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Kinder

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fenkt in die Taschen der weiten Hofen, gerade wie wenn er mit einwärts gebogenen Füßen in der Manege umherſtol­gierte. Sein Sinn war verborgen in der riesigen Krauſe, die weit von seinem Halse abstand und seine Augen starrten mit leerem Ausdruck nach oben. Das Bild, welches er so dar­bot, war spaßhaft genug, um das leichte Lächeln zu entschul­digen, mit dem der Besucher nähertrat.

Ich denke, Monsieur Picotin," sagte der Mann, indem zeihen, wenn Sie die Veranlassung kennen." er die Hand ausstreckte, Sie werden mein Eindringen ver­

Picotin hatte den angeborenen Takt eines Mannes von Erziehung. Er stand auf, verbeugte sich, wie nur ein Afro­bat, der keinen undressierten Musfel am Körper hat, sich ver­beugen kann und bot dem Herrn den einzigen wackeligen Stuhl an, den das Mobiliar des kleinen Raumes aufwies. Dann stellte er sich mit weit auseinander gespreizten Beinen, die Hände noch in den sackartigen Taschen, hin und wartete auf die Mitteilung der Dinge, denen er die ungewöhnliche Unterbrechung seiner Meditationen verdankte.

Sie haben sich, wenn ich recht unterrichtet bin," begann genießen bedeutenden Ruf als Clown?" der Fremde, immer unter dem Namen Picotin bewegt und

Picotin nickte mürrisch. Er dachte an seine mißlungenen Späße, die einzigen, deren er sich je schuldig gemacht und die das Publikum mit so guter Laune aufgenommen hatte.

,, Nun, mein Herr, wenn sie feine Lust mehr zu Ihrem Berufe haben, so gibt es eine gute Gelegenheit für Sie, ihn aufzugeben. Sie sind der Erbe eines jährlichen Einkommens von fünfzigtausend Francs."

Der Herr mit dem roten Gesicht schien sich seiner eigenen Wichtigkeit sehr bewußt zu sein, als er diese staunenswerte Nachricht mitteilte, und der morsche Stuhl krachte unter seinem Gewicht, doch weder die Haltung noch der Gesichtsaus. druck des Clowns änderten sich im geringsten.

Wenn Monsieur gütigst diese Papiere überblicken wollen, werden sie sich von der Richtigkeigt meiner Behaup­tung überzeugen."

Picotin streckte die Hand aus und ergriff die Papiere, gültig. halb mechaniſch, als wären ſie ihm im Grunde höchst gleich­

Wunderbar! Welch ein Talent!" dachte der Anwalt, fest überzeugt, daß der Clown Komödie spielte, und sehr ge­neigt, in ein herzliches Lachen auszubrechen.

Picotins Gestalt warf einen langen phantastischen Schat­ten auf die Wand, während er vor der flackernden Gas­flamme stand und die Papiere überblickte. Der Anwalt dachte, er wäre vielleicht nicht imstande, ihren Inhalt zu lesen, schämte sich aber, es einzugestehen. Doch das war ein Irrtum. Der Clown war in seiner Art nicht ungebildet und verstand genug von dem Formelkram, den er überflog, um hatte. zu wissen, daß ein unerwarteter Glücksfall ihn betroffen

" Ich bin ein reicher Mann," murmelte er schließlich, indem er die Hände sinken ließ, wobei die Papiere raschelnd zu Boden fielen. Das sind Sie allerdings," rief der An­walt, und lachte laut auf über den wehleidigen Ausdruck mit dem diese Worte gesprochen waren.

Es ist zu spät, zu spät!" sagte Picotin, indem er fum­mervoll das Haupt schüttelte. Tränen standen in seinen Augen, aber seine Stimme hatte einen Tonfall, der unwider­stehlich komisch war, und der Anwalt schüttelte sich vor Lachen auf seinem Stuhle, bis schließlich ein Bein nachgab, und er aufsprang, um sich vor dem Fallen zu bewahren.

In Monsieur Arnaud Bertin, dem Rentier, wird die Welt einen unvergleichlichen Künstler verlieren," rief er emphatisch aus und machte sich dann daran, die Dokumente, die seiner Obhut anvertraut waren, wieder zusammen zu juchen.

Picotin saß auf seiner Holzkiste und rieb sich mit mür rischer, nachdenklicher Miene ein Bein. Warum war das nicht früher gekommen nur einen Moment früher? Dann hätte er zu Babinette gehen und ihr erzählen können, daß es in seiner Macht stand, sie zu einer wirklichen Dame zu machen, die eine Equipage und so viele Kleider besitzen fonnte, wie sie wollte, denn er war dann nicht mehr länger Clown, sondern ein reicher Mann. Und sie wäre dann ent­zückt gewesen, hätte um ihn herum getanzt und hätte in ihrer reizenden lebhaften Weise, die er so sehr liebte, in die Hände geflascht. Jetzt war ihm alles gleichgültig. Er konnte ihre Liebe nicht kaufen, seit sie diese dem blonden jungen Mann geschenkt hatte, den er im innersten Herzen haßte. ( Fortsetzung folgt.)]

DER VOLKS ANWALT

Umzugsgut.

Umzugsgut unterliegt einem weit geringern Frachtsate als ge­wöhnliches Frachtgut. In der Praxis streitet man nun häufig darüber, ob ein Umzugsgut im Sinne des Eisenbahngütertarifs auch dann vorliegt, wenn die alte oder neue Ausstattung bei der Verheiratung nach dem ersten Wohnsitz der Ehegatten be­fördert wird. Das Oberlandesgericht Naumburg hat diese Frage fürzlich verneint. In dem zur Entscheidung gekommenen Falle hatte der Versender die Fracht mit nur 119 Mark bezahlt, währent sie nach dem allgemeinen Gütertarif 677 Mark betragen sollte. Das Gericht gab der Klage des Fiskus auf Nachzahlung von 558 Mart statt, indem es ausführte, daß unter Umzugsgut die Gesamtheit der Möbel und der Haushaltungsgegenstände zu verstehen sei, die bei Veränderung des Wohnsizes zur Bewirkung des Um­zuges aufgegeben würden und zum Haushalt des Umziehenden gehörten. Es komme also nicht nur auf die Verlegung des Wohn­sizes, sondern auch darauf an, daß die verfrachteten Möbel aus dem Haushalte des Umziehenden stammten. Die junge Ches frau habe unstreitig bis zu ihrer Verheiratung als Haustochter in der Wohnung und dem Haushalt ihrer Eltern gelebt. Der Begriff des eigenen Haushalts ſeze wirtſchaftliche Selbſtändigkeit voraus, welche die junge Frau bis zu ihrer Verheiratung nicht be= sessen habe. Das Entscheidende sei nach der Erklärung der stän= digen Tarifkommission, daß die versandten Gegenstände zur Zeit der Auslieferung bereits in den Haushalt des Verfrachters über­gegangen seien. Hier handle es sich aber um die Begründung eines neuen Haushalts, nicht aber um die Verlegung des frühern Haus­halts. In der 58. Sitzung der ständigen Tarifkommission habe man es abgelehnt, den billigen Frachtsaz des Spezialtarifs für Umzugsgut auf altes und gebrauchtes Ausstattungsgut, das aus dem Haushalt der ausstattenden Eltern komme, anzuwenden, weil das Gut nicht zum Haushalt des Umziehenden gehöre. Hätten diese Aeußerungen der Tarifkommiſſion auch nicht die Bedeutung von Gesezen, so gäben sie doch einen Wegweiser dafür ab, was der Gesetzgeber beabsichtigt und was in der Begriffs­bestimmung des Umzugsgutz im Tarif seinen Niederschlag gefunden habe. Es komme daher nicht darauf an, ob die versandten Gegen­stände zum größten Teile neu oder alt seien, ob sie im Eigentum des Umziehenden gestanden hätten oder ständen, sondern ob sie schon eine selbständige wirtschaftliche Einheit vor dem Umzug bil­deten. Das treffe im vorliegenden Falle um so weniger zu, als die neuen Möbel erst etwa 14 Tage vor dem Umzuge in die Wohnung der Eltern der jungen Frau geschafft worden seien. Ob lettere sie noch kurze Zeit benutzt und dann mit schon früher besessenen Möbeln habe verfrachten laſſen, ſei unerheblich.

Zur Versicherungspflicht der Handlungsgehilfen. Frage: Ist es zulässig, daß ein mit einem Gehalt von weniger als 2000 Mark in einer Fabrik angestellter Handlungsgehilfe der Fabrik­krankenkasse nicht beitritt, wenn er einer kaufmännischen Vereins­tasse angehört? Antwort: Ja, unter der Voraussetzung, daß die Vereinskrankenkasse eine den Anforderungen des§ 75 des K.-V.-G. entsprechende eingeschriebene Hilfskasse ist, mithin allen ihren versicherungspflichtigen Mitgliedern oder derjenigen Mit­gliederklasse, zu welcher der Gehilfe gehört, im Krankheitsfalle mindestens diejenigen Leistungen gewährt, welche nach Maßgabe der§§ 6 und 7 von der Gemeinde zu gewähren sind. Frage: Ist die Firma verpflichtet, ein Drittel der Beiträge für den Ge­hilfen zu zahlen? Antwort: Nein! In den§§ 51, 52 und 65 des K.-V.-G. ist nur von den nach dem Geſeße errichteten Kranken­( Orts, Betriebs-, Gemeinde-) kassen" die Rede. Mitgliedern der Hilfskassen gegenüber besteht die Verpflichtung der Arbeitgeber, ein Drittel der Beiträge zu zahlen, nicht.- Frage: Ist die Firma berechtigt, im Falle der Erkrankung des Gehilfen das Krankengeld für ihn einzufassieren, weil sie ihm noch 6 Wochen lang das Gehalt fortzahlen muß? Antwort: Nein! Das Krankengeld gebührt dem Erkrankten bezw. dessen gesetzlichen Ver­treter und nicht dem Arbeitgeber. Frage: Ist die Firma be= rechtigt, den erkrankten Gehilfen in Höhe des Krankengeldes Gehalt abzuzichen? Antwort: Nein! Das ist im§ 63 Abs. 2 des Handelsgesetzbuches ausdrücklich verboten. Wenn der Arbeitgeber nicht will, daß der Gehilfe neben dem Gehalte Krankengeld be= ziehe, so muß er ihm den bestehenden Engagementsvertrag fün­digen und in einem neuen Vertrag die Fortzahlung des Gehalts während einer Krankheit ausschließen oder beschränken. Das iſt gesetzlich zulässig.

Nr. 111

Donnerstag, den 19. Mat.

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

Die Rache ist mein.

Erstes Kapitel.

Originalroman von Ottomar Beta.

Die Chronisten der alten Herzogs- und Hafenstadt an der Ostsee, an deren hölzernen Bollwerken die City of Wash­ington", ein Newyorker Dampfer, in den fünfziger Jahren zum erstenmale vor Anker ging, hatten Jahrhunderte hin­durch nichts zu berichten als von Krieg und Belagerung. Vor den Mauern dieser Stadt haben die Heere der Dänen, der Rügenser, der Sachsen und Franken, der Schweden, der Kaiserlichen, endlich die Reisigen des großen Kurfürsten, und zulezt, im Anfange unseres Jahrhunderts, die Franzosen und, um dann diese wieder zu vertreiben, die Preußen ihre Belte aufgeschlagen und ihre Batterien errichtet. Die wackeren Bewohner sahen wieder und wieder die Früchte ihres Schweißes und ihres Unternehmungsgeistes versiegen, und wieder und wieder mußten sie aus Schutt und Trümmern sich empor ringen. Sie waren kaum der schwedischen Fremdherrschaft entronnen, als die napoleonischen Regimenter in unablässigen Bügen ihre Feldmark_durchwanderten und sieben Jahre lang in diesen Gegenden brandschatten und plünderten. Die Gouverneure wechselten in rascher Reihenfolge, und jeder von ihnen wollte als reicher Mann heimfehren. Als es nach der Vernichtung der großen Armee ersichtlich wurde, daß die forsische Herrlichkeit sich ihrem Ende näherte, da warfen die Befehlshaber der hier garnisonierenden französischen Truppen jede Rücksicht beiseite und preßten den Bürgern die letzte Habe ab: fein Geldstück, kein Schmuck und Geschmeide, kein Gegenstand der Kunst war vor ihnen sicher, und nach einer abermaligen Belagerung seitens der Preußen, um sie von ihren Peinigern zu befreien, begannen, mit dem nackten Leben in den nackten Mauern, die Vielgeprüften aufs neue die Frrfahrt nach dem Glück.

Damals wurden die kaum wieder befestigten Fäden, welche die Generationen der Menschen mit einander verbinden, aufs neue zerrissen. Die Söhne und Töchter gingen hinaus in die Welt und wußten nichts mehr von ihren Eltern und oon einander. Kein alter Wohlstand, keine häuslichen Ueber­lieferungen ragten aus jener Zeit herüber in die unsere; und hätten in diesen von Mauern eingeschnürten Städten nicht die Hausstätten seit Jahrhunderten dieselben bleiben müssen, so würde die Erinnerung auch an den einst teuren Fleck Erde, der ihre Wiege trug, der Mehrzahl der Menschen verloren gegangen sein. Erst langsam begannen Handel und Wohl­stand sich wieder zu entwickeln.

Es war ein frischer Herbsttag, als die City of Washington hier einlief. Nebel, Sprühregen, Sonnenschein wechselten mit einander. Vergilbtes Laub flog von den Anlagen bis in den Hafen hinein. Melancholie und Mariengarn schwebten in der Luft. Der Dampfer war faum festgelegt, die blau­röckige, rotfragige und noch rotnasigere, etwas verschlissen aussehende Polizei war kaum an Bord, als ein etwa vierzig­jähriger Mann, seinen Paß abgebend, unter Garantie des Kapitäns für seine Vertrauenswürdigkeit, vom Bord auf das Bollwerk sprang und in die Stadt hinaufging. Er wanderte Stundenlang umher, stand hie und da still, sich besinnend und umsehend; endlich schritt er die Domstraße hinauf.

( Nachdruck verboten.))

Er hatte den wankenden Schritt der Seefahrer, deren Fuß der Bewegung der Planken zu folgen gewöhnt ist. Die Engländer würden sich drastisch ausdrücken: Er hatte die See. beine noch nicht abgeschnallt. Aber noch etwas anderes er. höhte die Unsicherheit seines Ganges. Sein scharfes, fast stechendes graues Auge maß jeden Stein, jedes Gemäuer seiner Umgebung. An mancher Straßenecke blieb er un­schlüssig stehen, wohin er sich wenden sollte. Seine sonst zu­ſammengepreßten und Festigkeit andeutenden Lippen verzogen sich bald schmerzlich, bald zu einem Lächeln. Es war ihm als sähe er sich selbst als Kind mit kurzem Röckchen und Aermel­chen über eben diese Steine hüpfen, welche stellenweise wie seit vor Ewigkeiten hierher verstreute erratische Blöcke erscheinen. Die Stadt war nicht schön. Es gibt seltsame Leute, welche erklären, sie sei eine der abscheulichsten auf dem Erdenrund und die gesamte Kaufmannschaft triebe ihr Geschäft wie ein Rudel Schakale. Unsern Reisenden aber wandelten solche Skrupel nicht an. Er schritt geradeswegs in das Paradies seiner Kindheit hinein. Das waren die Stätten, wo einst der Großvater um die Großmutter geseufzt, hier hatte sein Vater all sein Hab und Gut in den Freiheitskriegen dem Schillschen Unternehmen geopfert, hier war seine Mutter gebettet worden in ein frühes Grab, hier hatte er in einem alten, von Kastanien und Nußbäumen überschatteten Stift, einem ehemaligen Kloster mit Kreuzgängen und tausend Winkeln, unter großmütterlicher Fürsorge seine erste Kind­heit verlebt. In der Domstraße mußte das Haus stehen, das damals fast fürstlich erschien, welches der Urgroßvater erbaut, als er von Schlesien nach der Befreiung dieser Stadt von schwedischer Herrschaft hierher einwanderte. Der französische Gouverneur hatte es sofort dem düsteren Schlosse vorgezogen und in demselben Quartier genommen.

Dort draußen jenseits der Mauern war der jetzt mit Gras- und Butterblumen bestandere Platz, wo angeblich die preußischen Kanonen für hunderttausend Taler Nutzholz in Brand geschossen hatten, welches seinem Vater gehörte. Diesen Schaden hatte der glühende Patriot nie ersetzt be­kommen und nie verwunden. Es hieß, seine Feinde hätten das Holz angesteckt, und er hatte bittere Feinde. Auch er war früh gestorben. Und weiter hinaus flußabwärts lag das Gut", welches dem Vater gehört hatte und ihm in den Krisen jener Zeit verloren gegangen war. Die ganze Stadt und ihre Umgegend erschien unserem Reisenden wie ein ver­gilbtes Buch voll von tausend schmerzlichen Erinnerungen. Als er an jenem Morgen den Fluß heraufgefahren war, fehlte wenig, daß er nicht über Bord sprang, um ans Ufer zu schwimmen und den alten gigantischen Weidenbaum zu um­armen, der ein Schiffszeichen mit seinen Aesten fast verhüllt und seit Odins Zeiten den Schiffern statt seiner die Einfahrt vom Haff in den vielverzweigten Strom angibt. Und weiter oben, noch meilenweit von der Stadt! Da stand am Ufer hinter Schilf und Rohr, zwischen Wiesen und Gärten, Bäu­men und Blumen am Abhang der sanft geschwungenen Berge das weiß getünchte, rohrgedeckte Fachwerk mit dem hölzernen Balkon, wo er mehrere Sommer hindurch mit dem sang.

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