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9.1.1904 Zweites Blatt
 
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Auf dieselbe Note gestimmt waren die Unterhaltungen der Onfels und Tanten. Nur die Brautmutter war genötigt, ihre Gefühle für sich zu behalten; dafür lag sie wach im Bett in schweren Sorgen.

Am nächsten Tage umgab eine glänzende Corona von Gästen, die sich amüsieren wollten, das junge Paar, das vor dem Altar stand, um den Bund für das Leben zu schließen. Und alle richteten ihre Blicke auf die beiden, kritisierten die Toilette der Braut, ihr Benehmen und jede ihrer Mienen.

Die äußersten der im Halbkreise aufgestellten Stühle waren die begehrtesten: boten sie doch die Möglichkeit, Hildas Profil wenigstens unter dem Myrtenkranz, vom Schleier halb versteckt, schimmern zu sehen.

Selbst Karl, für den die Feier nicht viel mehr als eine Formalität bedeutete, ergriff die Weihe der Stunde, als die Töne der Orgel über ihn hinbrausten. Und Hilda- sie war der Welt entrückt, allein mit dem Geliebten und ihrem Gott. Es war doch etwas so Ueberwältigendes, was hier geschah! Ihr bisheriges Leben endete heute, ein neues be­gann, ein unbekanntes. Was barg es in seinem dunklen Mantel? Eine große Angst überfiel sie. Ihre Hand suchte bebend die, der sie sich anvertraut, und dann flehte sie zu Gott, daß er ihr helfen möge, ihren Schwur zu erfüllen und Karl immer glücklich zu machen.

Wie im Traum schritt Hilda am Arm ihres Gatten aus der Kirche zwischen all den Menschen hindurch, die sie an­starrten, als ob sie ein Wundertier sei. Was gingen alle die fremden Leute sie an? Aber als sie dann nach Hause kam, da mußte sie schon erwachen aus ihrer Benommenheit. Es brach die Flut der Glückwünsche über sie herein. Man er­trug das ja als wohlerzogener Mensch, aber schwer war es, selbst Karl war ganz erschöpft davon. Dann saßen sie in mitten der langen prächtig geschmückten Tafel und erholten sich. Aber Zeit für vertrauliches Gespräch hatten sie nicht. Die Toaste begannen in nimmer endender Zahl und Länge. Hatten die Bergmanns gesprochen, so erhob sich sogleich ein Herrlich, um zu antworten. Und als erst der Wein die Gemüter erhitzt hatte, da regnete es Tattlosigkeiten, und hinter lächelnden Mienen lauerte Entrüstung. Hildas junger Bruder sprach von der Nachtigall, die von einem Spatz entführt wurde, worauf Paul Herrlich sich erhob, um zu ver­fünden, daß ein Spaß, der Biot verdiene, manche Vorzüge vor einer Nachtigall habe, die nur mäßig singe. Onkel Auguſt redete vom Klapperstorch und freute sich selbst am meisten über den geistreichen Wit, der Hilda erröten machte, die Mama und Tanten versteinerte und sämtliche Herrlichs zum Kichern brachte. Der Schwiegervater, der neben Hilda saß und bereits einen kleinen Spitz hatte, sette des Onkels Ge­schäft fort. Er flüsterte der jungen Frau fortwährend An­züglichkeiten zu, dann wurde er gerührt und sagte wieder und wieder ,, versluchte Geschichte". Sobald es anging, stahl Karl sich davon, sein junges Weib am Arm. Nur Mutter und Schwester folgten Hilda, um ihr beim Umkleiden zu helfen. Aber die Gäste hatten das Verschwinden des Paares doch be­merkt und kamen alle an, bemüht, Mutter und Kind die letzten Augenblicke zu stören.

Die Geheimrätin war sehr bewegt, was die Herrlichs übel nahmen. Als sie in die Festräume zurückkehrte, fand sie die Familien geschlossen sich gegenüber stehen. Die Feind­seligkeiten schienen eröffnet! Da verstand sie sich in ihrer Not zu einem argen Verstoß gegen die gute Sitte. Sie bat, sich zurückziehen zu dürfen, da sie heftige Migräne hätte. Das war das Zeichen zum Aufbruch. Eiligst empfahl sich alles.

In ihrem Hotel aßen die Herrlichs dann noch Abendbrot. Sie hatten einen mächtigen Appetit. Der alte Herr schlief bald den Schlaf des Gerechten, die anderen aber empfanden es als eine Wohltat, ihre Gefühle aussprechen zu können, und ergossen sich in Grimm und Spott über Karls neue Familie.

Im Hause des Bergmannschen Oberhauptes hatten sich zur selben Stunde die Mitglieder seiner Sippe eingefunden, um bei einem Schlummerpunsch die Ereignisse zu besprechen Es ward viel gelacht an dem Abend. Kurt und Fritz gaben förmliche Vorstellungen, in denen die unschuldigen Tanten die größte Rolle spielten. Der Gerechte mußte mit dem Ungerechten leiden.

Später erzählten aber alle Teilnehmer von der fröhlichen Sohzeit, auf der sie sich prächtig amüsiert hatten.

WILD­WALD

Deutsche Wildkaken.

Nr. 7

UND

WAIDWERK

Die echte Wildkate soll nach in Jägerkreisen weitverbreiteter Ansicht in Deutschland völlig ausgestorben sein, und die zuweilen im Revier erlegten Kaßen werden kurzerhand als Wildlinge ange= sprochen. Diese Ansicht ist oft hinfällig, denn die echte Wildkaze tommt in Deutschland strichweise noch recht häufig vor. So wurde bor kurzem aus dem Hartwalde gemeldet, daß es dem kaiserlichen Hegemeister M. und dem Jagdhüter St. gelang, zwei starke Wild­fazen an zwei nacheinander folgenden Tagen zu erlegen. Die eine de vom erstgenannten Schüßen erlegte Kaze war ein selten großes Tier, sie wog 17 Pfund und hatte eine Körperlänge von 85, mit Einschluß der Rute eine solche von 115 Zentimeter, nebst einem Brustumfang von 45 Zentimeter. Es war ein Prachttier! In der Jägerwelt ist es wohl allgemein bekannt, daß die Wildkaße ein der Jagd sehr schädliches Raubtier ist. Sie ist viel schlimmer als ihr roter Kumpan- Reinicke. Während der Fuchs hauptsächlich in der Zeit auf Raub ausgeht, in der er seine Jungen aufziehen muß, und dann der Niederjagd allerdings sehr schadet, ist die Wildkaze fort­während unersättlich im Rauben und hat dabei den Vorteil, daß sie ihre Raubzüge durch Klettern noch auf Bäume ausdehnen kann, wenn ihr die Jagd auf der Erde nicht genügt. Außerdem kann sie auch noch in anderer Beziehung gefährlich sein. Wenn sie z. B. beim Verfolgen in die Enge getrieben wird und etwa eine Höhle nicht mehr erreichen kann und ihre Zuflucht dann auf einem Baume hofft ihren Verfolger annimmt, besonders, wenn sie angeschossen nehmen muß, ist es vorgekommen, daß sie von diesem aus under­ist. Gewöhnlich ist diesen Tieren schwer beizukommen, ohne einen scharfen Hund höchst selten. Sie wissen sich in allen möglichen Schlupfwinkeln zu verbergen. Dazu gehören vor allem Fuchs- und lich gehen sie auch auf große Bäume mit starken Aesten. Im Hart­Dachsbaue und jede andere ihnen gut dünkende Höhle, und schließ­walde sind es alte Eichen mit recht dicken Aesten, auf denen sie sich lang drücken und dadurch, wie besonders noch durch ihre graue Farbe, die der alten Eichenrinde sehr ähnlich ist, fast unsichtbar machen können. Daß die Fasanenjagd in dem Revier, wo die Kazen geschossen wurden, nicht gut ausgefallen war, trotzdem ziem lich viel junge Fasanen ausgebrütet wurden, kann unter anderem auch mit zum großen Teil auf das Konto.c beiden Räuber ge= setzt werden.

Fischfang in der Luft. Durch Kurland strömt der Windau­Fluß und bildet bei der Stadt Goldingen einen Wasserfall, Rummel genannt, in einer Breite von 150 und, je nach dem Wasserstand, einer Höhe von 1-3,5 Metern. Dieser Punkt ist der Platz für eine merkwürdige Art von Fischfang. Für die Fische, die einen Fluß abwärts wandern, ist ein Wasserfall selbstverständlich ein Hindernis, das sie in gewöhnlicher Fortbewegungsart garnicht zu überwinden bermögen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre Kunst im Springen zu versuchen. Daß manche Fische in lustigem Spiel vollkommen aus dem Wasser in die Luft schnellen können, wird jeder aufmerksame Beobachter schon gesehen haben. Am bekanntesten ist das Springen der Forellen, die solche Säße durch die Luft zu machen vermögen, daß sie auch ein geschlossenes Wehr überspringen können. Im Windau Fluß zeigen aber auch andere Fische, von denen man es kaum erwarten sollte, der Not gehorchend, eine ähn= liche Fähigkeit. Von den aufwärts strebenden Wanderfischen be­quemen sich nicht nur der Lachs, der Vetter der Forelle, und die Blaunase, eine Verwandte des Brassen, zu einem Luftsprung, sondern sogar der Hecht und der für die Düna eigentümliche Karpfen der Gattung Jdus versuchen einen Salto mortale, der unter dem tückischen Einfluß des Menschen oft genug in Wirklichkeit zu einem solchen wird. Ueber dem Wasserfall werden nämlich auf der ganzen Breite des Stroms Fangkörbe mit Stangen befestigt, in die der springende Fisch hineinfällt, wenn er nicht das große Glück hat, gerade zwischen zwei solche Fallen zu geraten. Daß letzteres ver­hältnismäßig selten vorkommt, zeigen die bedeutenden Fang­ergebnisse, die allerdings in den letzten Jahrzehnten geringer ge­worden sind, aber auch nur deshalb, weil die Lachse im Windau­Fluß ebenso wie in den übrigen Zuflüssen der Ostsee bedeutend seltener geworden sind. Zuweilen finden sich Eremplare von 25 bis 30 Pfund in den Fangkörben, obgleich es großen Lachsen auch gelingt, sich durch einen abermaligen Sprung wieder zu befreien.

Samstag, den 9. Januar

1904

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

ber

Gießener Neueste Nachrichten.

nd mit Berlag ber Gießener Berlagsbruderet, vorm. Wilh. Reller'sche Budruderet( gegs. 1788); verantwor:#Ibin Rieta

( 4. Fortsetzung.)

Der Beuge.

Roman von Marie Bernhard.

In der offenen, geräumigen Vorhalle saßen viele Men schen bei einander: der joviale Hausherr, sein kleines Pfeif chen im Munde, eine Strähne Baumwolle über beiden steif ausgestreckten Armen, vor ihm seine behäbig freundliche Gattin, die bedächtig besagte Baumwolle abwickelte, dicht an sie geschmiegt Georg, einer der Kadetten, genannt das Muttersöhnchen", daneben die Baronin Zernit, eine etwas verblühte und gezierte Dame, die mit zierlicher Handbewe gung die damals so beliebten Frivolitäten" fertigte; auf einem niedrigen gestickten Stuhl der junge Erwin v. Teß­dorf, Zögling der Ritterakademie zu Brandenburg, ein hüb­scher, schwächlich aussehender Jüngling, der das Buch, aus dem er soeben etwas vorgelesen zu haben schien, zusammen­klappte und sinken ließ, eine alte Tante mit großer Leinen schürze und bläulicher Brille, die einem bleichen kleinen Mäd­chen eine Strickarbeit beibrachte, dies waren die In­sassen der Vorhalle, und ihnen wurde Frizz Norden durch Roland v. Triberg jetzt vorgestellt.

Er war alsbald wie zu Hause, denn er hatte Leute aus aller Herren Länder gesehen, mit ihnen verkehrt und mußte sofort, hier sei es am Platz, die sogenannte deutsche Gemütlichkeit", nach der man in Amerika wenig fragte, herauszukehren. Das tat er denn mit großem Geschick, und es war keine Verstellung dabei, denn wirklich, ihm gefielen diese Menschen, die sich fast ohne Ausnahme so einfach und herzlich gaben und es ihm treuherzig zeigten, wie großes Wohlgefallen sie ihrerseits an dem auffallend hübschen jun­gen Mann mit den verbindlichen Manieren und den klugen Augen fanden.

Roland wurde wie ein sehr häufiger Gast, wie ein Kind des Hauses bewillkommnet; man erzählte ihm gleich allerlei kleine Geschichten, er mußte die neuen Vorhänge an den Bogenfenstern der Halle bewundern, er mußte erfahren, daß die schöne, braungefleckte Minerva" in seiner Abwesenheit drei Junge bekommen habe, samt und sonders der Mutter ähnlich, also ein Kapitalschlag von Hühnerhund; er wurde nach allen Details seiner letzten Berliner Erlebnisse aus gefragt, seine Verwandten zeigten sich sehr orientiert darüber, was sie teils Rolands Mutter, teils Roland selbst verdank­ten, der ein gewissenhafter Korrespondent war. Rede und Gegenrede, Scherz und Neckerei, alles ging zwanglos durch einander; dazwischen tauchte für die Reisenden"- sie waren kaum zwei Stunden unterwegs gewesen ein sehr verlockender ländlicher Imbiß auf, den sie freudig zu wür­digen wußten; von Zeit zu Zeit hieß es hier und dort. Wo steckt denn Helene wieder? Ist denn Helene heute ganz ver­schwunden?", bis die Hausfrau mit ihrer gutmütig beschwich­tigenden Stimme sagte: Aber, so laßt sie doch! Sie ist mit den anderen Kindern im Garten, und, Roland, du tätest klug, da ihr ohnehin nichts mehr essen wollt, mit deinem Freund auch dahin zu gehen, damit er unsern lieben alten Garten noch sieht, ehe die Sonne ganz hinunter ist. Sie müssen wissen, lieber Herr Norden, wir sind alle sehr stolz auf unsern Garten, obschon er von Teppichbeeten und ge­schorenen Rasenpläßen recht wenig aufweisen kann. Aber

( Nachdruck verboten.);

er hat etwas besseres: wunderschöne alte Bäume, die wir um feinen Preis gegen all den modernen Zierat eintauschen möchten!"

Fritz sprang bereitwillig auf und Roland noch bereit­williger; seine großen, schwärmerischen Augen begannen zu leuchten, und er sah sehr schön aus.

Die Freunde gingen rasch voraus; bei den anderen, die noch dies und jenes zu holen und fortzuräumen hatten, ge­schah der Aufbruch langsamer.

Es war in der Tat ein schöner alter Garten, den die beiden jetzt durchschritten. Die Baum- und Buschpartien konnten sich sehen lassen, und wenn Frizz Norden auch keine englischen Anlagen und kostspieligen Fontainen und Grotten hier fand, so sah er dafür reizend versteckte Lauben, düster­majestätische Tannenboskets und geheimnisvolle Laubgänge, die ihr Blütengewirr oben so undurchdringlich in einander verschränkten, daß kaum ein Stückchen Bauen Himmels hin­durchzublinzeln vermochte.

Schräge, langgestreckte, Sonnenstrahlen lagen auf dem mit hundert lustigen bunten Blümchen durchstickten Rasen, der Schatten der beiden Spaziergänger vergrößerte sich ins Unendliche. Einmal blieb Roland horchend stehen, was konnte er gehört haben? Frizz sah sich ein wenig ungedul­dig nach ihm um; wie er ihn immer noch zaudernd dastehen sah, entschloß er sich kurz und ging allein weiter.

Hier gab es Blumenbeete, auf denen allerlei altmodische Blumen ſtanden, flammende Päonien, hochaufgeschossene Lilien, weiße Narzissen, die schwermutsvoll die zarten Ge­sichtchen gesenkt hielten, dazwischen die Rose Maiden- Blush in großer Pracht und Fülle; überall drängte sie ihre rosig überschimmerten Kelche hervor. Jezt eine Jasminhecke, süß duftend, gänzlich überschneit mit den weißen Sternen, von zahllosen Bienen umschwärmt, die den letzten Sonnen­strahl nützten zu emfiger Tätigkeit; endlich eine lange halb­dunkle Buchenallee, aus der es hervorklang, wie das Girren von Tauben. Da wieder! Was war es nur? Ungestüm schritt Frik Norden weiter, hastig bog er um die Ecke...

Da fam es herangeflattert, weiß und goldig, von tan­zenden Sonnenlichtern gefüßt; lachend, atemlos, in vollem Lauf, unmöglich mehr zu hemmen, stürmte ein reizendes junges Mädchen ihm, der knapp und eilig in die Allee ein­bog, entgegen und lief ihm geradewegs in die Arme.

Er konnte ja nicht anders, als sie an sich ziehen, sie hätten sonst beide leicht straucheln und zu Fall kommen können. Hinter ihr her waren vier oder fünf Kinder gestürmt, um sie zu haschen; die schrieen und lachten nun alle laut auf und riefen durcheinander und jagten weiter, während Fritz Norden auf den weißen Schmetterling heruntersah, der sich an seiner Brust verflattert hatte, und auf das wogende Goldhaar, das dicht an seinem Herzen lag.

Ein Augenblick war's nur, ein unvergeßlicher!

Wie dann der arme, erschrockene Schmetterling empor­taumelte und ein süßes, verwirrtes Kindergesicht sehen ließ, mit einem halb offenen Mündchen und einem Baar herrlicher goldbrauner Augen, wie die blonden Lockenhaare zurück­

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