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Sauern, das er ihn nicht erwürgt hatte, als er in seiner Ge­walt gewesen war.

O, das füße Kindergelicht mit den großen Augen, daß er niemals wieder sehen sollte! Picotins Herz war ver­wundet zum Tode. Doch er dachte nicht an Sterben; nein, er war ein Mann, der sich durchkämpfen und es vor Menschen­augen verbergen konnte, daß er dahin leben mußte mit todes­wundem Herzen.

Wenn der Abend herankam, ging er nach wie vor in den Zirkus, seinen Beruf zu erfüllen. Er zog das alte Narren­kleid an, taumelte Hals über Kopf in die Manege, versenkte mit weitgespreizten Beinen die Hände in die weiten Taschen und dankte dem beifallspendenden Publikum mit komischen Verbeugungen.

Er hat ein großes Vermögen geerbt, aber er behandelt auch das als einen Scherz, setzt seine Narrheiten fort und gibt alles Geld weg an die Armen," flüsterte der Anwalt mit dem roten Gesicht, den Picotin ganz bezaubert zu haben schien, denn er kam Abend für Abend in den Zirkus, um ihn zu sehen, und lachte mehr als irgend ein anderer. Für ihn war es der großartigste Wit, daß ein Mann vorzog, arm zu sein und Bocksprünge zu machen, als in Behaglichkeit auf festen Füßen, wie andere Leute zu leben.

Drei Jahre vergingen und Picotin reiste durch viele große und kleinere Städte und immer wuchs sein Ruf als der unübertrefflichste Clown, der je gelebt hatte. Ueberall schüttelten sich die Leute vor Lachen, wenn sie sich an seine Späße und Witze erinnerten und überall, wo Picotins Name als Personifikation des Lachens genannt wurde, erfreute sich irgend eine große wohltätige Anstalt einer geheimnisvollen Stiftung und eine Anzahl von Armen segneten einen un­bekannten Wohltäter.

Endlich kam er nach Paris und das Publikum war wahr haft begeistert für ihn. Die Damen ließen sich sogar ihre Kleider etwas buntscheckiger machen als gewöhnlich, ganz à la Picotin. Sie zogen die Narrenkappe allen anderen Kopfbedeckungen vor, und mancher von ihnen stand es ohne Zweifel vortrefflich. Picotin sah sich von Schmeichlern um­ringt. Die Gerüchte über sein Vermögen und sein erzentri­sches Wesen übertrieben natürlich stark. Er hätte wie ein türkischer Pascha das Taschentuch werfen können und auch die Stolzesten wären bereit gewesen, es aufzunehmen; doch er ging an ihnen vorüber, ohne sie überhaupt zu sehen, ein­sam und traurig, als hätte er noch in dem schweren Anfang seiner Laufbahn gestanden. ( Schluß folgt.)

AUS DEM REICHE

DES

WISSENS

Woher Hammen unsere Haustiere?

Die Herkunft der Haustiere ist eine wissenschaftliche Frage, worüber die Forschungen noch keineswegs zu endgültiger Beant­wortung geführt haben. Die neuesten Untersuchungen von Prof. C. Keller in Zürich über die Abstammung der ältesten Haustiere und die Verbreitungswege der einzelnen zahmen Rassen haben in dessen zu Ergebnissen geführt, die von allgemeinem Interesse sind. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die ersten Anfänge der Haustierzüchtung in die vorgeschichtliche Zeit hinaufreichen und daß dabei im einzelnen sehr verschiedenartige Ursachen mitgewirkt haben mögen. Daß der Hund das älteste Haustier ist, darüber sind die Forscher ziemlich einig und auch Professor Keller stimmt dieser Ansicht bei. In der jungen Steinzeit taucht bereits der zahme Hund auf, wahrscheinlich ein Spitz, und in der Bronzezeit werden neue Rassen angetroffen. In Aegypten reicht der Hund bis etwa 4000 Jahre v. Chr. hinauf und erscheint bereits in verschiedenen Rassen. Dort wurde auch die Katze zuerst domestiziert und zwar unter der anfänglichen Vorstellung eines guten Geistes, erst später hielt man sie lediglich als Mäusefänger. Das Pferd, dessen älteste Vorfahren sich in den tertiären Ablagerungen Nordamerikas finden, tritt in Europa erst ziemlich spät auf, denn in den ältesten schwei­zerischen Pfahlbauten finden sich keine Knochen desselben, sondern diese kommen erst in denjenigen der Bronzezeit vor. Auf ägyp= tischen Denkmälern trifft man erst seit 1500 v. Chr. Abbildungen des Pferdes; Mesopotamien war Mittelpunkt der Pferdezucht, und von allen Haustieren wird es in der altassyrischen Kunst am häu­figsten dargestellt. Nach Professor Keller weisen alle geschicht­lichen Tatsachen auf eine asiatische Stammquelle der ältesten Haus­

pferde hin und diese bildet höchst wahrscheinlich das noch heute in Innerasien lebende Wildpferd. In Europa kommen Wildpferde noch lange in der geschichtlichen Zeit vor, in Preußen angeblich noch im 16. Jahrhundert. Der Esel ist wahrscheinlich auf afrika­nischem Boden gezähmt worden und war im Niltal schon vor dev ersten ägyptischen Dynastie Haustier. Die Vorfahren der Juden kannten ihn schon zu Abrahams Zeit. Die europäischen Haus­rinder stammen nach Professor Keller vom Ur ab und die erste Zähmung reicht nach diesem Forscher bis über das Zeitalter Homer3 zurück. Die Zähmung des Schafes geht in die vorgeschichtliche Epoche zurück; nach Keller besaß Aegypten schon in vorpharaonischer Zeit eine eigenartige Schafrasse, die später von einer asiatischen zurückgedrängt wurde. Die Hausziege wird schon im Beginn der Pfahlbauperiode angetroffen; die heutigen Wildziegen stammen nach Professor Keller wahrscheinlich aus den Gebirgen Asiens. Die frühesten Knochenreste des Kamels finden sich in den tertiären Schichten Nordamerikas. Von dort verbreiteten sich in vorgeschicht­licher Zeit diese Tiere nach Südamerika und auf unbekanntem Wege nach Asien. Auf den hochasiatischen Wüstenflächen leben noch heute zahlreiche wilde Kamele. Die Stammform bildet das zweihöckerige oder baktrische Kamel, das einhöckerige ist nur eine jüngere Zuchtrasse. Dieses, das Dromedar, gelangte erst später nach Arabien und Afrika. In der Bibel wird das Kamel wiederholt erwähnt, so bei dem Besuche der Königin von Saba in Jerusalem. In Aegypten findet man Darstellungen des Kamels erst in neuerer Zeit, da schon das Eindringen griechischen Einflusses sich bemerkbar machte, etwa im vierten Jahrhundert v. Chr. Was die Zeit anbelangt, in welcher frühestens Haustiere gezähmt wurden, so reicht diese, nach Professor Keller, mindestens bis 6000 v. Chr. zurück, vielleicht auch bis zu 10 000 Jahren. Die hier in Betracht kommenden freilebenden Arten haben sich seit jener Zeit nicht erheblich geändert, die zahmen Abkömmlinge sind dagegen teilweise sehr erheblich umgestaltet wor den, zum großen Teil infolge der züchterischen Auslese. Die Ent­stehung der einzelnen Rassen erfolgte nur ausnahmsweise durch plötzliche, sprungweise Abänderung, dagegen bot die Kreuzung eine ergibige Quelle zur Entstehung neuer Formen. Große Verände­rungen im psychischen Charakter der Tiere haben unter dem sug­geſtiven Einflusse des Menschen stattgefunden, der dem geistigen Wesen seiner Haustiere eine neue Richtung gab, die sich im Laufe der Zeiten sehr streng vererbt hat. Dabei haben einige Tiere, wie Professor Keller hervorhebt, geistig sehr gewonnen, andere dagegen verloren. Am merkwürdigsten verhält sich nach ihm die Hauskatze. Von Haus aus intelligent, behielt sie ihre Selbständigkeit mehr als irgend ein anderes Tier." Suggestiv sehr empfänglich, verlangt sie gute Behandlung, ist dies nicht der Fall, so antwortet sie sofort durch eine Konträrsuggestive. Der Umstand, daß sie in ihrer ur­sprünglichen Heimat, in Aegypten, sehr lange als Kultgegenstand behandelt wurde, dürfte' dieses selbständige und aristokratische Wesen gesteigert haben. Durchaus entgegengesetzt verhielt sich der Hund, der übrigens im Verkehr mit dem Menschen außerordent­lich an Intelligenz gewonnen hat. Der Büffel, im wilden Zu stande sehr aggressiv, hat sich im Hausstande zum gutmütigsten Wesen entwickelt, das sich von jedem Kinde lenken läßt. Weitaus die größten Veränderungen weist das Schaf auf. Seine Zucht ist sehr alt, aber psychisch hat es gewaltig eingebüßt. Die Wildschafe sind vorzugsweise Gebirgstiere. Es wird von allen Beobachtern hervorgehoben, daß sie sich durch Mut und Kampflust auszeichnen und Gefahren flug zu erkennen wissen. Im Hausstand ist an Stelle der Klugheit eine unglaubliche Willenlosigkeit und Dummheit ge­treten und der Mut grenzenloser Feigheit gewichen. Diese Eigen­schaften sind jetzt durch Vererbung so streng befestigt, daß unsere Hausschafe wegen ihrer Unbeholfenheit gar nicht mehr verwildern können; der Freiheit überlassen, würden sie aus Mangel an Ver­teidigungsfähigkeit dem erſten besten Raubtier zum Opfer fallen."

*

Der Poren am menschlichen Körper zählt man ungefähr 3 381 248, und zwar entfallen in Quadratzollen ausgedrückt auf: Die Stirn 1258, die Wangen 548, den Hals 1 303, die Brust 1136, den Nacken 417, die Handfläche 2 736, den Handrücken 1740, die Fußsohle 2 685. An einem heißen Sommertage kann sich der Körper des Menschen vermittels der Poren um fünfzehn bis zwanzig Kilo Waſſer erleichtern.

Ursprung des Titels Dauphin. Humbert II., Fürst der Dauphiné, schaukelte einst seinen einzigen noch kleinen Sohn auf den Armen und stellte sich, als ob er ihn zum Fenster hinauswerfen wollte. Ein unglücklicher Zufall wollte es, daß das Kind seinen Händen entglitt und hinab in die vorbeifließende Rhone stürzte, aus welcher es nie wieder zum Vorschein kam. Im furchtbaren Schmerz über den durch ihn verschuldeten Verlust, machte er im Jahre 1349 die Dauphiné dem Enkel Philipp VI., Karl von Va­Yois, zum Geschenk mit der Bestimmung, daß der jedesmalige fran= zösische Thronerbe stets den Titel Dauphin führen solle.

Nr. 112

Freitag, den 20. Mat

1804.

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

( 1. Fortsetzung.)

Die Rache ist mein.

Originalroman von Ottomar Beta.

Nee, Frau Riesoppen, nee, da haben Sie recht! So viel Gemüt hat jeder," erwiderte das eine Dienstmädchen, zu dem Fremden hinüberschielend. Vielleicht hat er ein Ge­schäft mit Justizrats," meinte sie.

Er sitzt da ja schon um' ne geschlagene Stunde' rum." Jh, is wohl nicht möglich!"

Es wäre allerdings möglich gewesen; aber der Mankeegeist in dem Fremden stritt gegen seine Heimatsgefühle und trieb ihn nun empor. Vor ihm war ein großes, blankes Messing schild zu erschauen, worauf mit schwarzen Lettern stand: B. Fiebiger, Justizrat und Notar". Das konnte er selbst in der größten Vertiefung nicht gut übersehen. Er fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn, als ob er sich besinnen müßte, nickte gleichsam dem Schilde zu und trat ins Haus.

Durch eine Doppeltür mit grünem Glanzleder und Messingbeschlägen, welche in eine größere Tür eingefügt worden und, um allen Zug zu vermeiden, der etwaigen Akten­staub hätte aufwirbeln können, mit schweren Stoffportieren versehen war, trat er nun ohne Zögern in ein großes, helles Vorzimmer, dessen Decken mit pastosem Stuck verziert waren, und in dem warme Perlton des Alters vorherrschte.

Einige Schreiber, die hier Kopien anfertigten, drehten ihm den Rücken zu und blickten auch nicht nach ihm auf. Nur ein rostiger Herr mit riesigem kahlem Schädel und Wiesel­augen, der über irgend einem Kontraktkonzepte brütete, hob das Auge und stieß nach einer Weile den einsilbigsten unarti­tuliertesten Laut aus. Selbst der Yankee konnte diesem Lako­nismus seine Anerkennung nicht versagen und gab derselben durch eine leichte Verbeugung Ausdruck.

" Ich wünschte ich wünschte den Herrn Justizrat zu sprechen... persönlich

Dann

Der Mann mit den Wieselaugen blinzelte. Er überflog die Gestalt des Seefahrers mit einem Blick, der, dem Scheide­wasser ähnlich, alle Beſtandteile desselben auflöſte. deutete er, ohne die Miene zu verziehen, mit dem Federhalter über die Schulter und vertiefte sich wieder in seinen Kontrakt.

Unſer Fremdling hatte sich inzwischen besonnen, was er eigentlich zu tun beabsichtigte. Sein erster Impuls war ge­wesen, sich genau über die junge Dame zu unterrichten, welche ihm in der Tür seines Heimathauses wie eine Erscheinung aus Himmelshöhen entgegengetreten war. Bligartig fiel es ihm nun ein, daß im alten Land" diese Art unvermittelten Forschungseifers richt üblich sei. Auch fühlte er unwillkürlich, Er hatte daß sein Aeußeres einer Entschuldigung bedürfe. nach polizeilicher Ausforschung das Schiff verlassen, um die Stadt anzusehen, nicht um Besuche zu machen. In sich ver­funken, von Heimatgefühlen überwältigt, hatte er nicht daran gedacht, sich städtisch zu kleiden. In Amerika, wo ein Rüster am Stiefel den Mann ehrt, verlernt man solche Rücksichten. Er trug sich wie ein Mittelding zwischen einem Digger oder Goldgräber, einem Rarger oder Präriejäger und einem Squatter oder Hinterwäldler jener Zeit. Und die Reise von Newyork nach dem baltischen Hafen als alleiniger Passagier auf einem Frachtdampfer, der Gerb-, Färbestoffe und Hölzer brachte und um eine Rückfracht nach Gelegenheit fich bemühen

( Nachdruck verboten.) sollte, war nicht darnach angetan, um ihn über das Seemanns­niveau emporzunötigen. So fuhr es ihm denn durch den Sinn, wieder umzukehren; aber dem widersprach sein Yankeeſtolz und Selbstgefühl. Er entschloß sich also, seine Einführung bei dem Justizrate in anderer Weise zu bewerkstelligen. Er betrat ein Gemach, doppelt so groß wie das Vorderzimmer, und ließ seine Augen in diesem Raume neugierig und erinne­rungsbedürftig umherirren, ehe er den in einem sogenannten Großvaterstuhl an einem riesigen, mit Papieren überdeckten Konferenztische sitzenden und die Berliner Spenersche" lesenden alten Herrn Justizrat eines Blickes würdigte. Hier mußte es gewesen sein, wo er als Kind sich mit dem Wiegen­pferde getummelt ,, oder doch nicht... nein... hier hier..." er sah wie wirr umher.

,, Was wünschen Sie?" fragte der alte Herr ein wenig er­staunt über die scheinbare Geistesabwesenheit des Ein­tretenden.

,, I beg your pardon... ich bitte um Entschuldigung, Sir... ich.. mein Name ist.. o.. nein, eine Karte habe ich nicht, und meinen Paß hat die Polizei noch in Händen ich bin heute früh mit der City of Washington hier einge­troffen in meiner Heimatsstadt und und das Wieder­sehen macht mich ein menig crazy... ich bin soft, Sir, ber­worren," so stammelte und stotterte der Fremde und stieß dann seinen Namen hervor: Staudius!"

Der alte Justizrat sah ihn nun überrascht und zugleich mit einem Strahl der Genugtuung im Auge an. Dann fal tete er schnell die Spenersche zusammen und erhob sich. Wie!" rief er ,,, was der Erich Staudius! Erich... nicht wahr, Erich?"

Erich... ja... Erich," bestätigte der Fremde ,,, und dies hier ist das Haus.

,, Das Staudiussche Haus ja wohl, so heißt's bei uns alten Leuten noch heute," rief der Justizrat und trat nun auf den Fremden zu, ihm wie einem längst erwarteten Gaste die Hand entgegenstreckend. ,, Willkommen, lieber Herr, willkommen in der Heimat!"

Die beiden Männer schüttelten sich kräftig die Hände, dann trat der Justizrat zurück und betrachtete den Ankömmling von oben bis unten.

,, Als ob ich der verlorene Sohn wäre," so schoß es Erich durch das Gehirn und ein Lächeln eigener Art erhellte blitz­artig seine straffen Züge.

,, Mein lieber Herr Staudius, nehmen Sie Platz," hob nun der Justizrat wieder an. Sie sind lange in der Fremde ge­wesen, unter den Yankees und da werden Sie uns wohl vieles erzählen können... aus eigener Anschauung. Sie wollen sich nun bei uns ansiedeln. Oder gehen Sie mit dem Schiff wieder zurück? Gehören wohl gar zur Mannschaft find Mate oder Bootsmann... wie?"

Dabei faßte der alte Herr seinen Gast bei beiden Schul­tern und drückte ihn in einen Stuhl nieder. Dann eilte er in die Zimmerecke beim Lehnstuhl, welche gleichsam in dem großen Raume seine Ecke" zu sein schien und zog kräftig an einer

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