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So," sagte Helene falt, Sie wissen also vermutlich noch nicht, daß Sie heute zu Ihrem Privatvergnügen die Existenz eines Ehrenmannes zerstört haben? Oder vielleicht rechnen Sie das nicht als etwas besonders Schlimmes?"
Alma machte ein Gesicht wie ein gescholtenes Kind, das nicht recht weiß, auf welche seiner vielen Unarten es diesmal gemünzt ist.
" Ich verstehe wirklich nicht recht," sagte sie kleinlaut. " Ich habe Ihren Bruder heute auf unserem Flur abgefaßt," belehrte sie Helene streng, und er hat mir alles gestehen müssen. Sie sind es, die ihn und die Klasse aufgehezt hat zu einer Schändlichkeit-
,, Ach so," nickte Alma mit einem kleinen Anflug von Trop, sie haben ihn herausgetrommelt; aber das ist doch nicht so schlimm
Das bedeutet für diesen Mann die Vernichtung seiner Existenz. Doch das würden Sie kaum verstehen, wenn ich es Ihnen auch erklären wollte. Er ist durch diesen Zwischenfall genötigt, seine Laufbahn als Lehrer für immer aufzugeben, und da er keine pefuniären Hilfsmittel besißt, so befindet er sich dem unwürdigsten Elend gegenüber. Ich weiß nicht, ob Sie das begreifen. Und das dankt er Ihnen, Ihnen alleinund ich glaube nicht, daß er das gerade von Ihnen erwarten durfte," setzte sie etwas langsam und lauernd hinzu.
Alma starrte sie mit großen Augen an, die sich allmählich
mit Tränen füllten.
,, Aber davon hatte ich ja gar keine Ahnung!" rief sie entsett.„ Ich verstehe auch nicht—“
Helene wurde etwas milder gestimmt. Ihr Heiligenschein ward um mehrere Ringe schmäler. Auf einmal klärten sich Almas Züge auf.
Wissen Sie was, Fräulein Gehrke?" rief sie mit Freu digkeit. Dann muß mein Papa ihm helfen! Aber natürlich!"
Helene blickte wieder sehr strenge.
Ihm ein Zwanzigmarkstück in die Hand drücken, nicht wahr? Als Abschlagszahlung für seine Tochter, deren Rofetterie-"
Mma zog die Brauen in die Höhe und sprang hastig auf. „ Das geht zu weit!" rief sie empört; ihr kühnes Gesichtchen flammte. Plötzlich besann sie sich, daß sie als eine Hilfesuchende gekommen war, und legte mit einer verzweifelnden Geberde die Hand an die Stirn.
Helene fühlte, daß ihre Entrüstung sie ungerecht gemacht hatte.
Seien Sie nicht böse," sagte sie freundlicher, und behalten Sie Plaz. Ich tat Ihnen unrecht, Sie hatten es diesmal gut gemeint. Aber Sie sind in einem Irrtum befangen. Ich zweifle nicht, daß Ihr Herr Vater, wenn er den Zusammenhang dieser Dinge kennte, den guten Willen haben würde, Herrn Doktor Belling in anständiger und vornehmer Weise über Wasser zu halten, bis er eine seiner würdige Stellung als Universitätslehrer gefunden hätte. Aber wie ich Herrn Doktor Belling fenne, wird er eine solche Hilfe von dieser Seite niemals annehmen. Verstehen Sie ihn recht, nicht aus einem hochmütigen Bettelstolz würde er sie verschmähen
es wäre auch wahrlich gar nichts so Großes, das man ihm gäbe ich bin überzeugt, er wird ein Darlehn aus der Hand der Freundschaft, freudig und dankbar empfangen in dem stolzen Bewußtsein, daß er es seinerzeit zurückzahlen kann, aber aus Ihrer Hand nimmt er es niemals, niemals! Ich will Ihnen auch verraten, daß man bereits Vorsorge zu treffen beginnt, ihm beizuspringen, und ich verbürge mich für ihn, daß er die Hand der Freundschaft annimmt, aber nie mals die Hand einer treulos gewordenen wie kann man überhaupt einer Liebe treulos werden?! Ein edles Herz liebt einmal und nicht wieder!"
Alma war ganz verblüfft und niedergeschlagen. Woher glauben Sie..." stoterte sie ängstlich.
Woher ich das weiß, meinen Sie? Nun, gewisse Schulgeschichten ließen mir längst feinen Zweifel mehr, und Herr Doktor Belling ist für den, der ihn einmal durchschaut hat, ein aufgeschlagenes Buch und ich las viel Glück darin und wachsende Hoffnung bis heute. Heute aber habe ich ihn noch gar nicht gesehen, statt dessen höre ich nur Schlimmes. Sagen Sie vor allem: Was hat Sie dazu geführt, ihm diesen wahnsinnigen Streich zu spielen? War denn vorher
alles Komödie oder-"
Alma seufzte und suchte abzulenken.
Hören Sie nur, bitte, erst das Neue, das Schlimmste nachher" bat sie schüchtern.
Erst das Alte,"
fenne,
befahl Helene, wenn ich Sie nicht kann und mag ich Ihnen nicht helfen und bis jetzt sind Sie mir ein Rätsel."
" Ja, sehen Sie, ich mir selbst eigentlich auch!" sagte Alma.„ Gestern war alles noch so anders, so ganz anders, und ich wollte ganz bestimmt ich zweifelte gar nicht ich hatte es sowohl Papa wie Mama schon angekündigt und eigentlich hatte ich das ganze Fest zu dem Zweck veranstaltet und mir alles so himmlisch gedacht und gerade von Herrn von Bodungen wollte ich gar nichts wissen."
Helene riß die Augen weit auf und errötete stark; sie war froh ,, daß Alma die Blicke zu tief gesenkt hatte, um es zu bemerken.
„ Ich hatte mich immer mit ihm gezankt," fuhr diese fort, und wir konnten uns deshalb gar nicht mehr leiden, und es ärgerte mich, daß er mir doch immer den Hof machte und ich ließ ihn gründlich abfallen. Aber vor Herrn Doktor Belling hatte ich so furchtbaren Respekt, daß ich immer ordentlich zitterte, wenn er fam aber das war so angenehm! Und gestern mit einemmal nein, Sie glauben nicht, wie dumm er sich da plöglich anstellte! Wollte mir eine ehrpusselige Schulmeisterrede halten, statt einfach na, und dann auf einmal kam der efelhafte, schmutzige Hund dazwischen mein ganzes Kleid hat er schmutzig gemacht, merkte, daß er gar keine Gewalt über das dumme Vieh hatte, und wir wollten nachher doch noch tanzen! Und wie ich dann da, ich weiß nicht, wie das kam, da hatte ich plötzlich allen Nespekt vor ihm verloren und ärgerte mich bloß über ihn und fort, aber bloß, um ihn zu ärgern! Und dann kam plötzlich war furchtbar wütend und warf ihn mit Schnee und lief ihm Herr von Bodungen und lief so prachtvoll mit mir und tanzte furchtbar aufgeregt, daß mir ordentlich schwindelte und sich wie toll, und ich war von der Geschichte mit dem Belling so alles mir vor den Augen drehte, und ich glaube, wenn Herr von Bodungen mich nicht immer so fest gehaltett hätte Gott, ich war aber so verwirrt im Kopf, daß ich wahrhaftig aber das tat er, und das war wieder so angenehm! Ach gar nicht mehr wußte, ob es eigentlich Herr von Bodungen Punsch getrunken; nämlich herr von Bodungen gab mir wäre oder Herr Belling. Ich glaube, ich hatte auch zu viel immerfort zu trinken, und das war das starke Zeug für die Herren, und ich glaube ganz bestimmt, ich hatte einen kleinen Hieb weg. Und nachher war der Belling ganz verschwunden, und das ärgerte mich so wahnsinnig, und dann war es mir wieder ganz lieb, aber ich fand es denn doch etwas sehr komisch von ihm, und überhaupt, ich begriff gar nicht mehr, warum ich eigentlich immer so schreckliche Angst vor ihm gehabt hatte, denn er war nun doch gar nicht so zum ängstigen- und ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich so dumm gewesen war
und da packte mich eine riesige Lust, thm einen recht tüch tigen Schabernack zu spielen, und da sprach ich mit meinem Bruder; und ich wollte ihn nämlich zugleich ein bißchen auf die Probe stellen, ob er die Jungens auch nicht besser in der Gewalt hätte als den greulichen Hund und da geschah das Unglück mit den frechen Tertianern; ja, mit denen soll sich einer nur einlassen! Die Bande! Aber Sie können mir glauben, heute schämte ich mich über die Maßen, als ich Herrn Doktor Belling sah auf der Chaussee! Und ich hätte ihn gewiß auch gern um Verzeihung gebeten; aber da war auch der der Hund machte sein Pferd scheu, und er wurde abgeworfen, gräßliche Hund, und Herr von Vodungen kam geritten, und und ich schrie denn er hätte sich doch gleich das Genid brechen können! Denken Sie doch, wie entsetzlich! Aber er fiel auf die Füße und schoß den ekligen Hund tot, und Sie haben keinen Begriff, wie schön er jetzt aussah! Und der Belling nahm den alten Kadaver auf den Arm, und das sah zu dumm aus- wahrhaftig, ich konnte mir nicht helfen, ich fand Herbert von Bodungen zehnmal schöner! Und da wurde Herr Belling auf einmal böse und schimpfte mich ein bißchen aber Herr von Bodungen wollte das nicht leiden und ging -- aber nicht so sehr, und ich hatt' es ja auch gewiß verdient; dicht an ihn heran und redete erst laut und dann leise mit ihm und da wußte ich ganz genau, daß sie sich auf Pistolen gefordert haben! Und das ist nun das Entsetzliche, und da rum bin ich hergekommen!"
und sprang von ihrem Stuhl auf. Ja, das ist wirklich ent. Großer Gott im Himmel!" rief Helene erbleichend aus setzlich!"
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( Fortsetzung folgt.)!
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Zwang reizt ein Herz, das edel; doch sanfte Lehre Führt Mann und Frau zu Recht und Ehre.
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Großstadtbilder.
Nachdenkliche Geschichten von A. Bärwald.
( Nachdruck verboten.) Frühmorgenstille! Wo sonst tausende geschäftiger, atemloser Menschen einherhasteten, herrscht ein so namenloser Friede, ein so tiefes unerhörtes Schweigen, daß es mir nahezu unheimlich wird. Der Kontrast zwischen der vierten Stunde der Nacht und des Nachmittags ist geradezu ein verblüffender. Die Straße erscheint im Morgennebel, da die Läden verschlossen sind, wie eine fremde Gegend. Der Menschen, die man um diese Zeit dort antrifft, wird man tagsüber selten gewahr lauter fremde Gesichter sind es aus den Vorstädten, die allerlei Lebensmittel herbeigeschafft haben, einige Nacht vögel, die taumelnd von einem verfrühten Gelage heimkheren und die mit ihren zerzausten Frisuren und roten Augen gar nicht anheimelnd auftreten, einige Straßenkehrer, die an thr nächtliches Werk die letzte Hand legen, ein Fremder, der vom Bahnhofe kommt mit der Reisetasche in der Hand
Ein gesundes rotes Gesicht, bon blonden Haaren umrahmt, ein paar treuherzige, hoffnungsfrische Augen; hoch gewachsen, kräftig, so tritt er vor mich hin und frägt bescheidentlich nach einer fernen Straße.
Ein großes Mitleid überkommt mich bei seinem Anblick. Der wenig moderne Schnitt des Anzuges, den er trägt, und die braunen Backen verraten den Provinzler; solche stroßende Lebensfülle und solche gesunden Farben erzeugt die große Stadt zu selten. Was er vorhat? Ich frug ihn nicht, ich wußte es auch so. Er will sein Glück machen! Ich möchte thn nach sechs Wochen wiedersehent, ob sein Auge dann noch so freudig schimmert; denn das Elend ist groß und die„ Ueberproduktion", um national- ökonomisch zu reden, eine erstaun= liche. Seine Schritte hallen tönend in der Stille wieder; nun biegt er um die Ecke und ist verschwunden. Die große Stadt hat wieder ein Opfer verschlungent.
*
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ter ein jour fixe, ein Abonnementssig in der Oper, eine Equipage mit Gummi, im Sommer die Reise ins Bad, und so weiter. Herr Y. war Geschäftsmann; was für Geschäfte er betrieb: Er handelte mit Grundstücken, operierte an der Börse, hier und da trat er vielleicht auch als Kravattenfabrikant auf, alles in Ehren und Rechten. Ein wohlgenährter Mann, der ein klein wenig zur Fettsucht neigte; wie stattlich nahm sich nicht die riesige Goldkette auf der weißen Weste aus, wie würdevoll schritt er die Straße hinab! Nur hatte er ein nervöses Zucken um den Mund, eine scheue Unstätigkeit im Blick, die mir nie recht gefallen wollte. Doch ich komme auf den Gesellschaftsabend zurück.
Eben sollte die Suppe aufgetragen werden, da schlüpfte ein freundlich lächelnder, kleiner bescheidener Mann in das Haus; ihm folgte ein Schußmann, der auf dem Hofe Posto faßte, ein zweiter, der die Vordertür bewachte. Der kleine Herr mit dem jovialen Gesicht eilt in die Beletage und zieht ,, Nein, nein!" die Glocke.„ Herr V. nicht zu sprechen?" sagt der Diener hochtrabend,„ die Herrschaften sind eben zu Tische gegangen." ,, Sagen Sie dem jungen Herrn, er solle einen Augenblick herauskommen." Es geschieht. Der junge Herr erscheint, ein Sträußchen im Knopfloch, die Serviette in der Hand. Was steht zu Diensten?" fragt er barsch.„ Bitte," sagt der kleine Mann, ich bin Kriminalbeamter, hier ist meine Marke. Sagen Sie Ihrem Vater, ich müßte ihn notwendig sprechen." Der junge Herr entfärbt sich und eilt zur Mutter, der er das Schreckliche, das Unerhörte mitteilt. In blauer Seide rauschend, juwelengeschmückt kommt die Frau und erhält einen ähnlichen Bescheid. Bebend flüstert sie ihrem Mann etwas ins Ohr. Sein Gesicht verzerrt sich, er muß sich am Tisch festhalten. Karl!" ruft sie ihm fragend zu; er antwortet ihr nicht; aber sein Blick, ein schrecklicher, alles bestätigender Blick ist von den Gästen nicht vergessen worden. Zur rechten Zeit kommt ihr eine Ohnmacht zu Hilfe der Mann geht schwankend hinaus, seinem Verhängnis entgegen. Die Gäste zerstreuen sich rasch, das leckere Mahl bleibt unberührt.
Ein hochaufgeschossenes, blasses, junges Mädchen eilt an mir vorbei; sie trägt eine Mappe in ihrer Hand, auf der ich schaudernd das Wort„ Musik" lese. Verstehe mich recht, werte Leserin! Ich entseze mich nicht vor der hohen, der göttlichen Kunst, es ist nur die Praris, die mich jammert. Alljährlich kommen viele, ach, so viele junge Damen in die große Stadt, um die Musik zu studieren. Ihre Tochter," so hat der Musikprofessor in 3. alt der stolz errötenden Mutter gesagt und er muß es ja wissen, ist er doch das musikalische Orakel dort, gegen das keine Berufung einzulegen ist„ hat emihente Anlagen. Sie müssen sie ausbilden lassen." Der Vater greift seufzend in die Tasche, gute Musikstunden sind in der großen Stadt sehr teuer; aber er setzt es durch, er spart es sich mit den Seinen vom Munde ab, damit Elvire ein Stern ersten Ranges wird. Elvire kommt in eine Pension, wo sie, was Verpflegung anlangt, gerade nicht verwöhnt wird; und dann beginnt die Marter. Fünf bis sechs oder gar sieben bis acht Stunden täglich üben so hat der große, berühmte grobe Meister gesagt. Das arme Wesen, das zur Virtuosin gepreßt wird, müht sich ab, so gut sie kann; täglich wird sie eine Schattierung blässer. Zwei Jahre vergehen, auch drei; sie spielt wirklich sehr geläufig. Endlich kommt das erste Konzert, und dann erwacht sie aus dem Traum, wenn sie die erste Kritik liest. Ihr Spiel hat nichts Seelisches"; vielleicht hat sie auch gar keine Seele hineinzulegen, dazu ist sie noch viel zu jung; die Pflanze ist fünstlich emporgetrieben und zu einer Blüte gezwungen worden. Der Ausgang der kleinen Tragödie ist verschieden. Nun, eine Virtuosin ist sie nie geworden. Und wie viel verschwendete Lebensfrische, geknickte Hoffnung, vergeudete Energie, zerstörte Gesundheit! O, diese Treibhauskultur!
Acht Fenster Front in der Beletage. Vor einigen Wochen noch war dort alles glänzend erleuchtet, Karossen hielten vor dem prächtigen Hause, und oben wollten sie eben zur Tafel gehen, die von stolzen„ Aufsätzen" prangte heute ist alles dunkel und leer und nackt, und der Mietszettel hängt vom Balkon. Eine ganz kurze Geschichte kommt mir in den Sinn.
Der Geburtstag der gnädigen Frau sollte gefeiert werden, vielleicht auch noch die Verlobung der Tochter. Die Familie war so fashionable" und machte ein großes Haus, im Win
Meineid. In die menschliche Gesellschaft kehrt er erst nach Jahren zurück, für die„ Gesellschaft" ist er tot.
Sommer und Winter führt mich mein Weg in der großen Stadt an einem Ahornwäldchen vorüber, an das sich einige schmale Rasenstücke und mit Flieder und Goldregen bestandene Beete schließen. Groß ist der Park nicht, aber wohlgepflegt; auf den Bänken ſizen unangenehme dicke Ammen mit dem heranwachsenden Geschlecht, und auf dem Kieshaufen, der in der Mitte liegt, gräbt zur wärmeren Jahreszeit eine angenehme emsige Kinderschar und„ buddelt" voll Wetteifer.
In der kleinen Holzhütte, die für die Gartengeräte bestimmt ist, treffe ich den Wächter und Gärtner oft; nicht nur im Sommer, auch in den kalten Tagen des Dezember finde ich ihn dort. Still, zusammengekauert, schweigsam und müde, raucht er sein Pfeifchen, ein alter Mann schon, mit vielen Jurchen im Gesicht. Mit unendlich liebevoller Sorgfalt waltet er seines Amtes; wenn er eine große Bürste hätte, ich glaube, er würde das ganze Stück Gartenland täglich damit abpuzen. Kein herunterfallendes Blatt entgeht ihm; ich argwöhne, daß er bei seinen Raupen und Käfern längst Arbeitsbücher und Hausierscheine eingeführt hat, und daß die Mücken, die je zuweilen dort summen, numeriert sind. So pedantisch und gründlich betreibt er die Ordnung. Auch ist er ein Wetterprophet und behält trotz Flunkerkies, Wetterwarte und Wolkenorakel oft recht.
Er sieht gar nicht poetisch aus; doch interessiert er mich, da er so workkarg ist und so vereinsamt in der großen Stadt lebt. Er ist Witwer; die Frau starb ihm vor Jahren aus Gram. Sie hatten eine Tochter, und die war so lustig, daß es der Mutter das Herz brach. Ein altes Lied, das in jeder großen Stadt in tausend Variationen erklingt! Sie stolziert fein und frech auf der Promenade und wird nur noch einmal zu ihrem Vater kehren vielleicht wenn sie's erfährt- und das wird sich in nicht so später Frist ereignen, daß ihm ein Armenbegräbnis beschert wird.
Nicht nur die Kellerwohnung und das enge dunkle Stübchen, in dem eine ganze große Familie zusammengepfercht wohnt, erzeugen in der großen Stadt die bleiche Farbe der Bewohner. Es kommt noch etwas anderes dazu, und das ist der nimmer ruhende Lärm der Gassen, das fürchterliche, Nacht und Tag andauernde Getöse, das die Nerven langsam zerstört oder doch angreift. Beschreiben läßt sich dieses Chari


