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Juni 1. J.
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dari bon Lonen und Lauten kaum; seine Totalwirkung ist für den menschlichen Organismus entschieden eine schädigende. Mitten in der Stadt heulen und pfeifen, gar un angenehm schrill, die Lokomotiven, die Fabriken lassen zischend ihren Dampf aus und melden die Tageszeit, ein fürchterliches Dröhnen, Hämmern und Klopfen, ein Bohren, Rasseln, Rollen, ein Fliegen, Sausen und Brausen, überall schlagen wütende Schallwellen an dein Ohr! Und dann die Wagen! Die Droschken und Equipagen sind noch unschuldig, auch die Omnibusse und die klingelnden Pferdebahnwagen sind zu ertragen, aber die Rollfuhrwerke, die mit Ziegelsteinen vollbepackt über das teilweis schon zerstörte Pflaster rumpeln, die Bier- und Schlächterwagen, die in raschem Tempo dahinsausen, die Kohlengefährte, und dann die Transportmittel, mittels derer das Stab- und Bandeisen weitergeschleppt wird! Es sind wahrhaft höllische Töne, die von den letztgenannten hervorgebracht werden. Zuerst freut man sich wohl über das Getreibe und Gewoge des Lebens, allmählich wird man aber müde und matt, abgespannt und verstimmt, und sehnt sich nach einem stillen Winkel, in dem heiliges Schweigen herrscht. Im Verhältnis zur Höhe der Häuser sind die meisten Straßen der großen Stadt viel zu schmal und enge: ein gefüllter Kohlenwagen, der langsam vorbeirasselt, bringt in meiner Wohnung regelmäßig ein kleines Erdbeben hervor, das ganze Gebäude scheint zu zittern und zu schwanken. So werden die Nerven langsam gereizt, bis endlich das Produkt unserer Zeit, auch eine Signatur, die krankhafte Nervosität, zu voller Entfaltung gelangt und in trauriger Blüte prangt.
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Ein charakteristischer Zug der Einwohner in der großen Stadt ist das Mißtrauen; man mag sich dagegen wehren, wie man will, man unterliegt ihm hier und da. Die Zeitungen häufen so viel Material an, um Mißtrauen zu erregen. Zuerst die Nahrungs- und Genußmittel: Kaffe und Tee, Zucker und Wurst, Brot und Bier stehen schon lange in heimlichem Verdacht, die Trichine lauert im Schinken, allerlei namenlose Untiere im Leitungswasser, der totbringende Bazillus allüberall! Kunstbutter wird dir angehängt, Baumwolle statt Seide, statt Wolle oder Leinwand, Knochen statt Elfenbein, Zelluloid statt Korallen, Alfenide für Silber die Liste ist eine endlose, und jeder mag sie aus eigener schmerzlicher Erfahrung vergrößern. So droht dem Charakter der Menschen eine große Gefahr, er wird angekränkelt und verbittert. Dem beinlosen Krüppel, der sich auf der Straße wand, wollte ich jüngst ein Almoſen geben; er ist immer betrunken," sagte warnend der Polizist, der mein Tun beobachtete ,,, wir werden ihn morgen fortschaffen." Das Betteln ist ganz in Mißkredit gekommen, seit man weiß, daß so viele Strolche besser leben als die fleißigsten Arbeiter, daß organisierte Gesellschaften bestehen, die winselnde kleine Kinder oder künstliche Krüppel auf die Menschheit loslassen. Man gelangt so weit, in allen Erscheinungen des täglichen Lebens Unrat und Humbug zu wittern. Die schöne Dame auf der Straße ist ein Produkt von Schminke, Watte und Fischbein, mißtrauisch betrachtet man den Neubau des großen Hauses, argwöhnisch das angepriesene Heilmittel. Wo gäbe es ein Ende? Ein armer Schriftsteller suchte mich neulich auf es gibt nämlich auch solche— und ertemporierte eine rührende Rede, die nur den einen Nachteil hatte, daß sie unheimlich glatt und gewählt von Stapel lief; wie ich später vernahm, wußte er nur diese eine, die er mit kolossaler Firigkeit von sich gab. Ein anderer schluchzte in wohlabgemessenen Pausen- er hatte dasselbe Kunststück schon bei vier Kollegen angebracht. Bei Gedichten, die ein Autor sich zum Vergnügen und der Welt zur Erlösung leistet, sinnt der Kritiker sofort nach: „ Hast du das nicht schon bei Heine oder Geibel, bei Lenau oder Rückert gelesen?" Der Witz, der in den Blättern kolportiert wird, ist für viele Menschen stets ein Meidinger, schon längst dagewesen, und bekannte Parlamentarier werden beargwöhnt, daß sie sich selbst in ihren langatmigen Reden schamlos bestehlen.
Vielleicht wäre es angebracht, daß einmal alles Gedruckte und Geschriebene vernichtet und reiner Tisch gemacht würde. Dann könnte die Menschheit von neuem den Kampf beginnen, dann würden auch die Tiefe, Frische und Kraft" wiederkehren, die uns seit langem so jämmerlich fehlen sollen, dann würden auch die Herren Verfasser nicht mehr über die Pflöcke und Fußangeln der Zitate zu stolpern brauchen.
An der Straßenecke steht ein bebrillter alter Mann mit einer roten Müße. ein Dienſtmann: willia träat er dir für
den festgesetzten Tribut dein Paket nach Hause. Er spricht für gewöhnlich kein gewähltes Deutsch; aber er kann sich den Lurus gestatten, wenn er will, auch mit Latein und Griechisch kann er dir aushelfen. Sein Geruchsorgan prangt in den warmen Tinten, die wir an einer Landschaft des Südens mehr bewundern, als am menschlichen Antlitz. Er ist oder vielmehr er war ein ordentlicher Professor, keiner aus eigener Wahl, kein Professor der höheren Magie oder der Tanzkunde. Ein echter studierter Dienstmann! Und warum? Je nun, er war ein Quartalstrinker.
Ganz allmählich war das Uebel über ihn gekommen; er blieb auf dem Gymnasium, an dem er wirkte, immer noch der flotte Student. Nur alle Vierteljahre im ersten Dezennium; dann ging es in rascherem Tempo bergab. Häuslicher Kummer kam dazu, und eines Tages
Wozu die Geschiche seiner Schande in ihren Einzelheiten erzählen? Er beging allerlei Torheiten, die das Strafgesetzbuch ahnden mußte. Bald saß er des Nachts in der Wache, bald kam er angeheitert in die Klasse, und noch Schlimmeres passierte ihm, so daß man es für nötig hielt, ihn einige Zeit auf Staatskoſten zu ernähren. Als er das Gefängnis verließ, ward er in der großen Stadt Provatgelehrter", wie Frizz Reuter das nennen würde. Allein das ging nicht lange; die Zeiten sind vorüber, wo„ Provatgelehrte", wie Pythagoras, es ermöglichen konnten, eine Dankhekatombe von hundert Ochsen den allwaltenden Göttern zu weihen. Kaum ein Filetbeefsteak kann der heutige Privatgelehrte zahlen; so ward er dann Privatschreiber und endlich Dienstmann. Wundersame Originale gibt es in der großen Stadt!
AUS DEM REICHE
DES
WISSENS
Können nur Menschen zählen? Diese Frage wird von der neuesten Forschung verneint. Viele Wilde vermögen nicht über vier hinaus zu zählen und werden in dieser Hinsicht von manchen Tieren übertroffen. Namentlich arbeitende Tiere verstehen sich auf das Zählen außerordentlich gut. In den Kohlengruben des Hennegaus machen die Pferde täglich dreißig Fahrten und nach der dreißigsten wandern sie untrüglich jedesmal aus freien Stücken dem Stalle zu. Die in Indien zur Lastbeför= derung benutzten Elefanten wollen durchaus nicht mehr weiter, wenn die Stunde zur Rast da ist, und schon Montaigne erwähnt, daß die in Susa an den Wassenhebungsmaschinen tätigen Ochsen regelmäßig nach dem hundertsten Eimer von selbst eine Pause machen. Timotiew besaß einen Hund, der vorzüglich zählte. Nach einem Mahle hatte das Tier noch 26 Knochen vor sich. Es verscharrte sie, grub tags nachher 25 davon aus, nagte sie ab und legte sich dann zur Ruhe. Plötzlich aber erwachte es anscheinend unter dem Einfluß einer Erinnerung aus dem Schlafe, holte sich auch noch den versteckten letzten Knochen, verzehrte ihn und schlief dann wieder ruhig ein. Auch die Vögel zählen gut; namentlich wissen sie genau, wieviel Gier sie im Neste haben. Einer Nachtigall warf man täglich drei Käfer zu. Nach Empfang der zwei ersten wartete sie jedesmal ruhig auf den dritten, dann aber flog sie davon. Das nötige Zeug zu einem Polytechniker haben die Tiere natürlich nicht, denn ihre Rechenkunst ist sehr beschränkt. So können die sonst so schlaue Elster und der menschenähnliche Affe nur bis vier zählen. Will man sich einem dieser Tiere im Freien nähern, so müssen sich fünf Personen verstecken und dann vier hiervon sich vor den Augen der Elster oder des Affen entfernen. Die Tiere glauben, daß damit alle weg seien und lassen dann die fünfte Person ruhig heran. Ein protestantischer Geistlicher hatte einen Hund, der sich daran gewöhnt hatte, seinen Herrn regelmäßig aus dem Gottesdienst abzuholen. Da dies dem Prediger auf die Dauer nicht mehr behagte, schloß er den Hund Sonntags ein, aber das Tier fand einen Ausweg, indem es für die Folge die Nacht von Samstag auf Sonntag außer dem Hause zubrachte und sich dann folgenden Morgens an der Kirche einfand. Aehnliche Fälle ließen sich noch viele anführen. Nur noch einer sei erwähnt. Eine Frau machte jeden Freitag Fleischeinkäufe bei einem ungefähr 1 Kilometer von ihr wohnenden Metzger. Dabei nahm sie gewöhnlich einen kleinen Hund mit, der dann in dem Fleischerladen einige Abfälle erhielt. nach einiger Zeit wurde die Frau krank, und nun wanderte das Hündchen Freitags regelmäßig allein zu dem Metzger, um sich sein Almosen zu holen. Obschon die Fleischhalle die ganze Woche offen stand und das Tier fortwährend frei umherlief, fiel es diesem nicht ein, seinen Gönner an einem andern Tage zu belästigen.
Nr. 108
Montag, den 16. Mat.
Oberhessische Familienzei
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
der
Gießener Neueste Nachrichten.
1904.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.
( 17. Fortseßung.)
Iwan der Schreckliche.
Original- Roman von Hans Hoffmann.
Herrn von Bodungen aufsuchen und ihn bitten, daß er die Beleidigung auf sich beruhen lasse, und von seiner Forderung abstehe? Aber sie wußte, das durfte er als Offizier gar nicht mehr, selbst wenn er gewollt hätte, seine Ehre war bereits verpfändet. Und überdies, wo sollte sie ihn finden? Sie konnte ihm doch nicht auf die Bude rücken", wie ihr Bruder sagen würde! Das wäre denn doch erst recht unſchicklich, ja geradezu das Unschicklichste, was es gibt für ein junges Mädchen. Der junge Offizier wohnte ja natürlich ganz allein mit seinem Burschen. Das war alles nichts. Ja, dann, was blieb aber dann noch übrig? Sie schauderte. Wenn sie wan den Schrecklichen
Nein, das war ja aber gerade das Allerunmöglichste! Freilich, wenn der wollte, so konnte er alles wieder ausgleichen; er brauchte nur die Beleidigung zurückzunehmen, und die Sache war abgetan, mit einem einzigen guten Wort alle Gefahr beseitigt, alle Schrecknisse vermieden. Und er fonnte es so leicht: er war ja nicht Offizier und seine Ehre nicht so über die Maßen zart. Kein Mensch würde ihm einen kleinen Widerruf verdenken, und es wußte ja auch kein Mensch! Denn natürlich Herr von Bodungen mußte schweigen. Dafür wollte sie schon sorgen.
Wahrhaftig, es war noch eine Rettung möglich, wenn jener wollte.
Ja, aber
Das war ja eben das Unmögliche! Ihn darum bitten, ihn? Entsetzlich!
Es war nichts zu machen, es gab keinen Ausweg, das Duell mußte seinen fürchterlichen Gang gehen.
Und da lag Herbert von Bodungen mit durchschossenem Kopf, blutig, beschmutzt im Straßenstaub.
Es mußte etwas geschehen, mußte, mußte, mußte! Da ein schwacher Stern in dunkler Nacht! Herr Doktor Belling wohnte bei zwei Damen, die sie kannte. Ja wohl, Fräulein Helene Gehrke kannte sie ganz gut das heißt sehr flüchtig allerdings, mehr nur von Ansehen, vielleicht daß sie gelegentlich einmal ein paar Worte mit ihr gewechselt; aber was schadete das? Sie entsann sich, es war ein ganz nettes Mädchen, wirklich sehr nett und sogar hübsch ja, ganz entschieden hübsch zu nennen. Sie fühlte auf einmal ein ganz merkwürdiges Vertrauen zu dieser netten und hübschen jungen Dame.
Ja, ja, so mußte es gehen, wenn sie deren Vermittlung anrief. Die mußte doch natürlich ihren Mieter näher kennen. Sie mußte auf ihn einwirken, ihm vorstellen, wie entseglich grausam es wäre, einen jungen, liebenswürdigen Offizier mit faltem Blut ums Leben zu bringen das mußte ja den verhärtetsten Massenmörder rühren! Und warum sollte die nette, hübsche Helene sich einem so guten Werf nicht unterziehen? ganz gewiß, sie tat es gern, und Alma konnte persönlich vielleicht ganz aus dem Spiel bleiben! Wenn aber nicht nun ja, im letzten Notfall- wenn gar nichts übrig blieb, um Herbert von Vodungen zu retten, war sie sogar imstande, in Helenens Gesellschaft selbst zu Iwan dem Schrecklichen zu gehen, ihn um Gnade zu bitten, ihm zu Füßen zu fallen, wenn er es haben wollte! Aber freilich nur im Notfall! Es blieb doch ein schauerlicher Gedanke, ganz
( Nachdrud verboten.); schauerlich!„ Mama," sagte Alma mit unsicherer Stimme, als sie ihre Haustür erreicht hatten, ich gehe noch in die Stadt, ich habe noch etwas zu besorgen, weißt du, ich sollte doch meinen neuen Morgenrock noch einmal anprobieren."
-
" Ja, ja, ganz richtig, aber heute schon?" rief die Mutter mit wieder erwachendem Lebenstrieb. Daß sie ihn aber um Gottes willen nicht wieder so weit in der Taille macht! Das wäre ja furchtbar! Und so ganz ohne Tournüre ist es wahrhaftig nicht schön, es sieht doch gar zu dürftig aus. Und der Kragen könnte um eine Idee niedriger sein, aber nur um eine Idee natürlich, nur um eine Idee!"
Alma schien mit allen Anordnungen ganz wider ihre Gewohnheit einverstanden; sie nickte pietätvoll und eilte davon.
Achtes Kapitel.
198
Es war schon dunkel geworden, als Alma Gruber an der Tür der Frau Rechnungsrätin Gehrke Klingelte. Das öffnende Dienstmädchen gab den Bescheid, das Fräulein sei allein zu Hause, und ließ sie herein.
Als sie das Zimmer betrat, ward sie ein wenig überrascht durch die zierliche Behäbigkeit dieses Raumes und aller Möbel und Geräte; sie hatte eine stille Vorstellung von verschämter Armut mitgebracht und fand sich merkwürdig enttäuscht, nicht zum Vorteil ihres Selbstgefühls. Der Mut, den Bewohnerinnen dieser Hütte als ein Wesen aus höherer Sphäre entgegenzutreten, war ihr plötzlich vergangen.
Auch Helene war sichtlich überrascht, als Alma ihren dichten Schleier zurückstreifte und der Schein der Lampe auf ihr erregtes und befangenes Gesicht fiel.
" Fräulein Gruber?" rief sie. Wahrhaftig! Sie wünschen mich zu sprechen, in der Tat- oder meine Mutter? Sie ist leider ausgegangen aber, bitte, nehmen Sie Platz es ist doch nichts Schlimmes passiert? Sie sehen so ängstlich aus."
Alma nickte stumm und nahm den angebotenen Platz auf dem Sofa ein. Sie war in der Tat ängstlich. Das hübsche und nette Mädchen machte ihr einen anderen Eindruck, als sie erwartet hatte, sie kam ihr so verständig und überlegen vor. Und Helene hatte heute wirklich ihren umfangreichsten Heiligenschein aufgesetzt.
Endlich fand Alma die Sprache wieder.
" Ja," sagte sie, es ist etwas Schlimmes passiert, das heißt, es wird passieren, wenn nicht wenn Sie nicht helfen. Fräulein. Ich komme, Sie darum zu bitten. Es handelt sich um Herrn Doktor Belling und
Helene zuckte ein wenig zusammen, und ihr Gesicht nahm einen herben Ausdruck an.
Freilich wird es sich um etwas Schlimmes für Herrn Doktor Belling handeln, wenn Sie im Spiel sind," sagte sie bitter. Alma wurde rot und blickte erschrocken auf.
" Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen!" stotterte sie verlegen.
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