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Februar 1904

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Sie fah ihn mit wirren gläsernen Blicken an und er

senkte scheu die Augen.

Endlich kam Leben in ihre Züge. Ihre Wangen färbten sich mit heißem Rot.

Sie ſpie vor ihm aus und sagte nur: Du Lump!" Dann tannte sie davon. Sie lief die Treppen zum Bahnhof hinauf. Zum Glück hatte sie ihre Fahrkarte bei sich, so gewann sie vor ihm einen Vorsprung.

Er mußte sich erst ein Billet am Schalter lösen und als er oben anlangte, sah er sie ins Kupee steigen und der Zug setzte sich in Bewegung.

,, Agate!" schrie er mit gellender Stimme, so daß alle Leute die Köpfe aus den Fenstern steckten.

Er schwang sich auf's Trittbrett und öffnete in voller Fahrt den Wagen und sprang ins Kupee.

Auf der nächsten Station kam ein Beamter, der seinen Namen feststellte.

Nur auf seine Erklärung, es geſchähe ein Unglück, wenn man ihn aufhielte, er habe sich mit seiner Braut erzürnt und fürchte, sie tue sich ein Leid an, ließ man ihn frei.

Die anderen Insassen, welche Zeuge des Vorfalles ge­wesen, meinten lachend: Er solle sich nur nicht ins Bocks­horn jagen lassen."

Endlich sah er sie auf der Station Grunewald aussteigen. Er eilte ihr nach, doch sie flog wie ein Vogel vor ihm her. Immer, wenn er sie erreicht zu haben glaubte, ent­schlüpfte sie ihm. Er rief in Todesangst ihren Namen.

Ein schlimmes Lächeln verzerrte ihren Mund. Sie glaubte nicht an seine Angst, noch, daß er bereue.

Sie ahnte, daß die Befürchtung ihn nur trieb, sie könnte sich das Leben nehmen und man ihn dann für den Mörder halten. Mochte es so kommen! Ein böser Gedanke setzte sich in ihrer Seele feft. Sie wollte sich die Gelegenheit zur Rache nicht entgehen lassen.

Die Entfernung zwischen den beiden wurde immer größer und bald hatt der Ingenieur das junge Mädchen gänzlich aus den Augen verloren.

Zehn Monate später wurde Ingenieur Mohr des Mordes an Agate Hadung für schuldig befunden und zum Tode ver­urteilt.

Beweis

gum fepten hat if flitet gregie drei Mate Badung war

gesehen worden, so be­kundeten die Kolleginnen aus ihren Geschäft. Der Bahn­beamte sagte aus, was sich auf dem Bahnsteig ereignet hatte und was der Ingenieur selbst in Gegenwart von Zeugett, die sich ebenfalls dem Untersuchungsrichter ſtellten, von seiner Braut gesprochen.

Daß er damals bereits die Absicht gehabt, sie zu er­morden, wurde allgemein angenommen.

Und als sich durch die Untersuchung gar_herausgestellt hatte, daß er bereits verheiratet und seine Frau verlassen habe, da war sein Urteil gesrochen.

Er hatte die Unglückliche ums Leben gebracht, weil er ihrer überdrüssig und sie ihm im Wege war.

Daß man die Leiche nicht fand, erklärte man sich so. Er hatte sie gewiß im Grunewald verscharrt, ob man die Stelle je entdecken würde, war zweifelhaft.

Und eines Tages hatte man sie doch gefunden. Zwar war ihr Körper schon gänzlich verwest, doch die Mutter der Unglücklichen erkannte ihn als den ihrer Tochter. Und Frizz Mohr wurde zum Tode verurteilt.

Nun war sein letzter Tag herangekommen. Vergebens hatte der Geistliche ihm zu Gewissen ge­sprochen. Der Gefangene hatte sich in hartnäckiges Schwei­gen gehüllt.

Endlich trat er den Weg zur Richtstätte an.

Der Delinquent sah eine vielköpfige Menschenmenge da­herwogen und ein höhnisches Lächeln spielte um seinen Mund.

Er stieg die Stufen des Gerüſtes hinauf. Der Henker entblößte seinen Hals.

Noch einmal flog sein Blick über die neugierigen Gaffer. Da blieb sein Auge auf einem rachefunkelnden Ge­sicht haften.

Es gehörte einem zerlumpten Weibe an, das nichts Menschliches mehr in seinen Zügen hatte.

Agate!" gellte der Ruf des Verurteilten, dann fiel sein Kopf vom Rumpf und sein Körper rollte schwer zur Erde.

AUS FERNEN ZONEN

Ein Freund des Menschen.

Der Kokosnußbaum ist wahrscheinlich der nutzbarste aller auf Erden wachsenden Bäume. Er liefert sowohl Speise wie Getränk, nützliche Gerätschaften, wie Material zum Häuserbauen und Dach­decken. In einigen Gegenden Indiens besteht die Nahrung der Ein­geborenen fast ausschließlich aus dem Eiweißstoff, welchen die Nuß enthält, und der milchartige Saft derselben dient zum Trinken; man bereitet auch Wein und Zucker daraus. Auch wird Kokosöl aus dem Fleische der Nuß gepreßt, welches in frischem Zustande klar ist und beim Kochen Verwendung findet, während der dickere Sab, Stearin genannt, zur Herstellung von Kerzen dient. Ferner be= reitet man Seife aus dem Kokosöl, man brennt es in Lampen, und auch das Glycerin wird aus gereinigtem Kokosöl gewonnen. Die Faser, welche man früher nur zur Anfertigung von Stricken verwendete, wird jetzt zur Herstellung von Matten, Besen, Bürsten und dergleichen Dingen verarbeitet. Das Holz dient der Kunst­tischlerei und nimmt eine feine Politur an. Die harte Schale der Nuß gibt Schüsseln, Becher und anderes Geschirr. Die Wurzel wird, wie die Areca- und Betelnuß, gekaut. Der Bambus läßt sich vielleicht zu noch weitergehender Nutzbarkeit ausbeuten, als die Kokosnußpalme, doch kann man ihn füglich nicht den nutzbarsten aller Bäume" nennen, da er, genau genommen, nur eine Art Gras ist. Ein Engländer, Mr. Fortune, sagt von ihm: Es dürfte schwer sein, zu sagen, zu was der Bambus nicht dient. Er steht in fortwährendem Gebrauch in den Häusern, auf den Feldern, zu Wasser und zu Lande, in Friedens- und in Kriegszeiten. Während seiner ganzen Lebensdauer dient der Bambus dem Chinesen zu allen möglichen und erdenklichen Zwecken, und diese seine Dienst­barkeit hört auch mit dem Tode seines Herrn und Meisters nicht auf, den der treue Bambus auf jene Hügelseite trägt, wo sein Grab ihm bereitet ist."

Bunte Blätter.

Kostbarer Globus. Der Schah von Persien hat einen Erd­

globus, der zwar weniger, forrett, dafür aber um ſo prachtvoller

zu nennen ist, da die einzelnen Länder auf demselben durch edle Gesteine zur Darstellung kommen. So wird z. B. Italien durch Topase, Frankreich durch Saphire, England durch Rubine u. s. w. bezeichnet. Die Meere bestehen dabei aus Smaragden.

Eheschließung im nördlichen Borneo. Vei den Bassuns in Nordborneo erfolgen die Eheschließungen im Urwalde nur in Gegen­wart der zwei beteiligten Familien, doch ohne jede begleitende Festlichkeit. Der dabei beobachtete Ritus besteht nur darin, daß dem Brautpaare mit einem hölzernen Messer ein leichter Rizz in die Wade beigebracht wird. Nachdem das vor den Zeugen geschehen, siedelt das junge Chepaar mit ins Vaterhaus der Braut über, wo er nun als Familienmitglied gilt.

Der Felsen des Niagarafalles. Nach Berechnungen des Pro­fessor Woodward in Washington wird der Felsen, von welchem der Niagarafall herabstürzt, in ungefähr 2200 Jahren vollständig verschwunden sein. Die Felsmasse, welche zwischen den Jahren 1842 und 1875 an dem Horseshoe( Hufeisen-) Fall durch das Wasser abgenutzt worden ist, betrug 18 500 Quadratfuß oder 0,425 Acker. Die ganze Länge der Konturen der Fälle des Nia­gara ist 2300 Fuß. Wenn durch das Wasser jährlich 2% Fuß von den Gesteinsmassen hinweggewaschen werden, so bedürfte es in der Tat nur 2200 Jahre, um den ganzen Felsen des Niagarafalles verschwinden zu machen.

Chinesische Seeräuber. Auf einem Dampfer, der längs der chinesischen Küste verkehrt, befand sich unter einer Anzahl von Passagieren auch eine Dame, die plötzlich behauptete, es sei ihr ein kostbarer Stein abhanden gekommen. Nach weiterem Nachsuchen meldete sie jedoch erfreut, das Juwel habe sich in ihren Effekten wiedergefunden. Als kleine Strafe für die erregte Beunruhigung schlug ein Passagier vor, die Dame solle das ganze Schiff mit einem festlichen Tee traftieren. Scheinbar notgedrungen stimmte sie zu; als aber alle von dem Getränk genossen, fielen ſie Kapitän bis zum letzten Schiffsjungen in tiefen Schlaf, nur einige Männer, schlaue Piraten, und jene Dame, die mit ihnen dasselbe Spiel spielte, blieben munter. Die Männer plünderten nun mit Gemütsruhe das Schiff, bestiegen dann ein Boot und fuhren mit ihrer Beute unbehelligt davon.

- vont

Nr. 30.

Montag, den 8. Februar

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Band and Berlag ber Clemmer Berlagsbrudocet, vorm. Wilh. Keller'sche Guruderet( gegz. 1788); states: Elbia& leis

( 27. Fortsetzung.)

Der

Beuge.

Roman von Marie Bernhard.

,, Weil ich dich liebe, Hellmut, mehr als ich sagen kann, mehr als du ahnst, darum, und nur darum, darf ich dir das nicht sagen, wonach du fragst! Verurteile mich, schilt mich, denke klein von mir, ich muß es tragen, aber, bei Gott, ich kann nicht anders!"

So feierlich und überzeugt hatte Hilda gesprochen, daß Hellmut fühlte, hier war ſeine Macht über sie zu Ende.

Und wenn ich zu meinem Vater gehe und ihn frage: ,, Welches ist das Geheimnis, das zwischen dir und meinem Weibe besteht, welches war die Entdeckung, die sich vor einer Stunde unerwartet vollzog?" was dann?"

" Dann wird er dir ebenso antworten, wie ich es ge= tan: um meiner Liebe willen, die ich für dich habe, darf ich dir deine Frage nicht beantworten!"

Eine rasche Blutwelle stieg in Hellmuts Antlitz empor. Eine schöne Art der Liebe, die mich in eurer Mitte stehen läßt mit verbundenen Augen, als wäre ich ein Kind, mit dem man es auch gut meint, wenn man seiner Unerfahren heit wichtige Dinge vorenthält! Wer weiß, um was es sich hier handelt! Es kann eine Ehrensache sein, die zu lösen mir vielleicht obliegt-

,, Nein, Hellmut, nein!".

Wer sagt mir, wie weit ich mich auf deine Auffassung verlassen darf? Du bist, obgleich klug und nicht unerfahren in der Welt, doch immer eine Frau, Frauen zittern für das Leben dessen, den sie lieben, und aus Angst, ihn möglicher weise zu verlieren, können sie ihm Dinge verschweigen, die er wissen müßte, auf die er ein Recht hat, weil er so viel­leicht unwissentlich in den Augen der Welt als Feigling, als Schurke dasteht! Du schüttelst den Kopf? Es handelt sich nicht um solche Dinge? Es ist nichts zu fühnen, nichts gut zu machen? In keinem Sinn?"

Nichts!" Er stand und sah sie an, tief in Gedanken verloren, da stand sie vor ihm, so zart und jung und schön, so tieftraurig, aber fest entschlossen und unbeugſam. Wie er sie liebte!

Und sie! Nie war ihr Hellmut männlicher, bewunde­rungswürdiger erschienen als eben jetzt, da er mit voller Energie sein Recht betont hatte, die Sache seines Vaters zu der seinen zu machen, mit dem ganzen Einsatz seiner Per­sönlichkeit, selbst seines Lebens. Er war ein ganzer Mann,

sogar in dieser Stunde sagte sie sich das mit freudigem Stolz die allgemeine Liebe und Verwöhnung, die er ge­noß, hatte nicht seine Seele in Selbstsucht verweichlicht! Aber eben weil dies nicht der Fall war, wußte sie genau, wie die quälende Ungewißheit an ihm nagen, ihn wieder und wieder verfolgen und wie dies Geheimnis zwischen ihnen stehen würde ein drohendes Gespenst, das dem lachenden Glück den Eintritt verwehrte.

Neuntes Kapitel.

In Berlin fiel sacht und leise der Februarschnee. Er fam in großen, weißen Flocken von einem mit gleichförmigem Weißgrau bezogenen Himmel niedergeschwebt, nun schon fast

( Nachdrud verboten.))

eine ganze Nacht und einen halben Tag lang, und so hatte er nach und nach der großen Stadt ein leuchtend zartes Feierkleid angezogen. Lautlos versank der Fuß des Straßenwanderers im locker aufgehäuften Flaum, die Pferdehuse schlugen geräuschlos auf dem Asphalt auf, und nur die Schlittenglocken Klingelten lustig, während die Kutscher wie veritable Schneemänner hinten aufstanden, ab und zu die gewaltigen Bärenmüßen schüttelten, daß es wie gefiederter Kristall um sie herumstäubte, und unwillig nach oben sahen: wollte es denn gar nicht mehr aufhören zu schneien?

Nein, es wollte nicht! Die Schornsteine bekamen hohe Kappen aufgesetzt, die Dächer tiefe Polster; auf den Jen­ſterſimſen häufte es sich dicht und hoch und guckte durch die Scheiben herein: bildet euch nur ja nicht ein, ihr Ber­liner Menschenkinder, daß nun der Winter zu Ende ist, weil wir Ende Februar schreiben und es ein paarmal schon hellen Sonnenschein und etwas gegeben hat, das an milde Früh­lingsluft erinnerte! Der Lenz, den verwöhnten Prinzen, dem alles zujubelt, lassen wir noch lange nicht herein, noch sind wir da und halten das Regiment fest in den Händen, wir gefürchteten, respektierten Drei: der Winter, der Froſt und der Schnee! Steckt ihr nur brav Feuerung in eure Defen, zündet die großen, massiven Holzscheite im Kamin an, kleidet euch in Pelze, und sitzt abends um die Lampe versammelt... mit dem Frühjahr ist es diesmal noch nichts!

Auch die schöne, stilvolle Villa im Tiergartenviertel stand auf dem Hintergrunde ihres großen, verschneiten Gartens wie ein echtes Winterbild da. Sie lag ein wenig zurückgebaut in der Tiergartenstraße, nahe dem Punft, wo sich dieselbe in die Lennéstraße fortsetzt. Wie ein kokettes, kleines Schlößchen war diese Villa anzuschauen, ganz malerisch, sehr schön fürs Auge, auch schon um des für eine Großstadt ganz beträchtlich ausgedehnten Gartens willen, aber sie hatte sich doch schwer verkauft, da sie, wie erfahrene Leute versicherten," unpraktisch" und zudem enorm teuer war.

Denen, die jetzt in ihr wohnten, kam es nun aufs Geld nicht an, sie hatten das Grundstück so, wie es dastand, er­worben, ohne Anzahlung, sie hatten es einfach bei Heller und Pfennig käuflich an sich gebracht, und das Unprak­tische" focht sie auch gerade nicht an. Es war eine schöne Villa mit gesunder Lage, in einer feinen Gegend, sie ent­hielt eine ganze Anzahl hübscher Zimmer, einige große Säle, in denen es sich bequem Gesellschaften geben ließ,- was wollte man also mehr?

Ueberseeische waren's, die sich hier angesiedelt hatten, Leute, die irgendwo drüben" reich geworden waren und nun auf heimischen Boden ihr Geld verzehren, es dem Vaterlande zuwenden wollten. Das war sehr schön, und es gab viel solcher Existenzen in Berlin, man mußte sie sich nur zuerst ein wenig ansehen, ehe man sie in die gute Ge­sellschaft aufnahm, ihren Ruf vorsichtig sondieren und ein