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21.5.1904 Zweites Blatt
 
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ihn wieder an.

Besorgnis und die großen fieberglühenden Augen schauten Papa Picotin!"

Mit freudigem Seufzen hing sich das Kind an des Clowns Hals, der die zarte Gestalt in seine Arme nahm und innig an sein Herz drückte.

,, Papa Picotin, guter Papa," flüsterte es und streichelte seine Wange und der Arzt nickte befriedigt, als er sah, wie der Schlaf, auf den er gewartet hatte, sich allmählich auf die Lider des kleinen Patienten senkte und Rettung versprach. Es war ein seltsamer und rührender Anblick der Mann mit dem verstörten Gesicht und dem Narrenkleide, der bewegungslos stundenlang mit dem Kinde im Arme dajaß; als es dann endlich erfrischt aufwachte und der Arzt ihn bat, seine Bürde niederzulegen und heim und zur Ruhe zu gehen, da blickten die ernsten Nonnen ihn nicht mehr ent­setzt, sondern bewundernd an. Keine Mutter hätte gevul­diger und zärtlicher sein können, als dieser seltsame Mann

im Narrenkleide.

Das Tageslicht dämmerte eben empor, als Picotin ins Freie hinaustrat. Die Lampen in den Straßen waren noch nicht ausgelöscht und nur wenige arme Obdachlose und Nacht­schwärmer traten hier und da aus dem Nebel hervor. Einer von den ersteren, ein zerlumpter Mann, dem das Laster auf dem Gesicht geschrieben stand, hielt Picotin an und bat um ein Almosen. Er hatte nahe der Klosterpforte gekauert und schon einige Augenblicke, ehe der Clown erschien, auf seine Fußtritte gehorcht. Der Mann schauerte zusammen, als der Wind seine Lumpen auseinander trieb. Er sah unheimlich aus, wie er im Dämmerlichte dastand, eine Hand, einer Klaue gleich, aus ausgestreckt, die andere an der Brust verborgen.

Auch Picotin schauerte zusammen. Schnell warf er alles Geld, was er bei sich hatte, in die offene Hand und wollte eilig weitergehen, als plötzlich in seiner Erinnerung ein Ant­litz auftauchte und dieses Antlitz stand dicht vor ihm und schaute ihn voll giftgeschwollener Bosheit an.

,, Sie!" rief er, indem er zugleich zurücktaumelte; denn fast ehe das Wort noch seine Lippen verlassen, hatte ihn ein Stoß von der verborgenen Hand bewußtlos zu Boden ge­streckt.

Ganz Paris hallte wieder von der Kunde. Sie schrieen es aus auf den Boulevards und mitten im Verkehr der Straßen. Ermordung von Picotin, dem Clown." Selbst die ruhigen Nonnen hörten die Botschaft von der Außen­welt, während sie am Bette des friedlich schlafenden kleinen Kindes wachten, das die ganze Nacht an der Brust des selt­samen, weichherzigen Mannes geruht hatte, den man am Morgen mit aufwärtsgewandten Gesicht, angetan mit seinem Narrenkleide, allein in der verlassenen Straße liegend auf­gefunden hatte. Die frommen Schwestern schüttelten seuf­zend das Haupt. Sie zweifelten nicht, daß es ein Urteil des Himmels war, das ihn getroffen, weil er den verderbten Neigungen der schlechten Welt gedient hatte; doch ihre Lippen bewegten sich in stillem Gebet, denn sie gedachten der zärt­lichen, verstörten Blicke, die mit ihnen in der verhängnis­bollen Nacht gewacht. Und ihre Gebete wurden erhört, denn Picotin wurde gerettet.

Er war gefunden, und als tot zum Hospital gebracht, doch die Wunde in seiner Brust hatte sich nicht als tödlich erwiesen und nach einem Monat konnte das Kind, strahlend vor Freude, Papa Picotin an der Hand spazieren führen, lachend bei dem Gedanken, daß er auch krank gewesen sein sollte, wie es selbst.

Es wußte nicht, daß der Elende, der den Stoß geführt hatte, sein eigener Vater gewesen, und daß sein Leichnam bald darauf aus dem Strome gefischt und zufällig von Pico­tin auf der Morgue erkannt wurde, der ihn dann bestatten ließ. Alles das verschloß Picotin in seinem Herzen, an das sich das goldlockige Kind vertrauensvoll anschmiegte, durch sein Lachen und seine Liebe dem Pflegevater lange glückliche Jahre schaffend!

An jenem Abend aber war Picotin wirklich zum letzten Male aufgetreten und niemals wieder kam er, wie so oft, Hals über Kopf in die Manege hineingestolpert. Sein altes Narrenkleid hängt zwar noch immer bereit und sein kleiner Liebling meint, er müsse eines Tages darin mit ihr zum Maskenball gehen.

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UND

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Spanische Metaphern.

Die spanische Sprache ist außerordentlich reich an Metaphern oder Wortbildern, in denen sich der nationale Charakter des Volkes widerspiegelt. So zeigt sich der dem Spanier eigentümliche Stolz in der selbst bei Bauern und Bettlern gebräuchlichen Anrede: Herr Ritter" und" Euer Gnaden". Eng verbunden mit diesem Stolz ist eine fast affettierte Höflichkeit, die sich besonders in den Formen: ,, ich küsse Euer Gnaden die Hand"," ich falle Ihnen, gnädige Frau, zu Füßen" und mögen Sie noch tausend Jahre leben"( statt: ich danke Ihnen" und leben Sie wohl") zu erkennen gibt. Neben diesen Eigenschaften bildet eine spezifisch katholisch- kirchliche Religio= sität einen Grundzug im Wesen des Spaniers. So sagt man ,, achte auf das Kreuz", das heißt bezeuge ihm durch Niederknieen oder Hutabnehmen deine Verehrung", für hüte dich, nimm dich in Acht", zwischen dem Kreuz und dem Weihwasser" für in großer Gefahr, Verlegenheit",- ,, beim Ave- Maria- Läuten" für mit ein­brechender Nacht", welchen Sohn hast du mir aus der Taufe gehoben?" für ,, wann, wo und wie bist du mir gefällig gewesen?"

,, heiligen Johannes machen" für blauen Montag halten". Das leidenschaftliche Temperament des Spaniers zeigt sich sprachlich in den Redensarten: eines anderen Blut trinken" für tödlich hassen",

" stück­

Dolchstoß" für große Kränkung" und mit dem Degen in der Hand" für heftig, gewaltsam". Nicht minder bezeichnend wird tiefes inniges Empfinden durch: die Luft, den Wind trinken" für Sehnsucht, Verlangen Hegen",- ,, die Tränen trinken" für ,, den Schmerz verbergen", ,, Nagel und Fleisch"( am Finger) für ein Herz und eine Seele sein", sich mit jemandem zu sammenmachen" für sich innig an jemand anschmiegen", weise absterben" für sich bis über die Ohren verlieben" ausgedrückt. Der Humor des Spaniers äußert sich gleichfalls sehr drastisch in: ,, jemandem Salz auf den Schädel streuen" für jemand durch eine Büchtigung wißigen"," das Ministerium stürzen" für das Haar scheren lassen",- f ,, junger Salat" für Stuter", ,, enteseln" ( desasnar) für wißigen, flüger machen", sowie in folgenden Redensarten: die Rechnung des großen Hauptmanns" für Apo­thekerrechnung",- ,, nur Tag und Nacht sein eigen nennen" für ,, bettelarm sein",-, päpstlicher Soldat" für Soldat, der noch kein Pulver gerochen hat", ,, jemandem das Gesicht waschen" für ,, jemandem schmeicheln", ,, einen Falken, Wolf, Affen greifen" für sich betrinken",- ,, das Geld oder Vermögen der Schwieger­mutter verzehren" für Nichtstun, sorglos in den Tag hinein leben", und so weiter.

Bunte Blätter.

Rezept für Dilettanten. Moritz von Schwind( 1804 bis 1871), der phantasiereiche Meister der Sieben Raben" und der Schönen Melusine", wurde von einem vornehmen Münchener Dilettanten gebeten, er möge ihn doch auf einige Tage oder Wochen in seine Schule nehmen und ihn namentlich in seiner meisterhaften Kunst der Bleistiftstizze unterweisen, ihm zeigen, wie er das mache. Ei, Herr Baron," meinte der Maler darauf in seiner kaustischen Weise, ,, das kann ich Ihnen auf der Stelle in einigen Minuten sagen. Mein Papier kaufe ich wollen Sie es sich gefälligst aufschreiben

bei Bullinger in der Residenzstraße; meine Bleistifte- A. W. Faber beziehe ich von Andreas Kant in der Kaufingerstraße; von derselben Firma habe ich auch dieses Gummi, brauche es aber wenig; desto öfter benube ich dieses Federmesser, um die Bleistifte zu spißen, es ist von Tresch in der Dienersgasse. Habe ich nun alle diese Dinge auf dem Tische liegen und dazu einige Gedanken im Kopfe dann sehe ich mich hin und fange an zu zeichnen. Und jetzt wissen Sie alles, was ich Ihnen sagen kann."

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Eine geistreiche Difinition. Ein berühmter Satyriker gab einst folgende Erklärung des Wortes Bankerott: Bankerott ist ein Rüd­fall aus dem Himmel schwärmerischer Hoffnungen und Entwürfe in den Parorismus der Zahlungsunfähigkeit. Solche Bankbrüche sind jedoch nicht immer unheilbar, vielmehr oft die Grundlage hei= teren Gedeihens, weil während der Krisis die geschwollene goldene Ader ins geheime Zellgewebe sich ergießt und von da aus neuen Organismus ernährt. In neuester Zeit nimmt man es daher mit diesem Uebel, wie mit allen Modekrankheiten, nicht mehr so ernst­haft, obgleich häufig der Patient ein gesetter Mann wird, wenn er den Anforderungen der Gegenwart nicht gerecht werden kann.

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Nr. 113

Samstag, den 21. Mat.

Oberhessische Familienze

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

1904.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

( 2. Fortsepung.)

Die Rache ist mein.

Originalroman von Ottomar Beta.

So war es auch gekommen, daß Erich sich des Justizrates faum erinnerte und das Haus in der Domstraße fast wie ein fremdes zu betrachten sich gewöhnt hatte. Jetzt aber, da das Kloster, in dem ehemals die Stiftsdamen wohnten, gefallen var, bot es seinen Heimatsgefühlen den hauptsächlichsten Halt. Er saß nun am Fenster seines Zimmers zur ebenen Erde und blickte in das welkende, in der Sonne goldig erglänzende Laub des Nußbaums, um den er sich einst als ganz kleines Kind ge­tummelt hatte. Aber seine Gedanken weilten kaum noch in der Vergangenheit. Die Gegenwart hatte seine Sinne ge= fangen genommen. Die alten Griechen, von denen so oft bei uns die Rede ist, stellten die Gegenwart als ein holdselig lächelndes Weib dar, und legten ihr ein Kindchen in den Arm wie einer Madonna. Dieses Kind bedeutet ihnen das Blück, das beglückende Ereignis. Auch in Erichs Augen nahm die Gegenwart eine solche Gestalt an und zwar mit den Zügen Des Justizrattöchterchens. Er sah dem beglückenden Ereignis, einer Begegnung mit der lieblichen Charitin, in welche sich seine traumhafte Vorstellung der kaum gekannten Mutter körperhaft verwandelt hatte, erwartungsvoll entgegen. In die ihm aufgenötigte Rolle hatte er sich gefunden. Wenn er auch alle Hilfsbedürftigkeit von sich abwehrte, so hatte er es doch nicht von der Hand gewiesen, irgend einer bescheidenen Stellung oder Beschäftigung sich unterziehen zu wollen, falls seine Vaterstadt bereit sein sollte, ihm eine solche zu bieten. Er hatte sich dann mit dem Kapitän der City of Washington verständigt. Ein paar Matrosen hatten ihm gleichsam kameradschaftlich sein Gepäck besorgt, von dem er als praktischer und vielgereister Mann überhaupt keine über­großen Bündel mit sich führte. Einige geheimnisvolle Kisten waren anderweitig zu Depot gegeben worden. Und wenn er auch seinem Auftreten nach die Erwartungen des alten Rechtsanwaltes übertraf, so blieb doch in den Augen der Hausinsassen ein bißchen von einem verlorenen Sohne, für den das übliche Kalb geschlachtet wurde, an ihm hängen.

Das Kalb erschien nun in Gestalt eines Bratens, zu welchem Erich als Gast geladen wurde. Und zwar brachte ihm der Justizrat zuvor in eigener Person einen schwarzen Rock und Weste.

Er hielt diese Kleidungsstücke sorgfältig verborgen, wäh­rend er sie über den Hof trug. Und dabei stellte er sich so an, als ob er gärtnerische Sorgen hätte, denn der Hof war mit einigen Beeten verziert. Rings Buchsbaum, mitten darin Georginen, Reseda und verblühte Rosen. Da schlich er sich hindurch und trat geheimnisvoll in Erichs geräumige Stube. ,, Alles in Ordnung? Nur weißgewaschene Wände, ge­scheuerte, nackte Dielen; lieber Erich, nehmen Sie einstweilen fürlieb."

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Erich eilte auf den Justizrat zu und riß ihn stürmisch an sein Herz.

Verzeihen Sie, ich konnte nicht anders," rief er. Dabei entfiel dem alten Herrn das schwarze Bündel und er errötete wie ein beim Naschen betroffenes Kind. ,, Lieber Erich, nehmen Sie's nicht übel, aber wir haben ja eine Figur so ziemlich; freilich die breite Partie sitzt bei Ihnen höher als bei mir bei mir ist sie im Laufe der

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( Nachdruck verboten.)\ Jahre hinuntergerutscht; aber dieser Rock hier ist noch nach meinen normalen Verhältnissen zugeschnitten. Er ist auch noch trefflich erhalten das ist Stoff, wie man ihn heute nicht mehr fabriziert... gewendet und wie neu. Pst! Kein Mensch weiß davon, und ohne schwarzen Rock kommt man bei uns nicht durch, während ein Bootsmann und Backwoods­mann schwerlich damit versehen iſt."

Mit einem Blick wie ein reuiger Sünder legte er Erich den Rock und die Weste in die Arme.

Erich stellte sich mitten in die Stube und lachte laut her­aus, die noch recht ansehnlichen Kleidungsstücke vor sich hin­haltend. In jener Zeit vererbte sich ein Gesellschaftshabit noch vom Großvater auf den Enkel.

Wenn's sein muß," meinte er gutmütig..

Die Mode," erläuterte der Herr Justizrat, ist jetzt wieder' rum, da, wo sie vor zwanzig Jahren war; also der Rock ist wie modern."

Wer ein Herz hat wie Sie, Herr Justizrat, dessen Mode ist stets eine treffliche, und es hieße die Engel im Himmel beleidigen, wenn ich...

Statt aller weiteren Rede zog er den Alten noch einmal an sein Herz.

Wenn's meine Tochter merkt, das schadet nichts," flüsterte der Justizrat in die Stube zurück, während er sich entfernte. Diese junge Dame ist nicht kleinstädtisch.

Sodann kam zimpernd und zierlich das hübsche Stuben­mädchen und brachte Mandelseife, ein paar nach welken Rosen duftende Handtücher und dergleichen ins Seebärentum faum je hineinragende Dinge.

Auch sie meinte es gut mit dem legendären Gast. " In einer Viertelstunde lassen das gnädige Fräulein bitten, möchten der Herr Steuermann zu Tisch kommen,' lispelte sie knirend.

,, Natürlich im schwarzen Rock."

"

Das Stubenmädchen winkte beschwichtigend. ,, Wenn der Herr Steuermann feinen haben, dann so," meinte sie verständnisvoll, aber freilich auf Etikette wird gehalten. Dann riß sie die Augen auf und sagte bedeu­tungsschwer: Für den Fisch gibt's silberne Messer."

Bei Vanderbilt," dachte Erich, gibt's goldene, bloß daß der Halbblinde Hausherr die Finger nimmt, um die Bissen bequemer zu befördern."

Das Stubenmädchen wollte ein übriges tun. ,, Genieren brauchen sich der Herr Steuermann trotzdem nicht. Herrschafts sind heute ganz unter sich."

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Sie winkte ihm Mut zu und lief dann mit holdem Er­röten völlig verwirrt quer über das Resedabeet. Erich sah ihr amüsiert nach.

Ich werde dem Sternenbanner mit der Handhabung dea Tischgeräts Ehre machen müssen," dachte er, in den justiz­rätlichen Rock fahrend.

Dann folgte er der erhaltenen Einladung mit klopfendem Herzen. Er trat in den Salon, welcher im untern Stock nach dem Hofe zu gelegen mit einer Glastür auf eine Veranda mündete. Da stand sie, die Hände leicht gefaltet sie selbst, seine Vision.

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