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haltung von alltäglichen Dingen, auf die er bereitwilligst und ganz harmlos einging.
Er beobachtete sie dabei genau, und es wollte ihm scheinen, als sei sie heute eine andere wie sonst. Die vornehme Reserviertheit und die leichte Kühle von ehemals hatte sie heute nicht, dafür aber erschien sie ihm leicht erregt, und mit einer gewissen Angst vermied sie es, ihn direkt anzusehen. Das gab ihm zu denken. Je mehr aber ihre Unruhe zunahm, desto sicherer und selbständiger wurde er. So gingen sie flott und lustig plaudernd neben einander her. Da kam ihm der Gedanke an sein gestern gegebenes Versprechen. Einen Augenblick zauderte er noch, dann aber dachte er: Geschehen muß es unbedingt, und eine bessere Gelegenheit konnte gar nicht kommen, und da nahm er das erstaunte junge Mädchen kurz entschlossen in den Arm, zog sie an ſich und küßte sie mit der ganzen Leidenschaft seiner dreiundzwanzig Jahre.
Nun war es geschehen. Er war darauf vorbereitet, daß ſie ihn zurückstoßen und ihm davonlaufen würde. Das aber geschah nicht.
Als er sie an sich zog, war sie zuerst erstaunt, als er fie aber umfaßte und küßte, sank ihr Köpfchen an seine Brust, und er fühlte erzitternd, daß sie seinen Kuß er
widerte.
Jetzt war er einen Augenblick sprachlos, denn darauf war er ja nicht gefaßt gewesen. Im nächsten Moment aber fant ihm schon Kraft und Bewußtsein wieder, und nun fühlte er mit bebender Glückseligkeit, daß das herrliche Mädchen ihn liebte. Und nun vergaß er alles um sich her, umfaßte sie noch einmal und füßte sie mit wilder, glühender Leidenschaft wieder und immer wieder.
Plötzlich aber erschienen an der nächsten Wegecke die Freunde vom Stammtisch, und unter lautem Jubel und Lachen rief jemand: Das war gut gemacht! Du hast dein Wort glänzend eingelöst!"
Einen Augenblick lag peinliche, angstbeklemmende Stille auf beiden Seiten. Dann aber erkennt das Fräulein die Situation, sofort reißt sie sich los, entflieht, und schon im nächsten Augenblick ist sie den Blicken der jungen Leute entschwunden.
Nun erst wird auch der junge Kriegsmann aus seinen Träumen aufgerüttelt, verloren, all sein Glück verloren! Er stößt die Freunde von sich und will ihr nach. Zu spät! Er holt sie nicht mehr ein.
Und dann rennt er wütend nach Hause und schließt sich ein und läßt seinen ersten großen Schmerz austoben, denn jezt weiß er ja, daß auch er sie liebt, und daß er sie nun verloren hat, vielleicht für immer, verloren durch seine eitle Prahlerei und Keckheit. Wütend wirft er sich nieder und überdenkt, was nun zu tun sei.
Er eilt an ihres Vaters Haus, umsonst, sie sei nicht daheim. Dreimal kommt er wieder, immer vergebens. Nun ist er ganz ratlos, und als er am nächsten Tage wiederkommt, da erfährt er, daß sie fort sei, gestern Abend ganz plötzlich abgereist, zu einer Familie nach dem Süden.
In wahnsinniger Wut geht er heim. Also hat er sie wirklich verloren! Der Gedanke treibt ihn fort. Er verläßt seine Vaterstadt, fort, nur fort, hinein ins Leben, hinein in die Arbeit! Vergessen, nur alles vergessen, was geschehen war!
Drei Jahre später sah er sie wieder. In einem Seebade war es.
Zuerst begrüßten sie sich förmlich und kühl, dann aber, da man in einem so kleinen Nest sich nicht entfremden kann, führte Zufall und Gewohnheit sie öfter zusammen. Und dann kam eines Tages die große Ausspache, und dann gestand er ihr mit flehenden Augen, daß er sie noch immer liebe, daß er ohne sie nicht leben könne, und so bat er um Verzeihung für seinen„ Dummen- Jungenstreich" von ehemals.
Drei Jahre sind eine lange Zeit für zwei Liebende, die lange von einander getrennt leben mußten, und in dieser Beit hatte sie oft und lange darüber nachgedacht, ob sie ihm, falls er jemals wiederkäme, wohl verzeihen könne. Ihr Herz fagte ja.
Und deshalb, als er nun so flehentlich abbat, verzieh sie ihm jetzt alles und wurde seine Braut.
AUS DEM REICHE
DES
WISSENS
Die Abnahme der Wärme auf der Erde.
Es gibt jetzt, sogar unter den Gelehrten, Meinungen, nach welchen die Erde in rascherer Weise, als man früher annahm, einer für die Menschen empfindlichen Abkühlung entgegen gehe. Andere bestreiten das und schließen nur auf zeitweise sich wiederholende Abweichungen nach größeren Kälte-, wie nach erhöhten Wärmeperioden. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß wir seit 1877 keinen warmen Sommer mehr gehabt haben. Bei einer derartig konstanten Folge kühler Sommer ist es begreiflich, daß man vielfach die Frage hört: Gehen wir wirklich einer neuen Eiszeit entgegen? Wie stechen dagegen die Sommer der Jahre 1834, 1846, 1857, 1859, 1861 und 1868 ab! Im Jahre 1834 war die Mitteltemperatur von Mai bis September um 3,3 Grad zu hoch, auch das Jahr 1868 hatte eine ununterbrochene Wärmeperiode vom 1. Mai bis einschließlich Oktober. In der Kälteperiode, in der wir uns gegenwärtig befinden und die namentlich seit 1886 ganz Mittel- und Westeuropa betroffen hat, gibt es nur den einen Trost, daß auch schon früher ähnliche Kälteperioden eingetreten sind, auf welche dann wieder längere warme Perioden sich eingestellt haben. Renou hat schon vor längeren Jahren darauf aufmerksam gemacht, daß die Jahre 1838 bis 1847 genau um denselben Betrag zu kalt waren, wie die Jahrgänge 1879 bis 1888. Die Temperatur- Abweichungen der Jahrgänge 1837 bis 1845 zu Wien stimmen mit jenen von Paris sehr genau überein und zeigen derart die große und gleichmäßige Verbreitung solcher Wärmeanomalien. Das Wärmedefizit dieser neun Jahrgänge betrug in Wien mehr als einen halben Grad( zu Paris 0,4 Grad), was schon sehr beträchtlich ist; desgleichen waren die Sommer( bis auf einen, 1842) erheblich zu kalt. Dagegen waren das Dezennium 1861 bis 1870 und dann noch die Periode von 1872 bis 1874 zu warm." Ueber größere Wärme in früheren Zeiten noch folgenden Beweis: In der Kirche der ehemaligen Abtei Kamp bei Rheinberg, südlich von Wesel, wird eine alte lateinische Chronik aufbewahrt, in welcher die merkwürdigen Begebenheiten von dem Jahre 1122 bis 1504 verzeichnet sind. Der Pfarrer Friedrich Michels zu Kamp veröffentlichte im Jahre 1832 in einer Geschichte der Abtei Kamp einen Auszug aus jener Chronik. Man liest darin vom Jahre 1471:„ Es war ein sehr heißer Sommer; der Weinstock fing an zu blühen gegen den halben Mai und am Feſte des heiligen Sixtus( am sechsten August) wurde die Messe mit neuem Weine gehalten; am Feste des heiligen Bernardus( am 20. August) wurde dem ganzen Konvente neuer Wein gereicht. Im Jahre 1473 blühten die Kirschen und Pflaumen in der Mitte des Monats März, die Aepfel anfangs April, die Trauben Mitte Mai und wieder wurde am 6. August die Messe mit neuem Weine gelesen. Dasselbe geschah auch im Jahre 1504." Die bedeutende Quantität Wein, welche aus den Weingärten des Klosters gefeltert wurde, findet sich gewöhnlich angegeben. Heute ist die Weinkultur bis über einen geographischen Grad südlicher gerückt. Die Weinernte hat sich bis nach Südfrankreich hinunter in einem Jahrhundert bis zum Oktober verspätet.
Allerlei Wissenswertes.
Der Mumienweizen. Es ist oft behauptet worden, daß man aus Samenkorn, das bei ägyptischen Mumien gefunden, ganz vorzügliches Getreide gewonnen habe. Dies ist irrtümlich. Das den Verstorbenen mitgegebene Getreide nämlich war stets vorher in Oefen so weit gedörrt worden, daß es seine Keimfähigkeit vollständig einbüßte. Wenn trotzdem durch Aussäen desselben zuweilen frische Halme gewonnen wurden, so rührt das von einem Geschäftskniff der schon lange Zeit mit Mumien Handel treibenden Araber her, welche, um die Funde aus der Vorzeit interessanter zu machen, die abgetöteten Getreidekörner, die sich bei jenen vorfanden, mit etwas frischerem Getreide vermischten.
Etwas zum Probieren. Die angebliche Tatsache, daß die wenigsten Menschen mit geſchloſſenen Augen geradeaus zu gehen bermögen, hat unlängst eine Erklärung gefunden. Sorgfältige Messungen an Skeletten sollen nämlich ergeben haben, daß man nur selten die beiden Untergliedmaßen eines Menschen gleich lang finde. Sei das linke Bein länger( was bei 55 Prozent der Menschen der Fall sei), so würde der Mensch mit diesem unwillkürlich einen etwas längeren Schritt machen, als mit dem rechten und ohne Korrektur durch die Augen also nach rechts abweichen, und umgekehrt. Uebrigens soll auch der rechte Arm bei 75 Prozent der Menschen länger sein als der linke,
Nr. 29.
Samstag, den 6. Februar
1904.
Oberbessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
der
Gießener Neueste Nachrichten.
Send mit Beslag der Chefener Berlagsbruckeret, vorm. Bilh. Keller'sche Buchbruderet( gegr. 1780); worentwor:[ bia RI
( 26. Fortsetzung.)
Der Zeuge.
Roman von Marie Bernhard.
Nein, sie war nicht nervös, es wäre ihr jetzt eine Wohltat gewesen, wenn sie es hätte sein können. Keine Ohnmacht erbarmte sich ihrer, sie brach nicht zusammen und stieß keinen Schrei des Entseßens aus, aufrecht und lautlos blieb sie stchen, ließ ihre erhobenen Hände sinken, machte sich von Hellmuts Arm ungeduldig los und trat noch näher an seinen Vater heran, dicht, ganz dicht, denn sie glaubte nicht, wollte nicht glauben, was doch ihr erster Blick ihr deutlich genug gezeigt, Gewißheit mußte sie haben, sie mußte!
Und die wurde ihr auch! Nicht nur, daß sie jetzt, Zug um Zug, das Antlitz wiedererkannte, das sie vor langen Jahren monatelang in ihren Fieberträumen vor sich gesehen, das sie verfolgt hatte, als das fürchterlichste, was ihre Kinderaugen je geschaut, das ihr unvergessen ins Gedächtnis geprägt geblieben war bis zum heutigen Tage, sie sah auch an dem Ausdruck in diesem Antlitz, daß der Mann vor ihr sie ver stand, daß er gut genug wußte, warum sie so fassungslos in sein Gesicht starrte, und sie verstand jetzt auch mit Blizes= schnelle, weshalb er sie gemieden und ihr mißtraut, weshalb er die Gattin seines geliebten Sohnes nicht freudig als Tochter an sein Herz geschlossen hatte! Er mußte sie erkannt haben an dem Tage, als sie zum erstenmal vor ihn trat. Er hatte in dem erwachsenen Mädchen sofort das Kind von damals, den Zeugen wiedererkannt, der sein Verbrechen gesehen, und wieder las er jetzt in den merkwürdigen blauen Augen das selbe Entsezen, dasselbe verständnisvolle Grauen, wie an jenem unvergeßlichen Tage. Und all das spielte sich in unglaublich kurzer Frist ab, dauerte kaum zwölf Herzensschläge!
Hellmut allein war erstaunt und konnte bemerken, daß hier etwas Seltsames vorgefallen sein mußte. Der spanische Herr war erst nach einigem Zögern in das Gemach des Hausherrn getreten, zu welchem der Junior so unzeremoniell den Eintritt in Scene gesezt hatte, Sennora O'Vegas war kurzsichtig und trug lediglich aus Eitelkeit kein Glas. So hatte das Ehepaar nichts weiter gesehen, als eine, wie es schien, nicht gerade angenehme Ueberraschung im Angesicht des schnell emporschreckenden Hausherrn,- ein umstürzendes Lacktischen, ein hastiges Vorschreiten der jungen Frau, und jetzt Hellmut, der, offenbar, um ihr als galanter Ehegatte zuvorzukommen, rasch die zu Boden gefallenen Dinge aufhob und dabei allerdings besorgte Blicke zwischen seinem Vater und Hilda hin und her gehn ließ. Der geplante fröhliche ..Ueberfall" des Senior war mißlungen, man war ihm einfach ungelegen gekommen, denn der Mann hatte offenbar allein sein wollen, so dachten die beiden Spanier.
,, Wir haben Ihren Herrn Vater gestört, Sennor Norden, und täten wohl besser, uns wieder zurückzuziehen!" bemerkte der Vizekonsul in entschuldigendem Ton, während Hellmut seinem Vater Halsbinde und Brille reichte und dieser hastig beides anlegte.
Diese harmlose Bemerkung, mehr noch das vollkommen unbefangene Ausschen des fremden Ehepaars, löste den unwenigstens äußerlich, der über den drei heimlichen Bann Beteiligten gelegen. Hellmut, der innerlich außerordentlich
( Nachdruck verboten.)
aufgeregt war und sich befremdet fragte, was um Gottes willen die Veranlassung zu dieser kurzen, höchst befremdlichen Scene gewesen sein könnte, faßte sich zuerst und suchte mit einigen drolligen Redensarten, die freilich etwas erzwungen flangen, der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben: man sehe deutlich, daß er gar nicht mehr der Sohn" der Firma, sondern ein von derselben losgelöster, selbständiger Kausherr sei; früher habe er in seines Vaters Arbeitszimmer jederzeit unangemeldet Zutritt gehabt, jetzt hätte er sollen Hot- sumi mit feierlicher Meldung voranschicken: Hellmut Norden nebst Gemahlin bäten um die Ehre, samt ihren werten Gästen empfangen zu werden.
Norden senior stimmte in etwas unsicherem Ton bei, er nötigte seine Gäste höflich, Platz zu nehmen, und gestand ehrlich, daß er sich nicht ganz wohl gefühlt und Hot- sumi ausdrücklich aufgetragen habe, daß er ungestört zu sein wünsche,
daher seine leichte Verstörung und sein Aufschrecken beim Eintritt des Besuchs. Im übrigen sei ihm derselbe aber höchst willkommen, er verhindere ihn, hypochondrische Grillen zu fangen, wozu er leider in lezter Zeit, wohl infolge körperlicher Indisposition, bedenkliche Neigung zeige, er werde sofort Bill beordern, Erfrischungen zu bringen, und wenn seine geehrten Gäste solche so energisch zurückwiesen, so müsse man ihm wenigstens gestatten, die neuesten, soeben aus der Türkei eingetroffenen Zigaretten zu präsentieren, die ihm der Kapitän des„ Halbmond" als ganz etwas Exquisites angepriesen habe.
Letzteres Anerbieten wurde mit Dank angenommen, und gleich darauf saß man im Halbkreise bei einander, dampfte in lichtblauen Wölkchen das in der Tat vortreffliche türkische Kraut und plauderte über den Großhandel mit der Türkei und China, wobei der schlauen Findigkeit der Chinesen mit manchem erheiternden Beispiel Erwähnung geschah.
Am schwersten vermochte sich Hilda zu fassen. Ihr schien das eben Erlebte so ungeheuerlich, daß sie sich Gewalt antun mußte, um nur überhaupt ruhig zu ſizen. Sie sprach kein einziges Wort, sie fühlte, daß die Stimme ihr nicht gehorchte, daß sie in Tränen des Jammers, der ratlosen Verzweiflung ausbrechen würde, sobald sie versuchen mußte, zu sprechen. Ohne aufzublicken, saß sie da, die eiskalten Hände, deren Zittern sie mit aller Kraft unterdrückte, im Schoß gefaltet, die Zähne fest aufeinander gedrückt, während die indolente Sennora D'Vegas, eine leidenschaftliche Zigarrettenraucherin, durch Befriedigung ihrer Passion so angenehm gestimmt wurde, daß sie ganz animiert sprach und allerhand drollige Chinesengeschichten aus dem Schatz ihrer persönlichen Erfahrungen sie hatte einmal mit ihrem Gemahl eine Zeit lang in Hongkong gelebt zum besten gab. Nicht wenig trug zu ihrer guten Laune der Umstand bei, daß die schöne Deutsche, welche ihres spanischen Gatten leicht empfängliches Herz entzündet hatte, Japan in zwei Tagen auf immer verlassen sollte.
Draußen heulte der Monsun um das Haus in hohlen Stößen, und die Baumkronen wiegten sich rauschend hin und her. Die Natur stand im Aufruhr, wie Hildas Seele, die
Basel annover. öbius& Sohn


