Ausgabe 
12.3.1904 Erstes Blatt
 
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1904.

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Die goldene Regel der Ehe ist ertrage und schone". Gleich der Regierung besteht die Ehe aus einer Reihe von Vergleichen. Man muß geben und nehmen, sich enthalten und zügeln, vertragen und geduldig sein. Man braucht gegen die Schwächen des anderen nicht blind zu sein, aber man muß sie mit gutmütiger Nachsicht beurteilen. Ein gutes Temperament ist unter allen Eigenschaften diejenige, welche sich in der Ehe am besten bewährt. Mit Selbst beherrschung verbunden, verleiht es Geduld, zu tragen und zu schonen und schweigend hinzunehmen, sich so lange im Baum zu halten, bis die ärgerliche Anwandlung vorüber ist. Wie wahr ist in der Ehe das Wort, daß die sanfte Antwort den Zorn ver­scheucht".

Braten und Kochen.

Das günstige Resultat beim Braten oder Kochen des Fleisches hängt nicht allein von der Befähigung der Köchin ab, denn wenn das Fleisch von einem alten oder gering­wertigen Tiere ist, so wird es ja vielleicht gelingen, es weich zu braten, aber rechten Wohlgeschmack, Saft und Bartheit wird ihm die größte Kochkunst nicht geben können. In die Bratpfanne tut man Speck, Butter 2c. Das Fett muß heiß sein, bevor das gut geklopfte, mit Salz eingeriebene Fleisch hineingelegt wird. Es wird mit zwei Holzlöffeln auf alle Sciten gewendet und rasch gebraten, wodurch sich die Poren von außen schließen und aller Saft im Fleische bleibt. Das Fleisch darf durch keinen spißen Gegenstand zum Abgeben des Saftes gebracht werden; ein Hineinstechen mit der Gabel wird von einer guten Köchin als Barbarei bezeichnet. Zu Roastbeef, Beefsteak, Schöpsenschlägel, kurz, zu allem, was stark im Safte bleiben soll, ist eine heiße Röhre notwendig, ebenso zu gemästetem Geflügel und sehr fettem Fleische. Wild will langsamer gebraten werden und verlangt häufiges Be­gießen mit saurem Rahm. Fisch, Schweinsbraten, Hühner, Stalbsrose, alles, was hell bleiben soll, braucht wenig Hitze. Ein bebuttertes Papier obenauf bewahrt empfindliche Braten, Torten und auch Kuchen vor dem Verbrennen. Ist ein Braten gar, so darf er feinen Augenblick mehr in der Röhre bleiben. Viel besser ist, ihn auf Dampf zu stellen, aber niemals ganz trocken, sondern immer mit seinem Fett begossen. Wenn der Spießbraten auch seines großen Wohlgeschmackes wegen jedem anderen vorzuziehen ist, so wird man mit Beobach­fung obiger Regeln und mit gutem Rohmaterial auch ohne Spieß vorzügliche Braten auf den Tisch bringen. In der Pfanne auf dem Herde werden Fisch und Fleisch sehr gut, wenn man sie auf offenem Feuer in heiße Butter fut. Eine große Hauptsache zum Erlangen eines guten Bratens ist das Vermeiden des Hineinstechens; man soll das Fleisch stets mit zwei hölzernen Löffeln wenden. Zuletzt, wenn das gebratene Fleisch schon angerichtet ist, gießt man ein wenig Bouillon oder Wasser in die Pfanne, kocht schnell auf und schüttet die kräftige Sauce über das Fleisch, das mit einem Stückchen ganz frischer Butter, mit sehr fein ge­hackter Petersilie gemengt, belegt wird. Werden die Kote­letten mit irgend etwas garniert, so tut man besser, die Sauce nicht über das Fleisch zu gießen. Eine gut gebun­ziehen. Man schöpft das Fett, wenn es sich geschieden hat, dene Sauce ist dem puren Bratenfett entschieden vorzu­ben dem sogenannten Ansaze, dem Gebratenen am Boden und an den Wänden der Pfanne, ab, tut einen Kochlöffel Mehl in die Pfanne, ein wenig Wasser- bei Wild ſauren Nabm und zwar langsam, unter beständigem Rühren, und gießt die Sauce, wenn sie die richtige Farbe und Dicke bat, durch ein Sieb. Alles auf dem Herde in der Pfanne zu Backende sollte nicht früher gesalzen werden, als bis man es zum Backen braucht. Man lege jedes Stück gleich in die heiße Butter, bleibe die wenigen Augenblicke, die eum Garwerden braucht, dabei stehen, begieße die obere Sete mit der Butter, während die untere bäckt. Ist das Fletch, das zu Schnitzel und Koteletten gut geklopft sein mus, nicht zu dick geschnitten, so ist es gar, wenn die Friture schön hellbraun ist. Etwas Salz soll unter das Bantermehl gemengt werden.

Praktische Winke.

Sammet aufzufrischen. Echten und unechten Sammet stellt man wieder wie neu her, wenn man ihn mit einer vier Finger breiten Speckschivarte, von welcher man das Fett ziemlich entfernt hat, nach dem Strich genau überstreicht, ähnlich wie man Kleidungs­stücke mit der Bürste reinigt. Der Sammet wird so lange mit der Speckschwarte leicht überstrichen, bis die Flecke und gedrückten Stellen darauf verschwunden sind. Dann legt man ein stark an­gefeuchtetes Tuch auf die ziemlich heiße Ofenplatte und hält, so­bald der Dunst heftig emporsteigt, den Sammet so lange darüber, bis sich derselbe vollständig aufgerichtet hat. Wachs- und Harz­flecke entfernt man aus Sammet, indem man die Flecke mit Benzin befeuchtet, Löschpapier darauf legt und die betreffende Stelle mit der Unterseite auf einen Kessel mit heißem Wasser hält. Das Wachs oder Harz schmilzt und zieht in das Löschpapier ein. Dann über­fährt man den Sammet ganz sanft mit Weingeiſt und bürstet ihn nach dem Striche aus.

*

Küche und Keller.

Kalbsmilchschnitte. Einige schöne Kalbsmilche werden blan chiert, in leichter Fleischbrühe aus Liebigs Fleiſchertrakt beinahe gar gekocht und in Scheiben geschnitten. Indessen hat man in schon vielfach angegebener Weise eine Kalbfleischfarce bereitet, gleich­mäßige runde Brotschnitten in Butter goldgelb gebacken und setzt nun um diese Schnitten einen 1,5 Ztm. hohen Rand von der Farce. Auch die Kalbsmilchscheiben werden mit Farce bestrichen, in die Mitte der Brotscheiben gelegt, mit Kapern bestreut und mit etwas Krebsbutter beträufelt. Man deckt über die Schnitten ein be= buttertes Stück Papier und bäckt sie im Ofen, bis die Farce gar ist.

Wein aufzubewahren. Traubenwein muß stets liegend auf­bewahrt werden, da sonst durch die Poren des Korkes Luft in den­selben eindringt; dabei verdunsten die edlen Bestandteile, und andere gehen dann Mischverbindungen ein. Durch langes Auf­rechtstehen leidet auch der beste Wein, indem er kahmig, herb und säuerlich wird. Auch für Obstweine ist es ratsam, daß dieselben liegend aufbewahrt werden.

Kalte gefüllte Eier. Man schält hartgekochte Eier, je nach der Anzahl der Personen 8 bis 10 Stück, schneidet am stumpfen Ende eine Scheibe ab, damit man die Dotter herausnehmen und die Eier aufrecht stellen kann, und mariniert die ausgehöhlten Weißeier eine halbe Stunde in Essig, Del, Pfeffer und Salz. Dann füllt man die Eier mit einer Farce von zerriebenen harten Eidottern, fein gehacktem rohem Schinken und Sardellenbutter, oder mit gehackten Sardellen, Kaviar und Krebsschwänzen, macht eine Remouladensauce, welche man mit den gefüllten aufgestellten Eiern garniert, und belegt die Sauce zierlich mit Krebsschwänzen.

Ein aparter Bimmerschmuck.

Eine Blattpflanze, die ohne Erde und ohne jegliche Pflege gedeiht und die dabei mit ihrem frohgrünen Laube jedem Wohnraume zur Zierde gereicht, verdient die beson dere Aufmerksamkeit der Damen. Es sind dies die soge­nannten ,, chinesischen Wasserpflanzen", die sich ohne Erde viele Jahre lang in mit Wasser gefüllten Vasen erhalten lassen, immer neue Blätter treiben und zeitweise sogar zu neuer Blüte gelangen. Die dazu eigens gefertigten langen, flachen chinesischen Porzellan- Hängevasen, die überall an der Wand befestigt werden können, sind in allen chine­sischen Handlungen erhältlich. Dieses chinesische Gewächs kann, wie jedes andere, auch in Töpfchen mit Erde kulti­viert werden. Ausgiebig begossen, schießt es in die Höhe und treibt rascher und reicher Blüten als jedes andere. Sehr apart ist es, die Zweige zur Dekoration in Vasen zu verteilen. Selbstverständlich bedient man sich hierbei nicht nur der chinesischen Hängevasen, so praktisch und effektvoll sie auch sind. Jede andere undurchsichtige Base Dunkeln ist das Wurzelwachstum sehr begünstigt zum Behälter für die unverwüstliche Pflanze dienen. Damen, die darüber klagen, keine Zimmerpflanze fortbringen zu können, ist mit chinesischen Blattpflanzen und der wegen ihrer Vorzüge gerühmten Aspidistra" abgeholfen.

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Nr. 58.

Samstag, den 12. März.

Familienzeitung.

Oberhessische

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

Gießener Neueste Nachrichten.

Od und Berlag bez tebener Berlagsbruderet, vorm. Bilh. Roller'sche Buchbruceret( gegr. 1789); secenter: Ibi leta

(( 21. Fortsetzung.)

Der Goldmarder.

Original Roman von M. Bezold.

Seine Stimmung wurde auch nicht gebessert, als er in der Nähe der Weinstube seinem Sohne begegnete, der mit dem Spazierstöckchen unter dem Arm und der brennenden Zigarre im Munde ihm entgegenkam.

,, Du scheinst dir das Leben sehr bequem zu machen," ſagte er mit herbem Vorwurf, weshalb bist du nicht mehr im Bureau?"

" Muß denn ein Beamter der Polizei stets im Bureau zu finden sein?" erwiderte Gustav. Wir haben auch draußen Pflichten-"

Bah, das sind Ausflüchte! Dir ist die Arbeit verhaßt, ich weiß das längst, aber ich hätte doch erwartet, du würdest dich jetzt aufraffen, da wir nicht wissen, was die nächste Zu funft uns bringen kann.

" Du sagtest vor einigen Tagen, ich sollte reisen, um mich für die diplomatische Laufbahn vorzubereiten

Du wirst doch wiſſen, daß seitdem die Verhältnisse sich ge­ändert haben.

" Davon bemerke ich noch nichts, in Ungnade bist du nicht gefallen, die schlimme Suppe werden der Kustos und sein Bruder allein auslöffeln müssen. Uebrigens sind deine Vor­würfe ungerecht, ich bin im Dienst, Hermann hat mich beauf­tragt, Erkundigungen über das Duell einzuziehen.'

,, Ueber welches Duell?" fragte Spangenberg erstaunt. " Du weißt das noch nicht? Ja so, es soll Geheimnis bleiben, aber die Polizei erfährt doch alles." Mir wirst du dieses Geheimnis wohl mitteilen dürfen?" sagte der alte Herr mit wachsender Neugier.

Gustav blies einige Rauchwölkchen von sich und blickte sich um, es war niemand in der Nähe, der seine Worte hören konnte.

Der Adjutant v. Bodenlauben hatte heute Morgen ein Tuell mit dem Maler v. Weisweiler," sagte er leise. Weis­weiler soll schwer verwundet sein.'

,, Welche Ursache lag dem Duell zu grunde?"

,, Das wissen wir nicht, vor einer Stunde ist der Verwun­dete in die Wohnung seines Vaters gebracht worden. Der Maler iſt ein Hißkopf, vielleicht war es nur eine Lappalie, vielleicht liegt auch die Ursache tiefer, ich soll es nun zu er­forschen suchen."

" Herr v. Bodenlauben wird dir ja Auskunft darüber geben können."

Er kann es allerdings, aber er wird es nicht wollen, es wäre unklug, wolle ich ihn fragen. Ich werde es von anderer Seite erfahren, wenn nicht jetzt, dann heute nach­mittag im Café. Durchlaucht werden die Geschichte genau wissen wollen, in unserm Rapport vom heutigen Tage müssen wir darüber berichten; solltest du etwas erfahren, so sei so gut und teile es mir mit."

Gewiß, gewiß," sagte der Direktor mit gedankenvoller Miene, es ist möglich, daß ich vor Tisch noch den Hofrat spreche, er soll mir beichten. Der Adjutant ist nicht ver­wundet?"

,, Nein, ich hoffe mit Adolph zusammenzutreffen, er ist der Hausarzt des Hofrats und wahrscheinlich sofort gerufen

(( Nachdruck verboten. worden. Leider habe ich mich gestern mit Adolph über­worfen

,, Weshalb?"

,, Wegen der Familie des Kustos, die er in seinen beson­deren Schutz genommen hat. Er wollte mir verbieten, die Leute aus dem Museum auszuweisen, wozu ich doch polizei­lich beauftragt war, darüber sind wir hart aneinander ge­kommen, zumal auch Irma Partei gegen mich nahm."

Joachim Spangenberg nagte ärgerlich an der Unterlippe, in seinen Augen loderte die Glut mühsam verhaltenen Bornes.

" Laß ihm das Vergnügen," spottete er. Wenn er sich dieser Familie annimmt, so tut er es nur, um für sich selbst Vorteile daraus zu ziehen, und in den Ruf eines Arztes zu kommen, der für die Notleidenden ein warmes Herz hat. Bah, es ist alles nur Komödie!"

Damit wandte er seinem Sohne den Rücken, und einige Minuten später trat er in die Weinstube, in der heute nur wenige Gäſte ſaßen.

Sein Gruß wurde heute kühler wie sonst erwidert, die Gäſte, mit denen er früher stets zusammengesessen hatte, schienen es ganz in der Ordnung zu finden, daß er heute sich allein setzte, niemand lud ihn ein, am Stammtisch Platz zu nehmen.

Er forderte einen Schoppen Wein und die neueste zei­tung, und während er sich den Anschein gab, als ob er seine ganze Aufmerksamkeit den politischen Nachrichten widme, horchte er mit verbissenem Grimme auf die Gespräche, die drüben geführt wurden, deren Thema der Münzendiebstahl bildete.

Die Museumsverwaltung wurde ohne Rücksicht auf den ganz in der Nähe ſizenden, früher so gefürchteten Direktor sehr scharf kritisiert, und Spangenberg wollte schon die Wein­stube wieder verlassen, in dem Glauben, daß der Hofrat wegen der Verwundung seines Sohnes heute nicht kommen werde, als der alte Herr eintrat.

" So ganz allein?" fragte er mit einem erstaunten Blick auf den Stammtisch, an dem auch er jeden Mittag zu sitzen pflegte..

Wie Sie sehen!" erwiderte Spangenberg ironisch. Vor allen Dingen aber, wie befindet sich Ihr Sohn?"

Sie wissen schon?" sagte der Hofrat betroffen. Wer hat es Ihnen gesagt?"

Was könnte in diesem kleinen Nest geheim bleiben? Die Polizei hat ihre Augen überall

Sie haben mit Ihrem Schwiegersohne gesprochen. Win der Polizeirat die Sache weiter verfolgen?"

Einstweilen wohl nicht, aber Sie wissen ja, er muß dem Fürſten täglich berichten, Durchlaucht will jedenfalls Kenntnis von dem Duell erhalten.'

" Das unterliegt freilich keinem Zweifel," bestätigte der Hofrat, indem er in seine Dose hineingriff, aber ich fürchte es nicht. Durchlaucht werden Rücksicht auf die beteiligten Personen nehmen und Gnade für Recht ergehen lassen. Wenn nur die Geschichte im Publikum totgeschwiegen wird!" " Ihr Sohn soll schwer verwundet sein?"

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