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der Dunkelheit abwarten müssen. Proviant haben wir bei

uns, und lieber verzehre ich mein Abendbrot im Freien, als hier in diesem Bauernstall."

Das steht dir ja frei," erwiderte der Baron unmutig, ,, ich wiederhole, daß ich hierbleibe." Mit diesen Worten schritt er dem kleinen Bauernhause zu, und der Graf folgte ihm, wenn auch mit offenbarem Widerwillen, während der Kutscher die Pferde ausspannte und in den Stall führte,' wo ihnen ein reichliches Futter vorgelegt wurde.

In dem besten Zimmer, in welches die Herren eintraten, war der einfache Kienholztisch mit einem sauberen, schnee­weißen Tafeltuch gedeckt, und nicht allein die Teller, Messer, Gabeln und Löffel, sondern das ganze Zimmer waren pein­lich sauber gehalten, wenn auch sehr einfach ausgestattet, der Ofen verbreitete eine wohltuende Wärme.

Hier ist es gemütlich," sagte der Baron freundlich zu der Bäuerin, nachdem diese die hohen Herren ehrerbietig begrüßt.

Der Graf ließ seine Blicke mit verächtlichem Ausdruck umherſchweifen und sagte kein Wort.

In ungezwungener Weise langte der Baron zu, nachdem die schmackhaft bereiteten Speisen aufgetragen, und speiſte mit dem größten Appetit, während er Graf nichts anrührte und sich von seinem Diener einiges von dem im Wagen mit­geführten Proviant reichen ließ.

" Feodor," sagte der Baron, nachdem das Mahl beendet und die Zigarren angezündet, du wartest hier doch bis zum Abend auf die Forstbeamten. Ich will indes versuchen, ob ich nicht in dieser Zeit einige Wölfe erlegen kann."

Wölfe," sagte der Graf verächtlich, das ist doch kein Spaß, Wölfe erlegt der simpelste Bauer!"

,, Allerdings," sagte der Baron, der Bauer, obwohl er feine Feuerwaffen hat, wehrt sich tapfer gegen die Verderber seiner Herden, umsomehr ist es Pflicht der waffentragenden Edelleute, die ärgsten Feinde des Bauern, Raubtiere jeder Art, auszurotten. Ich gehe, Christoph, willst du mich be­gleiten?"

Zu Befehl, Euer Gnaden, ich folge," sagte Werner freudig.

Hier nimm meinen Revolver," meinte der Baron, ich habe mein Jagdgewehr."

,, Kann das Ding nicht handhaben, Euer Gnaden," sagte der Bauer, ich nehme die schwere Art hier, und damit greife ich jede Bestie an."

Nun gut, dann komm."

Die beiden brachen auf, und als sie sich von dem Hause soweit entfernt, daß ihre Worte nicht verstanden werden konnten, sagte der Baron: Christoph, ich will die Bären­höhle aufsuchen und einen jungen Bären lebendig fangen. Führe mich auf die Spur und hilf mir. Wir wollen am Abend die Forstbeamten auslachen, wenn wir mit unserer lebendigen Beute und dem Fell des alten Bären zurückkehren, ehe sie zur Jagd aufgebrochen find."

Zu Befehl, Euer Gnaden," erwiderte Werner, aber bor Einbruch der Dunkelheit oder wenigstens der Dämmerung werden wir nicht ans Werk gehen können."

Bald waren die beiden zu der Stelle gelangt, wo der Bär die Kuh überfallen und fortgeschleppt hatte. Vom Jagd­eifer heftig erregt, folgten sie der selbst für ein ungeübtes Auge deutlich erkennbaren Fährte, die von der Viehweide zum Walde führte. Durch dichtes, wild verwachsenes Unter­holz sich mühsam durcharbeitend, gelangten die Jäger zu einer von Kiefern und Tannen bewachsenen Hügelkette.

Wir sind am Ziel," sagte Christoph, auf eine mit_ab­genagten Tierfnochen bedeckte Stelle deutend. Hier müssen wir bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Dort drüben, in der Höhle des gegenüberliegenden Hügels, ist das Lager der Bärenfamilie. Wir wollen hier auf diesen Baum steigen und warten, bis die Bären auf Raub ausgehen. Wenn wir dort oben sizzen, verbirgt das dichte Blätterwerf uns den scharfen Augen der Tiere, und wir sizzen so hoch, daß die Bären keine Witterung bekommen können."

In wenigen Augenblicken hatten beide den bezeichneten Baum erstiegen. Stunde auf Stunde verging, und schließ lich begann es auch noch zu regnen. Der Baron schalt nicht wenig über das schlechte Wetter, aber der erfahrene Christoph sagte: Um so besser, der Regen hindert die Bären, uns zu wittern." ( Schluß folgt.)

Der

Hausdoctor

Die Gefahren der Schokhunde. Die Liebhaberei, namentlich unserer Damenwelt, sich mit Schoßhündchen zu amüsieren, liegt tief im menschlichen Gemüt be­gründet. Aber in dieser Liebhaberei liegt große Gefahr, und ge­rade neuerdings, wo man sich gelegentlich der Schoßhund- Aus­stellungen für diese Tierchen intereffiert, ist es angebracht, darauf hinzuweisen. So lächerlich es auf den ersten Blick erscheinen mag, bedeuten die kleinen Schoßhunde für die Menschheit eine weit höhere Gefahr, als die großen Jagdhunde, Schäfer-, Doggen-, kurz alle Gebrauchshunde zusaminen, ohne daß sie auch nur ent­fernt den Nutzen der letzteren hätten. Der große Hund ist bei weitem nicht so intim mit dem Menschen als der Schoßhund, der- leider von seiner Herrin so oft gefüßt wird. Und nicht nur von seiner Herrin, sondern auch deren Freundinnen und Besucherinnen. Es wäre nun ein Wunder, wenn hierunter nicht eine oder die andere Person mit Tuberkulose behaftet wäre. Entweder geht nun diese Krankheit auf das Hündchen über und dieses steckt Menschen an, oder ihm bleiben Bazillen in den langen Haaren hängen, welche die meisten Schoßhündchen besitzen, und werden von hier aus weiter getragen.

Es gibt aber noch andere Gefahren, die ein zu intimer Ver­kehr mit Schoßhunden mit sich bringt. In der Leber, seltener den Lungen verschiedener schlachtbarer Haustiere sitzen zuweilen Bläschen von verschiedener Größe, die sog. Echinococcen. Ez sind dies Finnen eines Bandwurmes, der beim Hunde schmarott. Wenn nun ein Hund Gelegenheit hat, halbgare, oder wohl kranke Leber zu verzehren, so entwickelt sich bei ihm der entsprechende Bandwurm. Und tatsächlich sind unsere Hunde aller Rassen wahre Herbergen von Bandwürmern. Damit sett nun die Gefahr für den Menschen ein. Die letzten, reifen Glieder des Band­wnrmis gehen mit und ohne den Kot des Hundes ab, sie bleiben am After sitzen. Hier platzt das Bandwurmglied, die Eier werden über den ganzen Körper des Hündchens zerstreut, besonders auch durch Lecken in die Gegend des Maules gebracht. Bei der Klein­heit der Eier gelangen sie dann leicht beim Kuß zc. in den Mund des Menschen und von hier in den Magen. Sie machen dann eine Wanderung nach der Leber resp. Lunge und entwickeln sich hier zu großen Geschwülsten, den Echinococcen. Mancher arme Mensch hat an diesem Leiden qualvoll endigen müssen.

Es gibt noch verschiedene andere Gefahren, die der allzu intime Verkehr zwischen Hund und Mensch mit sich bringt, aber wir können hier niu, t alle aufzählen. Nur eins sei erwähnt- bei Tollwut hat gerade der Schoßhund am besten Gelegenheit, den Menschen zu verwunden, da gerade hier niemand an die Ges fahr glaubt. Um sich vor der Gefahr zu schützen, wende man folgende Maßregeln an: 1. Vermeidung zu intimen Verkehrs mit Hunden, wie es besonders bei Schoßhunden Sitte ist.- 2. Ver­abreichung nur gar gekochten oder gar gebratenen Fleisches. 3. Strengste Kontrolle des Schoßhundes durch einen Tierarzt. In kurzen Zwischenräumen muß eine Untersuchung auch an­scheinend ganz gesunder Schoßhunde erfolgen. Eventuell ist die Bandwurmkur vorzunehmen.

Die ,, Vererbung" in der Ehe. Unsere Ansichten über Ver­erbung bedürfen noch sehr der Klärung. Wenn tatsächlich sich Krankheiten wie Schwindsucht, Trunksucht. Geistesstörung stets vererben und zur Erzeugung entarteter Nachkommen Veranlassung geben würden, so müßte die gesamte Welt schon längst entartet sein. Denn wer von den jetzt Lebenden zählt nicht unter seinen Vorfahren derartig schwer Kranke? Glücklicherweise wird durch zweckmäßige Ehen den entarteten Geschlechtern stets neues Blut zugeführt und so der Stamm wieder aufgefrischt. Ehen unter Verwandten sind ja deswegen so schädlich, weil die Gefahr besteht, daß minderwertige Anlagen der Eltern bei den Kindern sich in erhöhtem Maße geltend machen. Das gilt sowohl von körper­lichen wie von geistigen Anlagen. Allerdings kann auch der Fall eintreten, daß die hervorragenden Anlagen der verwandten Eltern in den Kindern in außerordentlich gesteigerter Weise zum Vorschein kommen. Dann entstehen Wunderkinder, Genies, wie sie nun äußerst selten einmal erscheinen. Aber das bleibt doch immer ein Experiment, das in seltensten Fällen nach Wunsch ausfällt.

Nr. 27.

Donnerstag, den 4 Februar

1904.

Oberhessische Familienzeitung.

Cägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Bend Berlag ber Stoßener Berlagdbruderet, vorm Wilh. Reller'sche Buchbruceret( gegr. 1789); sesenta#le

( 24. Fortsetzung.)

Der Beuge.

Roman von Marie Bernhard.

Dann weht abkühlend der sanfte Wind auf und seufzt melodisch in den Zweigen, sacht schließen die ängstlichen Blumen ihre verschlossenen Kelche auf, es regt sich im Grase, es flüstert in den Büschen, perlend sickert der Tau nieder auf die gebeugten Halme, es wacht und bebt in der Tier­und Pflanzenwelt, die ermattende Hitze weicht wohligem Genießen.

Das ist die Stunde auch, da im Menschenherzen die Sehnsucht aufwacht und um sich sieht mit bangendem Er­warten. Wer heimwärts denkt, dem weitet sich die Seele in unnennbarem Schmerz, wer einen herben Verlust er­litten, jetzt kommen ihm die Tränen, wer Groll und Bitterfeit mit sich trägt, jetzt fühlt er sich geneigt, zu ver­zeihen, wer einen Funken nur von Poesie im Busen trägt, dem muß er sich entzünden im träumerischen Zauber dieser Nächte! Wohl dem, der sein Liebstes dann neben sich hat und es sein eigen weiß für immer!

Ganz spät in der Nacht langte der Zug von Tokio in Yokohama an, man begab sich nach raschem Abschied sogleich zur Ruhe. Als Norden senior seinem Sohn zur guten Nacht die Hand reichte, hieß dieser den mit dem Armleuchter wartenden Hot- ſumi ſich entfernen und begann hastig, mit niedergeschlagenen Augen:

Ich weiß nicht, ob du weißt, Vater, was heute.. Wissen? Nein! Aber ich ahne es! Wenn aus nichts anderem, so aus der Mitteilung, die mir der Baron Va­nescu wie beiläufig machte: er gedenke, morgen schon mit seinem Freunde nach Kalkutta zu gehen! Ich sprach in dis­freter Weise mein Erstaunen und meine Annahme aus, sie wünschten Japan gründlich fennen zu lernen und würden einen längern Aufenthalt in Yokohama nehmen, allein der ungariſche Herr ſagte noch einmal kurz und ohne sich Gründe abtroßen zu laſſen, ſie gingen nach Kalkutta. Ich schwieg, aber dachte natürlich das meinige. Es lag auf der Hand, weshalb der Baron hierher gekommen war; er hat sich offen­bar von von Fräulein Ermshagen eine unerwünschte Antwort auf seine Anfrage geholt, und sein Interesse für Japan ist somit erloschen."

" Du hast recht gesehen: er hat eine Zurückweisung von Hilda erfahren, und

Nun? Und?"

" Und ich habe ihr Jawort erhalten!"

Es blieb eine Weile still. Der Vater zog den Sohn nicht an seine Brust, er tat auch keinen Ausruf des Erstaunens, der Freude. Nichts regte sich, es war, als stünde in dem ganzen Hause der Atem still.

,, Vater!"

In Hellmuts Stimme bebte Unmut und Schmerz! Was war dies Unbegreifliche, das zwischen ihnen stand? " Hellmut nun, du weißt ja, dein Glück ist meine einzige Sorge, der ganze Zweck meines Lebens, da braucht

es ja wohl feines formellen Glückwunsches!" " Formell? Nein, Vater, nein, den möcht' ich nicht!" ,, und darum- darum also

Seine falte, schlaffe Hand nahm die des Sohnes und versuchte, sie herzhaft zu schütteln. Hellmut wandte sich rasch ab, ihm schnürte sich das Herz zusammen.

( Nachdruck verboten.)

Das war der einzige bittere Tropfen im Freudenkelch dieses glückseligen Tages.

Siebentes Kapitel.

Die hübsche englische Jacht der zwei ungleichen Freunde hatte richtig schon im Lauf des folgenden Tages die Anfer gelichtet und war nach Kalkutta abgedampft, was", wie der alte Koßmann mit einer Art ingrimmiger Schaden­freude zu sich selbst bemerkte, um diese Jahreszeit auch' ne wunderhübsche Gegend ist! Der abgeblikte Freier mitsamt dem Milchzwieback mag sich hüten, daß sie dort beide nicht das gelbe Fieber attrappieren; nun, meinen Segen haben die Herren! Ich sagte es ja, neben unserem Junior kommt sobald kein anderer auf, und nun gar so ein dürrer, spindel­beiniger Ungar und solch ein steifleinenes Exemplar von Eng­länder mit dem Ladestock im Kreuz! Sie hat einen guten Geschmack bewiesen, die schöne Hilda, und sich selbst heillos zum Vorteil verändert! Es tut einem wohl und weh zu­gleich, unser glückseliges Brautpaar zu sehen; woh I, weil es wirklich ein Anblick iſt, der das Herz im Leibe lachen läßt und man ihnen beiden ihr Glück gönnt, und weh, weil man sich sagen muß: So kann es nicht dauern, so kann es nicht bleiben! Die Götter sind neidisch, sie gönnen den Sterblichen nicht solches Los!"

Ja, glückselig waren sie in der Tat, die beiden! Das weite, stattliche Haus, wie es da inmitten des herrlichen grünen Parkes stand, schien wie in ewigen Sonnenschein getaucht zu sein. Hellmut war kaum mehr für das Geschäft zu brauchen! Lachend räumte er dem Thronfolger" und fünftigen Schwager, mit dem ihn das herzlichste Verhältnis verband, alle Vollmachten ein, ließ ihn disponieren und abſchließen, annehmen und zurückweisen, ganz nach seinem eigenen Belieben und widmete sich ganz seiner Braut. Es ist wirklich ein Glück," bemerkte Walter Ermshagen einmal in philosophischem Ton, daß ich ein leidlich guter Kauf­mann und zudem ein anständiger Kerl bin, ich könnte dich ſonſt in größter Seelenruhe übervorteilen und den Profit in meine Tasche gleiten lassen, ohne daß du das mindeste da­von merktest, mein guter Hellmut! Das sehe ich schon: ein glücklicher Bräutigam ist für geschäftliche Unternehmungen verloren; ich hoffe, als Ehemann machst du das alles wieder gut, sonst wäret ihr schlecht dran, du und Hilda!"

Diese kleine Standrede hielt Walter, in seinem Wohn­zimmer am Fenster stehend, während Hellmut ihm gegen­über in einem Rohrsessel lehnte und auf Hilda wartete, die sich umkleidete, um einen Abendspaziergang mit ihrem Ver­lobten zu machen; es war kurz vor Sonnenuntergang.

Hellmut hatte vor sich hingesonnen, jetzt hob er den Kopf und sagte lebhaft: Dafür, daß Hilda nicht schlecht dran iſt, fannst du getrost mich sorgen lassen, ich wäre ja ein barbarisches Ungeheuer, wenn ich es ihr an irgend etwas wollte fehlen lassen, und glaub' du es mir, mein Geschäfts­ſinn, den du mir auch nicht abstreiten fannst, wird sich schon wieder finden, wenn ich erst verheiratet bin! Als Bräutigam, was ist man da? Nicht Fisch und nicht Fleisch), und zu­

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