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1. VI

2. VI

die Seele den einzigen Refrain nur dazu hat: kein Ende! So hinleben, so weiterträumen, ewig, ewig!

Wie einzelne Lichtblize taucht es dann auf in dieſem wonnigen Helldunkel: eine Spazierfahrt auf zwei großen Wagen, auf der Hinfahrt eine ungeheure Lustigkeit, Kaffee­fochen im Walde, allgemeines Bekränzen mit Eichenlaub; wie entzückend fah der ernste grüne Kranz auf den Haaren Helenens aus! Auf der Rückfahrt bei dem mangelhaften Licht bunter Lampions, die sehr oft auslöschten, eine senti­mentale Stimmung, verbunden mit Absingung fra..ciger Volkslieder, nun, es war eben eine Waldpartie, wie tausend andere auch. Wirklich? Aber war es denn nichts besonderes, daß sich zwei ganz zufällig von den anderen ge­trennt hatten und tief in den Wald hineingegangen waren? Und daß es dort so schön und heimlich war, rings umher stark duftendes Nadelholz, dazwischen verstreut schlanke, zier­liche Birken, von denen Frizens Begleiterin sagte, das wären die Jungfrauen des Waldes? Er hatte sich so gefreut über das poetische Wort; er mußte fortan stets daran denken, wenn er eine Birke sah. Und dann hatte sie ihm gebeichtet, warum sie ihn so oft und ausführlich nach englischem und amerika­nischem Leben und nach der Stellung, die die Frauen dort einnehmen, ausforschte; sie wollte ihr Examen als Lehrerin machen und wollte dorthin, ja, ganz bestimmt, ob er sie auch noch so erstaunt ansähe. Sie mußte ja! Ein paar Jahre ſei ſie daheim noch notwendig, dann aber verlange die Er­ziehung der drei Brüder immer mehr Mittel, die ihr Vater, ein vermögensloser pensionierter Major, doch nun einmal nicht habe. Da müsse sie helfen verdienen, und sie wolle es auch gern und sei Herrn Norden so dankbar, daß er ge­duldig ihre zahlreichen Fragen beantworte und ihr uner­müdlich Schilderungen von Land und Leuten entwerfe. Er hatte sie nur groß angesehen und gesagt: Sie werden nie­mals nach drüben kommen!" und als sie verwirrt fragte: Aber warum nicht?" hatte er nur gelächelt und sie aber­mals angesehen.

Während der Heimfahrt, als rund um sie her all' die sentimentalen Lieder erklangen und der nächtliche Sommer­wind die bunten Flämmchen immer so rasch auswehte, da hatte seine im Dunkel umhersuchende Hand ein weiches kleines Händchen eingefangen; das bebte zuerst erschrocken, aber dann fügte es sich und lag still in seiner starken Rechten, und um die beiden schwebte das Glück und fächelte mit seinen goldenen Schwingen.

Eine Hausfrau.

8.510

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Stirn

Novellette von B. Rittweger. ( Nachdruck verboten.)

I.

Ein leichter offener Wagen rollte an einem hellen Oktobermorgen die Landstraße entlang. Seine Insassen paßten zu dem Sonnenschein ringsum: die Augen des jungen Paares leuchteten in frohem Glanze, und während der Herr erklärend dahin und dorthin deutete, verrieten die Züge seiner bildhübschen Gefährtin reges Interesse an einer ihr offenbar noch unbekannten Umgebung. Doch alles Erklären und Um­schauen hinderten die zwei Menschen nicht, sich bisweilen nach einem prüfenden Blick auf den Rosselenker, einem alten, verwitterten Gesellen, eng aneinanderzuschmiegen und Auß um Auß zu tauschen. Hervorragende Menschenkenntnis ge­hörte nicht zu der Behauptung: Das junge Paar ist auf der Hochzeitsreise. So war es in der Tat. Oder noch weit schöner. Die Hochzeitsreise lag hinter den beiden Glücklichen und jetzt sind sie auf der Fahrt ins eigene Heim. Noch eine halbe Stunde, Lotte, dann siehst du schon das Forst­haus. Dort, hinter jenem Gehölz, liegt's am Abhang eines Buchenwaldes."

Ein freundliches Haus, nicht allzu groß, aber behaglich, von zwei ſtattlichen Fichten bewacht, die zu beiden Seiten ihre Aeste recken, ein fruchtbarer Garten, der gewiß unter den Händen meiner Lotte reiche Ernten bringen wird, ein Brunnen- Spötterin du! Das fordert Rache, da, da und da.

Nun ja, du Böser, Lieber, so, wörtlich so hast du mir geschrieben in deinem ersten Brief, nachdem du als wohl­bestallter Oberförster deinen Einzug gehalten hattest. Es muß dich doch freuen, wie gut ich das gemerkt habe. Wirk­lich, im Ernst, Hans, du glaubst nicht, wie die Beschreibung mich angemutet hat, wie ich die Stelle immer und immer gelesen habe. Mein Heim, unser Heim! Tausendmal hab' ich das Wort wiederholt, tausendmal. Mein Hans, wie dank' ich dir's! Wie könnt' ich dir's je genug danken, daß du mich, mich unbedeutendes Wesen gewählt hast, die arme Stüße", die ohne Anhalt, ohne Heimat in der Welt stand. Aber ich werde dir's danken, Lieber, so sehr ich kann. Eine tüchtige Hausfrau sollst du an mir bekommen, das verspreche ich dir. Alles, alles will ich tun, unser Heim zu einem Orte #des Behagens, der Ordnung zu machen. Und ich freue mich, daß ich in guter Schule gewesen in. Die Frau Oberamt­mann steht nicht umsonst im Ruf, eine ganz vorzügliche Haus­frau zu sein."

Kein Ende! Kein Erwachen aus diesem Traum! Zuweilen schrak Friz Norden doch daraus empor, das war, wenn er an Roland von Triberg dachte; er wußte es längst, daß dieser sein ganzes Glück ebenfalls auf das schöne, blonde Mädchen setzte, und er wußte auch, daß diese Liebe hoffnungslos war. Uebrigens was wollte Roland denn eigentlich? Ein blutarmer adeliger Sekondeleutnant und ein gleichfalls blutarmes adeliges Fräulein, das ging doch nimmermehr! Er war doch klug genug, sich das zu sagen! Warum tat er denn das nicht, sondern umwarb Helene geradezu, stellte sich mit ihm Frit Norden geflissentlich in die Schranken? Wem Helene den Preis reichen würde, das schien kaum zweifelhaft; nur Roland selbst schien merkwürdigerweise dennoch daran zu zweifeln. Nun, das wäre lächerlich gewesen, hätte Friß ihn nicht seinen Freund genannt und ihn lieb gehabt; er tat ihm leid, aus seinen blauen Augen sprach oft in unbewachten Momenten ein so hoffnungsloser Gram, dann wieder hatte seine Lustig­feit etwas Krampfhaftes, sein Lachen Klang unwahr und er­zwungen. Was sollte Friz tun sich mit ihm aussprechen? Aber Roland vermied das ersichtlich; es würde auch seinen sehr empfindlichen Stolz verlegt haben. Das Opfer feiner Liebe natürlich wollte und konnte Friß seinem Freunde nicht bringen, es wäre auch ganz gewiß nuplos gewesen; denn, gesezt, Helene entschloß sich, ihren Vetter zu erhören, wovon sollten die beiden existieren? Hundertmal besser doch, sie heiratete einen tüchtigen Kaufmann, der für sie und die Ihrigen, die sie so rührend liebte, sorgen konnte. Freilich, mit einem Einkommen, wie das in London oder Newyork gewesen war, würde Frizz Norden das nicht können; das hatte faum für ihn selber zugereicht und ihn nicht einmal vor Schulden bewahrt; er hatte sich an das Leben im großen Stil gewöhnt, und nur ein solches wollte er Helene bereiten. ( Fortsetzung folgt.))

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Na, Kleine, nur langsam! Mir ist sie zu vorzüglich, diese ewig schaffende, nie rastende Frau, die ihre Umgebung gar nicht zu dem Gefühl ruhigen Behagens kommen läßt. Alle Achtung vor ihr! Und dankbar bin ich ihr auch, daß sie mein Lieb so mütterlich behütet hat und daß sie es sich nicht nehmen ließ, uns die Hochzeit auszurichten; aber ein anderes Ideal von meiner künftigen Hausfrau schwebt mir doch vor" ,, D, Hans, wie kannst du so sprechen! Gelänge es mir nur, so zu werden wie Frau Schreiber! Aber ich fürchte, das werd' ich nie erreichen."

Sollst du auch nicht, Lieb! Ein gemütliches Heim sollst du mir bereiten und hübsch ordentlich soll's auch bei uns zugehen; aber ob nun einmal da oder dort ein Stäub­chen liegt, das soll mir gleich sein. Ich verstehe unter Be­hagen etwas anderes, als die Frau Oberamtmann. Eine Gattin, eine Gefährtin will ich, keine bloße Wirtschafterin. Nun, ich weiß, meine Lotte findet schon das Rechte."

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Die junge Frau, deren Antlitz sich unter den Worten des Gatten etwas verdüstert hatte, sah ihn fast ängstlich fragend an und wollte eben ein Wort erwidern, als ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wurde. Straße her, dem Wagen entgegen, tamen zwei männliche Gestalten. Ein Gendarm mit geschulterter Flinte geleitete einen in zerlumpte Kleider gehüllten Menschen, dessen Hände gefesselt waren. O, Hans- sieh dort, wie schrecklich!" Der Oberförster zuckte beim Anblick der beiden leicht zu­sammen. Da der Weg anstieg, fuhr der Wagen langsam. Der Kutscher drehte sich um und sagte, wobei er mit dem Peitschenstiel auf den Gefesselten deutete: Der Lumb ist jezt erst transportabel, wie Sie sehen, Herr Oberförster." In diesem Augenblic begegneten sich Wagen und Fuß­gänger. Lotte bemerkte nun, daß der Verhaftete eine Binde

trug. Mit rauher Stimme schrie dieser, wo­To bei er troß der Fesseln die Fäuste ballte: Schön guten Tag, Herr Oberförster. Na, haben Sie eine junge Frau heim­digeholt? Ich bedank' mich auch schön für das Loch im Kopf. philo Wenn ich erst wieder frei bin, nachher treffen wir uns schon sm wieder und dann mach' ich's wett, so wahr ich Valentin 39 Meffert heiße!" Der Gendarm bemühte sich, den Wütenden 19zum Schweigen zu bringen. Der Kutscher trieb die Pferde

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II.

Drei Jahre sind vergangen. Vom Herbstsonnenschein be­leuchtet, von buntem Laub umgeben, zu dem die beiden immergrünen Fichten einen wundersamen Gegensaß bilden, der Hof belebt von gackerndem Federvieh, vom Plätschern des Brunnens, von geschäftig Menschen, so liegt das Forst­haus da. Die Fenster glänzen vor Sauberkeit; blendend­weiße Gardinen prangen hinter den Scheiben. Auch das schärfste Auge fände keinen Anlaß zum Tadel. Und wie von außen, so von innen. In keinem Raum Unordnung, überall peinlichste Reinlichkeit. Man könnte das ganze Haus für unbewohnt halten, so makellos ist alles. Nur das Zim­mer des Oberförsters macht eine Ausnahme; auch hier herrscht allerdings größte Sauberkeit, aber zugleich eine ge­wisse Unordnung, die jedoch gar nicht unangenehm wirkt, weil sie dem Zimmer etwas Eigenartiges, das Gepräge einer Persönlichkeit gibt. Alle übrigen Räume wirken fast wie Salons oder vielmehr wie gute Stuben". Davon macht selbst die Kinderstube keine Ausnahme. Ein Kinderwagen ſteht hinter der spanischen Wand, dem Auge verborgen; und wenn der Papa mit seiner kleinen Hanna scherzen und tän­deln will, muß er erst einen großen Bogen um das Hinder­nis herum beſchreiben. Aber dafür ſieht es in dieſem Ge­mach auch gar nicht wie in einer Kinderstube aus, sondern ganz fein und ordentlich.

an, und die scheltenden Worte verhallten unter dem Rollen der Räder. Lotte sah ängstlich fragend den Gatten an. sid Du bist erschrocken, Kleine, ich kann mir's denken. Aber 1 es hat nichts zu bedeuten. Der Kerl ist ein berüchtigter Wil­1916 derer. Ein paar Tage, bevor ich zur Hochzeit abreiſte, traf sich ihn im Revier, als er eben im Begriff war, einen Reh­bock auszuweiden. Ich rief ihn an und forderte ihn auf, sein Gewehr abzugeben. Er legte sofort auf mich an, und in der Notwehr galt's, nicht zu zögern. Ich sah's ihm an, so daß es sich um Tod und Leben für mich handelte. Unsere Schüsse knallten zu gleicher Zeit. Der seine ging fehl, meiner traf. Obgleich ich in meinem Recht war, fühlte ich's doch bitter, einen Menschen vielleicht tötlich verwundet zu haben. Zum Glücke stellte es sich bald heraus, daß die Wunde nicht lebensgefährlich war. Ich hatte aber viel Lauferei und Un­ruhe von der Geschichte, und beinahe hätte ich nicht zur Hochzeit reisen können. Ich wollte dich nicht mit der un­erquicklichen Angelegenheit beunruhigen. Nun hast du's Frau Lotte hatte tüchtig zu schaffen; ein ganzes Haus, doch erfahren. Es ist mir leid, Lotte, daß dir diese Begeg­nung nicht erspart geblieben ist. Vor den wüsten Drohungen brauchst du dich nicht zu ängstigen; der wird jezt auf ein ponpaar Jahre unschädlich gemacht."

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Ach, Hans, wie könnt' ich das, mich nicht ängstigen! Wie der Mensch dich ansah, es war furchtbar"-" Ba! Solche Kerle, die führen das große Wort, sind aber im Grunde doch feig wie die Hunde, wenn man ihnen den Meister gezeigt hat. Komm, Lieb, laß uns nicht mehr daran denken. Schau, dort liegt das Forsthaus. Dorthin wende 15den Blick, Liebste. Unser Heim! D, Lotte, wie glücklich bin ich!"

fad Die Wolke vom Antlitz der jungen Frau verschwand. Voll Spannung ruhte ihr Auge auf dem roten Ziegeldach, das am Waldesrand schimmerte. Und dort sind die beiden Fichten, ich seh' ſie genau, o Hans, wie herrlich! Ja, laß uns glücklich sein im Schuß dieses Hauses, du liebster, beſter

aller Männer."

Am Abend der Oberförster hatte noch einen not­wendigen Gang ins Revier machen müssen, stand Frau Lotte in der Haustür. Tiefe Stille Herrschte ringsum. Da kam die Erinnerung an die Worte, die Hans während der Fahrt heute zu ihr gesprochen hatte über die Hausfrauentugend der Frau Oberamtmann, ihrer früheren Prinzipalin. Son derbar, daß er an dieser etwas auszusetzen fand. Konnte es denn wirklich zu vorzügliche Hausfrauen geben? Nein, darin irrte Hans, ganz sicher, und sie wollte nach wie vor Frau Schreiber als ihr Vorbild betrachten und ihr nacheifern. Dann würde Hans gut versorgt sein und es nicht zu bereuen brauchen, daß er ein Mädchen ohne alle Mitgift heimgeführt hatte. Der Hausstand würde gedeihen, und das sollte ihre Freude, ihre Genugtuung sein. So beruhigte sich Frau Botte, und dann wanderten ihre Gedanken noch einmal rück­wärts zu dem Wilderer, an der sie nicht wieder gedacht hatte in den Stunden, die vergangen waren seit dem glückseligen Augenblick, da Hans sie über seine Schwelle führte. Ein unheimlicher Gesell, dieser Wilderer! Daß er ihnen auch gerade heute begegnen mußte! So gab's denn doch einen Schatten an diesem herrlichen Tage. Einen nur? War denn nicht Hansens Urteil über Frau Schreiber, die Verschieden heit ihre Ansichten über diesen Punkt auch ein solcher ge­wesen? Gab's fein wolkenloses Glück? Auch dann nicht, wenn man auf der Höhe desselben angekommen zu sein meint? Ach was! Der Wilderer sitt nunmehr hinter Schloß und Riegel, und das andere, bah, was versteht Hans davon, von Hausfrauentugend! Die junge Frau will ihm ja alles zuliebe tun, dem Mann, dem sie so viel Glück verdankt, aber darin muß er sie ihre eigenen Wege gehen lassen und the

etwas Landwirtschaft, das kleine Kind ist zu versorgen, und nur ein Dienstmädchen dazu. Ihr Mann wollte ihr ja gern ein zweites halten, aber sie hat das Anerbieten entrüstet ab­gelehnt. Ist's doch ihr ganzer Stolz, eine vorzügliche Haus­frau zu sein. Das muß ihrem Mann genügen, das ist doch das höchste Lob, das einer Frau erteilt werden kann. So oft versichert sie das ihrem Hans, das er beinahe selbst daran glaubt und kaum noch einen Versuch macht, seine abweichende Ansicht zur Geltung zu bringen, nach der ein gebildeter Mann noch etwas mehr in seiner Frau sucht, als eine Haus­hälterin. Freilich über diesen Punkt können sich die zwei Menschen nicht einigen, die einander so innig lieben und doch bi nicht glücklich sind, weil Frau Lotte eine gar zu gute Haus­frau ist und keine Zeit hat, ihrem Gatten mehr zu sein.

Wie schön hat der Oberförster es sich gedacht, des Mor­gens, ehe er ins Revier geht oder die Bureauarbeit beginnt, mit seiner jungen Frau beim Kaffee ein halbes Stündchen gemütlich zu verplaudern und sich durch ein solches Zusam= st mensein zu des Tages Arbeit zu stärken. Er hat aber bald eingesehen, daß er es nicht zu erzwingen vermag. Lotte hat nie Zeit und Ruhe dazu. Wagte er einen sanften Vor­wurf, so hieß es: Aber Hans, wie du nur sprichst. Wie könnte ich mir die Zeit nehmen, morgens müßig zu ſizen, zu plaudern ohne Zweck. Nein, Morgenstunde hat Gold im Munde, das mußt du doch einsehen." Nun, er sah es zwar nicht ein, aber er gewöhnte sich allmählich daran, beim Kaffee die Zeitung zu lesen oder gar im Bureau bei den Akten Er­ſatz zu suchen für die Gesellschaft seiner Frau. Wie morgens, so ging's den ganzen Tag über. Die Hausfrauenpflichten über alles! Das war Frau Lottes Wahlspruch, nach dem sie handelte, wobei als leuchtendes Vorbild Frau Oberamt­mann Schreiber stets vor ihren Augen stand.

Lotte kannte keine Ruhe und kein Behagen. Den ganzen Tag schaffte sie und war tief gekränkt, als sie wahrnahm, daß Hans ihr diese emsige Tätigkeit nicht einmal dankte. Der Oberförster wurde es müde, den Kampf fortzusehen; er gab sich darein, allein zu frühstücken, mittags mit dem leßten Bissen seine Frau verschwinden zu sehen und abends, beim Vorlesen, alle paar Minuten unterbrochen zu werden, weil Lotte immer noch etwas einfiel, was gerade jetzt besorgt werden mußte. Schon seit langer Zeit hatte er das Vorlesen aufgegben, auf das er sich vorher so herzlich gefreut hatte; schweigsam saß er allein mit seinem Buch in der Sofaecke. Auch verlernte er es nach und nach, sein junges Weib zu einem Waldspaziergang aufzufordern, denn er kannte die Antwort im voraus: Heute hab' ich keine Zeit, ein ander­mal." Spazierengehen schien Frau Lotte das Unnötigste, was es nur geben kann. Allenfalls zu einem Besuch in der Nachbarschaft war sie zu überreden, denn sie meinte, das ge­höre zu ihrer Stellung, und es hätte also einen Sinn, des­1911 halb einmal eine Arbeit zu verschieben. Aber spazieren Lotte!" Hans!" Endlich!"- Der letzte Ausgehen? Die Frau Oberamtmann war auch nie spazieren

ruf tönt aus beider Mund und alle Erwägungen, die eben gegangen. noch Kopf und Herz der Hausfrau" durchzogen haben, schwinden vor dem Glück des Augenblicks.

( Schluß folgt.)

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