den 22. Januar

1.904.

Oberbessische Familienzeitung.

mombidad ng 2010 m

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Bend mit Besleg ber Glebener Berlagsbruderei, vorm. Wilh. Reller'sche Buchbruckerei( gegr. 17893), pranie: bin iste

woman od vil vill, amisi o

( 15. Fortsetzung.)

Der Beuge.

Roman von Marie Bernhard.

Konnte es wirklich geschehen? Diese stahlblauen, under­geßlichen Augen, die er im Wachen und im Traum zahllose Male erblickt, die sich ihm unauslöschlich für alle Zeiten ein­geprägt hatten, die er geschworen hätte, wiederzuerkennen, wo immer und wie immer sie ihm in der weiten Welt be­gegnen sollten sie waren urplöglich, unerwartet vor ihm aufgetaucht, genau so geheimnisvoll, wie damals neben dem Rande der tiefen Schlucht, aber diese Augen standen voll täuschender Aehnlichkeit in zwei verschiedenen Gesichtern der Bruder oder die Schwester, welcher von jenen beiden war der Zeuge?--

Waren die beiden sehr weit im Alter von einander ent­fernt? Das ließ sich schwer sagen! Die Schwester sah sehr jugendlich aus, den Bruder konnte der volle, dunkle Bart älter erscheinen lassen, es lag die größere Wahrschein­lichkeit vor, daß er damals den furchtbaren Vorgang mit angesehen hatte!

Wie alt konnte jenes Kind gewesen sein? Höchstens acht bis neun Jahre, es war ein schmächtiges, bleiches Gesichtchen gewesen, das dunkle Haar rund über der Stirn verschnitten, die Lippen in stummem Entsetzen weit geöffnet, in den großen, dunkelblauen Augen das volle Verſtänd­nis für den grausigen Vorgang, der sich soeben vollzogen hatte. Das eben, das war's! Was jenes Kind damals ge­sehen, es würde ihm unvergeßlich bleiben bis an sein einen Anblick wie diese konnte man nie ver­

Lebensende, gessen!

Aber bei dem jungen Ermshagen konnte das Alter un­möglich stimmen! Dreizehn Jahre waren seit jenem Ereignis verflossen, aber der kräftige, gebräunte Mann, dem Friß Norden noch soeben freundschaftlich bewillkommnend die Hand gedrückt hatte, sah viel älter aus als zwei- oder drei­undzwanzig Jahre wie hätte er auch sonst eine mehr jährige erfolgreiche Tätigkeit in London und San Franzisko schon hinter sich haben können?

Also wäre es dennoch die Schwester gewesen? Undenk­bar, wenn man sich dies rosige, kindlich frische Antlitz ver­gegenwärtigte!

Und Frizz Norden versuchte zu lächeln und die ganze Aehnlichkeit in das Gebiet der Einbildungen zu verbannen! Jenes Kind mochte längst tot und begraben sein, oder gesetzt, es lebte noch! es war sicher in Europa geblieben und würde niemals seinen Weg kreuzen!

Aber die Angst und Qual wich nicht von ihm, trog allen guten Zuredens, trotz aller Vernunftgründe, die er sich vor­sagte! Bleischwer drückte es auf sein Gewissen, das immer wieder seine flüsternde Stimme erhob und ihm zuraunte: Es ist doch! Sträube dich, wie du willst, mir mußt du glauben! Ich lasse dich nicht los, ich gehe mit dir, wo immer du bist, und grabe dir fester und fester, wie mit glühendem Erz, die Ueberzeugung in die Seele: Das sind sie, das sind die Augen, die dein Verbrechen gesehen! Sie sind dir nachgefolgt über das weite, unendliche Meer, hier­her ins fremde Land, und sie werden unerbittlich die Wahr­heit an das Licht bringen!"

( Nachdruk verosten)

Und wenn sie es wirklich wären, sie sind's nicht, aber ich sage, wenn, dachte Fri Norden weiter würden sie mich erkennen? Nein, feine Möglichkeit! Mein Haar ist tief ergrant, ein großer Bart verdedt die untere Hälfte meines Gesichtes und fällt weit über meine Brust herab,-- meine Augen schützt eine dunkelblaue Brille. Da mals machte ich den Eindruck eines noch jungen Mannes, - heute sehe ich aus wie ein: alter!

Ein leichter, rascher Schritt-- ein Tür, die lautlos in den Angeln geht und Hellmut tritt herein, so jugend­schön, heiter und frisch, daß es eine Lust ist, ihn anzusehen. ,, Vater, was muß ich an dir erleben! Laß mich's näher betrachten, das Unerhörte du vor dem Spiegel, in deinen eigenen stattlichen Anblick versunken! Wenn unsere reizende neue Hausgenossin das Kunststück in der ersten Stunde ihres Hierseins an dem Senior der Firma ausübt, dann darf man ja wohl mit Recht auf die Resultate beim Junior ge­spannt sein. Eigentlich siehst du ſehr gut ohne blaue Brille aus! Was meinst du, ich denke, du brauchst das Ding überhaupt gar nicht mehr zu tragen!"

,, Gerade, weil es mir nicht genügt, habe ich es eben abgenommen. Die Sonne blendet mich mehr denn je, ich muß mir die Gläser noch mehr verdunkeln lassen!" ,, Was du sagst! Man sieht es deinen Augen wahr­haftig nicht an! Hast du denn Schmerzen?"

Nein, nein, Hellmut, die habe ich nicht,

mach fein so besorgtes Gesicht! Es ist wirklich nur der grelle Sonnen­schein, aber du solltest mir lieber erzählen ,, Nun, ich habe meinen Thronfolger und seine Kron­prinzessin- Schwester ſie ſieht doch wirklich aus wie eine Prinzessin, findest du nicht auch? drüben abgeliefert, ihnen ihr neues Dienstpersonal vorgestellt und ihnen einen erbaulichen kleinen Vortrag über japanische Bediente gehal­ten, der mir selbst um so mehr imponierte, als meine Taten all den schönen Worten der Weisheit, die ich da auf meine unglücklichen Opfer herabströmen ließ, niemals entsprechen! Ihre Wohnräume gefielen ihnen sehr gut wir müssen aber für die schöne Hilda noch hier und da ein übriges tun, meinst du nicht? Ein Bild wie sie gehört in einen besseren Rahmen! Der junge Ermshagen übergab mir auch ein furzes Schreibebriefchen von meinem lieben, alten Hendrichs, ich bin gekommen, es mit dir zu lesen!" Damit legte Hellmut zutraulich seinen Arm um seines Vaters Nacken und hielt ihm den offenen Brief hin. Bei einer Stelle lachte er laut auf.

Hierauf

Dieser Hendrichs! Ein solcher Schelm zu sein! Da haben wir's ja! Lies doch nur: Sie werden mit Recht er­staunt sein, lieber Freund, daß ich, der ich Ihnen so aus­führliches über den Bruder mitgeteilt habe, mit keinem ein­zigen erläuternden Wort der Schwester erwähnte. habe ich Ihnen zu erwidern: Ist vollbewußt und mit Ab­sicht geschehen, und nicht etwa darum, weil Herr Erms­hagen als zufünftiger Teilnehmer Ihres Geschäfts mir so durchaus als Hauptperson erschienen wäre, daß mir für seine Schwester feine Beachtung weiter übrig blieb, nein, nichts davon! sondern ich wollte Ihnen, mein guter

erbevereins

Beitreibung

ür 1903/04 if

34