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wortete, drehte sie ihm zornrot den Rücken. Das frium. eine Frachtvolle dunkelrote Orange und eine andere
phierende Aufblizen seiner schwarzen Augen sah sie nicht.
Doktor Belling freilich fand nun Gelegenheit, durch die eingehende Betrachtung zierlicher Belzstiefelchen und zierlicher Knöchel sein ungeschultes Auge zu bilden; ihr jedoch war dieses fleine Vergnügen halb verdorben.
Während dieses aufregenden Zwischenspiels war der große Gepäckschlitten angelangt. Im Handumdrehen war im Rund ein kleiner Wald von Tannenbäumen auf dem Eise aufgestellt, über und über mit goldroten Orangen behangen, welche aus dem dunklen Grün mit wundervoller Leuchtkraft hervor strahlten. Mitten hinein ward ein Tisch getragen und hurtig mit Tassen, Gläsern, Kannen und mehreren ernstlich dampfenden Maschinen besetzt, in welchen neben dem Kaffee für verwegene Charaktere bereits Punsch in verschiedenen Mischungen eingebraut wurde, um jedem Geschmack und jeder Begabung zu genügen.
Während die beschlittschuhten Gäste hier vergnüglich ihre Stimmung regulierten, ward vor Alma ein Kästchen niedergesezt, das ganz mit neapolitanischen roten Fischermüßen und Schärpen gefüllt war, erstere an ihrem Zipfel mit einer klingenden Schelle versehen. Diese Abzeichen verteilte sie an die herzudrängenden Festgenossen, und bald tummelte sich auf dem Eise eine sonderbare Schar rotmüßiger Lazzaroni, mit lustigem Klingeln die festliche Darretei verkündend, Herren und Damen in der gleichen einfachen Weise ausstaffiert. Wiederum trat Alma heiter vor die schwankende und gleitende Versammlung und sprach:
„ Meine Herrschaften! Erstens ergeht hiermit ein allgemeines strenges Verbot, am heutigen Tag irgend etwas Ernsthaftes und Vernünftiges zu reden, zu tun oder zu denken. Wer gegen dieses Gebot fündigt, wird öffentlich für einen Philister erklärt. Und zweitens, damit von vornherein alle ernsthaften Gemütserregungen, Neid, Eifersucht, Strebertum, falsche Hoffnungen und dergleichen gänzlich ausgeschlossen seien, soll jezt die notwendige Zusammenfügung der Paare der Entscheidung eines gütigen Bufalls anheimgestellt werden. Ich schlage dazu das folgende, eigens von mir erfundene Bocciaspiel vor. Jeder pflückt sich eine Apfelsine von diesen Bäumen und rißt die Anfangsbuchstaben seines Namens oder sonst ein sicheres Zeichen in die Schale. Hier diese Zitrone lege ich als Lecco aus, jeder wirft seine Kugel darnach; derjenige Herr, dessen Zeichen die dem Lecco am nächsten gekommene Apfelsine aufweist, bildet die Spitze des Festzugs mit der Dame, deren Kugel der Zufall ihm in die engste Nachbarschaft geführt hat, und die folgenden reihen sich nach den gleichen Gesezen daran. Wie gefällt Ihnen meine neue Cotillontour?"
Allgemeiner Jubel belohnte ihren Einfall, und man öffnete ihr eifrig die Bahn, ihren Lecco auszusehen. Wie sie so dastand, die mächtige Zitrone in der Hand wiegend wie eine junge Spartanerin den Diskos, den linken Schlittschuh fest ins Eis stampfend, den rechten Fuß feck vorgesetzt, das Auge feurig die Bahn bemessend, die Lippen im Eifer zusammengepreßt, das dunkle Haar phantastisch mit der phrygischen Müze geschmückt, sah sie so fremdartig schön aus, daß ein Flüstern der Bewunderung durch die Reihen ging und selbst einige ältere Herren die Versuchung fühlten, es noch einmal mit dem Eislauf zu wagen, wenn es an ihrer Seite geschehen fönnte.
Jegt flog die gelbe Kugel erst in langen niederen Sprüngen, dann blitzschnell rollend über die graue Fläche, bis sie endlich in ansehnlicher Entfernung mitten auf dem Eise zur Ruhe fam.
Jetzt werfen wir alle gleichzeitig," rief sie, in die Hände flatſchend,„ damit um Gottes willen keine Durchstecherei geschieht! Nur der lustige Zufall soll heute König sein!" Im selben Augenblick aber raunte sie lachenden Auges dem Mathematiker, an dessen Seite sie sich zu stellen gesorgt hatte, zu:
sch werfe ganz abseits vom Lecco nach dem schwarzen Pfahl dort am Ufer, ich habe eine ganz dunkle Blutapfelsine, die Sie leicht von allen anderen unterscheiden können. Werfen Sie später als ich und zielen Sie sorgfältig!"
Ein süßer Schreck durchzitterte ihn. Jetzt ist's entschieden," dachte er, die Stunde des Glückes ist da!"
Nun follerte ein tolles Durcheinander von goldigen Kugeln über die blanke Bahn, sich mengend und überholend, abprallend und sich schiebend, bis sie sich in weiten Abständen um das gelbe Ziel gelagert hatten.
Nur Herbert von Bodungen hatte absichtlich seinen Wurf berspätet. Mit einem übermütigen Blick sagte er zu Alma: Sehen Sie anädines Fräulein. aanz seitwärts dort lieat
nicht wei
davon; die erste gefällt mir merkwürdig, ich will doch sehen ob ich den Nachbar nicht übertreffen kann, man rühmt dod sonst meine Kunst zu zielen."
Alma wurde rot und wagte nicht gegen die Vertragsber legung zu protestieren. Er warf, aber so ungeschickt, daß seir Ball nach einer ganz anderen Richtung flog.
Der Fehlwurf war wieder unzweifelhafte Absicht. Almo merkte es und mußte sich schon wieder ärgern. Ein abscheu licher Mensch! Geradezu ungezogen! Mit keinem Blick wollte sie ihn heute mehr ansehen! Merkwürdigerweise sah sie freilich doch, wie er jetzt sehr ungetrübt lächelte, sich den Schnurrbart strich und mit ungebeugter Kraft über das Eis seine eleganten Kreise zog.
Nunmehr ward durch zwei wohlbeleumdete ältere Herren eine strenge Kontrolle über die ausgeworfenen Glücksfugeln geübt und durch Vorlesen der eingerigten Buchstaben die Paare gefügt und der Zug geordnet, wie sich gerade Männlein und Fräulein zusammenfanden. Doktor Belling und Alma bilde. ten ordnungsgemäß das letzte Paar.
So setzte sich der fröhliche Hause stromaufwärts in Be wegung; ihm voran ein beweglicher Wald lustig schwankender Tannenbäume, von gemieteten Fischern getragen. Auf dem beschneiten Uferweg fuhren die Schlitten, die lange Kette der rüstigen Paare mit schmetternder Musik in gleichem Zeitmaß begleitend.
Gotthold und Alma liefen mit verschränkten Armen in glücklichem Schweigen neben einander, beide in selig banger Erwartung des Kommenden. Von Zeit zu Zeit warfen sie einander scheue Blicke zu. Alma fand, ihren Begleiter kleide die blutrote Müze prachtvoll, sein Gesicht bekam durch dieselbe einen Zug wilder Größe. Masaniello!
Langsam, ganz allmählich blieben sie ein wenig zurück und erweiterten unbewußt wollend den Abstand vom nächsten Paare. Schon hätten sie ziemlich laut mit einander reden können, ohne von einem Unberufenen verstanden zu werden. Aber sie schwiegen noch immer.
Gotthold rang mit ernsten Gedanken. Jetzt war der Augenblick gekommen, da er der Erwählten seines Herzens das Geständnis von der Sonderheit seines Wesens machen mußte, da er sie einweihen mußte in sein Schicksal und den Irrtum aufklären, in welchem sie wie alle anderen befangen war. Allein dies Geständnis ward ihm unendlich schwer. Warum war es ihm einst vor Helene so leicht geworden? Er schwieg noch immer. Er zitterte davor, die Ruhe des süßen, gleitenden Glücks an ihrer Seite zu unterbrechen.
Und doch, er mußte sprechen, ehe er an das letzte Ziel seines Glückes rührte. Er mußte! Sie hielt ihn für einen anderen Menschen, als er seinem inneren Wesen nach war, ob für einen besseren oder schlechteren, gleichviel, jedenfalls für einen anderen. Es war gewissenlos, ihr Herz zu überrumpeln. Sie hatte das Recht, ihn ganz zu kennen, ehe sie ihm ihr Herz ganz ergab. Und warum nicht? Warum zauderte er? Konnte dadurch ihr Herz, ihre Liebe zu ihm gewandelt werden? Unmöglich! Die Liebe fließt aus tiefen Quellen und ist durch eine Erkenntnis des Verstandes nicht zu verstören.
Und dennoch zauderte er und schwieg. Ein seltsames Bangen umfing ihn mit schwerer Dumpfheit.
Der kurze Wintertag ging schon zu Ende, die Sonne war gesunken, und die Farben über der breiten Landschaft begannen zu verblassen. Die beiden waren schon weit genug zurückgeblieben, um das tiefe Schweigen der winterlichen Dämmerung um sie her zu empfinden. Unwillkürlich drängten sie sich ein wenig näher an einander. Alma war ganz selig; sie dachte an nichts als an den kommenden Augenblick des letzten Glücks, der ihr sicher war. Gerade sein Schweigen war ja beredt genug.
Sie waren jetzt an einer Stelle gekommen, wo der Fluß eine scharfe Biegung machte und sich eine schmale Landzunge, mit Gestrüpp bewachsen, weit vorspringend zwischen sie und die bunte Schar der Festgenossen schob; mit einem heimlichen Aufjauchzen sagten sich beide heimlich: Jetzt sind wir allein, ganz allein in der Welt! Von niemand gesehen, von niemand gehört!"
Vom gleichen dunklen Gefühl bestimmt hielten beide die Schritte an und glitten mit unbewegten Füßen langsamer vorwärts. Dies sanfte Hingleiten war unsäglich schön; sie sanken mit einander leise dem sicheren Glück entgegen. Alma schloß die Augen wie berauscht und lehnte den Kopf ein wenig zurück, die Lippen öffneten sich leise und atmeten tief.
( Fortseßung folgt.)]
Kein drückender Gefühl ist, als zu wissen, Daß, wo du gehst, dich niemand wird vermissen, Drum danke Gott, daß du ein Herz gefunden, Das weinen wird, wenn du ihm wirst entrissen. Wo es drei Heller tun, da wende vier nicht an, Und nicht zwei Worte, wo's mit einem ist getan.
Wer da glaubt, er könne seine Mitmenschen entbehren, der täuscht sich sehr: aber wer da glaubt, seine Mitmenschen könnten ihn nicht entbehren, der täuscht sich noch schwerer.
Ein Roman am Fenster.
Von J. H. Rosny.
( Nachdruck verboten.)
Kam ich des Nachts heim, so sah ich sehr oft, daß ein Fenster des gegenüberliegenden Hauses, das durch einen fleinen Garten von dem meinen getrennt war, erleuchtet war. Manchmal stand das Fenster sogar offen, und der Schatten einer biegsamen Gestalt, die einem Mädchen oder einer jungen Frau angehören mußte, huschte vorüber.
Das Licht wurde regelmäßig um 2 Uhr angezündet und um 3 Uhr wieder ausgelöscht. Anfangs glaubte ich, daß die junge Dame erst um diese Stunde ihr Lager aufsuchte, und ich hielt sie für eine Nachtschwärmerin. Bald bemerkte ich aber, daß sie sich schon vor Mitternacht zur Ruhe begab, sich aber um 2 Uhr wieder erhob und sich schon nach einer Stunde niederlegte. Das war eine seltsame Gewohnheit, deren Reiz ich aber nachempfinden konnte. Man genießt um so lebhafter das wunderbar Mystische der Nacht, wenn der Schlummer auf furze Zeit unterbrochen wird. Die Stille ist um so köstlicher, die düsteren Schatten der Bäume sind um so geheimnisvoller.
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In einer Aprilnacht war es, als die Unbekannte träumerisch zum Halbmond emporschaute. Ehrerbietig grüßte ich sie, indem ich den Hut zog, und sie dankte mit einer Verbeugung. Mein Herz erzitterte. Was für ein liebliches Gesichtchen schien da unter den verhüllenden Spigen eines Kopftuches verborgen zu sein! Diese weiche, schlanke Gestalt! Von nun an grüßte ich jede Nacht, und jede Nacht machte mir die holde Unbekannte jene liebenswürdige Verbeugung, die an die langsamen, feierlichen, rhythmischen Verbeugungen im alten Menuett erinnerten.
Mein Herz war damals frei. Meine nächtliche Freundin zog darin ein. Mit jedem Abend wurde sie mir teurer. Ueber den blühenden Jasmin, über die Espenzweige und die kleinen, roten Büsche hinweg verständigten wir uns durch Zeichen. Ein alter Onkel hatte mich einst in die Elemente einer Zeichen sprache eingeweiht. Welch ein Wunder, welch ein glücklicher Zufall! Meine Angebetete kannte sie auch und beherrschte fie weit besser als ich. Sie forderte von mir die ſtrengste Verschwiegenheit und das Versprechen, nicht zu ergründen und zu erforschen, wer sie sei, bis zu dem Augenblick, da sie selbst das Geheimnis lüften wollte. Ich beschwor mit meinen heiligsten Eiden, ihre Wünsche zu achten. Immer freundschaftlicher gestalteten sich unsere Beziehungen. Nur ganz allmählich begann sie meine heiße Liebe zu erwidern; anfangs war sie schüchtern, dann wurde sie lebhafter, bis sie mir in einer Septembernacht ihr volles Herz gab auf fünfundsiebzig Schritt Entfernung! Der Herbst verging, dann der Winter, und noch immer spann sich unser Idyll in der gleichen Weise fort. Vergebens bat und flehte ich um eine Zusammenkunft. Umsonst! Immer wieder und wieder versteckte sie sich hinter einem Gelübde, von dem sie sich erst später befreien dürfte. Der Frühling kam, und ich befand mich in einem Zustande der Raserei. Ich magerte ab, ich wurde bleich, nichts interessierte mich mehr. Ich dachte nichts mehr und erwartete beständig sehnsüchtigst die Nachtstunde, in welcher der Schatten jener biegsamen Gestalt mit dem von Spitzen eingerahmten Gesichtchen mir erschien. Und eine schmerzliche
Stunde war es, eine Stunde verzweifelter, bergeblicher Bitten, eine Stunde der entsetzlichsten, quälenden Leidenschaft! Eine Nacht brach an, in der ich das Licht nicht mehr sah; eine zweite folgte. Von Schreck ergriffen, verharrte ich zwei Tage an meinem Fenster. Ich konnte weder schlafen noch essen. Dunkle Ahnungen beschlichen mich. Am Morgen des dritten Tages empfing ich einen Brief, welcher die Aufforderung enthielt, mich zu einem mir unbekannten Rechtsanwalt zu begeben. Da mir mein Instinkt eingab, daß ich dort unbedingt etwas über meine Freundin erfahren würde, eilte ich fofort zu ihm. Ohne Einleitung erklärte er mir, daß ich der Universal- Erbe des in der vorlegten Nacht verstorbenen Fräuleins V. wäre. Sie besaß keine Familie und hatte mir ihr ganzes Vermögen vermacht.
Wie mir der Rechtsanwalt erklärte, war es in guten Papieren und Hypotheken sicher angelegt und belief sich ungefähr auf die Summe von achtzigtausend Mark. Das Testament war, wie mir der Mann des Gesezes mitteilte, juridisch unanfechtbar.
Lächelnd betrachtete er mich und sprach mir seinen Glückwunsch aus.
Hier ist auch noch ein Briefchen, mein Herr, das ich beauftragt bin, Ihnen zu überreichen," sagte er.
Hastig ergriff ich den Brief.„ Ich werde ein anderes Mal kommen, Herr Rechtsanwalt, um noch verschiedene Einzelheiten mit Ihnen zu besprechen," stammelte ich und eilte davon.
Ich konnte kaum auf meinen Füßen stehen. Mein Herz war gebrochen. Ich trat in das nächste Café und schlüpfte in einen Winkel, um das hinterlassene Schreiben meiner Freundin zu lesen.
Der Brief war kurz und lautete:
,, Verzeihen Sie einem armen, alten Mädchen, das Ihnen das einzige wahre Glück seines Lebens verdankte. Häßlich und stolz war ich und habe nie einen Mann meines Kreises der sogenannten guten Gesellschaft- lieben können. Die Heuchelei der Männer, ihre Roheit, ihr ganzes Auftreten stieß mich ab. So war ich 65 Jahre alt geworden; mein Herz war von Zärtlichkeit erfüllt, und nicht ein einziges Mal hatte ich die himmlische Freude gekostet, so an einen Menschen denken zu dürfen, wie die Gläubigen an ihren Gott. Sie haben mir dieses unfaßbare Glück gegeben. Durch Sie allein habe ich erst gelebt.
Fast ein Jahr lang schwelgte meine Seele in Entzücken. Jetzt bin ich glücklich. Nun habe ich gelebt, und der Tod mag kommen; denn in meiner Sterbestunde erhebt mich die Hoffnung, daß Sie Ihrer armen Freundin vom Fenster" ein mitleidvolles Erinnern bewahren."
Ich weiß nicht, wie andere die Sache aufgefaßt hätten, aber ich saß wohl eine halbe Stunde tief erschüttert in der Ecke des Cafés. Und seltsam! Die Erinnerung an meine romantische Liebe büßt nichts von ihrer Frische ein. Sie erfüllt mich oft mit ihrem ganzen Zauber. Sobald ich mich ans Fenster sebe, erfaßt mich eine fanfte, zärtliche Stimmung, und ich sehe dann die biegsame Silhouette vor mir. Der Zauber der Phantasie zieht mich in seinen Bannkreis, jener unbeschreibliche Zauber, für den es kein Alter gibt.
Das Glück.
Was ist das Glück?- Ein holder Knabe, Der dir entgegen lenkt den Schritt, Wenn jung dein Fuß am leichten Stabe, Des Lebens Wanderpfad betritt.
Was ist das Glück? Ein holder Knabe, Der deinen Augen längst entschwand, Wenn du noch einmal vor dem Grabe Den müden Blick zurückgewandt.
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