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Gefangen! Verloren! Die entsetzlichsten Gedanken strömten auf ihn ein. Mit einem schrillen Pfiff fuhr jetzt der Zug in den Tunnel, in die Finsternis ein. Ein panischer Schrecken hatte sich seiner bemächtigt, und kaum noch wissend, was er tat, versuchte er leise die Tür des Wagens zu öffnen. Sie war aber von außen verschlossen. Seine Bewegungen mußten jedoch wohl gehört worden sein, denn am anderen Ende des Wagens ließ sich ein Geräusch vernehmen. Der verhängnisvolle Augenblick war gekommen, der Mörder näherte sich seinem Opfer! In seiner furchtbaren Todesangst stürzte Leubingen zu Boden und kroch unter den Sitz des Wagens.
Wie lange er hier niedergekauert saß, mit starren Gliedmaßen und kaum imstande, zu atmen, wußte Leubingen felber nicht, denn wer in Todesangst schwebt, verliert jedes Maß für die Zeit. Ein außergewöhnlich starker Luftzug, der plötzlich in den Wagen hereinströmte, ließ sein Herz still stehen, um es dann rascher schlagen zu machen. Die entgegengesette Tür des Wagens stand offen. Etwas war geschehen. Was aber?
So sehr er sein Gehör auch anstrengte, er konnte nichts vernehmen als das Rasseln und Donnern des Zuges, der noch immer durch den Tunnel fuhr; mitten im Wagen blieb alles still.
Endlich erreichte auch der Tunnel sein Ende und das helle Sonnenlicht erfüllte den Wagen mit seinem goldigen Schein. Mit größter Vorsicht guckte Herr Leubingen unter seinem Size hervor. Er war jetzt ganz allein. Der unheimliche Herr mit dem schwarzen Vollbart war verschwunden.
Auf der Station, die am Ausgange des Tunnels gelegen ist, stieg Leubingen, fast ehe noch der Zug zum Halten gekommen war, aus und nahm für den Rest der Reise in einem gut besetzten Abteil zweiter Klasse Play. Wenige Stunden später ging der kostbare Brillant aus seiner Obhut in die des Bruders von Herrn Gehren in Luzern über und Herr Leubingen war seiner Verantwortung enthoben.
Bei seiner Rückkehr nach Berlin machte Herrn Leubingens Abenteuer in seinem Bekanntenkreise fein geringes Aufsehen. Er war der Held des Tages und nicht oft genug konnte er seine Erlebnisse erzählen. Sein Freund Bürgelheim gab ihm zu Ehren ein großes Diner. Mit seiner gewohnten Pünktlichkeit war Leubingen der erste Gast, der erschien.
Uebrigens," sagte Bürgelheim zu ihm, nachdem er ihn recht herzlich begrüßt hatte,„ übrigens sind Sie es nicht allein, der solche Lorbeeren geerntet hat. Sie kennen doch Herrn Lehmann, der die Villa neben Ihnen bewohnt?"
„ Nein, den Menschen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, was ist denn mit ihm los?"
,, er hat ein ähnliches Abenteuer erlebt. Es war auch in der Schweiz und auch in einem Tunnel, ich weiß freilich nicht, ob es der von Olten war."
Was Sie sagen! Das ist doch aber ein merkwürdiges Zusammentreffen."
In seinem Falle war es aber ein Verrückter und kein Räuber. Stellen Sie sich mal seine schreckliche Lage vor. In einem Eisenbahnwagen allein mit einem Verrückten eingesperrt zu sein, der noch dazu mit einem Revolver bewaffnet ist! Ein langer Tunnel, eine erlöschte Lampe, der Verrückte ist im Begriff, in der Finsternis des Tunnels sein Opfer anzufallen, das gerade noch im letzten Augenblick gerettet wird. Lehmann hatte noch so viel Geistesgegenwart, die Tür zu öffnen und sich den Anschein zu geben, als ob er ausstiege, während er sich in Wirklichkeit unter seinem Siz versteckte. Diese List rettete sein Leben. Er glaubt, daß er in der stickigen Luft ohnmächtig geworden sein muß, denn er kann sich nur noch erinnern, daß, als er zu Bewußtsein kam, der Zug bereits Olten verlassen hatte und er allein im Wagen war. Von dem Verrückten war keine Spur mehr zu entdecken."
Gerade in diesem Augenblick trat der Diener ein und meldete:„ Herr Lehmann."
Bürgelheim ging seinem neuen Gaste entgegen und führte ihn Herrn Leubingen mit den Worten zu:
Die Herren kennen einander wohl schon?" Und das war auch der Fall. Das Erkennen war ein gegenseitiges. Mit offenem Munde starrte Leubingen voller Verwunderung den Herrn mit dem schwarzen Vollbart an, während Lehmann unter dem durchdringenden Blick des ,, Verrückten" erst unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
Var Hausdoctor
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Dorsicht beim Tanzen. Das fehlte noch so höre ich meine Leserinnen ents rüstet ausrufen, wenn sie die obigen Worte lesen, jetzt macht sich der alte Griesgram von Hausdoktor noch daran, uns die beste aller Vergnügungen, das Tanzen, mit allerlei hygienischen Vorsichtsmaßregeln zu verkümmern! Ja, meine Verehrtesten, und wenn Sie noch so zornig werden sollten, die Pflicht
gebietet es mir, und die Schuld daran, daß ich dies Thema an schneiden muß, trägt einzig und allein die Damenwelt selbst. Denn nicht das Tanzen an und für sich ist es, gegen das ich eifere, sondern nur das Uebermaß, das keine Schranken kennt oder alle Vorsicht außer acht läßt, so daß oft schwere Erkrankungen vorkommen. Mäßiges, vorsicht ges Tanzen schadet nie, nur die leider so häufig vorkommenden Uebertreibu: gen sind vom Uebel. Alle Nachteile, die der Tanz im Ge'olge hat, verschuldet die Mode, die Nacht hindurch bis zum Morgen zu tanzen, und zwar die Hälfte des Balles mit gefülltem Magen, ferner die tolle Schnelligkeit der Tänze, das starke Schnüren, die unzweckmäßige Kleidung, die leichtsinnige Erkältung durch Getränke und kalte Luft.
Wer vom Tanzen Vorteile für die Gesundheit ziehen will, beherzige folgende Regeln: 1. Wie jede gesunde Bewegung sich Iangsam steigern soll, so sei dies auch beim Tanzen. Man stürze sich daher nicht gleich in de Wirbel eines Galopps, sondern tanze sich langsam erst ein. Sobald eine Dame Schwindel, Uebelkeit oder Brustbeklemmung fühlt, höre sie zu tanzen auf und promeniere so lange, bis ihr wieder wohl ist. 2. Man tanze nie mit vollem Magen, deshalb nicht mehr nach dem Souper und bis in die tiefe Nacht hinein. Leider wird nach der Pause auf den meisten Bällen erst recht getanzt. 3. Man schüße sich vor Erkältung- und dies ist der wichtigste Punkt-, indem man das Tanzen nicht übertreibt, weder an Heftigkeit noch an Dauer, sich keiner Zugluft aussett, nicht erhitzt, nicht kalt trinkt oder sich gleich niedersetzt, und der= gleichen mehr. Das beste Getränk beim Tanzen, um den Durst zu stillen und die ermatteten Nerven zu beleben, ist Mandelmilch oder Limonade; Punsch und Tee erhitzen stark und vermehren nur die Nervenabspannung. Niemals soll man Gefrorenes genießen oder eisgekühlte Limonade. 4. Am verderblichsten für unsere Mädchen ist der auf den meisten Bällen herrschende Brauch, mit jedem vorgestellten Herrn zu tanzen, falls er die Dame dazu auffordert. Die Mütter schärfen oft den Mädchen auf das strengste ein, ja keinen Korb zu geben, denn das verletze die Herren, und bald werde das Mädchen ganz verlaffen als Mauerblümchen an der Wand sitzen Von einem Arm in den anderen zu fliegen, kaum zu Atem zu kommen und jede Tour doppelt oder dreifach besetzt zu haben, ist aber leider das Ideal vieler Tänzerinnen. Diese Sitte sollte abkommen. Eine Dame, die zu ermüdet ist, oder sich nicht ganz wohl fühlt, muß das Recht haben, ihrem Tänzer den Tanz zu versagen. Kommt es doch nur auf die Form an, in der sie es tut. Eine Promenade als Ersatz wird jeder gern akzeptieren, denn unsere junge Herrenwelt ist ohnehin, wie man weiß, auf das Tanzen nicht sehr erpicht. Zum Schluß noch einige Worte über die hygienischen Einrichtungen des Ballsaales. In vielen Ballsälen wird nicht ge= heizt, teils aus Sparsamkeit, teils in der Meinung, es würde dann zu heiß werden. Geheizt muß ein Ballsaal immer sein, denn gerade zu Beginn des Balles erkälten sich die leichtgekleideten Damen am schnellsten. Ein idealer Ballsaal darf aber nie unerträglich heiß werden, mögen auch noch so viele Menschen darin sein. Dafür muß eben eine zweckmäßige, ständige Ventilation sorgen. Endlich darf ein Saal nicht allzu überfüllt sein.
Herztlicher Ratgeber.
Die Zahnung. Bei der Mehrzahl der Kinder kommen die ersten Zähne im 6. und 7. Monat zum Vorschein; aber es ist noch kein Zeichen von Krankheit, wenn sie erst im 10. Monat durchbrechen. Man findet mitunter, daß sehr gut genährte ge sunde Kinder erst im neunten oder zehnten Monat den ersten Zahn bekommen, während er bei schwächlichen Kindern oft schon im fünften Monat erscheint. Nur wenn sich bis zum Ende des ersten Lebensjahres noch kein Zahn einstellen will, ist man bes rechtigt anzunehmen, daß eine Erkrankung den Zahndurchbruch verhindert.
Nr. 32.
Mittwoch, den 10. Februar
1904.
" Oberhessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
det
Gießener Neueste Nachrichten.
Sond ni Berlag ber Siebener Verlag bruderet, vorm. Wilh. Keller'sche Budbruderet( gegs. 1788); var: ibi RIIE
( 29. Fortsetzung.)
Der Beuge.
Roman von Marie Bernhard.
Der furchtbaren Szene folgten dann lange, bange Träume. Zuweilen war es Hilda, als liege sie im Bett, ein trübes Nachtlämpchen brannte, und auf ihrem Kopf lag etwas, kalt und schwer, das immer von neuem dahin gelegt wurde, se oft sie es auch zornig von sich schleuderte... auch war es ihr, als beuge sich manchmal Walter über sie, zuweilen ihre Tante, oder eine Frau mit einer großen weißen Haube, aber immer verwandelten sich diese Gesichter rasch in das eine bekannte, entsetzliche des Mannes, der den anderen hinabgestürzt hatte; ſie ſah ihn, wie er sich langsam und taumelnd von seinen Knien erhob und auf sie zukam, und der tödliche Schreck raubte ihr die Besinnung.
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man war Endlich, an einem hellen Herbstmorgen schon im Oktober war Hilda bei flarem Bewußtsein erwacht; Schreck und Grauen erfüllte sie bei dem Gedanken an das, was sie erlebt hatte, aber sie vermochte doch ihre Erinnerungen zu ordnen, sie wußte, es war vorbei, und ihre erste Empfindung war, die ganze Begebenheit Walter ihm ganz allein, denn Onkel und Tante anzuvertrauen, standen ihr viel zu fern, um so wichtige Dinge mit ihnen zu besprechen.
Als daher ihr Bruder allein an ihrem Bett saß und in seiner etwas unbeholfenen, wortfargen Weise seine Freude ausdrückte, das Schwesterchen nun über dem Berg zu missen", richtete das bleiche Kind sich mühsam auf, nahm Walters Hand, sah ihm feierlich ernst in die Augen und begann, ihm ihr schreckliches Erlebnis mitzuteilen... aber er unterbrach ſie ſchon beim ersten Wort.
„ Komm mir nur um Gottes willen nicht wieder mit deiner Geschichte von der Schlucht, die kenne ich nun schon aus- und inwendig! Das sind lauter Fiebergeschichten, dummes Zeug und nichts weiter! Du bist gestürzt, armes Ding, und nun bildest du dir weiß Gott was für Dinge ein: es hätte dich einer in den Abgrund gestoßen; ich möchte wissen, wer in aller Welt davon etwas haben sollte! Oder er hätte einen andern in die Tiefe geschleudert, und wie der Unsinn sonst noch war! Ich vermute, du bist kurz zuvor über einen von Tante Friedas Romanen geraten, und nun spukt das in deinem kleinen, dummen, überspannten Kopf alles durcheinander! Du sollst gar nicht davon sprechen, gar nicht mehr daran denken, verstanden? Sei ein gutes Kind, Hildchen, denk an deine Puppen und Bilderbücher und mach' dich nicht wieder kränker! Morgen spielen wir ein paar Partien Domino zusammen!"
Hilda ließ sich nicht so leicht ablenken, sie suchte Walter auf alle Weise zu überzeugen, sie habe weder geträumt, noch phantasiert, noch einen überspannten Roman gelesen, es sei alles Wirklichkeit gewesen. es half ihr alles nichts! Meistens hörte er sie gar nicht an, und tat er es doch einmal, so trug sein Gesicht so deutlich den Mangel des offenbarsten Unglaubens, der Duldsamkeit, die aus Mitleid mit einem franken Kinde ihm den Willen tut und seine abenteuerlichen Geschichten anhört, daß Hilda mitten in ihrer Erzählung entmutigt schwieg und entrüstet rief:" Du glaubst mir wirklich nicht?" Die Art, wie Walter ihr dann beschwichtigend die Wange klopfte und gutmütig sagte:„ Ja,
( Nachdruck verboten.))
ja, Kleine, erzähl' du nur weiter!" belehrte sie deutlich über seine Auffassung, und sie wandte sich trotzig ab. Es kam so weit, daß ihr Bruder erklärte, beim ersten Wort von der Schlucht verlasse er das Zimmer und komme den ganzen Tag nicht wieder herein, und da er im übrigen ein freundlicher, geduldiger Pfleger war, zahllose Partien Domino mit ihr spielte, ja, ihr sogar die Puppen ans Bett brachte und mit ihr in ihren Feenmärchen las, so mochte sie ihn nicht entbehren und schwieg endlich wirklich von ihrem Erlebnis. Später hörte sie, der Arzt habe es aufs strengste verboten, mit ihr über die Ursache des unglücklichen Sturzes zu sprechen, es wäre ein Wunder, daß sie sich nicht dabei die Hirnschale zerschmettert habe, aber eine leichte Gehirnerschütterung sei da und äußerste Ruhe und Vorsicht bei einem so nervös aufgeregten Kinde unumgänglich notwendig. Als Hilda ein erwachsener, denkender Mensch war, lernte sie das alles einsehen, aber dem neunjährigen kleinen Mädchen gebrach das Verständnis dafür, und es verschloß sein finsteres Geheimnis nun mit einer Art von Trotz in seiner Brust. Kaum war übrigens Hilda einigermaßen hergestellt, als man schleunigst das bayerische Hochgebirge verließ; von einem Unfall, der irgend jemand dort betroffen hatte, kam ihr nichts zu Gehör, dann trat das Leben, die Schule mit ihren Leiden und Freuden wieder an sie heran, die Tante hatte es sich ohnehin verbeten, an jene„ unangenehme Beit" erinnert zu werden, Walter, der sehr ehrgeizig war, ging in seinen Studien immer mehr auf, Hildas Verhältnis zu ihm blieb ein gutes, aber kein vertrauliches, und so hatte sie sich allgemach daran gewöhnt, den schauerlichen Vorfall als ihr alleiniges Geheimnis zu betrachten, von welchem sie noch zuweilen, selbst als erwachsenes Mädchen, schreckhaft träumte!
Wer konnte sagen, um welcher Ursache willen Fritz Norden damals den Word begangen hatte? Handelte es sich um Geld und Gut? War der, mit dem ihn Hilda im Wortwechsel angetroffen hatte, sein Freund, sein Bekannter, oder war er ihm fremd? Sie erinnerte sich an kein Wort des zornig und rasch geführten Gespräches, es ſträubte sich alles in ihr gegen die Annahme, der reiche, geachtete Kaufherr könne ein gemeiner Raubmörder gewesen sein... es konnte ihr niemand darüber Aufschluß geben, aber gleichviel! Die Tatsache war da: Ihres Gatten Vater, den er nächst ihr am meisten auf der Welt liebte, hatte einen Mord auf der Seele, dessen Zeuge sie gewesen war!
Unten fährt ein Wagen vor, der Portier läßt die Tür aufspringen, o, nur kein Besuch jetzt! Sie fürchtet das Alleinsein mit Hellmut und sehnt es doch ungeſtüm herbei, sie liebt ihn ja mehr als ihr Leben! Wenn jenes eine nicht wäre, fein glückseligeres Weib könnte es auf der weiten Erde geben als sie!
Sie ist emporgesprungen und lauscht hinaus. Jetzt wird die Flurglocke klingen, dann ist er's nicht, sondern irgend ein gleichgiltiger, fremder Mensch! Wie lange sie ihren Mann nicht gesehen hat! Seit morgens neun Uhr ist er schon fort von ihr!


