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dem Meffert! O, der hat ihm sicher nachgespürt, will ihm auf­lauern, sich rächen an ihm, an Hans! lieber Gott, lieber Gott! Und sie wirft sich vor, daß sie die Schuld hat, sie mit ihrem Starrsinn, mit ihrem falschen Ehrgeiz, um jeden Preis eine gute Hausfrau zu sein. Hätte sie nachgegeben, wäre sie mit nach dem Jägerhaus gegangen, dann, dann aber so, nun ist ihm der Wilderer auf der Spur, nun fällt er ihn an aus dem Hinterhalt, den Ahnungslosen, der keine Waffe als seinen Stock bei sich hat!

Arme Lottel zu spät alle Reue, zu spät die heutige Selbstüberwindung, die der Beginn eines neuen Lebens sein sollte! Sie hastet vorwärts, sie achtet nicht des gebahnten Weges, kreuz und quer läuft sie, denn sie findet sich nicht zu­recht, nur die ungefähre Richtung ist ihr bekannt, und bald hat sie auch die verloren. Sie kennt sich nicht mehr aus, sie findet den Bruch nicht. Als sie lange so umbergeirrt ist, wird es endlich lichter, und sie ist am Waldesrand, weit entfernt vom Forsthaus, weit entfernt vom Bruch. Es beginnt be­reits zu dämmern, und sie hat Mühe, sich auf die Richtung zu besinnen. Es ist so still in Wald und Flur. Nirgends eine Seele, die ihr Auskunft geben könnte. Und in ihr die ent­setzliche Todesangst, die ihr den Atem nimmt, die ihr das Herz beklemmt! Die Gestalt des Meffert scheint ihr hinter jedem Busch zu lauern. Ihre Sinne verwirren sich. Mit einemmal sieht sie einen bekannten Weg vor sich, die Land­straße, die zum Forsthaus führt. Gottlob, nun kann sie Hilfe holen. Dort liegt das Forsthaus, freundlich in buntes Laub gebettet, von den immergrünen Fichten bewacht, ihr Heim, dessen Freude und Frieden sie nicht zu hüten verstanden hat, dessen Herr vielleicht jezt draußen liegt im Wald, erschlagen von Mörderhand, durch ihre Schuld!

Mit brechenden Kien langt sie im Hof an. Kein Mensch ist zu sehen, aber Waldmann bellt sie freudig an. Der Hund ist da. So müßte ja auch sein Herr oder ist der Hund allein? Aus dem Kinderzimmer tönt etwas, die krähenden Laute Klein- Hannas und dazwischen eine tiefe Stimme. Kaum gelingt es Lottes zitternden Händen, die Tür zu öff­nen; und als es geschehen, da ist es zu Ende mit ihrer Kraft. Sie wankt, und eine Sekunde später fühlt sie sich geborgen an ihres Mannes Herzen, umschlossen von seinen Armen. Hans, gottlob, du lebst!" entringt es sich ihrer schwer atmenden Brust.

Wo kommst du her, Lotte, so erregt, armes Kind? Ich bin eben heimgekehrt, hörte, du seiſt fort, und wollte mich gerade auf die Suche nach dir begeben, obgleich ich keine Ahnung davon hatte, wo ich dich finden könnte." Das glaub ich, Hans. Wie hättest du eine Ahnung haben können, daß ich dir entgegen wollte, dich um Verzeihung bitten und dann, ach Hans, es war schrecklich!" Unter strömenden Tränen erzählt sie ihm alles.

Als sie den Namen des Wilderers nennt, lacht ihr Gatte hellauf und fällt ihr ins Wort: Und da hast du gedacht, meine Maus, daß er mich womöglich umbringen wollte. Nun, so schlimm war's nicht. Ich bin ihm allerdings begegnet, ich hatte meine Absicht, nach der Eichenschonung zu gehen, ge­ändert, um lieber nach den Arbeitern im Bruch zu schauen, und er hat mich demütig um Verzeihung gebeten und um Waldarbeit ersucht, denn sonst müsse er mit den Seinen ver­hungern. Dem war das Gefängnis einmal eine gute Schule, und ich glaube, es kann noch etwas aus ihm werden."

,,, wie gut das ist, Hans. Höre, Hans, glaubst du, daß aus mir auch noch etwas werden kann, aus der guten Haus­frau eine Gattin, eine echte, rechte, so eine, wie du sie brauchst

zu deinem Glück?"

Statt aller Antwort schließt Hans sein Weib fest in die Arme und drückt ihr einen Kuß auf die Lippen. Die Wäsche bleibt noch volle drei Tage ungeplättet, denn Frau Lotte iſt zu sehr mit ihrem neuerrungenen Glück beschäftigt, und die Plätterin aus der Stadt kann erst in acht Lagen kommen. Auch die Rübenbeete sind nach drei Tagen noch nicht geräumt, da es regnet, was herunter will; aber zu Frau Lottes Ehre sei es gesagt, daß der Dachboden von Marie einer gründlichen Säuberung unterzogen worden ist. Denn alles kann man doch nicht liegen lassen, das siehst du wohl selbst ein", so hat die Hausfrau scherzend zu dem Gatten gesagt, als sie ihm am Morgen nach jenem denkwürdigen Nachmittag die zweite Lasse Kaffee einschänkte. Und er hat ihr freudig zugestimmt.

DER

VOLKS

ANWALT

Briefe als Testament.

Eine der wichtigsten Neuerungen des Privatrechts ist das eigenhändige( sogenannte holographische) Testament, zu dessen Gültigkeit eine von dem Erblasser unter Angabe des Ortes und Tages eigenhändig geschriebene und unterschriebene Erklärung erforderlich ist. Im Juni des Jahres 1901 erhielt ein Herrmann Tsch. von seiner Schwägerin Anna Eppen einen eigenhändig ge­schriebenen und unterschriebenen Brief, der ,, Jastrzemb d. 27. 6. 1901" datiert und mit Anna Eppen" unterzeichnet ist. Es war ein regelrechter Privatbrief mit den gewohnten wichtigen und un­wichtigen Tagesplaudereien. Aber zwischen diesem Gerank wert­loser Mitteilungen fand sich der erfreuliche Satz: Eure Kinder sollen an Onkel May auch ein Andenken erhalten, jedes soll nach meinem Tode 1500 Mt. erhalten, ich schreibe Euch dies, da man nicht weiß, wie schnell man abgerufen werden kann." Onkel May war der im Jahre 1895 verstorbene Ehemann der Briefschreiberin. Wenn man wohl auch noch nichts Bestimmtes in den Händen zu haben vermeinte, so hob sich Familie Tsch. doch den erfreulichen Brief sorgfältig auf, um die Tante an ihr Versprechen bei Gelegen­heit erinnern zu können. Da plötzlich starb am 14. Juli 1902 die gute Tante, ohne daß man in ihrem Nachlasse eine Testaments­urkunde mit der Ausführung des brieflich gemachten, lezwilligen Versprechens fand. Hermann Tsch. überreichte nun dem Amtsgerichte zu 2., in dessen Bezirke die Erblasserin ihren letzten Wohnsitz gehabt hat, jenen Brief zur sogenannten Eröffnung gemäß§ 2260 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Der Antrag ist abgelehnt worden, weil der Brief seiner Form nach keine letztwillige Verfügung enthalte. Die dagegen eingelegte Beschwerde ist zurückgewiesen worden, weil die Absicht der Erblasserin, in dem Brief ihren letzten Willen zu erklären, nicht zweifellos feststehe. Hiergegen hat Tsch. eine weitere Beschwerde gerichtet, über die nach Mit­teilungen aus Seufferts Archiv das Kammergericht folgenden Beschluß gefaßt hat: Das Rechtsmittel erscheint begründet. Nach den§§ 2259 ff. des Bürgerlichen Gesetzbuches sind allerdings nur Testamente, also Urkunden, die sich nach Form und Inhalt als letztwillige Verfügungen darstellen, an das Nachlaßgericht abzuliefern und von diesem zu eröffnen. Der Brief vom 27. Juni 1901 genügt aber zunächst, wie auch das Landgericht, abweichend vom Amtsgericht, annimmt, in Ansehung der Form der für einseitige Verfügungen von Todeswegen geltenden Vor­schriften. Nach§ 2231 Nr. 2 des Bürgerlichen Gesetzbuchs kann ein Testament in ordentlicher Form nur eine von dem Erblasser unter Angabe des Ortes und Tages eigenhändig geschriebene und unterschriebene Erklärung errichtet werden. Diese Erforder= nisse erfüllt das fragliche Schriftstück. Weitere Formvorschriften stellt das Gesetz nicht auf. Demgemäß muß es für zulässig erachtet werden, ein Testament in Briefform zu errichten, wie auch in der Literatur, soweit ersichtlich, allgemein angenommen wird. Dagegen ist, wenn ein wirklicher, an seine Adresse ab­gesandter Brief neben rechtlich gleichgültigen Mitteilungen die Erwähnung von Zuwendungen für den Todesfall enthält, sorg­fältig zu prüfen, ob der Schreiber letztwillig verfügen oder nur eine solche Verfügung in Aussicht stellen wollte, da es zweifellos ungewöhnlich ist, in dieser Form den letzten Willen zu erklären. Bloẞe Zweifel nach jener Richtung ohne sonstige Bedenken, ob eine gemäß § 2259 abgelieferte Urkunde ein gültiges Testament sei, berechtigen jedoch das Nachlaßgericht nicht, die Entgegennahme oder Eröffnung abzulehnen. Im vorliegenden Falle nimmt das Beschwerdegericht zutref= fend an, daß es zwar zweifelhaft sein könne, ob der Brief vom 27. Juni 1901 ein Testament im Sinne des§ 1939 des Bürgerlichen Ge­ſetzbuchs sei, daß aber das Gegenteil keinesfalls gewiß sei. Die Worte jedes( Kind) soll nach meinem Tode 1500 Mt. erhalten" schließen, wie der angefochtene Beschluß ausführt, die Absicht der Schreiberin nicht aus, die künftige Anordnung eines Vermächt nisses zunächst nur benachrichtigungsweise mitzuteilen. Die Erb­lasserin kann aber auch, namentlich im Hinblick auf den folgenden Satz: ich schreibe Euch dies, da man nicht weiß, wie schnell man abgerufen werden kann", den Willen gehabt haben, jedem Kinde mit jenen Worten 1500 Mt. zuzuwenden, ohne es als Erben einzusetzen. Die Vorentscheidungen waren daher aufzuheben.

Nr. 9.

Dienstag, den 12 Januar

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Brad und Berlag ber Stoßener Berlagsbraderet, verm. Bilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1789); veranderi:#Ibis Riels

( 6. Fortsetzung.)

Der Beuge.

Roman von Marie Bernhard.

Frizz sah Helene im Geist in einer der großartig und ge­diegen ausgeſtatteten Häuslichkeiten, wie er sie oft in Newyork studiert hatte, mit ihrer kindlichen Grazie walten; er dachte sie sich in den reichen, kostbaren Pariser Toiletten, welche die eleganten Amerikanerinnen trugen; alles mußte einfach sein, aber vom feinsten, teuersten Stoff und vom besten Schnitt, und Schmuck mußte sie haben, nicht viel, nur schöne, echte Perlen und große Brillanten wollte er ihr anschaffen. Be­neiden sollte man ihn um sie, sie würde Aufsehen erregen! Er hatte an seinen Vater geschrieben, an einige große Han­delshäuser, für welche er von London und Newyork Empfeh­lungen hatte; er bat, ihm schleunigst eine Stelle zu ver­schaffen, denn er mußte sich sagen, daß er ohne irgendwelche sicher gegründete Aussichten nicht vor den Major von Burg hintreten und um die Hand seiner Tochter bitten könne.

Es trafen ein paar Anerbietungen zu gleicher Zeit ein; seine Empfehlungen waren ausgezeichnet, die Namen der beiden überseeischen Firmen fielen schwer ins Gewicht; aber der Lohn, den man ihm bot, erschien ihm, dem Verwöhnten, gering, und als er sich endlich entschloß, eine Stelle in Berlin anzunehmen, geschah es nur mit dem innerlichen Vorbehalt, nach einigen Jahren wieder übers Meer zu gehen, wo alle Grenzen nicht so eng gezogen waren. Der Posten in Berlin gewährte wenig mehr Gehalt als der in Newyork,

es war

so erbärmlich wenig Geld in diesem Deutschland vorhanden! und er wußte eigentlich gar nicht, wie er mit diesem Ein­kommen bei einer eigenen Häuslichkeit, zu der er noch dazu ganz allein die Mittel bestreiten mußte, reichen sollte. Nun endlich es würde sich schon machen. Vielleicht war auch sein guter Vater inzwischen mehr flott geworden und konnte ihm helfen. Vor allen Dingen galt es erst einmal, Helene zur Braut zu haben. Roland- der war ihm doch im Wege warum reiste er denn nicht ab? Er mußte doch sehen, wie die Sachen standen! Fatal auch, daß seine Frizens neue Stelle gerade in Berlin sein mußte! Dort lebte auch Roland, aber das war ja eine so große Stadt, das würde schon gehen.

Das waren die vernünftigen und praktischen Erwägun­gen, die einzigen, zu denen sich Fritz Norden in dieser glück­seligsten Zeit seines Lebens aufzuschwingen vermochte, und auch das nur darum, weil diese Erwägungen auf das engste, ja völlig untrennbar, mit der Neugestaltung seines Daseins, folglich auch mit Helene von Burg, zusammenhingen. Gerade nur so viel, als es gerade unumgänglich notwendig war, beschäftigte er sich mit seiner Zukunft, im übrigen ging er auf in der Gegenwart.

Er war ein gerngesehener Gast bei dem Vetter seines Freundes; der muntere Hausherr, seine behagliche Gattin, die fröhlichen Kinder, der junge Fähnrich, selbst die gezierte Baronin und ihre verzogenen Sprößlinge, sie alle bevor­zugten Frizz sehr, und in der Tat war er so liebenswürdig, wie nie bisher in seinem Leben. Galt es doch, Helene zu gefallen, ob er mit ihr allein, ob er im Kreise der anderen war, sollte sie doch Vertrauen genug zu ihm fassen, um ihm ihr ganzes Lebensglück anzubertrauen, und daß die

( Nachdruck verboten.))

anderen Gäste der freundlichen Familie, in welcher er sich befand, ihm nichts weiter waren, als Mittel zum Zweck, das würde er sich gern und leicht verziehen haben, wenn er überhaupt darüber nachgedacht hätte.

Zuweilen streiften die guten Augen der Frau vom Hause nachdenklich über Fritz und Helene hin und blieben darauf mit einem fummervollen Ausdruck an Roland von Triberg hängen, der seine Sache immer noch nicht verloren gab und so viel an Helenens Seite war, daß ihr zu einem Alleinsein mit Friz fast gar keine Gelegenheit wurde.

Einmal aber doch! Während des ganzen Tages hatte drückende Schwüle geherrscht; etwa in der fünften Nach­mittagsstunde brach ein starkes Gewitter los. Es wurde in der Veranda finster wie mitten in der Nacht; die ganze Ge­sellschaft lief im Hause herum, die Fenster zu schließen; Blitz auf Blitz zuckte herab, die starken Donnerschläge ließen den Fußboden erdröhnen und die Scheiben klirren. Die Damen saßen mit bleichen Gesichtern da, die jüngeren Herren ver­suchten es noch eine Weile, das Gespräch fortzusetzen, endlich verstummte die Unterhaltung ganz. Eines von den kleinsten Kindern hatte sein Köpfchen ängstlich in Helenens Schoß gebettet, ein anderes lehnte sich gegen ihre Kniee, zwei standen neben ihrem Stuhl und hielten sie um den Hals gefaßt.

Ihr süßes Gesichtchen sah wie eine junge Rose aus. Friß mußte unausgesetzt zu ihr hinübersehen, er wurde aber ungeduldig und eifersüchtig. Diese unbescheidenen Kinder, wie durften sie sie so belästigen? Daß die Eltern das litten, daß Helene selbst es litt! Auch Roland sah finster auf die hübsche Gruppe.

Endlich ließ das Unwetter draußen nach; ferner murrte der Donner, um endlich ganz zu verhallen. Die Wolfen rissen wie Fetzen von einander und ließen köstliches, tiefes Himmels­blau durchschimmern, durch die geöffneten Fenſter ſtrömten ganze Wolken erquickenden Duftes. Man bedauerte all­gemein, jetzt noch nicht ins Freie zu können, die Wege schwimmen aber, es ist unmöglich," hieß es, wir hatten ja einen förmlichen Wolkenbruch!"

Irgend jemand aus der Gesellschaft schlug vor, man solle einstweilen in den Salon gehen und ein wenig Musik machen; Helene wurde aufgefordert, zu singen; sie besaß eine liebliche, wenn auch ungeschulte Stimme. Sie war sehr ge­fällig sonst; heute lehnte sie ab, ihr sei es so schwer in den Gliedern, sie könne nicht gut fingen, man möge es ihr ver­zeihen. Einer von den jungen Herren forderte die Baronin auf; sie erklärte sich bereit und bat Roland, sie zu begleiten; er konnte es nicht gut ablehnen. Die Gesellschaft brach auf. Die beiden letzten, die zögernd mitgingen, waren Friz und Helene. An der Schwelle des Salons blieben sie beide wie auf Verabredung stehen und sahen einander in die Augen. ,, Es muß jetzt herrlich im Garten sein!" sagte Fritz leiſe. ,, Wollen wir hinaus?"

,, Wird es nicht sehr unartig aussehen?" fragte Helene flüsternd zurück.

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