Nr. 55.
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nicht noch einen Haken hätte. Ihrer Werbung ist ein anderer Herr schon zuvorgekommen, dem ich meine Zusage bereits gegeben habe"
" Ich weiß das," unterbrach Martin ihn, jener Herr muh und wird zurücktreten, weil Irma ihn nicht liebt."
Jedenfalls muß," fuhr Joachim Spangenberg achselaudend fort, diese Angelegenheit geordnet sein, ehe ich Ihnen eine endgiltige Antwort geben darf. Seien Sie über zeugt, daß ich Ihnen mit frohem Herzen die Zukunft meiner Tochter anvertrauen werde, wenn die Verhältnisse mir gestatten, in diese Verbindung einzuwilligen; gönnen Sie mir eine furze Frist, Sie sollen meine Antwort erhalten, sobald ich meine Entscheidung treffen_kann."
Martin sah ein, daß er mit dieser Antwort sich begnügen mußte, überdies lautete sie günstiger, wie er es erwartet hatte. Ottokar v. Weisweiler mußte ja zurücktreten, wenn Irma seine Werbung ablehnte, und dann war Joachim Spangenberg an sein Wort gebunden.
Wchlan, ich werde mich dieser Bedingung fügen müssen." sagte er, indem er sich erhob,„ ich glaube mit den besten Hoffnungen scheiden zu dürfen und will nun in Geduld Ihre Antwort erhalten."
" Ich werde Sie," erwiderte Spangenberg, ihm die Hand reichend, nicht lange warten lassen. Bis zu meiner definitiven Entscheidung aber muß ich um strenge Verschwiegenheit bitten, Herr Kassel, Gründe, die ich Ihnen jetzt noch nicht nennen fann, nötigen mich dazu, ich verlasse mich also auf Ihre Diskretion!"
Als der Juwelier sich verabschiedet hatte, trat Spangen berg mit nachdenklicher Miene an seinen Schreibtisch und zündete sich eine Bigarre an.
" In der Tat eine gute Partie!" sagte er leiſe.„ Kassel ist ein reicher Mann, während der Maler nur Schulden hat. Ein solcher Schwiegersohn könnte im schlimmsten Falle mir eine fräftige Stüge werden, von dem Hofmaler habe ich nichts zu hoffen, im Gegenteil, ich darf nur Ansprüche von ihm erwarten. Aber der Hofrat! Werde ich nicht seine Feindschaft herausfordern? Darf ich es wagen, das Wort zu brechen, das ich ihm gegeben habe? Und auf welcher Seite liegt für mich der größere Vorteil? Freilich kann ich Irma nicht zwingen, dem Maler das Jawort zu geben, für mich wäre dies die einfachste Entschuldigung, aber wird der Hofrat sie gelten lassen? Mir ist das alles sehr fatal, der schlaue Intrigant kann mich im Handum drehen am Hofe in Ungnade bringen, und gerade jetzt habe ich seine Freundschaft nötig. Ja, wenn Sabine v. Derendorf schon meine Gattin wäre! Dann könnte ich allem trogen, selbst der Ungnade des Fürsten!"
Er wanderte einigemal auf und nieder, seine grauen, buschigen Brauen zogen sich immer mehr und mehr zu sammen.
Die Werbung Kassels muß geheim gehalten werden," nahm er nach einer langen Pause wieder das Wort.„ Den Hofrat kann ich noch einige Tage hinhalten, inzwiſchen wird Sabine sich entschließen, von ihrer Entscheidung mache ich die meinige abhängig. Sieh da, alter Freund, ich dachte soeben an Sie!"
Er ging dem eintretenden Hofrat entgegen und reichte ihm die Hand, sein Blick ruhte dabei forschend auf dem hageren Gesicht, über das ein verschmitztes Lächeln glitt. „ Bringen Sie mir gute Nachrichten?" fragte er. Von wem?" scherzte der Hofrat, während er sich in einen Sessel niederließ und seine goldene Dose hervorholte. ,, Waren Sie nicht bei Fräulein v. Derendorf?" " Ich komme soeben von ihr."
,, Gab sie Ihnen nichts für mich mit?"
„ Leider nein, wir haben nur von dem gestohlenen Armband gesprochen. Es war sehr unvorsichtig vom Hofjuwelier, daß er den wertvollen Schmuck auf seinem Vadentisch stehen ließ, überdies hatte er auch keine Berechtigung, ihn jedem zu zeigen. Finden Sie das nicht auch?"
„ Ei nun," sagte Spangenberg mit einem ungeduldigen Achselzucken,„ diese Vorwürfe mögen gerecht sein, aber sie machen das Geschehene nicht ungeschehen. Was liegt denn an den paar Diamanten! Wenn Fräulein v. Derendorf meine Braut ist, werde ich ihr einen Schmuck schenken, wie keine andere Dame in unserer Stadt ihn besitzt!"
Der Hofrat nahm eine Prise und blickte mit hoch emporgezogenen Brauen erstaunt seinen Freund an.
„ Sie müssen sehr reich sein," erwiderte er.„ Wissen Sie auch, was ein solcher Schmuck kostet?"
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Frage zurück. Gat das Fräulein wirklich nicht von mir gesprochen? Ist gar feine Aeußerung gefallen, aus der ich die Hoffnung schöpfen könnte, daß ich das Jawort erhalben
werde."
Ich bedaure, Ihre Frage verneinen zu müssen," sagie der Hofrat, leicht das Haupt wiegend." Sie dürfen mir nicht zürnen, daß ich nicht die Rede auf Sie gebracht habe. Fräulein v. Derendorf scheint ihre Entscheidung noch nicht getroffen zu haben, und es läge nicht in Ihrem Interesse, ſie dazu drängen zu wollen."
" Da kann meine Geduld am Ende auf eine harte Probe gestellt werden!"
Hm, übermorgen bietet sich Ihnen die beste Gelegen. heit, diese Probe abzukürzen," erwiderte der Hofrat beruhi. gend, indes ſein Blick jeder Bewegung des Direktors folgte. " Fräulein v. Derendorf feiert übermorgen Ihr Geburtsfest. Bewaffnen Sie sich mit einem schönen Blumenbouquet und gehen Sie hin, bei dieser Gelegenheit fönnen Sie Ihre Werbung anbringen. Frau v. Gagern ist Ihre Freundin, sie hat es mir heute noch versichert, Fräulein Sabine weiß, daß der Fürst diese Verbindung wünscht, was wollen Sie mehr?"
Den versprochenen Adelsbrief, ohne den ich wohl nicht auf das Jawort rechnen darf."
„ Wenn Sie das glauben, so müssen Sie freilich sich ge. dulden, bis das Diplom unterzeichnet ist. Sie werden es jedenfalls erhalten, sobald Sie das Jawort haben, ich werde alsdann Durchlaucht an sein Wort erinnern. Berufen Sie sich nur auf dieſes fürstliche Versprechen, es wird eingelöſt werden. Erinnere ich Durchlaucht jetzt daran, so erhalte ich vielleicht eine ungnädige Antwort, und das werden auch Sie nicht wollen."
Joachim Spangenberg stand in Nachdenken versunken, ein harter, strenger Zug lag um seine Mundwinkel.
" Ich könnte mit meiner Festgabe dem Fräulein einen Brief schicken," sagte er nach einer geraumen Weile, indem er mit der Hand über seine Stirne fuhr,„ schriftlich läßt manches sich leichter und ausführlicher sagen; was meinen Sie dazu?"
Ich glaube, daß ich auch diesen Weg vorziehen würde," entgegnete der Hofrat.„ Schicken Sie den Brief ziemlich früh hin; da ich in das Geheimnis eingeweiht bin, wird Fräulein v. Derendorf oder Frau v. Gagern später wohl mit mir darüber reden. Vielleicht feiern Sie Ihre Verlobung noch an demselben Tage, es ist ja nicht undenkbar, daß Fräulein Sabine nur auf Ihre direkte Werbung wartet, um ihren Entschluß Ihnen mitzuteilen."
" Das ist allerdings sehr möglich," fuhr Spangenberg fort, dessen Antlitz sich nun wieder aufheiterte, ich werde den Brief heute noch schreiben, und ich hoffe, Sie bringen mir eine erfreuliche Antwort darauf.“.
„ Ich hoffe und warte auch noch immer auf eine Antwort von Ihnen," sagte der Hofrat, während er wieder in seine Dose hineingriff;„ hat Ihre Tochter sich noch nicht entschlossen?"
Joachim Spangenberg wandte das Antlitz ab, um dem forschenden Blick des Freundes auszuweichen.
Sie hat mir noch keine endgiltige Antwort gegeben," erwiderte er,„ indessen vertrauen Sie dabei auf mich. Zwingen fann ich Irma freilich nicht, Sie werden das ja auch nicht verlangen—“
„ Um feinen Preis!" unterbrach der Hofrat ihn rasch, und ein ironisches Lächeln umzuckte dabei seine schmalen Lippen.„ Aber Sie werden es uns auch nicht verdenken, wenn mein Sohn mit seiner Werbung warten will, bis er die Gewißheit hat, daß sie angenommen wird."
Durchaus nicht. Und sollte meine Tochter Ihrem Sohne gleichgiltig sein, was ja auch in der Möglichkeit liegt, so gebe ich Ihnen gerne Ihr Wort zurück."
" Dazu ist jetzt noch keine Veranlassung vorhanden." „ Auch auf meiner Seite nicht," erwiderte Spangenberg lebhaft, gewissermaßen als Antwort auf den befremdenden Blick des Hofrats, wir wollen uns gegenseitig nicht binden, vielmehr die Entscheidung der freien Entschließung unserer Kinder überlassen. Sind Sie damit einverstanden?" „ Das sieht aus wie ein Rückzug!"
Reineswegs, ich sage nur, daß unsere Kinder freie Wahl haben sollen! Wie sehr ich die Verbindung mit Ihrem Hause wünsche, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen." ( Fortsetzung folgt.))
des Familienlebens ist es namentlich, was die gemischten Keime des findlichen Herzens fördert oder Fridt; das Klima des Hauses, die erste Welt des Menschen, taun durch Beständigkeit, Wechsel, Sonnenschein der Liebe, Gewölf der Sorge, Wärme des Gemüts, Kälte des Herzens, Sturm der Gefühle und Frieden im Leben aus ebenso vielen alltäglichen Ursachen, wie das Jahr, das Blüten treibt, und ein anderes, das keine Frucht ansetzt, die Keime der Kindesscele treiben oder ruhen lassen, Weizen oder Unkraut fördern.
Darja.
Novellette von Clara Nast.
( Fortsetzung.) ( Nachdruck verboten.) ,, Wer kann sagen, was morgen wird sein," murmelte sie.„ Aber man darf nie die Hoffnung verlieren.“
" Ja, dann wirst du wohl tun müssen, was der gnädige Herr wünscht," meinte der Bursche und löste die Arme des Mädchens von seinem Halse.
Darja wandte das tränenüberströmte Gesichtchen bald den Pflegeeltern, bald Jedja zu. Sie konnte es gar nicht fassen, daß diese Menschen sie ziehen lassen wollten, die ihr bisher nur Liebes erwiesen hatten, und denen ihr ganzes Herz gehörte.
Wie, ist es denn wirklich möglich?" murmelte sie völlig vernichtet.
„ Wir wollen ja alle nur dein bestes, Darja. Fühlst du das denn nicht?" sagte Schukow und legte seine Hand auf ihre Schulter.
Ein Schauer durchrann ihren Leib. Sie duckte sich scheu zusammen und schlich in einen Winkel.
Als Alexander Iwanowitsch das Gemach verlassen hatte, näherte sich Fedja dem Mädchen.
Du solltest nicht so weinen!" meinte er.„ Zwei, drei Jahre sind ja keine Ewigkeit. Bedenke, wenn du wiederfommst, können wir ein Herrenleben führen."
Sie richtete sich matt empor.
Nun denn, in Gottes Namen! So will ich denn gehen, weil du es willst," flüsterte sie.„ Aber ich bitte dich, gedenke meiner, bleibe mir treu!"
„ Bin ich denn einer, der jeder Schürze nachläuft?“ fuhr er auf.
Nein, nein, aber die Mädchen sehen gern nach dir besonders Atulina. Ach, wenn du mich vergessen
könntest!"
Alexander Iwanowitsch ſtrich, heimgekommen, zufrieden lächelnd, den langen Schnurrbart.
Ist sie erst ein halbes Jahr in Petersburg, so wird sie sich den Teufel mehr um die Steppe, die armselige Hütte und den langen Bengel scheren, dachte er.„ Aber immerhin könnte es gewiß nichts schaden, wenn ich, um mich ihrer noch mehr zu versichern, eine kleine Unterredung mit Afulina hätte," fügte er halblaut hinzu.„ He, Prochor!" rief er ins Haus hinein.
Der in kleinrussischer Tracht steckende Diener erschien auf der Schwelle.
„ Schicke sofort Akulina hierher," gebot Alexander Iwanowitsch dem Burschen, dann begann er pfeifend auf der Veranda auf- und abzuschreiten.
Akulina kam. Sie war klein und rundlich. Ihr Gesicht war nicht häßlich, aber gewöhnlich, und der Blick ihrer ein wenig schiefgeschlitzten Augen hatte etwas Lauerndes.
Schukom sprach im Flüsterton zehn, zwanzig Minuten mit dem Mädchen, dann kniff er sie leicht in die volle Wange und versette ihr mit der anderen Hand einen Schlag auf die Schulter.
Ich sehe, daß du mich verstehst," sagte er befriedigt. ,, Verlaẞt Euch ganz auf mich, gnädiger Herr," erwiderte Afulina. Mit diesem Arkan*) will ich den wilden Hengst schon einfangen." Sie hob die Hand, schwenkte sie hin und her und blickte die Papierscheine, die sie in derselben hielt, mit Wohlgefallen an.
Als am anderen Morgen die Sonne emporstieg, verließ ein aus falben Rossen bestehendes Dreigespann den Hof.
*) Riemenschlinge, dem Lasso gleich.
Die schwarzen, gewellten Schweife peitschten den Boden, die Glöckchen am Kummet flangen hell durch die unbewegte Luft. Darja stand aufrecht im Wagen.
Eine Hand auf Schukows Schulter geſtüßt, schaute sie noch immer rückwärts, obwohl die Heimat schon lange in der Ferne verschwunden war.
Alexander Iwanowitsch versuchte sie endlich auf seine Knie herabzuziehen, aber sie stieß ihn heftig mit beiden Händen gegen die Brust.
" Ich mag Euch nicht folgen!" rief sie verzweifelt.„ Ich will nicht singen lernen! Ich brauche Euer Geld nicht und will auch da draußen feins verdienen! Bringt mich zurü - nach Hause zu Fedja!"
„ War es nicht sein Wunsch, daß du mit mir gingst?“ sagte Schukow leise aber eindringlich.
Da brach sie in Tränen aus und sank kraftlos an ſciner Seite nieder.
Nun ist sie fort," sagte Akulina und trat auf Fedja zu, der vom Tore aus dem Gefährt nachschaute.
„ Ja, aber sie wird wiederkommen," erwiderte er zuversichtlich.
„ So, meinst du?" Um Akulinas volle Lippen spielte ein" spöttisches Lächeln.„ Vielleicht gefällt es Darja auch in Piter*) so gut, daß sie die Heimat vergißt."
Schwazze nicht Unsinn!" rief Fedja und ballte drohend die Rechte.
„ Hast du denn noch nie gehört, daß es in Piter so schön sein soll, wie im Himmel?" fuhr Afulina unerschrocken fort. " Ja, einmal sagte mir sogar jemand, es wäre noch schöner bort."
„ Du bist freilich dumm genug, so etwas zu glauben," meinte der Bursche gedrückt.
Bin ich dumm, so bin ich doch noch lange nicht so einfältig wie du, denn ich glaube nicht daran, daß Darja dir treu bleiben wird," versezte Akulina schlagfertig.„ Alexander Iwanowitsch ist ein gar stattlicher Mann."
„ Du vergiß, daß er Darjas Vater ſein könnte!" „ Aber er ist es nicht. Und außerdem gibt es in Piter ja auch junge Leute; mehr als hier. Wenn ihr der gnädige Herr also nicht gefällt, so", sie schwieg und hob mit vielsagender Miene die runden Schultern. Dann ließ sie sich plötzlich ins Gras niedergleiten und holte aus dem Mieder einige Rubelscheine hervor, die sie sorgfältig, ja beinahe liebevoll auf den Knien glatt strich.
„ Was hast du denn da?" fragte Fedja, von oben auf das Mädchen herabschauend.„ Zehn, zwanzig, dreißig Rubel-"
" Ja, nicht wahr, so etwas siehst du nicht alle Tage. Das hat mir der gnädige Herr gegeben, weil ich das Essen zu seiner Zufriedenheit bereitet habe," prahlte Akulina.„ Er ſagte, er hätte ſeinen Koch durchaus nicht vermißt."" Sie faltete die Scheine sauber zusammen, schob sie wieder in das Mieder und erhob sich.„ Und weißt du auch, was er mir versprochen hat? Eine schöne Aussteuer und viertausend Rubel will er mir geben, sobald ich heirate. Ja, ja, gloze mich nur an! Jezt bin ich ein reiches Mädchen, du. Dein Freund Danilo geht mir schon lange nach. Vielleicht greife ich endlich zu."
Darja soll übrigens auch vom gnädigen Herrn ausgesteuert werden, das heißt, wenn sie wiederkommt, aber nur mit zwei- bis dreitaufend Rubeln."
Da bist du besser dran," sagte Fedja.
Akulina zeigte lachend ihre hübschen Zähne. Der Bursche blieb vor ihr stehen.
Vielleicht kehrt sie wirklich nie mehr zurück," kam es endlich zweifelnd über seine Lippen.
" So glaubst du also auch nicht mehr daran?" sagte Afulina und ging davon.
Wohin willst du?" rief er ihr nach.
" Zu einem, der flüger ist, wie du, zu Danilo," versetzte sie, ohne zurückzublicken, im Weiterschreiten.
„ Das wollen wir doch sehen!" rief er hitzig und vertrat ihr den Weg.
Afulina lächelte listig.
" Ja, warum sagtest du denn nicht gleich, daß du es lieber sieht, wenn ich ihn nicht aufsuche?" flüsterte sie. ( Schluß folgt.)
*) Volkstümlicher Ausdruck für Petersburg.


