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chen stammend, einem Mißverständnis ihre Entstehung zuzuschreiben haben und sich als urdrollige Sprachverdrehungen erweisen. Wir pflegen wohl zu lachen, wenn Ungebildete aus Fremdwörtern Ausdrücke modeln wie das bekannte„ umgewendeten Napolium" für unguentum neapolitanum, Reißmatismus für Rheumatismus u. s. f. Wir haben aber eigentlich herzlich wenig Grund zu solchem überlegenen Gelächter; denn wir machens unwissentlich ganz genau so. Ja, bisweilen persifliert sich in diesen Wortverdrehungen- pardon der geistige Hochmut und das Alles- besser- wissenwollen des Gebildeten auf das köstlichste. So namentlich in den aus dem Plattdeutschen stammenden Redensarten, die wir Gebildeten verhochdeutscht haben. Das Schäfchen ins Trockene bringen" entstammt dem niederdeutschen: sein Schepken"( Schiffchen) ins Trockene bringen. Bei dem Wandern ins Binnenland wurde dann aus dem vernünftigen Schepfen ein höchst sinnloses Schäfchen. Genau so ergings dem plattdeutschen Mul apen hollen"( das Maul offen halten), aus dem die ganz neue zoologische Spezies der Maulaffen" wurde. Wer sieht es wohl dem etwas philiströsen Fidibus an, daß er im Grunde ein Streichhölzchen ist, aus fil de bois forrumpiert? Wer den Fisematenten, daß gar ein Aristoteles mit seinen physica mathemata ihr Urheber ist? Und da im Mittelalter die Naturwissenschaften ganz allgemin über die Achsel angesehen wurden, so kamen die Fisematenten zu der verächtlichen Bedeutung von Nich tigkeiten. Selbiger Aristoteles schrieb aber nach( griechisch: meta) seinem naturwissenschaftlichen Hauptwerk noch ein anderes Büchlein, das er kurzerhand„ Nach der Naturwissenschaft"( Metaphysika) betitelte, und-- auch die gelehrtesten Häuser sind vor Sprachtorheiten nicht geschüßt! der Titel ward zur Bezeichnung einer ganzen Wissenschaft. Was bigott ist, weiß jeder, daß sich aber in diesem Wörtchen ein Westgothe birgt, kaum einer. Als Arianer wurden die Westgothen von den rechtgläubigen Katholiken verachtet, zumal jene aus politischen Gründen nicht selten am Gottesdienste dieser heuchlerisch teilnahmen. So wurde Visigothus zum Schimpfwort. Als Pendant dazu ist das französische cagot in gleicher Bedeutung und entstanden aus canis gothus( Gothenhund) anzusprechen. Eine recht weite Reise hat der Mantelsack( felones), den Paulus in einem Briefe an Timotheus erwähnt, machen müssen, ehe er zum„ Jelleisen" des deutschen Handwerksburschen wurde. Mit den griechischen Kolonisten kam das Wort nach Gallien, wandelte sich hier in ein valise, und deutsche Ohren hörten endlich Fell und Eisen( isen) daraus. Zum Schluß sei hier noch auf die drollige Sprachverdrehung hingewiesen, die sich hinter der Redensart, jemandem ein X für ein U machen" birgt. Sie stammt aus der Zeit, da der Wirt dem Zechenden die Schuld noch mit lateinischen Ziffern an die Tür kreidete. Er machte ihm betrügerisch, der Wirkung des Weins vertrauend, aus der V eine X. Aus der römischen Fünf las man ein= U( noch Luther schreibt beispielshalber vndt = und, vbel= übel), aus der Ziffer zehn ein y heraus, und so ward aus X und V ein X für ein U.
Warum?
Ich weiß es nicht! Mir ist gar oft so eigen!- Als Kind schon überkam mich oft ein Schweigen Urplötzlich, war ich auch beim froh'sten Spiele; Und traurig schlich vom Spielplatz ich, wo viele So wohlgemut und froh sich unterhielten, Und sah mit Wehmut, wie sie heiter spielten. Und später, als das Leben mit den Sorgen Gar ernst herankam, und ich manchem Morgen Mit Grämen oft und Schmerz entgegenstarrte, Nicht wissend, was am Tage meiner harrte: Da war's die Sorge nicht, die mich bedrückte, Mir fehlte, was den Aermſten auch beglückte. Und war ich dann in frohen Freundeskreisen, Beim Becherklang und Sang der lust'gen Weisen: Ich mußt' zurück mich ziehen oft vom Lärmen, Und ganz allein sein dann mit meinem Härmen. Gar oft dacht' nach ich, was doch dies bedeute. Gerade so erging es mir auch heute.
Doch als das Aug' ich hob, das tränenmatte, Da wußt' ich's: Weil ich keine Mutter hatte!
AUS FERNEN ZONEN
Türkische Mahlzeiten. Die Türken sind zum großen Teile Vegetarianer, sie essen selten Rindfleisch, Schwein- und Kalbfleisch nie. Sie trinken viel, essen morgens Geflügel und Schaffleisch, das sie, in Würfel geschnitten, an lange Holzspeiler spießen und dann über glühenden Kohlen gar rösten, so daß das Fleisch den ganzen Saft behält. Sie nennen diese wohlschmeckende, nahrhafte und auch von den Europäern als deliziös bezeichnete Speise Kebab. Türkisches Backwerk würde wohlschmeckend sein, wenn es etwas weniger Zucker und Honig enthielt und nicht so sehr nach Talg schmeckte. Bakalava und EckmekKataif, dicke in Honig gebackene und mit Rosenwasser parfümierte Kuchen, sind türkische Lieblingsleckereien. Paschas und reiche Türken haben bei ihren Mahlzeiten stets eine große Menge Schüsseln, welche die Diener auf Metallplatten auftragen und auf Matten auf den Fußboden, oder auf Tischchen servieren, um welche her die Gäste sich niederhocken. Die Türken speisen schweigend und ernſt= haft, sie bedienen sich sowohl der Finger, wie der Gabeln, der Zähne wie der Messer. Doch führen sie auch flüssige Speisen, wie Malabi, eine Art Trême, und Jaurt, eine dickliche bittere Milch, mit dem Löffel zum Munde. Ihr Getränk ist bei Tisch hauptsächlich Klares Wasser, doch nehmen sie gern, besonders vor den Mahlzeiten, eine Art weißen Branntwein, Raki genannt, zu sich, welcher aus dem Gummi des Mastixbaumes und Alkohol bereitet wird. Es ist ein angenehmes Getränk, dem Absinth ähnelnd, dessen Eigenschaften es auch besitzt. Der Genuß und selbst auch der Mißbrauch des= selben verursacht dem gläubigen Türken keine Gewissensbisse; Mohamed hat den Wein, aber nicht den Raki verboten, denn die Erfindung des Raki ist jüngeren Datums, als das Verbot des Propheten.
Bunte Blätter.
Exotische Höflichkeit. Die Polynesier und Malayen setzen sich stets nieder, wenn sie mit einem Vorgesetzten zu sprechen haben. In gewissen Gegenden Zentralafrikas gilt es für höflich, seinem Vorgesetzten den Rücken zuzukehren. Die Bewohner von Malliedo, einer Insel des Stillen Meeres, sollen durch Zischen ihre Bewunderung kundgeben. Die Todas in Ostindien drücken ihre Hochachtung dadurch aus, daß sie die ausgebreitete Rechte bis zur Stirn erheben, und den Daumen gegen die Nasenspite stemmen.
*
Unter den Cree- Indianern Kanadas wohnt zwar der junge Ehemann im Elternhaus seiner Frau, darf aber vor der Geburt seines ersten Kindes seine Schwiegereltern niemals anreden. Nach der Geburt ändert sich plötzlich die Sachlage, da das neugeborene Kind als Familienmitglied seinen Vater zu gleichem Rang und Ansehen erhebt, sodaß letzterer hinfort nur den Namen„ Vater von dem und dem" führt, und von der Familie seiner Frau als gleichwertiges Mitglied behandelt wird.
Ueberfluß an Land. Ein amerikanischer Schriftsteller schreibt: ,, Wenn die gesamte Bevölkerung des Erdballs 1 400 000 000- in Familien von je fünf Köpfen abgeteilt würde und dieſe Familien sämtlich in Teyas einquartiert würden und zwar so, daß auf jede Familie/ Hektar Land käme, so würde noch Raum für 70 000 000 unter den genannten Raumverhältnissen zu verteilende Familien übrig bleiben."
Ein Ersak für den Weinstock. Falls die Weinrebe im Kampfe gegen die Reblaus erliegen sollte, scheint den Trinkern ein Ersatz aus Mittelamerika zu kommen. Es handelt sich um die Klimme ( Cissus mexicana), zu der Familie der Ampilideen gehörig, der auch der Weinstock eingefügt ist. Die Pflanze wächst besonders üppig in den Wäldern der mexikanischen Provinz Sinaloa. Die Beeren sind selbst an ganz schattigen Stellen im Oktober vollkom= men reif; der Stock übersteht die größte Dürre und liefert alljährlich ohne die geringste Pflege in kaum vier Monaten die pracht= vollsten Trauben. Die Beeren sind groß, rot oder weiß, häufigsten rot, und die Bewohner Mexikos bereiten davon Wein, Essig, vor allem aber durch Einkochen köstliches Kompott, Uvata genannt. Von kalifornischen Weinbauern sind bereits mehrfache Versuche mit der neuen Traube gemacht worden.
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Nr. 53.
Montag, den 7. März.
1904.
Oberbessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
Gießener Neueste Nachrichten.
Band mud Beslag ber Offener Berlagsbradosot, norm. B. Relier'fe Sa@ bradersi( gegr. 1703); vete
( 16. Fortsetzung.)
Der Goldmarder.
Original Roman von M. Bezold.
Joachim Spangenberg schien sich von seinem Erstaunen noch nicht erholen zu können, wie geistesabwesend blickte er den Baron starr an, dann nickte er mechanisch.
Kustos, öffnen Sie die Schubladen," befahl er.„ Die sechs Schränke an jener Seite enthalten die Goldmünzen, Sie vier Schränke hier die wertvollsten Silbermünzen. Nein, wie mich das überrascht! Durchlaucht haben nie von einem Verkauf der Sammlung geredet, sie ist seit Jahren feinem Fremden mehr gezeigt worden, und nun
Ein Schreckensruf unterbrach ihn. Der Kustos, der in fieberhafter Haſt alle Schubladen auszog, hatte ihn ausgestoßen.
He, was gibt's?" fragte Spangenberg rauh, während der Baron und Adolph sich rasch dem alten Manne näherten. Die Schubladen sind leer," sagte der Kustos heiser, „ sehen Sie nur, Herr Direktor, alles verschwunden!"
Wie ist denn das möglich?" fragte der Baron. " Das frage ich auch!" antwortete der Direktor, der nun ebenfalls die Schubladen öffnete und hineinſtierte. „ Leer! Alles leer! Und alle diese Fächer waren voll von Goldmünzen! Kustos, wie verhält sich das? Wo sind die Münzen geblieben, die Ihrer Obhut anvertraut waren?"
Mit totenbleichem Gesicht ſtarrte Heinrich Schönbach seinen Vorgesetzten an, die Schlüssel klirrten in seiner zitternden Hand, nur dumpfe Laute entrangen sich seinen zuckenden Lippen. Ich weiß es nicht," sagte er, das graue Haupt schüttelnd." Seit Jahren habe ich diese Schränke nicht geöffnet, nur selten einmal betrat ich diesen Raum, um zu lüften und abzustauben."
" Schöne Geschichten!" brummte der Baron ärgerlich, während Adolph mit forschendem Blick den Kustos beobachtete, der mit der Miene eines Verzweifelnden jetzt zu den Schränken trat, welche die Silbermünzen enthalten sollten. Ist es denn wirklich möglich, daß die Münzen gestohlen sein
können?"
„ Sie sind verschwunden, Herr Baron," sagte Joachim Spangenberg erregt;„ wie und von wem, muß die Unterfuchung lehren. Ich gehe sofort zum Polizeirat Appel, bitte, bleiben Sie so lange hier, ich muß mich auf Ihr Zeugnis berufen. Bleibe du auch, Adolph, die Sache ist sehr ernst, mich trifft die ganze Verantwortung!"
Ohne eine Erwiderung abzuwarten, eilte er hinaus; der Baron trat an die Silberschränke, auch hier waren die Schubladen größtenteils leer.
„ Das verstehe, wer kann!" sagte der Kustos, mir ist es unerklärlich. Die Tür und jede Schublade ist fest verschlossen geweſen, und von einem Einbruch hier haben wir auch niemals etwas entdeckt.'
Und Sie allein besaßen die Schlüssel?" fragte der Baron, der seine joviale Laune völlig verloren hatte. " Ja, ich allein!"
Dann werden Sie auch für den Schaden haften müssen! Und der iſt ſehr bedeutend, beſter Herr, ich kenne den Preis, den Durchlaucht für die Sammlung fordert."
" Der Mann ist sicherlich schuldlos, Herr Baron," nahm Adolph das Wort, ich kann an einen Diebstahl noch nicht
MIDIN leta.
( Nachdruck verboten.
glauben. Die Sache wird sich wohl in anderer Weise aufklären; vielleicht hat man vergessen, daß die Münzen an einen anderen Ort gebracht worden sind."
" Nein, das ist nicht der Fall gewesen," sagte Heinrich Schönbach, der sich ratlos in dem kahlen Raume umblickte; sie haben immer hier gelegen."
„ Und wann haben Sie die Münzen zuletzt hier gesehen?" fragte Adolph.
Die Goldmünzen vielleicht vor zwei Jahren. Damals war auch ein fremder Herr hier, Durchlaucht kam selbst mit, um sie ihm zu zeigen."
Und seitdem haben Sie die Schränke nicht mehr geöffnet?" fragte der Baron.
So wahr ich hier vor Ihnen stehe, nein!" „ Seltsam, sehr seltsam! Finden Sie das nicht auch, Herr Doktor?"
Ich weiß mir noch keinen Vers darauf zu machen, Herr Baron," erwiderte Adolph kopfschüttelnd.
Nach kurzer Zeit trat Joachim Spangenberg wieder ein, der Polizeirat folgte ihm.
Beide warfen einen Blick in die leeren Schubladen, Appel nickte ſeinem Schwiegervater mit einem verständnisvollen Blick zu und richtete sich hoch auf.
,, Können Sie das Verschwinden flären?" fragte er den Kustos.
der Goldmünzen er
,, Nein, Herr Rat," antwortete Schönbach mit gepreßter Stimme, seit zwei Jahren habe ich die Schränke nicht mehr geöffnet und ebenso das Kabinett nicht."
„ Die Schlüssel waren Ihnen anvertraut?" Wie alle Schlüssel des Museums!"
" Sie haben sie nie aus den Händen gegeben?" ,, Niemals! Sie lagen stets in meiner Wohnstube in einem Schrank."
„ Der ebenfalls verschlossen war?"
„ Nicht immer, aber außer meinen Angehörigen wußte niemand, daß die Schlüssel dort lagen, und es war auch immer Jemand dort anwesend."
,, Kannten Sie den Wert der Sammlung?" ,, Nein!"
Dieser Behauptung muß ich widersprechen," sagte Joachim Spangenberg." Sie werden sich erinnern, daß ich Sie häufig auf den Wert dieser Sammlung aufmerksam ge= macht habe, um Ihre Wachtsamkeit zu schärfen."
Nun, das mag sein," erwiderte der Kustos, der vor dem stechenden Blick des Polizeirats die Augen niederschlug, ich wußte die Münzen gut verschlossen, an die Möglichkeit eines Diebstahls hätte ich niemals gedacht."
Geben Sie mir die Schlüssel," befahl der Rat, und nachdem er alle Schlösser geprüft und auch den Verschluß der Fenster untersucht hatte, übergab er die Schlüssel seinem Schwiegervater. Gin Ginbruch hat nicht stattgefunden, sagte er, ebensowenig scheint der Dieb falsche Schlüssel benugt zu haben. Und Sie wollen von dem Diebstahl durchaus nichts wissen, Schönbach?"
,, Ich kann mir das Rätsel nicht erklären!"
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