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Bufall oder Bestimmung?
Die Prinzessin Charlotte von Preußen hatte eine Schweizerin, Madame Wildermuth, zur Erzieherin. Um eine ihr zugefallene Erbschaft zu erheben, reist diese in die Schweiz, und nach ihrer Rückkunft zeigt sie ihrer jungen Gebieterin einige Schmucksachen, die ihr bei der Teilung zugefallen waren.„ Das ist ein recht alter Ring," meint die Prinzessin, auf einen kleinen gotisch geformten Ring deutend und ihn an den Finger steckend, er hat etwas Be= sonderes, sieht wie ein alter Talisman aus." Sie will den Ring zurückgeben, er geht aber nicht vom Finger. ,, Da hätte ich fast Lust, ihn zu behalten!" und sie behielt ihn denn auch. Später gelang es der Prinzessin, den Ring vom Finger zu nehmen. Sie betrachtete ihn nun genauer. Halbverwischte Buchstaben waren in der inneren Rundung eingeschrieben, mit vieler Mühe entzifferte sie die Worte:„ Kaiserin von Rußland". Man lachte darüber und meinte scherzend, das sei ein Fingerzeig für ihr späteres Schicksal.
Jahre vergehen. Eine Verbindung zwischen der Prinzessin Charlotte und dem Großfürsten Nikolaus von Rußland wird geplant. Dieser Bruder des Kaisers Alexander I., der aber damals noch nicht Thronerbe war, macht eine Reise nach Berlin, um die Prinzessin kennen zu lernen, und was bisher nur Absicht war, wird bei ihrem Anblick zum feſten Entschluß.— Bei Tafel neben ihr ſizend, erklärt er ihre Zuneigung. Er bittet, ihm ein Zeichen, ein Pfand zu geben, daß sie seine Liebe erwidere. Geben Sie mir den kleinen Ring dort an ihrem Finger; wollen Sie?"" Wie, hier vor aller Welt?"„ Niemand wird es bemerken. Drücken Sie den Ring in ein Stückchen Brot, und lassen Sie dies dann auf dem Tische. Ich werde dann den Talisman unbemerkt nehmen."
Der Großfürst erhielt den Ring; es war derselbe, den Madame Wildermuth aus der Schweiz mitgebracht hatte. Die Ehe ward eine sehr glückliche. Acht Jahre darauf bestieg Nikolaus den russischen Kaiserthron, und so ging die Prophezeiung des Ringes vollständig in Erfüllung.
Kaiser Nikolaus hat den geheimnisvollen Ring nie mehr abgelegt, nur, da er zu klein war, um ihn am Finger zu tragen, trug er ihn an einer Kette auf der Brust.
Bunte Blätter.
Die Vielweiberei im christlichen Deutschland war einmal nicht nur gesetzlich erlaubt, sondern wurde sogar von der Obrigkeit ge= wünscht. Es geschah dies kurz nach dem westfälischen Frieden, nachdem der entsetzliche dreißigjährige Krieg Deutschland verarmt und entvölkert hatte. Gewerbe und Handwerk lagen danieder aus Mangel an Menschen. Man konnte meilenweit reisen, ohne auf den niedergebrannten Ortschaften eine menschliche Seele anzutreffen, und so war der Beschluß, welchen der fränkische Kreistag zu Nürnberg am 14. Februar 1650 faßte und veröffentlichte, zwar seltsam, aber begreiflich. Dieser merkwürdige Beschluß, der die Bigamie sanktio= nierte, lautet nach den Akten wörtlich:„ Es soll hinfüro jedem Mannßpersonen 2 Wehber zu hehrathen erlaubt sein: dabei doch alle und Jede Mannßperson ernstlich erinnert, auch auf den Kanzeln öffters ermanth werden sollen, Sich dergestalten hierinnen zu ver halten und vorzusehen, daß er sich völlig und gebürender Discretion und versorg befleißige, damit Er als ein ehrlicher Mann, der ihm 2 Weiber zu nemmen getraut, beede Ehefrauen nicht allein notwendig versorge, sondern auch under Ihnen allen Unwillen ver= hüette." Wie lange dieser kuriose Beschluß gesetzliche Kraft hatte, ist leider nicht mehr zu ermitteln.
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Eine Spielhölle auf Rädern gab es vor etwa 20 Jahren in Kalifornien. Sie war wie ein Zirkuswagen bemalt, wurde von stattlichen Pferden gezogen und enthielt Pharotische, Roulette und andere Spielapparate. Der Besizer hatte mehrere bis an die Zähne bewaffnete Gehilfen, lauter starke" Männer, und fehlte mit seinem Spielfahrzeug bei keinem Fest.
Kluge Verschwendung. Der Bankier Fabius Chigi, der im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts lebte, gab Feste, die sich durch
ihre verschwenderische Pracht auszeichneten. Einmal wurden bei einer solchen Gelegenheit elf Schüsseln massiven Silbers gestohlen. Man bemerkte den Verlust noch während des Festes; doch Chigi befahl seinen Dienern, den Vorfall vor den Gästen zu verheimlichen, damit sich niemand unnötig ärgere. Und um zu beweisen, daß er genug silberne Schüsseln habe, ließ er bei dem nächsten großen Bankett, das er veranstaltete, nach jedem Gange die Silberteller, auf denen man speiste, in die nahe Tiber werfen. Diese grenzenlose Verschwendung erregte allgemeinstes Staunen; doch niemand wußte, daß der kluge Bankier seine Nee am Boden des Flusses ausgespannt hatte, und darum nichts von dem weggeworfenen Silberzeug verloren gehen konnte. Erst nach seinem Tode wurde dieser Streich berraten.
Sehr einfach. Als der tapfere Bulgarenfürst Alexander von Battenberg noch als schneidiger Leutnant beim Regiment Garde du Korps die sorglosesten Tage berlebte, galt er bei seinen Kameraden als das Musterbild wißigen Humors und sarkastischer Laune. Einst flagte ihm ein Offizier, der junge Graf P., seine Verlegenheit und Sorge, da er durchaus nicht wüßte, wie er es anstellen sollte, um dem Herrn Papa die neusten, namhaften Schulden zu beichten. " Mein bester P.," antwortete der Leutnant von Battenberg, die Sache ist höchst einfach. Wenn Sie nächste Woche Urlaub nehmen und nach Haus kommen, so gehen Sie mit Ihrem Erzeuger auf die Jagd. Steht dann ein Wild zum Schuß, so schütten Sie gerade in dem Moment Ihr Herz aus, wo der Graf die Flinte anlegt, um zu zielen!" ,, Aber ich bitte Sie," rief der andere,„ weshalb gerade dann?"„ Das will ich Ihnen sagen," erwiderte der Battenberger mit unverwüstlichem Ernst, weil dann der Herr Papa unzweifelhaft ein Auge zudrückt."
Sonderbares Zusammentreffen. Es ist eigentümlich, daß die Schlacht am weißen Berge bei Prag, welche bekanntlich der Winterkönig Friedrich V. von der Pfalz an die ligistischen und kaiserlichen Truppen verlor, gerade an dem Tage stattfand, an welchem, wie einer seiner frühsten Biographen Köler schreibt, das Evangelium lehrt, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist.
Ganz nach Befehl.
Die Kontinentalsperre, durch welche Napoleon I. den Handel der Engländer zu vernichten gedachte, lastete mit schwerem Drucke auf ganz Europa und machte sich nicht zum mindesten in Frankreich selbst fühlbar. Im großartigsten Maßstabe wurde die Schmuggelei betrieben, und der Kaiser, der sich für allmächtig hielt, mußte erfahren, daß er trotz der harten und mit unnachsichtlicher Strenge gehandhabten Zollgesetze die heimliche Einführung der verbotenen Ware nicht zu hindern vermöge.
Kurze Zeit nach dem Erlaß des Dekretes, laut dessen alle engliche Ware, deren man habhaft würde, ohne weiteres zu verbrennen sei, ging der Kaiser eines Tages in der Umgegend von Fontainebleau spazieren. In der Nähe der Pfarrwohnung eines kleinen Dorfes blieb er plößlich stehen und hob die Nase in die Luft. Verräterisch drang der Geruch frisch gebrannten Kaffees zu ihm, und bald vernahm sein Ohr auch das Geräusch einer in Bewegung befindlichen Kaffeetrommel.
" O," sagte der Kaiser lachend,„ da kann ich ja einen Gesetzes= übertreter auf frischer Tat ertappen; ich wollte, es ist niemand anders, als der Pfarrer selbst."
Von Neugier getrieben, trat er in den Hof des Pfarrhauses und erblickte daselbst wirklich den mit dem Brennen des Kaffees beschäftigten Geistlichen, der, sobald er den ihm wohlbekannten Kaiser erblickte, eilig sein Geschäft im Stiche ließ und den Monarchen mit tiefer Verbeugung, aber ohne jeden Anschein von Verlegenheit oder Furcht entgegentrat.
,, Was in aller Welt machen Sie denn da, Herr Pfarrer?" rief Napoleon halb belustigt, halb zornig.
Ei, Sire, ich gehorche dem Befehl Euer Majestät, ich brenne Kolonialwaren, wie Euer Majestät sehen," antwortete der Kluge Pfarrer ohne Besinnen.
Der Kaiser nickte und entfernte sich lachend. Es war ihm wohl nicht im Ernste darum zu tun gewesen, den höchst eigenhändig abs gefaßten Pfarrer der Strafe zu überliefern, dessen gute Antwort entwaffnete ihn aber vollends, er ließ, wo ihm eine solche erteilt ward, selbst in schwereren Fällen Gnade vor Recht ergehen.
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Nr. 136
Gamstag, den 18 Sunt.
1904.
Oberhessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
der
Gießener Neueste Nachrichten.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1788); verantwortlich: Albin Klein.
(( 3. Fortsetzung.)
Die Adjaren.
Originalroman von Arthur Gundaccard. Suttner.
Endlich näherte man sich dem Ziele, und von der Ferne schon konnte man eine stattliche Menschenmenge erkennen, die bor dem Dorfe Sfalta Aufstellung genommen, um beim Herannahen der Flotte Jubelrufe ertönen zu lassen und eine Salve abzugeben, welche gleich Donnerschlägen von Berg zu Berg hallte. Nun gab es ein Gewirre von Booten, ein Aneinanderrennen, Ringen und Drängen, als alle Fahrzeuge gleichzeitig dem Ufer zustrebten, um nicht zu weit hinter dem Schiffe des Gouverneurs zurückzubleiben, das bereits am teppichbelegten Gestade angelegt hatte.
Cherif- Pascha und seine Gesellschaft begaben sich zu den Pferden, die bereit standen, und nachdem Djambek Thamar in den Sattel geholfen, wobei er übrigens ihr Füßchen etwas länger als nötig in der als Stützpunkt dargebotenen Hand gehalten, ging es in feierlichem Zuge den Abhang hinauf dem Herrenhause zu.
Die ferneren Dörfer, welche auf dieser Fahrt nicht mehr berührt wurden, selbst das adjarische Hochland, hatten die meisten ihrer männlichen Bewohner entsandt, um die Anwesenheit des Höchstgebietenden zu ehren, und so war denn auf diesem Fleckchen eine Menschenmenge zusammengekommen, wie man sie hier noch nie gesehen hatte. Cherif- Pascha bemerkte das mit sichtlich erfreuter Miene, als er vom reichgeschnitzten Balkon auf das Gewoge zu seinen Füßen herabblickte. Ich danke dir, mein lieber junger Freund," sagte er, Djambek die Hand drückend, du erweisest mir und durch mich unserem hohen Herrn, dem Padischah, eine Huldigung, die von der trefflichen Gesinnung des Landes Zeugnis ablegt!" Dann wandte er sich gegen den Kaimakam:„ Ali- Beg, lasse die guten Leute benachrichtigen, daß der Rest des heutigen Tages dem Vergnügen geweiht bleiben soll; morgen werde ich aber gerne bereit sein, ihre Anliegen zu hören, und zu diesem Zwecke mögen sie Abgeordnete wählen, die in ihrem Namen sprechen werden."
Unter der riesigen Linde, die unweit vom Hause ihre Aeste wie ein grünes Zeltdach über den Wiesenplan breitete, war die Festtafel mit fünfzig Gedecken vorbereitet worden, an der außer der Reisegesellschaft auch noch die Vornehmsten aus der Umgebung Platz finden sollten. Parallel mit dieser Tafel stand eine zweite, für die sämtlichen Dorfältesten nebst den kleineren Regierungsbeamten bestimmt. Was die übrigen Anwesenden betraf, so lagerten sie sich im Kreise auf dem Grasplate um diese beiden erhöhten Punkte, um an flammen den Feuern das Mahl zu bereiten, zu dem teils Djambek beigesteuert, teils von ihnen selbst das nötige in Gestalt von Lämmern, Zicklein und Geflügel mitgebracht worden war.
Während die Ehrengäste noch um die Tafel sitzen blieben und Kaffee sowie Zigaretten herumgereicht wurden, nahmen im Lager der Eingeborenne Gesang und Tanz ihren Anfang. Alles hatte sich heute in seine Festgewänder gehüllt, und jeder der Anwesenden war bedacht gewesen, seine Person so vorteilhaft als möglich herauszupuzen.
Die Tracht der Adjaren nebst jener der Gurier ist die kleidsamste des Kaukasus: eine kurze, nur bis an die Taille rei chende Jacke, die auf der Brust offen bleibt, um den hellfarbi
(( Nachdruck verboten.)) gen Kaftan- ein Mittelding zwischen Weste und Oberhemd --sehen zu lassen, umschließt den Oberleib. Die Beinkleider sind an den Hüften weit, legen sich aber enger um Schenkel und Waden und werden von einer breiten Schärpe aus ge= streifter Seide festgehalten; die Füße umhüllen dünne Schnabelschuhe, die oft durch weiche Ledergamaschen in Form von Stiefelröhren verlängert werden. Wie alle Kaukasier ſetzt auch der Adjare seinen Stolz in die Waffen; der Dolch und eine, oft auch zwei Pistolen, schwer mit Silber beschlagen, stecken im Gürtel, letztere gemeiniglich nach hinten in die Gegend der Wirbelsäule geschoben, und zwei Reihen metallglänzender Patronen, durch Filigrankettchen miteinander verbunden, prangen zu beiden Seiten der Brust. In der Regel wird noch an Lederriemen ein Täschchen geführt, das Stahl, Feuerstein und eine Büchsen mit Fett enthält, welches zum Einfetten der Kugeln dient, während der Gürtel ein flaches Trinkgefäß aus Metall oder Leder birgt. Das Alltagsgewand ist von grauer oder brauner Farbe; bei dem heutigen Feste waren jedoch lebhafte Nuancen in der Mehrzahl vertreten, besonders konnte man blau in allen erdenklichen Abstufungen bemerken. Die Baschliks, die zumeist turbanartig um die Köpfe gewunden werden, machten in dieser wogenden, drängenden Menge den Eindruck von riesigen weißen, blauen, grellroten und dunklen Blumen, die, wie von einem Luftzuge in Bewegung gesetzt, hin und her nickten.
Die Frauen und Mädchen trugen auf den Köpfen Schleier, deren Enden über das Gesicht gezogen waren; hie und da aber im Eifer des Tanzes verschob sich die neidische Hülle und gab so manche glühende Wange, so manches dunkle, glänzende Auge und firschrote Lippen den Blicken der Zuschauer preis. Auch mit dieser Verschleierung nahm man es nicht so genau, insbesondere da durch Cherif- Paschas weibliche Gäste das Beispiel zur vollsten Freiheit gegeben war.
Die Paare drehten sich einzeln in graziösen Windungen zu den eher melancholisch als lustig klingenden Weisen, welche den Saiteninstrumenten entlockt wurden. Auch Kriegs- und Waffentänze kamen an die Reihe, bei denen viel Geschicklichkeit und Besonnenheit erforderlich war, da die Tänzer die haarscharf geschliffenen, spizen Dolche bald an die Brust, bald an die Schläfen hielten und ein Fehltritt leicht eine Verwundung zur Folge haben können.
Nachdem das Tanzprogramm erledigt war, kamen Ringkämpfe, Wettlaufen, Steinschleudern an die Reihe, und so verging die Zeit, bis endlich die Dämmerung hereinbrach. Nun eilten die Bediensteten des Hauses emsig durcheinander, um die Lampen aus farbigem Papier längs der Veranden und in den verschiedenen Gebüschen anzubringen, während ein Teil der Dorfbewohner sich nach dem Flusse aufmachte, wo Holzplättchen mit Bechlichtern bereit lagen, die auf ein gegebenes Zeichen angezündet werden sollten, um den Fluß hinabzuschwimmen.
Djambek fand während dieser Vorbereitungen Muße, mit Thamar ein paar Worte zu wechseln. Nachdem sie ihm ihre Freude und ihren Dank über das wohlgelungene Fest ausge sprochen, erwiderte er in der bescheidenen Art des Orientalen,
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