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jener wilden Germanenhorden seinen Herzenserguß nach achtzehnhundert Jahren lesen würden! Sei also dieser Jüngling der Nachsicht aller freundlichen deutschen Leserinnen empfohlen." Cestilia, regina Pompejanarum, anima dulcis, vale!" Wie milde, innig, wehmütig, wie deutsch tlingen diese Worte. Cestilia, Königin der Pompejanerinnen, holde Seele, leb' wohl!" Wem fällt da nicht das deutsche Volkslied ein: Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus und du mein Schatz bleibst hier? Wir möchten gern an das andere denken: In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad, mein Liebchen ist verschwunden, das dort ge­wohnet hat. Obige Inschrift wird uns, wenn wir die etwas unförmlich eingegrabenen Buchstaben sinnend betrachten, zu einer langen Geschichte, und wenn wir, dieselbe weiterspinnend, durch die Straßen der Totenstadt wandern, so füllt sich die­selbe vor unsern Blicken mit lebendigen Gestalten. Wer Pompeji nur einmal besuchte, vielleicht in aller Gile sie durchhastete, den läßt diese Römerstadt kalt, aber je öfter man sie besucht, desto vertrauter wird sie, desto näher und klarer tritt uns das dortige einstige Menschenleben entgegen, und dazu tragen am meisten bei jene Inschriften, graffiti genannt( graffiare tragen, eingraben). Peream sine te, si Deus esse velim", frei übersetzt:" Und wäre ich ein Gott, aber ohne dich, so wäre es mein Tod!" Das klingt noch stärker als unser deutsches: Und wär ein König ich, und wär die Erde mein, du wärst in meiner Krone doch der schönste Stein, oder als jene Strophe: Und wär ich in der Wüste, die so braun und dürr, zum Paradiese würde sie, wärst du bei mir. Keineswegs sind jene graffiti immer selbsteigene Worte des Liebenden, vielmehr fast immer be­kannten und damals beliebten Dichtern entlehnt. Niemals hat einer den Dichtungen des Horaz eine Zeile entnommen. Dieser, der bekannte Freund des Augustus und des Maecenas, genoß offenbar nicht jene Popularität unter der römischen Jugend, wie sie unter der deutschen zum Beispiel Schiller genießt. Vielleicht war Horaz jenen Kreisen zu hoch, zu aristokratisch. In Pompeji liebte man den Ovid, Propertius und Catullus. Zahlreiche Verse dieser Dichter wußte die römische Jugend offenbar auswendig, und ermangelte nicht, dieselben in die Wände einzugraben." Alliget hic auras, si quis objurgat amantes, et vetet assiduas currere fontis aquas". So schreibt ein anderer junger Pompejaner. Ueber­setzen wir frei: Wer Liebenden mit Tadel und Schelten in den Weg tritt, der thut dasselbe, als derjenige, welcher unter­nimmt, Winde zu fesseln und ruheloses Quellwasser im Laufe zu hemmen. Der Deutsche singt: Wo still ein Herz vor Liebe glüht, o rühret, rühret nicht daran. Und wer kennt nicht jenes: Und legt ihr zwischen mich und sie auch Berg und Tal und Hügel, gestrenge Herrn, ihr trennt uns nie, das Lied, das Lied hat Flügel. Sollte also eine der jungen Leserinnen dieser Zeilen einmal nach Pompeji kommen, so suche sie dort die graffiti, um sich zu überzeugen, daß unsere Behauptung richtig war: Es ist die alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.

UNTER UNS

Elternhaus und Schule.

A.: In wenigen Wochen geht's in die Schule; die schönen Tage von Aranjuez für unser kleines Hänschen sind dann vor­über.

B.: Ein wichtiger Schritt, und für das Kind, das aus dem engen und traulichen Kreis der Familie in eine ganz andere, unbekannte Welt, die sich um andere Zentren dreht, wie des Elternhauses, auch ein schwerer Schritt.

A.: Allerdings. Aber ich habe das möglichste getan, um den ersten Lasten, welche die Schule ihm auferlegen wird, einen Teil ihrer Schwere zu nehmen. Er wird einen kleinen Schatz von Wissen mit in die Schule bringen, den andere Kinder erst sauer erringen müssen.

B.: So haben Sie der Schule vorgearbeitet?

A.: Sie scheinen von meiner Mitteilung nicht angenehm be= rührt zu sein!

B.: Wenn ich offen sein soll, liebe Frau, kann ich mich als alter Lehrer mit Ihren Maßnahmen durchaus nicht einverstanden

erllären.

A.: Die Schulmeister sind eine wunderliche Menschenart. Ich gebe ja zu, daß ich das, was ich tue, hauptsächlich des Kindes tegen tue, denn ich glaubte, daß das Kind die Schule williger und freudiger besuchen werde, wenn es anfänglich auf schon Bekanntes stößt und nicht alles erst mühsam zu erringen braucht. Dann habe ich auch bisher gemeint, daß die Eltern, wenn sie ihren Kleinen früh­zeitig dieses oder jenes beibringen", den Herren Lehrern damit einen Gefallen erweisen, denn sie nehmen ihnen ja einen Teil der Arbeit ab, die ohnehin bei den Kleinen, deren Verstand dem Brach­acker gleicht, anstrengend genug sein wird.

B.: In dem zweiten Grund, den Sie ins Feld führen, ist die gute Absicht sehr wohl anzuerkennen, und dennoch werden Ihnen meine Herren Kollegen wenig Dank dafür wissen. Es ist schwierig für den Lehrer der Kleinen, auf dem von den Eltern gelegten Grund weiterzubauen; einmal weil er den Plan, nach dem der Grund gelegt wurde, wenn ein solcher überhaupt vorhanden war, gar nicht kennt, dann auch, weil sehr, sehr häufig die Sanktionierung des Mitgebrachten von seiten des Lehrers wider sein pädagogisches Gewissen ist. Wollte er Toleranz üben, so würden alte Schäden und Mißbräuche auch ferner in die Zukunft übertragen. Also Sie ſehen: die Eltern machen dem Lehrer die Arbeit nicht leichter, son­

dern schwerer.

A.: So leg' ich den Nachdruck auf den Grund, den ich zuerst

anführte.

B.: Das hat schon eher einen Schein für sich.

A.: Einen Schein? Wollen Sie den Boden auch hier unter­minieren?

B.: Leider ja! Was Sie eine Erleichterung für das Kind nannten, ist in den meisten Fällen eine Erschwerung. Der gewissen­hafte Lehrer wird das Kind nötigen müssen, alles nach der Form zu lernen, die ihm von der dominierenden Methode vorgeschrieben ist, und die weicht oft sehr von der zu Haus gelernten Form ab. So halten manche Eltern es für eine Erleichterung, wenn die Kleinen das Abc mit in die Schule bringen! Für das Kind sind aber Form und Inhalt, Wort und Begriff identisch. Für die Kleinen gilt der Satz: Andere Form, anderer Inhalt. Die Folge davon ist, daß der Schüler in Verwirrung gerät, und diese Konfusion und der da­durch bedingte Stillstand im Aufnehmen neuen Stoffes macht sich später oft sehr betrübend geltend, denn gediegenes Wissen ist nur auf klaren, festen Elementen aufzubauen möglich. Die Eltern merken die Folgen fürs erste nicht, wohl aber die Lehrer.

A.: Sie mögen recht haben. Aber Sie wollen doch damit nicht sagen, daß die Familie gar nicht helfen könne und solle? Wie nun, wenn die Vorbereitung im Einverständnis mit der Schule, vielleicht an der Hand des Lehrers, geschähe,

B.: Das ließe sich eher hören; aber so recht kann ich auch das nicht billigen. Ich muß Sie noch auf eine Gefahr aufmerksam machen, die viele Lehrer oft übersehen, und die gerade in dem Vor­teil liegt, der dem Kinde aus frühem häuslichen Unterricht er­wächst. Alles was der Schüler in der Schule hört und lernt, muß neu für ihn sein. Ist es das nicht, so geht sein Interesse daran ver­loren. Die Folgen dieser Tatsache sind unberechenbar. Das Kind wird schon in den ersten Wochen denken: Ach, das weiß ich schon alles! und bei den Uebungen, welche die Klasse vornimmt, werder die Gedanken des betreffenden Schülers spazieren gehen. Die Zer­streutheit ist aber eine Krankheit der Seele, die mit jedem Tage wächst und unheilbar wird. Oft leidet der Mann noch unter diesem Gebrechen, zu dem in frühester Jugend Grund gelegt wurde. Jr der ersten Zeit machen sich die Folgen der Zerstreutheit nicht se bemerkbar, denn noch zehrt das Kind von den mitgebrachten Schäßen. Aber wie bald sind diese zu Ende! Dann steht die Interesselosigkeit wie ein Nebel vor dem Geiste des Schülers und verhindert das Ein­dringen der Sonnenstrahlen des Wissens und damit auch die gedeih­liche Entwickelung des inneren Menschen.

A.: So können die Eltern dem Kinde gar nicht helfen?

B.: doch! Aber geben Sie dem Kleinen keinen Stoff, der es in der Schule nur wiederkauen muß. Schärfen Sie die Waffen seines Geistes, damit er den ihm später gebotenen Stoff leicht be: wältigen kann. Die Waffen sind die seelischen Kräfte. Eine solche Kraft ist Aufmerksamkeit". Gewöhnen Sie das Kind daran, auf alles, was es sieht und hört, genau zu achten, so haben Sie viel getan. Eine andere Waffe, die das Elternhaus sehr wohl schärfen fann, ist die Logit. Das klingt groß und ist doch sehr wenig! Viele Kinder haben, wenn sie in die Schule kommen, keinen Begriff der Wörter weil" und" warum". Und darin gipfelt doch für die Schule die ganze Logik. Diese Arbeit kann das Haus der Schul getrost abnehmen, und die Schule wird den Kleinen immer noc Neues genug bringen, an dem sie ihr Interesse betätigen können A.: Sie haben recht, lieber Freund, ich will in Ihrem Sinn

handeln.

Nr. 59.

Montag, den 14 März.

1904.

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Sand and Seslag ber Chebener Berlagdbenderet, vorm. Duh. Reller'sche Desbrudsret( gegr. 1788); ser entworff: Ibin Reta

( 22. Fortsetzung.)

Der Goldmarder.

Original Roman von M. Behold.

Seien Sie unbesorgt! Ms Ihr Freund halte ich Ihnen diese Schmach fern. Wenn nur der Kustos ein offenes Ge­ständnis ablegen wollte! Sein Leugnen wird ihm nichts helfen, der Fürst verlangt die ſtrengste Bestrafung, und nach meiner Ansicht ist es zweifellos, daß Schönbach sich an dem Diebstahl beteiligt hat. Diese Ansicht werden seine Richter teilen, glauben Sie das nicht auch?"

" Natürlich!" erwiderte Spangenberg, indem er sich er­hob, ob sie indes richtig ist, wage ich heute noch nicht zu behaupten. Der Sohn Heinrich Schönbachs kann die Tat hinter dem Rücken seines Vaters begangen haben, es ist feineswegs undenkbar, daß der alte Mann geglaubt hat, der Vagabund habe wirklich in Australien das Geld er­worben, in diesem Falle dürfte er nur wegen leichtsinniger Aufbewahrung der Schlüssel bestraft werden."

Wir wollen das Resultat der Untersuchung abwarten," sagte der Hofrat, während sie das Haus verließen ,,, bestraft wird der Kustos jedenfalls. Und sein Bruder auch," fuhr er fort; es kann ja keinem Zweifel unterliegen, daß der Kupfer­stecher das Armband gestohlen hat. Seltsam, daß der Schmuck in so kurzer Zeit so spurlos verschwinden konnte! Die Annahme liegt in der Tat nahe, daß der Kustos die Rolle des Hehlers übernommen habe. Ich behaupte, das Arm­band muß irgendwo im Museum versteckt sein, vielleicht fände man auch noch einen Teil der Goldmünzen dort, wenn man sich die Mühe gäbe, strenge Haussuchung zu halten."

" Ich werde sie in den nächsten Tagen anordnen." Tun Sie das, Sie würden damit auch unserem Hof­jumelier einen Gefallen erzeigen, er muß den Schaden ersetzen, und das Armband kostet mindestens zweitausend Taler."

,, Sie bringen die Rede auf den Hofjuwelier," sagte Spangenberg, ich will Ihnen nun auch reinen Wein ein­schänken. Martin Kassel hat um Irma geworben, ich mußte ablehnen, weil ich Ihnen meine Zusage gegeben hatte. Nun hindert mich wohl nichts mehr, die Werbung anzunehmen?"

" Im Gegenteil," erwiderte der Hofrat sichtbar erfreut, indem er stehen blieb und seinem Begleiter die Hand bot, ich wünsche Ihnen und Ihrer Tochter von ganzem Herzen Glück zu der glänzenden Partie. Martin Kassel ist nicht nur ein reicher, sondern auch ein sehr geachteter und ehrenhafter Mann, Sie gewinnen an ihm einen vortrefflichen Schwieger­sohn. Sehen Sie, es geſtaltet sich noch alles gut, man muß nur die Dinge von der besten Seite betrachten; wollen Sie eine zweite Ehe eingehen, so werden Sie auch

Lassen wir das," unterbrach Spangenberg ihn, dessen Brauen sich wieder zusammenzogen, einstweilen denke ich nicht mehr daran."

Darf ich die Neuigkeit Seiner Durchlaucht berichten?" Wenn es Ihnen Vergnügen macht Also ist die Verlobung sicher?"

" Ich werde hente noch meine Einwilligung geben," sagte der Direktor, der nun mit einem gewissen Triumph auf seinen hageren Begleiter hinunterblickte, morgen wird die Ver­lotung veröffentlicht. Die Zahl meiner Neider wird dadurch wohi vermehrt werden-"

( Nachdruck verboten.))

Besser Neider, als Mitleider!" fiel der Hofrat ihm in die Rede, der an einer Straßenecke stehen geblieben war, ich gratuliere Ihnen aufrichtig, und ich bin überzeugt, daß diese Verlobung auch den vollen Beifall Seiner Durchlaucht finden wird. Vielleicht kann ich bei dieser Gelegenheit an das Adelsdiplom erinnern; verlassen Sie sich auf meine Freund­schaft! Und nun adieu, ich hätte längst den Heimweg an­treten müssen, die Verwundung meines Sohnes flößt mir doch einige Besorgnis ein. Also Diskretion, nicht wahr?"

Unbedingt," antwortete Spangenberg, den Handdruck des Freundes erwidernd, dann setzte er allein seinen Weg fort.

Die Versprechungen, die der Hofrat ihm gemacht hatte, beruhigten ihn allmählig, er glaubte nun mit ziemlicher zu­versicht auf ihre Erfüllung rechnen zu dürfen, der alte Herr mußte ihm ja beweisen, daß er sein Freund bleiben wollte.

Waren auch die Schatten noch nicht ganz von seiner Stirne geschwunden, als er sich an der Mittagstafel niederließ, so machten doch seine Kinder die erfreuliche Entdeckung, daß seine Stimmung sich merklich gebessert hatte.

Gustav richtete beim Dessert die Frage an ihn, ob er mit dem Hofrat zusammengetroffen sei und die Ursache des Duells erfahren habe, Joachim Spangenberg schüttelte ablehnend das Haupt.

Ich werde nach Tisch mit Hermann darüber reden," er­widerte er; ,, wann kommt er nachmittags in's Bureau?" " Erst gegen vier Uhr," antwortete sein Sohn. So besuche ich ihn in seiner Wohnung. Dich erwarte ich," fuhr er zu Irma fort, gegen Abend bei Deinem Ver­lobten, um eurem Bunde meinen Segen zu geben."

In den blauen Augen Irma's leuchtete es freudig auf, sie erhob sich von ihrem Sit und schloß den Vater in die Arme. " Dank, tausend Dank!" jubelte sie, deine Güte und Liebe macht mich unſagbar glücklich. Wie wird Martin sich freuen! Erlaubst du, daß ich sofort zu ihm eile?"

Gewiß, mein Kind," erwiderte er gütig, während seine Hand sanft über ihr blondes Haar fuhr, bleibe nur bei ihm, bis ich komme. Ich bin überzeugt, daß dieser Mann dich so glücklich machen wird, wie du es verdienst, und es gereicht mir zur Beruhigung, daß ich nun deine Zukunft gesichert weiß."

Bald nach Tische verließ der Direktor das Haus, um den Weg zu seinem Schwiegersohne anzutreten.

Anna war mit den Kindern im Wohnzimmer, ihr blasses, geduldiges Antlitz zeigte Spuren vergossener Tränen; er sah sie wohl, aber er mochte nicht nach der Ursache fragen.

Wo ist dein Mann?" fragte er, nachdem er die Kinder begrüßt hatte.

Er hält im Kabinett seinen Mittagsschlaf," antwortete Anna leise und mit einem scheuen Blick auf die Tür des Nebenzimmers, sprich nicht so laut, Vater-"

Ich muß mit ihm reden," unterbrach er sie, mir zu Liebe wird er wohl einmal auf die Siesta verzichten können." Die Tür des Nebenzimmers wurde in diesem Augenblid geöffnet, Appel erschien auf der Schwelle.

Z.

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Ketten.

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