Ausgabe 
13.4.1904 Erstes Blatt
 
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Ich habe ja bereits meine Aussagen gemacht. Mehr fann ich nicht sagen."

Sie haben auch hinsichtlich des wahren Täters keinen Verdacht? Und wie können Sie dann behaupten, daß Ihr Herr Bruder unschuldig ist?"

" Ich weiß es", gab er mir wiederum zur Antwort. Aber woher?"

Sich mühsam mit den Armen erhebend, stellte sich der Priester aufrecht hin und sah mich fest an. Gott wird meinen armen Bruder beschüßen", sprach er feierlich. Gott hat mich auch meine Pflicht gelehrt, Herr Doktor, und nach seinem Willen werde ich handeln."

Ich sah wohl ein, daß ferneres Fragen zwecklos und unbescheiden war. Aus irgend einem unbekannten Grunde war Pater Antonius außer Stande oder nicht willens, alles zu sagen, was er wußte.

Ich verabschiedete mich. Sie werden doch Ihren Herrn Bruder so bald als möglich besuchen?" fragte ich noch, nach dem ich dem Genesenden einige allgemeine Verhaltungsmaß­regeln gegeben und ihm versprochen hatte, eine kräftige Arznei zu senden.

,, Vielleicht, ich weiß noch nicht", antwortete er.

Das war ein neuer Grund zur Verwunderung. Man hätte meinen sollen, der junge Priester brenne vor Ver­langen, nach seinem Krankenlager seinen einzigen, so sehr geliebten Bruder so bald als möglich wiederzusehen und so machte es den Eindruck, als wollte er eine Begegnung ver­

meiden.

Pater Antonius mochte die Ueberraschung in meinem Gesichte lesen, denn mich mit seinen dunklen Augen felt­sam ansehend, fügte er noch hinzu: Ja, ich werde zu ihm gehen, aber jetzt nicht, jetzt nicht!"

Er ergriff meine Hand, drückte sie mit seinen abge­magerten Fingern und sagte mir herzlich Lebewohl. Beim Verlassen des Zimmers drehte ich mich um, und sah ihn wie ein Gespenst dastehen und mir nachblicken.

Als ich durch die öde Moorlandschaft nach Hause fuhr, versuchte ich umsonst des Rätsels Deutung zu finden. Das ganze Benehmen und das Wesen des jungen Priesters war mir unergründlich; aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde ich davon überzeugt, daß er, und nur er allein, den Schlüssel zu dem Geheimnis besaß, das wir so eifrig zu ergründen suchten.

Wiederholt gab ich dem Verdachte Raum, daß sein gegen­wärtiger, augenſcheinlicher Kummer und sein Baudern, tätig zu Gunsten seines Bruders einzugreifen, einen nicht völlig ehrenhaften oder edlen Grund haben mochte. Es war ein fürchterlicher Gedanke, und doch konnte ich ihn nicht völlig los werden. Beſtand vielleicht, so fragte ich mich, ein Gegen satz zwischen den beiden, und war der Priester anstatt der Freund der geheime Feind des Bruders? Als meiner und seiner unwürdig ließ ich den Gedanken stets wieder fallen, aber ich mußte auch immer wieder daran denken.

Am Abend dieses Tages machte ich auf dem Schlosse einen Besuch, und im Laufe der Unterhaltung mit dem Fräulein erwähnte ich, daß ich Pater Antonius besucht und dabei leider nur zu der Erkenntnis gekommen wäre, daß er auch nichts zum Beweise der Unschuld beitragen könne.

Und ich glaubte so sehr, er würde uns helfen können, nachdem er gesund geworden," meinte sie. Er kennt doch die ganze Gegend und das Volk so gut, und ein Priester erfährt doch auch so manches, das anderen verborgen bleibt." Ich glaube, Sie sollten ihn einmal darum bitten", ant­wortete ich.

" Ich soll ihn darum bitten?" wiederholte sie ganz er staunt. Sicherlich bedarf es doch weder von mir noch sonst jemand einer Bitte, wenn es sich darum handelt, das Leben seines Bruders zu retten."

Verständnislos sah sie mich an. Ihre Verwunderung wurde aber noch größer, als ich sie fragte: Wissen Sie auch bestimmt, daß er niemals einen Streit mit seinem Bruder hatte?"

Wo denken Sie hin, Herr Doktor? Ihre Liebe zu ein­ander war in der ganzen Gegend sprichwörtlich; sogar schon, als sie ganz kleine Kinder waren. Michael verehrte Anton, und Anton, denke ich, hätte für Michael gerne sein Leben gelassen."

Ich war immer noch ungläubig, ließ aber jetzt die Sache auf sich beruhen, und schlug vor, daß wir beide am folgenden Tage zusammen hinüberfahren sollten. Sie sollte meine Bitte um ein kräftiges und sofortiges Einschreiten des Prie­

Bruders unterstützen.

Ich hoffte

sters zu Gunsten seines dadurch einen Schritt weiter zur Aufklärung des Geheim­nisses zu tun. Fräulein Craig erhob keinen Einwand gegen meinen Vorschlag, und so fand uns denn der Nachmittag des folgen­den Tages vor der Türe des einsamen Gutsbesizes der Creenans, wo wir nach Pater Antonius fragten.

Zu meinem Erstaunen erzählte uns Mrs. Creenans, die uns an der Türe empfing, daß ihr Sohn vor mehreren Stunden das Haus verlassen habe. Er wollte im Gebirge einige Krankenbesuche machen. Da es start regnete, hatte sie versucht, ihn zum Ausgehen zurückzuhalten, aber er hatte nur so komisch gelacht", wie sie sich ausdrückte, und sei weg­gelaufen. Er hat gewiß wieder das Fieber und kann sich den Tod holen", jammerte sie.

" Ich glaube, es wird ihm nichts schaden", meinte ich; er wird doch bald zurückkommen, und wenn sie gütigst ge­statten, wollen wir auf ihn warten."

Die Begegnung zwischen Ellen und der armen Frau hatte beiderseits etwas Gezwungenes an sich, das die natürliche Unbefangenheit des jungen Mädchens jedoch bald überwand. Es dauerte gar nicht lange, und die beiden unterhielten sich eifrig über den jungen Mann, der im Gefängnisse schmach­tete.

" Gott segne Sie dafür, daß Sie treu zu ihm halten und fest an seine Unschuld glauben, Miß Ellen", sagte Mrs. Creenan, denn Sie waren die Sonne des Lebens, für Sie schlug sein Herz."

Während die beiden Frauen einander ihr Leid flagten, trat ich ans Fenster und ließ meinen Blick über die einsamen Wiesen schweifen, die das Haus umgaben, und auf die traurige Landschaft, die Nebel und Regen in Dunkel ein­hüllten. Plötzlich sah ich ganz in der Ferne eine schwarze Gestalt rasch auf das Haus zueilen. Ich erkannte sie sofort: es war Pater Antonius, der nach Hause kam.

Ich beeilte mich, hinunter zu kommen, um ihn an der Türe zu begrüßen. In der nächsten Minute stand er zitternd und bebend vor mir, und den Anblick, den er bot, werde ich niemals vergessen. Seine schwarze Soutane war vom Regen durch und durch naß, ſein breitrandiger Hut hatte seine Form verloren, und trieste von Wasser; er war bis über die Knie beschmutzt und der Moraſt war auch über seinen ganzen An­zug geſprißt. Sein Gesicht war von einer geisterhaften Blässe überzogen, und seine Augen leuchteten in wildem Fieber.

Er sprang die Treppen hinauf, die zur Haustüre führ­ten, und gerade als er ins Haus treten wollte, taumelte er und wäre umgefallen, wenn ich ihn nicht in meinen Armen aufgefangen hätte.

Sie müssen ja wahnsinnig sein, wenn Sie es wagen, bei solchem Wetter auszugehen!" rief ich ihm zu. Wo sind Sie denn gewesen?"

Er lachte gezwungen und machte sich aus meinen Armen los." Ich konnte nicht zu Hause bleiben, ich wäre im Hause erstickt und ging daher ins Gebirge...

Mit einem Male zitterte er und fuhr zurück, als wenn ihn jemand geschlagen hätte. Ich blickte mich um: Ellen stand im Hausflur und blickte ihn verwundert und_be­sorgt an.

Als sie ihm entgegentrat und ihm ihre Hand reichte, schlug er die Augen nieder und zitterte heftig.

Ich bedauere es von Herzen. daß Sie krank gewesen sind", sagte sie.

Er gab hierauf keine Antwort.

Kommen Sie, bitte", erklärte ich nun dem Geistlichen. Ich muß hier meine Autorität als Arzt geltend machen, und als solcher befehle ich Ihnen, sofort die Kleider zu wechseln. Ich und auch Fräulein Craig möchten gern mit Ihnen sprechen."

Immer noch die Augen zu Boden gerichtet, antwortete er mit leiser, seltsam klingender Stimme, fast wie geistes­abwesend: Heute nicht, nein heute nicht. Ich fühle mich nicht wohl und möchte gern allein sein."

Ich sah Ellen an, deren Augen nachdenklich und mitleids­voll auf den jungen Priester ruhten.

Pater Antonius..." redete sie ihn an.

Über das Treppengeländer ergreifend, lief er rasch nach oben, blieb halbwegs stehen, wandte sich und warf einen Blick herab und schrie dabei so jämmerlich, wie ein zu Tode ge­troffenes Reh.

( Fortsetzung folgt.)

Und die Blüte dieser Blume Ist das Wort: Ich liebe dich!

Im Regenwetter.

Humoreske von E. H. von Zagory. ( Nachdruck verboten.) Schlechtes, kaltes Regenwetter! Schlechten Trank und schlechte Speise! Keinen Skattisch hier als Retter Und das heißt- Vergnügungsreise!!!" Frizz Almers, Berlin.

,, So, das wäre gedichtet!-" Mit diesen Worten klappte der Baumeister Fritz Almers das Fremdenbuch auf dem alten Bergschlosse energisch zu. Es war ja faktisch zum Auswachsen; drei Wochen von seinem Urlaub waren schon verstrichen, und was hatte er davon gehabt: Regenwetter nichts als Regenwetter. Wie hatte er sich daheim dieſe Fußtour durchs Gebirge in den schönsten Farben ausgemalt, und so war nun die Wirklichkeit-- schau­derhaft, einfach schauderhaft. Man hatte ihm von dem alten Gebirgsschloß soviel erzählt, daß er neugierig geworden war, und sich dies berühmte alte Bauwerk ansehen wollte. Er war aber gründlich enttäuscht. Es war unzweifelhaft ein altes Bauwerk, und die ganze Bauart war eine sehr charak­teristische für die Zeit des Mittelalters. Die Außenmauern waren wohl erhalten, und das ganze alte Bergschloß, mit seinen dicken mächtigen Mauern und Zinnen, seinen Türmen und Toren, und rauschenden alten Fichten machte von außen ja auch einen höchst romantischen, ver­heißungsvollen Eindruck. Wenn man aber die Türe öffnete war alles öde und leer, die weißgetünchten Wände mit schauder­haften Krigeleien beschmiert, kein Stuhl zum Ausruhen nichtsrein nichts. Der junge Baumeister war gründlich enttäuscht. Dabei strömte der Regen weiter und schwemmte den letzten Rest seiner guten Laune mit fort.

Das Fremdenbuch ist das einzig Bemerkenswerte hier, man sieht doch daraus, daß überhaupt Menschen herkommen. Bei dem Wetter macht freilich kein Mensch eine Vergnügungs­tour. Na, an die Reise werde ich denken," brummte der Bau­meister laut vor sich hin. Eben wollte er die Türe nach dem Schloßhof öffnen, da hörte er draußen Stimmen. Wahr­haftig, frische, fröhliche Menschenstimmen. Er lugte neu­gierig durch das Fenster, und hätte beinahe einen lauten Ausruf getan, denn da draußen standen, die Kleider hoch geschürzt, Lodenhüte auf den Köpfen, lachend und übermütig, ein paar hübsche, junge Mädchen.

Sieh nur, Friß," sagte die eine lachend, der Schlüssel steckt. Mach' du auf, mir ist's unheimlich, wer weiß was für ein verwunschener Ritter in diesem alten Schloß haust."

Die Angeredete lachte hell auf, lustig nahm sie ihren Hut vom Kopfe, schwenkte ihn durch die Luft, daß die Regentropfen ringsherum sprißten und ihrer Gefährtin in das Gesicht flogen, und dabei rief sie übermütig: Sei mir gegrüßt, du altes Bergschloß, und du, letzter Ritter dieses Hauses erscheine uns als Führer durch dein Reich."

Der Baumeister stieg rasch und leise wieder die Treppe hinauf in den oberen Saal. Dort stellte er sich an eine Ecke, welche den Aufgang zur ehemaligen Wendeltreppe bildete und harrte, still in sich lachend, der Dinge, die da kommen würden. Die beiden jungen Mädchen öffneten die Tür und traten ein. Die eine entdeckte sofort das Fremdenbuch mit dem Stoßseufzer des Baumeisters.

Du, Milly," rief sie lachend, hör' mal, ist der Vers nicht klassisch?" Und sie las mit erhobener Stimme:

,, Schlechtes, faltes Regenwetter! Schlechten Trank, und schlechte Speise! Keinen Skattisch hier als Retter- Und das heißt- Vergnügungsreise." Frizz Almers, Berlin.

Die jungen Mädchen lachten laut auf. ,, Dem muß es hier aber gut gefallen haben," rief die eine übermütig, komm Milly, wir wollen etwas darunter schreiben."

" Ja, Frizz, das machen wir, aber was?" Wir wollen auch was dichten."

Weißt du, Friß, der muß etwas abbekommen, wegen

Bier hat Onfel doch sehr gelobt, und das Essen war doch auch gut. Wer weiß, was das für ein verwöhntes Gigerl ge­wesen ist."

,, Ach, der kommt doch nicht mehr wieder, übrigens, eine interessante Handschrift, den kann ich mir ganz gut nach der Handschrift vorstellen."

Na, dann male mir doch den Dichter dieses klassischen Verses hier vor Augen."

Der Baumeister beugte sich weit vor. Er war riesig neu­gierig auf seine neueste Photographie, und er wollte kein Wort davon verlieren.

,, Also, er ist?" begann die junge Dame ernsthaft.- Doch ihre Gefährtin unterbrach sie lebhaft. Halt, halt, warte noch ein bischen; ich hab's- höre nur:

,, Dichterlein, verzeihe mir,

Doch mir schmeckte hier das Bier. Und noch eines muß ich sagen,

Zu verwöhnt scheint mir dein Magen." Das ist doch sein, schreib's hin, Frißchen." " Sehr gut," lachte die Angeredete, und schrieb eifrig, ,, nun aber noch einen Schluß, Milly."

Ja, siehst du, da hapert's bei mir. Ich wollte sagen, daß seine Laune allein schuld daran wäre, wenn dieser Stoß­seufzer hier auf dem Papier steht, und daß ein vernünftiger Mensch sich durch Regenwetter nicht die Laune verderben Lassen soll."

Wie wäre es, wenn ich schriebe: Ohn' Humor und Sonnenlicht, gefällt's dir auch im Eden nicht," fragte Frizchen nachdenklich.

Das paẞt ja großartig. Schreib's schnell ein. Und dann Los mit deiner Seelenphotographie."

" So, da steht's nun schwarz auf weiß, Milly; was wollen wir darunter schreiben?"

Friz Milly aus Berlin."

Gut! Aber sieh dir doch nur diese Handschrift an, da liegt Charakter drin."

Ich glaube, Fritzchen, du hast dich in diese Handschrift verliebt," sagte Milly übermütig lachend, nun heraus mit deiner Weisheit. Wie denkt sich ihn deine Seele." ,, Mittelgroß energisch-leicht zornig- eine Schmetterlingsnatur ein Mensch mit viel Geist- aber wenig Gemüt und

,, Donnerwetter," entfuhr es dem Baumeister unwill­fürlich laut, und das Wort klang unten in den Raum hinein. Die beiden jungen Mädchen sahen sich erschrocken an. Milly, hast du's gehört, was war das. Bitte, laß uns fortgehen," flüsterte Fritzchen bleich und zitterte am ganzen Körper.

Aber die energische Milly schüttelte den Kopf. Das will ich gleich sehen," stieß sie erregt hervor, und stürmte raſch die Treppe hinauf.

Frißchen folgte ihr mit stockendem Herzen, sie zitterte noch immer. Da hörte sie oben plötzlich eine sonore Männerstimme ein paar Worte reden dann ein lustiges Lachen Millys. Erleichtert ſtieg Frißchen die Treppe hinauf.

Oben im sogenannten Banketsaal stand Milly mit blut­rotem Gesicht und lachte, und vor ihr stand eine hohe, statt­liche Männergestalt, mit einem sehr klugen, hübschen Gesicht, einem mächtigen Schnurrbart und lachte ebenfalls herzlich.

Als Frißchen näher kam, stellte ihr Milly mit schelmischem Lächeln Herrn Baumeister Almers aus Berlin" vor, und dieser verneigte sich tief vor ihr. Fritchen aber starrte ihn mit wahhaft entsetzten Augen an; denn sie erkannte in dem Vorgestellten sofort ihren Nachbar aus Berlin wieder, für den sie stets ohne ihn zu kennen ein lebhaftes Interesse gehabt hatte. Jeden Tag, wenn sie in die Malstunde ging, traf sie ihn vor der Haustür, und darin sah er sie immer so eigen an, daß sie blutrot wurde.-

Dem Baumeister ging es ebenso. Er machte erst ein ganz verdubtes Gesicht, als er in Frißchen die junge Dame aus Berlin erkannte, die es hm so angetan hatte, daß er jeden Morgen abpaßte, wenn sie in die Malschule ging. Beinah' hätte er laut aufgejubelt. Da hatte er sich in Berlin den Kopf zerbrochen, wo und wie er sie kennen lernen könnte, und hier auf seiner verregneten Vergnügungsreise, hier traf er sie wieder. Mit eigentümlichen Augen sah er Fritzchen an. Sie wurde glühendrot, wie ein Blizz schoß es ihr durch den Kopf. Er hat alles gehört."- ( Schluß folgt.)

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