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den Brief, den er sorgfältig in seinem Brustbeutel aufgehoben glaubte, gelesen. War dies der Fall, dann freilich mußte der Einjährige in Käthchens Augen vollständig gerichtet sein; denn der unselige Brief war geeignet, das Glück eines lieben­den Mädchenherzens gründlich zu zerstören, sofern er näm­lich mißverstanden wurde. Der Brief war von einer Kousine des Einjährigen geschrieben und lautete:

,, Lieber Karl!

Wiederum muß ich dich belästigen und dich bitten, heute Abend noch einmal in der bewußten Angelegenheit zu uns zu kommen. Klara und Franz sind unterrichtet und werden zur bestimmten Stunde hier sein, bleibe du nur gar nicht aus. Ach, es war ein köstlicher Abend. Ein blauer Himmel wölbte sich über uns und die Sterne flimmerten so freundlich hernieder, daß man sich leicht in seine Rolle finden mußte.- Wenn alles gut geht, werden Mama und Papa am Sonntag ihr blaues Wunder erleben. Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich freue und wie stolz ich auf meinen genialen Erretter bin!- Auf Wiedersehen!

Es grüßt herzlichst

Deine Nora." Jinfenstein war beruhigt, als er das Papier im Brust­beutel knittern fühlte. Der Brief ist noch da", tröstete er sich.

Der Einjährige befand sich keinewegs in einer angeneh­men Lage. Seine Braut beklagte sich seit einiger Zeit dar­über, daß er sie vernachlässigte und spielte nun die Schmollende. Umsonst schob der Einjährige dienstlich Ver­hinderung vor. Käthchen glaubte ihm nicht mehr, seitdem sie ihn in eifriger Unterhaltung mit einer jungen Dame gesehen hatte, und die Furien der Eifersucht durchwühlten ihr Herz.

Es blieb dem Einjährigen nichts anderes übrig, als den ersten Sturm geduldig über sich hinbrausen zu lassen, obschon er in der Lage gewesen wäre, seine Braut mit wenigen Worten von ihrem Unrecht überzeugen zu können. Die Dame, welche Käthchen bei ihm gesehn hatte, war nämlich seine Kousine, dieselbe, welche ihm den Brief gesandt hatte. Seine dienstliche Verhinderung und der Grund, der ihn veranlaßte, seine Braut etwas zu vernachlässigen, bestand darin, daß er in seiner dienstfreien Zeit einen Schwank schrieb, der am nächsten Sonntag, bei Gelegenheit der Silberhochzeit seines Onkels, über die Bretter gehen sollte. Da aber Käthchen sowohl, wie das Jubelpaar durch diesen Einakter völlig über­rascht werden sollten, mußte man sich in ein geheimnisvolles Dunkel hüllen.

Endlich war der Dienst vorüber und der Einjährige beeilte sich, den Brustbeutel zu revidieren. Die wenigen Nickel beachtete er kaum, desto genauer aber überflog er den Brief und stuzte plötzlich, denn der Brief hatte nun eine mit Bleistift geschriebene Nachschrift und zwar von Käthchens Hand. Der Nachsatz lautete:

Ein Zufall brachte mir Klarheit über die Art der dienstlichen Verhinderung, welche Sie mir vorzugaukeln beliebten. Leben Sie wohl! Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück und will zu vergessen suchen, daß wir uns einstmals nahe standen! K. D." Wieder und wieder überflog der Einjährige die Zeilen. Also doch", murmelte er tonlos. Dann warf er sich schnell den Ausgehanzug und ging, um sich bei Käthchen zu ver­teidigen. Als Beweisstück nahm er seine Rolle mit.

Käthchen Dickmann saß am offenen Fenster, als der Ein­jährige herankam. Sie sah, wie er hinaufgrüßte, tat aber, als wenn sie nichts bemerkt hätte.

Grüß Gott, Käthchen", sagte der Einjährige bei seinem Eintritt ins Zimmer und reichte ihr beide Hände.

Sie sah nur flüchtig von ihrer Arbeit auf, machte aber keine Miene, die dargereichten Hände zu drücken, sondern erwiderte anscheinend kühl bis ans Herz: Herr Finkenstein, -- was beliebt?"

Käthchen! Du tust mir wirklich unrecht,- bitter un­recht.---"

Bitte, Herr Finkenſtein", unterbrach ihn Käthchen. Sie sehen, ich bin beschäftigt, wollen Sie mir möglichst kurz sagen, womit ich Ihnen dienen kann?"

Ja, das will ich", lachte Finkenstein. Seine Geliebte um­armen und ihr einen Kuß auf die Lippen drücken, war das Werf eines Augenblicks. Das wollte ich, ich wollte dir durch die Tat beweisen, wie sehr du mir Unrecht tust", fügte er gleichsam entschuldigend hinzu.

Käthchen aber entwand sich seinen Armen und versuchte, den kecken Liebhaber mit ihren Blicken zu durchbohren. ,, Karl! Ich verbitte mir derartiges von dir!" brauste sie auf.

,, Hahaha. Herr Finkenstein wurde wieder Karl" und ,, Du". Das ist schon ein ganz bedeutsamer Schritt zur Versöhnung. Hier, Käthchen, meine Hand! Schlag ein!" Fällt mir gar nicht ein. Es ist aus vollständig aus mit uns.- Gehen Sie zu Ihrer Nora!" Nachher. Hoffentlich wirst du mich begleiten." ,, Wie?- Wie das? Sie unterstehen sich noch, mich zu verhöhnen? Entfernen Sie sich augenblicklich!" ,, Aber Käthchen, nimm' doch Vernunft an! Nora Winter ist meine Kousine. Wir haben heute Abend Theaterprobe. Wir wollen das Jubelpaar und die Gäste vollständig überraschen. Deshalb ist die Geheimnistuerei."

Käthchen sah forschend zu ihm auf, schlang ihre Arme um seinen Nacken. Kannst du mir versichern, daß ich dir Un­recht zugefügt?" flüsterte sie.

,, Gewiß. Du hast mein Wort." ,, Dann bin ich wieder dein."

Der Einjährige zog Räthchen an seine Brust und rief jubelnd: Hurra, wieder mein!- Nun aber auf zur Probe!"

AUS DEM REICHE

DES

WISSENS

Ein naturgeschichtliches Märchen.

Bauen die

Schwalben den Eingang zu ihren Nestern zu, wenn ein Sperling sich darin niedergelassen hat? Die Frage wird von alten Naturforschern bejaht und auch heute noch in unseren Volkserzählungen. Rührende Kampf­und Hilfsszenen werden geschildert und den Schwalben eine fast menschliche Ueberlegung dabei zugeschrieben. Richtig ist es, daß dem im Eigentum gestörten Schwalbenpaar andere Schwalben gegen den im Neste sitzenden Feind zu Hilfe kommen, was ja nicht schwer ist, da die Schwalben gesellig zu leben und besonders auch gesellig zut nisten pflegen. Manchmal bezwingen sie den Gegner, manchmal auch nicht. Dieser richtet sich häuslich in dem usurpierten Hause ein, schleppt Heu und Stroh hinein, um es in seiner rohen Art auszu­staffieren, und läßt vielleicht auch noch lange Enden von Stroh­halmen wie Diebsfahnen heraushängen. Wenn die Schwalben einzusehen beginnen, daß sie den dickköpfigen Eindringling nicht hinauswerfen können, dann geben sie als die flügeren nach, ziehen ab und fangen anderswo eine neue Lehmhütte zu bauen an. Der zarte Kampf spielt sich stets in der Weise ab, daß der Spazz heim­licherweise bei Abwesenheit des Schwalbenpaares, etwa, wenn dieses nach neuem Stoff fortgeflogen ist, sich im Neste festsetzt und daß dann die Schwalben von außen angreifen müssen. Bei diesen Schnabelattacken, die sich um den Neſteingang konzentrieren, er= weitert sich dieser sehr häufig durch die scharfen Schnabelhiebe, vereinzelt auch durch Flügelschläge. Siegt nun der Sperling, so bleibt das Nest mit seinen Schäden bestehen; siegen die Schwalben, so tragen sie sofort Lehmkügelchen herbei, um den Schaden auszu­bessern. Dieser Umstand, der aber ausnahmslos erst nach Ver­treibung des Feindes eintritt, mag zu der unsterblichen Fabel von der lebendigen Einmauerung den Anlaß gegeben haben. So leicht ließe sich der Spatz auch nicht einmauern. Das frische Baumaterial würde seinen gewiß unter Aufbietung aller Kräfte unternommenen Durchbruchsversuchen, niemals Stand halten können. Wozu hat er denn seinen Schnabel? Ein Spaß und sich ruhig einmauern lassen! Es ist eine Tatsache, daß man bis jetzt niemals Schwalben­nester ohne offenen Eingang gefunden hat. Es scheint den Schwal­ben ganz unmöglich zu sein, den Bau harmonisch zu gliedern, und die Lehmkügelchen fest miteinander zu verkitten, wenn sie nicht vom Innern des bereits gebauten Nestteiles weiter arbeiten. Von außen geht es eben nicht; daher sehen sie von innen ihre neuen weißen Baumaterialien auf. Also wäre es ihnen mit ziemlicher Sicherheit ganz unmöglich, ihren Feind einzuschließen, auch wenn sie c3 wollten. In ernsthaften Fachblättern fabelten Dilettanten freilich nicht ohne widerlegt zu werden, daß sogar Stare sich der Schwalbennester bemächtigen, daß solche von den Schwalben angegriffen, mit Lehmbrühe bespritzt, geblendet und schließlich unter höhnischem Siegesgeschrei lebendig vermauert und einem langsamen Hungertode überantwortet würden. Alles lediglich phan­tasiereiche Erfindung, da die Stave niemals als Usurpatoren von Schwalbennestern irgend welcher Art beobachtet worden sind.

Nr. 80.

Dienstag, den 12. April.

1904

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

bez

Gießener Neueste Nachrichten.

Sund nut Berlag ber Chesser Berlagsdeudoret, verm. Bilh. Reller'sche Subradeset( gegs. 1783); set: Ibia Riels

(( 0. Fortsetzung.)

Gewillensqualen.

Kriminal Roman von Robert Buchanan.

Ich brannte vor Neugier, den jungen Mann zu sehen, von dem ich so viel hatte erzählen hören; an der Tür seiner Belle trat ich indes zurück und ließ erſt Ellen allein eintreten. Ein paar Minuten später rief sie mich, und ich stand nun dem jungen Creenan Aug' in Auge gegenüber.

Er war groß und kräftig gebaut, dabei doch noch schlank, mit blondem Haar und blauen Augen, und sein Gesicht sah trotz der verstörten Züge, die Kummer und Gram darin ge­Bogen hatten, doch vertrauenerweckend und tapfer aus. Als ich die Belle betrat, stand er an dem kleinen vergitterten Fenster, hielt Ellens Hand in der seinen und sah sie traurig an.

Das liebe Kind weinte, aber nicht heftig; nur langsam flossen ihr die Tränen die Backen herunter, und ihre zittern den Lippen unterdrückten jeden Seufzer. Michael dagegen hielt den Kopf hoch wie ein Mann, der fest entschlossen ist, seinem Geschick die Stirne zu bieten, es fomme, wie es wolle.

Mein Freund, Herr Doktor Sucherland", stellte mich Ellen ihm vor. Wenn du wüßtest, wie liebenswürdig der Herr Doktor zu mir gewesen ist!"

Ich hielt ihm meine Hand entgegen, in die der junge Mann kräftig einschlug.

Besten Dank dafür, Herr Doktor", begrüßte er mich mit würdigem Ernst. Als Ellens Freund sind Sie auch der meinige."

" Ja wohl, dein Freund ist der Herr Doktor", bekräftigte Ellen; du hast keinen besseren in der ganzen Welt. Er glaubt an deine Unschuld und ist aufs tiefste bemüht, sie an den Tag zu bringen."

Dann erzählte sie ihm von meinem merkwürdigen Traum, der mich nach Schloß Craig geführt hatte, und von dem Versprechen, das ich ihr gegeben, ihr zu helfen, den Mörder ihres Vaters zu entdecken.

Wenn es Ihnen glücken sollte, die Wahrheit heraus­zufinden, Herr Doktor", sagte er traurig, dann sind Sie gewiß ein kluger Mann, denn leider hält mich außer Ellen niemand mehr für unschuldig."

Und Anton?" warf Ellen ein. Und deine Mutter, Michael?"

Ach ja. Aber wenn Anton, wie du sagst, an meine Un schuld glaubt, weswegen hat er mich dann noch nicht besucht?" ,, Er konnte nicht kommen", antwortete ich, er war zu frank.'

rank?" wiederholte Creenan. Bei seiner Verneh­mung im Verhör war er wohl genug."

Die Aufregung war zu groß für ihn", entgegnete ich, und seitdem liegt er am Nervenfieber darnieder. Er er frankte, als er bei Vermeidung von Strafe als Belastungs­jeuge gegen Sie vorgeladen wurde.

"

,, Gegen mich? Wie kann denn das sein?" fragte der unge Mann in höchstem Grade verwundert. " Das weiß ich nicht", antwortete ich.

Jedenfalls ist er von der Staatsanwaltschaft und nicht von Ihrem Verteidiger orgeladen worden. Kann er denn etwas Belastendes wider Sie aussagen?"

( Nachdruck verboten.))

,, durchaus nicht. Mein Unstern wollte es, daß ich an jenem verhängnisvollen Tage ganz allein sein sollte. Mein Bruder hatte mich ersucht, ihm etwas in Kilsyth zu besorgen, und so ging ich denn in Begleitung meiner Hunde dorthin. Nachmittags fehrte ich in den Gasthof ein, um etwas zu essen, und da traf ich mit Ellens Vater zusammen. Im Kaffee­zimmer waren wir allein, und ich hielt daher die Gelegenheit für gekommen, ihm das zu sagen, was ich ihm zu sagen hatte. Ich erklärte ihm meinen festen Entschluß, Ellen zu heiraten. Er wurde darüber aufgebracht und ließ Aeußerungen fallen, die auch mich reizen mußten, und während wir uns in hef­tigen Worten herumstritten, traten andere Gäste ein. Ich verließ das Lokal, und bei Gott schwöre ich es Ihnen, daß ich Herrn Craig nicht mehr gesehen habe."

Während seiner Erzählung hatte er Ellen fest angesehen, als wollte er sie bitten, ihm Glauben zu schenken. Ohne etwas zu sagen, ergriff sie seine Hand und leufzte Leiſe.

Was haben sie dann getan, als sie das Wirtshaus ver­lassen hatten?" fragte ich ihn.

" In einem Wagen konnte ich bis Ballyveeney mitfahren, und von dort ging ich über die Berge nach Hause. Noch an demselben Abend wurde der alte Herr mit meinem Gewehr erschossen, und seine Leiche fand man nur hundert Ellen von der Stadt entfernt liegen, wo ich den Wagen verlassen hatte."

Können Sie sich erklären, wie Ihr Gewehr dahinkam?" ,, Durchaus nicht, Herr Doktor."

,, Haben Sie es denn nicht vermißt?"

Nein. Es war damals gerade die Zeit der Hasenjagd, und da Hasen hier doch mit Hunden gejagt werden, so be­durfte ich meines Gewehres nicht."

Wo hatten Sie Ihr Gewehr aufbewahrt?"

Zu Hause, in meinem Zimmer. Es war schönes Wetter, und unsere Dienstboten waren sämtlich ausgegangen; ich glaube aber nicht, daß jemand in das Haus gelangen fonnte." Seine Aussagen trugen den Stempel der Wahrheit. Jedes Wort und jene Miene war frei und offen, und furchtlos sah er mir ins Gesicht.

Ich vermute, daß Ihre Frau Mutter und Ihr Bruder Sie gesehen haben, als Sie nach Hause kamen?" ,, Meine Mutter wohl, Anton jedoch nicht." ,, Wissen Sie, wo er war?"

,, Nein, Herr Doktor. Den ganzen Nachmittag und Abend, bis tief in die Nacht hinein, hatte er Krankenbesuche gemacht, und er kam gerade dazu, als ich unter meinem eigenen Dache verhaftet wurde. Ich fürchte, der Schein spricht sehr gegen mich, und es nimmt mich auch gar nicht Wunder, daß mich so viele Leute für schuldig halten. Aber ich kann es mir immer noch nicht denken, daß man einen Unschuldigen hängen wird, auch wenn der Schuldige nicht zu finden sein sollte. Bei der Verhandlung wird man schon etwas herausbringen, und wenn nicht, ich fürchte mich nicht vor dem Tode."

Mit einem lauten Aufschrei warf sich seine Geliebte in seine Arme. Er flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr, und ich merkte ihm an, daß er selbst nur mühsam Tränen unter­

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