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führenden Stadtteile von Tophane und Beschiktasch wandert,
wird man reichlich belohnt.
Wohl in feiner anderen Stadt der Welt sind so verschiedenartige Gestalten in malerischer Tracht zu finden, wie um diese Zeit in Konstantinopel. Aus allen mohamedanischen Ländern kamen die Leute hierher, um vor dem Hadsch, der Wallfahrt nach Mekka, den Khalifen von Angesicht zu Angesicht zu erschauen. Mohamedanische Chinesen und Inder, Kirgisen, Turkmenen, Afhganen, Zirkassier, Kurden, Araber und wie die Völker alle heißen, kommen wie auf einen Ruf in jedem Jahre zusammen und richten ihren Aufenthalt stets so ein, daß sie dem Freitagsgebet des Sultans oben in der Moschee des Sternenfiost beiwohnen können. Sogar die schiitischen Perser, die von den Sunniten als rechtgläubige Muselmanen nicht anerkannt werden, pflegen auf ihrer Pilgerfahrt in beträchtlicher Anzahl hier Halt zu machen. Die ärmeren der Pilger erhalten aus der kaiserlichen Privatschatulle oder aus Mitteln des Ministeriums der frommen Stiftungen während ihres hiesigen Aufenthaltes freie Wohnung, Beföstigung und nicht selten neben einem Zehrpfennig noch die ganze oder halbe Fahrt geschenkt bis zu einem Hafen der syrischen Küste, von wo dann die dreiwöchentliche Fußwanderung beginnt. In den verschiedenen Moscheen versammeln sie sich jeden Abend vor Sonnenuntergang und lauschen mit gespanntester Aufmerksamkeit den Vorträgen und Belehrungen, die zumeist dem engen Zusammenschluß der muselmanischen Völker gelten, aber auch nicht selten herbe Kritiken Andersgläubiger enthalten. Jeder Stamm hört die Vorträge in seiner Muttersprache. Wenn auch das Arabische und Türkische überwiegt, so hat doch die äußerst rührige panislamitische Propaganda in den letzten Jahren dafür gesorgt, daß chinesische, indische und andere Sprachlehrer an den hiesigen Medressen angestellt worden sind. Ihre Sorge für die Pilger geht so weit, daß immer zehn bis zwölf derselben ein sprachkundiger Führer während ihres Aufenthalts zugewiesen wird, der sie vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nicht aus den Augen läßt.
Von besonderer Wichtigkeit aber sind während des Ramazans die in Gegenwart des Sultans stattfindenden religiösen Konferenzen. Die Abhaltung derselben wird stets in der türkischen Presse wie durch ein offizielles Communiqué angekündigt. Es ist bisher kaum bekannt geworden, was längeren eingehenden Nachforschungen ist es gelungen, die für eine Bewandtnis es mit diesen Konferenzen hat. Nach nachfolgenden als sicher anzusehenden Daten zu erfahren. Vor fast einem Jahrhundert unter Sultan Mahmud II., dieser außerordentlichen Erscheinung auf dem Throne der Ds= manen, welcher die Janitscharen bändigte, die Wechabiten zerstreute und die Wallfahrt nach Mekka wieder herstellte, wurde beschlossen, eine genaue Revision der Auslegung des Korans vorzunehmen. Die Auslegung sollte im Beisein des Sultans alljährlich durch sechs hohe Ulemas im Monat Ramazan erfolgen und zwar waren für diesen Zweck immer acht Sitzungen bestimmt. Jeder Sultan wurde angehalten, das Werk dort wieder aufzunehmen, wo es sein Vorgänger stehen ließ. Bisher haben die Sultane getreulich das Vermächtnis ihres großen Vorgängers erfüllt. Ein Drittel des Korans ist in dem abgelaufenen Jahrhundert einer neuen Interpretation unterzogen worden und noch zweier Jahrhunderte wird es zur Vollendung des schwierigen Werkes bedürfen. Der jebige Sultan iſt eifrig bemüht, das Werk im Geiste Mahmuds II. fortzuführen. Sobald der Ramazan beginnt, werden sechs Ulemas, Ders Mukarriri genannt, ausgewählt, von denen nicht selten der eine oder andere selbst aus Bagdad oder Arabien hierher kommen muß. Unter der Leitung derselben finden die Interpretationen statt. Jede der acht Sigungen dauert zwei bis drei Stunden. Außer dem Sultan, der bei keiner Konferenz fehlt, werden nur noch Mitglieder der kaiserlichen Familie, der Scheik ul Islam und ein oder zwei angesehene Paschas zugezogen. Eine solche Einladung wird einer der höchsten Ehrenbezeugungen gleich erachtet. Nur die Ulemas nehmen aber an den Disputationen teil. Die Konferenz wird knieend abgehalten, auch der Sultan unterzieht sich dieser Vorschrift. Man vereinigt sich in dem an Jildis stoßenden, von prachtvollen Gartenanlagen umgebenen Pavillon Tschit, der sonst den Botschafterempfängen dient. In ihm befindet sich ein bescheiden aussehendes Betgimmer, das nur einen Schmuck enthält: alte orans von nermeßlichem Werte. Daneben befindet sich eine Biblio. thef, deren Studium der heiße, aber bisher immer unerfüllt gebliebene Wunsch mancher europäischer Gelehrten war.
WITZ HUMOR
UND
Wie mancher ärgert sich blau und grün Oft über die Dinge, die absichtslosen- Und könnte so fein sich selbst erzieh'n, Wollt' er lieber sich über sich selbst erbosen! Bekommt er' nen Schwips, dann schilt er den Wein, Vergaß er den Schirm, dann schilt er den Regen, Vergaß er die Zeit, dann geht's ihm nicht ein, Daß die Sonne nicht stehen blieb seinetivegen!
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Moderner Backfisch. Backfisch:„ Vetter Arthur hat mich eine Gans genannt!- Nun, wir werden ja sehen, ob er das Doktorexamen früher machen wird oder ich!"
Er wundert sich nicht. Meister( ärgerlich zum Lehrling, der fortwährend burchtbar huſtet):„ Wenn de freilich eegal's Fenster aufreißt, da derfste dich nich wundern, daß de d'n Husten kriegst!" - Lehrling( unschuldig): ,, Meester, ich wund're mich ja ooch nich."
Je nachdem. Theaterdiener( im Gespräch mit dem Diener eines be= rühmten Dramatikers):„ Und wie weit ist Ihr Herr mit seinem neuen Stück, Friedrich?"
Friedrich: Zwei Akte sind fertig." Theaterdiener:„ So! Was wird es denn?" Friedrich:„ Das kommt noch darauf an! Bleibt die gnädige Frau zu Hause, dann wird's wohl ein Schauspiel, reist sie bald ins Bad, dann wird's ein Lustspiel; kommt aber, was Gott verhüten möge, die Schwiegermutter auf Besuch, dann wird es sicher ein Trauerspiel!"
Zweideutige Antwort. Wie hat Ihnen das Klavierkonzert ge= fallen?"-" Ich gestehe Ihnen offen: als ich aus dem Saale ging, wußte ich, was ein Genuß iſt.“
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Doppelsinnig. So, die Marta hat ihre Verlobung gelöst?" " Ja, sie hat sich eines anderen besonnen!"
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Kindermund. Onkel( der zum Besuch ist, zum kleinen Karl): „ Liebes Kind, wenn ich heimfahre, habe ich nicht weniger als drei Tage zu reisen!"- Der kleine Karl:„ Aber Papa ſagte doch, du bist nicht weit her!"
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Der bedauernswerte Raucher.
„ Gottlob! jetzt schläft doch unser Jüngster nicht mehr in der Wohnstube; da kann man doch wieder mit gutem Gewissen hier rauchen."„ Du Armer! Und bisher mußtest du aus Rücksicht auf das Kind das Rauchen in der Wohnstube unterlassen?"- " Das nun nicht! Aber ich rauchte stets mit fabelhaft ſchlechtem Gewissen."
Einbildung. Fräulein:„ Aber, Herr Leutnant, mir im Schlafe einen Kuß zu stehlen!"- Leutnant:„ Ach, entschuldigen Sie, gnädigstes Fräulein, ich mußte annehmen, gnädiges Fräulein träumten so wie so von mir!"
Pech. Spitzbube( zum Kollegen):„ Also du wurdest bei dem Einbruch von dem Wirt überrascht; war's denn schon so spät?" Nein, aber wie ich die Kasse ausräumte, fielen mir zufällig die Ansichtskarten in die Hände... und da habe ich natürlich die ganze Nacht geschrieben!"
Zeitgemäße Verteidigung. Rechtsanwalt: Was für ein gutes, menschenfreundliches Herz der Angeklagte hat, geht doch zur Evidenz daraus hervor, daß er nie geradelt, geschweige denn ein Automobil bestiegen hat."
Nr. 54.
Dienstag, den 8. März.
Oberbessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
der
Gießener Neueste Nachrichten.
Sund und Berlag ber Gießenes Berlagsbrudersi, vorm. With. Reller'sche Bugbrudeset( gegs. 1789); seventeen: SI5In Riela
( 17. Fortsetzung.)
Der Goldmarder.
Original Roman von M. Bezold.
" Ich finde nichts Tadelnswertes in diesem Mitleid," erwiderte der Baron mit einem unwilligen Seitenblick auf seinen Begleiter, mag der Mann nun schuldig sein oder nicht, ſeine Familie ist mit Recht zu beklagen."
Bin ich es nicht auch, Herr Baron? Durchlaucht wird mich verantwortlich machen für den Schaden, ich darf nicht einmal wagen, mich gegen ungerechte Vorwürfe zu verteidigen, wenn ich mich nicht der Gefahr aussehen will, entlassen zu werden. Ich bin nun gezwungen, dem Fürsten das rätselhafte Verschwinden der Münzen zu melden, und was dies beſagen will, weiß Jeder, der das aufbrausende Temperament Seiner Durchlaucht kennt. Wenn Sie mich begleiten wollen
Bedaure, Herr Direktor, ich sehe dort meinen Neffen kommen, der mich im Museum abholen wollte. Sie werden nun den schweren Gang allein machen müssen, ich habe keine Lust, dem Zornausbruch beizuwohnen, der auch durch meine Anwesenheit schwerlich gemäßigt würde."
Der Adjutant stand jezt vor den beiden Herren; nachdem Spangenberg sich empfohlen hatte, fragte er seinen Onkel ganz erstaunt:„ Was hast du denn plötzlich? Auch der Direktor sah ganz konsterniert aus-
„ Er hat auch alle Ursache dazu," unterbrach ihn der Baron grollend ,,, die wertvollen Goldmünzen ſind ſamt und ſonders gestohlen!"
Unmöglich!" rief Alfred bestürzt.
" Das wird Jeder sagen, wenn er diese Neuigkeit hört, aber es ist leider Wahrheit. Eine große Summe hat der Fürst durch diese unbegreifliche Lodderei verloren. Denke dir nur, jeit zwei Jahren ist das Münzkabinett gar nicht mehr geöffnet worden, niemand hat sich um die wertvolle Sammlung gekümmert, und heute finden wir alle Schubladen leer.“ ,, Und der Dieb? Kennt man ihn schon?"
„ Der Kustos ist verhaftet, sein Sohn oder sein Bruder soll der Dieb und er der Helfershelfer sein, und diese saubere Familie hat Jahre lang ungestört im Museum gehaust! Es werden noch andere Dinge fehlen, man soll nur gründlich nachsehen. Wer die Münzen stehlen konnte, der hat auch noch mehr gestohlen, die Untersuchung wird's bestätigen!"
Spangenberg wird jedenfalls seine Entlassung erhalten, weil er den Kustos nicht besser überwacht hat
,, Das glaube ich nicht, Onkel!" unterbrach Alfred ihn. " Der Direktor wird sich herauszureden wissen, er war immer ein Günstling des Fürsten, er fällt auch jetzt nicht. Aber wir, die unmittelbare Umgebung des Fürsten, werden unter seiner schlechten Laune zu leiden haben."
,, Nimm doch deinen Abschied!"
„ Es wird sofort geschehen, wenn du meine Wahl billigst. Du wirst jetzt nicht in der Laune sein
,, Ei was, ich lasse mir die Laune so rasch nicht verderben! Es ist wahr, ich war anfangs wütend über diese elende Spitz büberei, aber mein Born ist bereits verraucht, es bleibt bei dem, was wir verabredet haben! Wie willst du mich einführen? Soll ich irgend etwas kaufen
,, Vielleicht ein antikes silbernes Taufbecken?"
( Nachdruck verboten.),
Getrieben? Aus welchem Jahrhundert? Wer hat es?" " Der Hofjuwelier zeigte mir vor einiger Zeit ein derartiges Geschirr, ich erinnerte mich heute Morgen daran. Es sei ein uraltes Taufbecken aus einer sehr vornehmen Familie," sagte er, ich glaube, er wollte es dem Museum anbieten. Wir wollen darnach fragen, vielleicht hat er auch noch andere Antiquitäten in seinem Besitz."
Und du glaubst, daß wir bei dieser Gelegenheit seine Schwester sehen werden?"
,, Sie kommt fast immer in den Laden, wenn ich dort bin." ,, Schön!" sagte der Baron, möglicherweise interessiert das Taufbecken mich mehr, als die Dame."
Dann will ich wünschen, daß er es nicht mehr besitzt." Sei ohne Sorge, mir genügt ein Blick, um mir ein Urteil zu bilden. Und sollte die junge Dame sich nicht zeigen, so werden wir durch unsere Neuigkeit sie herauslocken, Neugier ist ja das Erbteil aller Evastöchter!"
Alfred nickte schweigend, sie bogen jetzt in die Straße ein, in der Martin Kassel wohnte.
Neuntes Kapitel.
Adolph Spangenberg verließ das Museum in sehr gedrückter Stimmung. Die Klagen der kranken Frau und die Tränen Gabrieles hatten ihn erschüttert; er glaubte ihnen gerne, daß der alte Mann schuldlos sei, aber was konnte er tun, um ihm Freiheit und Ehre zurückzugeben?
Von seinem Onkel durfte er keine Schonung verlangen, Joachim Spangenberg erhielt vielleicht selbst seine Entlassung, das mußte ihn nur noch feindseliger gegen den Kustos stimmen, und der Zorn des Fürsten verlangte sicherlich die strengste Bestrafung des Schuldigen
War auch Heinrich Schönbach nicht selbst der Täter, so lag doch die Vermutung sehr nahe, daß sein Sohn den Diebstahl begangen habe, und da man den Sohn nicht fassen konnte, so mußte der Vater dafür büßen.
Dem Kustos waren die Schlüssel anvertraut gewesen, auf ihm ruhte also auch die Verantwortung, die er nun tragen mußte. Die Schuld konnte nur durch die Ermittelung des Diebes von ihm genommen werden, aber auch dann noch war er strafbar, weil er die Schlüssel nicht besser gehütet hatte, und es ließ sich mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß ihn eine schwere Strafe traf. Welchem Schicksal ging aber unterdessen die Familie Schönbach's entgegen?
Die Mutter, ohnedies leidend, konnte unter der Last von Kummer und Sorge erliegen, die beiden noch unerwachsenen Kinder waren samt der Kranken auf Gabriele angewiesen. Was sollte das Mädchen ergreifen, um die ganze Familie ernähren zu können? Not, Sorge und Hunger standen vor der Tür, die Wohnung mußte schon in den nächsten Tagen geräumt werden, Freunde, die tatkräftig und in aus reichender Weise sich ihrer annahmen, besaß die Familie nicht, die unter diesen Umständen dem Bettelstab nicht entrinnen konnte.
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