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EINST UND JETZT

Ein könig'iches Handbillet.

Es ist wirklich nicht gleichgültig, ob man einen König oder nur einen gewöhnlichen Sterblichen zum Paten hat. Namentlich junge Schauspieler können bei ihrer Geburt nicht vorsichtig genug in dieser Hinsicht sein, denn eine solche könig­liche Gevatterschaft kann ihnen einst sehr von Nutzen sein, wenn sie aus dem Fache der Säuglingsrollen" in die älteren Fächer der jugendlichen Liebhaber und ersten Helden über­gehen. Für die Unanfechtbarkeit dieser Behauptung ist kein besseres Beugnis anzuführen, als der berühmte Schauspieler Friedrich Haase.

Dieses große Glückskind war schon bei seiner Geburt vom Glücke begünstigt.

Als Sohn des Kammerdieners Friedrich Wilhelms IV. am 1. November 1829 im Schlosse zu Berlin geboren, er­hielt er unmittelbar nach seiner Geburt den Besuch einer Ge­sellschaft von Musen und Grazien, die allerlei kleine Paten­geschenke in seine Wiege legten. Etwas später kam auch der König( damals noch Kronprinz) und wurde Pate des Neugeborenen. Er würdigte ihn fortwährend seiner Huld und Gnade, gab ihm, als seine schauspielerischen Neigungen lebendig wurden, Ludwig Tieck zum Lehrmeister und war auch sein Protektor, als die Zeit gekommen war, die ihn aus der Theorie in die Praxis seiner Kunst überführen sollte. Weimar wurde als erste Etappe der theatralischen Laufbahn Friedrich Haases ausersehen. Mit dem väterlichen Segen des Meisters und einem empfehlenden Handbillet des Königs an den Großherzog von Weimar in der Tasche, zog der jugendliche Mime an einem schönen Wintertage des Jahres 1846, im Alter von 17 Jahren, die Brust von Hoffnungen geschwellt, hin nach der klassischen Residenz an der Ilm. Nach mehrtägiger Fahrt mit der Post langte er daselbst an, und sein erster Weg war nach dem Theaterbureau. Ein alter Beamter, welcher im Vorzimmer des Intendanten sich be­fand, empfing den blöden und schüchternen Jüngling, welcher bescheiden sein Anliegen vorbrachte. Es ist ganz un­möglich, hier engagiert zu werden, alle Fächer sind besetzt." So lautete der niederschlagende Bescheid. In seinen jungen Hoffnungen geknickt, stand der Berliner Menschendarsteller da, und der alte Herr hatte noch so viel Mitleid mit ihm, um von seinem Dasein dem Intendanten wenigstens Kunde zu geben. Aber durch die halbgeöffnete Tür konnte unser armer Held aus dem Munde des Intendanten nur die Be­stätigung seines Schicksals vernehmen. Keine Idee, gar nicht daran zu denken, alle Fächer besetzt!" so tönte es, kurz und schroff abweisend, zu ihm heraus, noch bevor jener Be­amte es ihm verkündete, und Verzweiflung im Herzen wandte er sich zum Gehen. Was soll ich nun aber mit dem Hand­billet anfangen?" fragte er mit bewegter Stimme den alten Herrn. Was für ein Handbillet?" ,, Nun, das, welches ich vom Könige mitbekommen habe. Wa. was vom... vom Könige haben Sie ein Handbillet und an wen?" rief, mühsam nach Luft schnappend, der ganz aus der Fassung gebrachte Beamte." Nun, an den Groß­herzog." Vom König ein Handbillet an den Großherzog?! D, warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt, verehrter Herr."

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Und wie umgewandelt bot der plötzlich von heillosem Re­spekt ergriffene Beamte unserem vorher kaum beachteten Mi­men einen Stuhl und eilte mit dem erbetenen Handbillet" unter tiefen Bücklingen zurück zum Intendanten.

,, Ah, freue mich unendlich, ganz unendlich, das Ver­gnügen zu haben," rief der Herr Intendant, mit dem freund­lichsten Gesicht von der Welt unverzüglich aus seinem Bureau tretend und dem jungen Schauspieler die Hand schüttelnd. " Hab' schon viel schönes von Ihnen gehört, mein Bester, recht viel schönes; freue mich wirklich ganz ausnehmend. Werde Serenissimus das Handbillet überreichen, sollen Nach­mittag Audienz haben, werden ganz gewiß engagiert, teurer Freund, ganz gewiß, au revoir!.

Ob dieser Herr Intendant ein Nachkomme des seligen Hofmarschalls von Kalb gewesen, habe ich trotz der eifrigsten genealogischen Forschungen nicht zu ergründen vermocht; Tatsache ist: das königliche Handbillet hatte Wunder ge­wirkt. Noch selbigen nachmittags erhielt Haase beim Groß­

herzog Audienz und, trotzdem vorher kein einziger Plat unbesetzt war", sofort auch Engagement. Das war der Be­ginn der theatralischen Karriere Friedrich Haases.

*

Bunte Blätter.

Das erste Pferd auf der Bühne. Corneilles Tragödie Andro meda, welche im Jahre 1650 zum erstenmale in Paris über die Bretter ging, erheischte einen Pegasus, den man durch ein wirk> liches Pferd, dem man Flügel angeklebt hatte, darzustellen beschloß. Um nun aber das Dichterroß recht mutig und feurig erscheinen zu lassen, bediente man sich folgenden Kunstgriffes. Man ließ es erst recht hungern, und als es auf der Bühne erschien, wurde ein Statist in die Kulissen gestellt, der Hafer schwingen mußte. Das Pferd geberdete sich nun ganz nach Wunsch und soll durch die muster­hafte Durchführung seiner Rolle nicht wenig zum Erfolge des Stückes beigetragen haben. Das war das erste Pferd auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Unter seinen Nachfolgern sollen wenig gewesen sein, die in ihrer Rolle so ganz an ihrem Plak"

waren.

Einseitig. Eine für den Dichter Uhland und seine bekannte knappe Weise sehr charakteristische Anekdote wird uns mitgeteilt. Der betagte Meister war mit seiner Frau eines Abends bei dem ,, alten Schott" in Stuttgart, und gab sich im Gespräch allerlei pessimistischen Grörterungen hin, an deren Schluß er bei der ewigen Wahrheit anlangte:" Jedes Ding hat eben seine zwei Seiten." Da unterbrach ihn seine treue Gattin lächelnd mit den Worten: ,, Ein Ding hat aber doch nicht zwei Seiten." Und das wäre?" fragte Uhland verwundert. Deine Brief', die haben alleweil nur eine Seite."

Merkwürdiger Standeswechsel. Amadeus VIII. von Sa bohen, den seine Zeitgenossen den zweiten Salomo nannten, er­lebte wohl den merkwürdigsten Standeswechsel, den je ein ge= fröntes Haupt erfuhr. Von 1391-1416 regierte er als Graf; Kaiser Sigismund erhob ihn 1416 zum Herzoge; 1434 legte er die Regierung nieder und ging zu Ripaglia ins Kloster, wo er den Orden des heiligen Mauritius stiftete. Als 1439 das Baseler Konzil den Papst Eugen IV. absetzte, wurde Amadeus VIII. zum Papste erwählt und bestieg als Felix V. den heiligen Stuhl, den er nach 1449 Nikolaus V. freiwillig überließ. Er blieb dann bis zu seinem Tode 1451 Kardinal, war also 25 Jahre Graf, 18 Jahre Herzog, 5 Jahre Mönch, 10 Jahre Papst und 2 Jahre Kardinal.

Selbstguillotiniert. Ein Amerikaner, namens Pillsbury, hat sich vor einiger Zeit in seiner Wohnung zu Chelsea( Massachusetts) bermittelst einer von ihm erbauten Guillotine auf die sinnreichste Weise vom Leben zum Tode befördert. Diese Guillotine unter­schied sich von der in Frankreich üblichen durch eine selbsttätige Nebenvorrichtung, welche an der Maschine zu dem Zwecke angebracht war, das Fallbeil nach einigen Minuten zum Niederfallen zu bringen. Das todbringende Werkzeug wurde nämlich durch eine, mit Wasser gefüllte lecke Gießfanne im Gleichgewicht erhalten. So bald ein Teil des Wassers abgelaufen war, überwog die Schwere des Fallbeiles, und dieses tat nun in einem Nu seine Schuldigkeit.

Namen der Trinkgefäße. Im Gegensaße zur Auffassung des antiken Kulturlebens, welches Personen zu Sachen herabwürdigt, erhob germanische Gesittung Tiere und Sachen durch Beilegung von Eigennamen in das Bereich einer gewissen Persönlichkeit. Die altdeutsche Tierfavel belegt dies mit vielen Beispielen, und Häuser, Schiffe, Geſchütze, Schwerter, Glocken und Trinkgefäße verdanken von früher Zeit her deutschem Sinn und Wizz bezeichnende Eigen­namen. Wir wollen hier nur in kleiner Auswahl unseren Lesern solche mitteilen, mit welchen der Frohmut wackerer Trinker Pokale, Humpen und Kannen bezeichnete, die den edlen Stoff für gemütliche und für feierliche Gelage hergaben. Daß die Beilegung eines solchen Namens in einem festlichen Akte durch eine Taufe" statt­fand, die durch eine angemessene humoristische Rede inauguriert wurde, soll hier nur ganz kurz angedeutet sein. Unter den Namen, welche sich durch geistreiche oder wißige Bezüglichkeit einer Ueber­lieferung würdig gemacht haben, finden wir an Humpen, Pokalen und Bechern aus edlen Metallen: Willkomm Trußgram Freudhold Allwert ( Stehauf) Netegaum Grüßgast Runde herumgeht) Durstgram aufhebt) Löschbrand

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Wendunmut

Allenrecht Stülpum Gerundium( der in der Hebenstreit( der den Streit Suffolk Klagefurt Labegern Nothelfer Sangwinicus( Sang, Wein, Kuß Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang 2c.) Maulbronn Hietrint( Hi trink).

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Mr. 123

Freitag, den 3 Junt.

1904.

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerci, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

(( 12. Fortsetzung.).

Die

Rache ist mein.

Driginalroman von Ottomar Beta

Einige Raujacken, die in Hörweite dieses Gesprächs stan­den, stimmten einen höhnischen Chorus an, in welchen bald die gesamte Armee von Arbeitern mit einstimmte, und ein rohes Gewirr von gebrülltem Gesang und schallendem Ge­lächter hallte dem mißliebigen Napoleon" nach, während er den Ort verließ.

Er fuhr, ohne sich von seiner Mutter zu verabschieden, in die Stadt und stürzte in das Fiebigerſche Bureau. Stöberer!"

Dieser war in Akten vertieft und sah ihn wie aus weiter Ferne fremdartig an.

,, Was geschieht, wissen Sie nicht?"

" Zwar alles weiß ich nicht, doch viel ist mir bewußt," zitierte dieser.

,, Wo ist dieser alte... dieser..."

,, Der Herr Justizrat? Verreist mit dem Frühzuge hat mir nur ein paar Zeilen hinterlassen nicht einmal wohin.'

,, Und dieser Amerikaner?"

indifferent, weiß

Herr Staudius ist ausgezogen in den Speicher, die alte Siederei, die Riek gepachtet hat. Uebrigens, Ihre Frau Mutter hat die Hypothek gekündigt, die auf das Staudius­sche Haus, Herr Moriß. Ich war, wie Sie wiſſen und wünſch­ten, gestern früh draußen, um mit ihr abzurechnen, und da fie Ihren Intentionen gemäß von mir erfuhr, daß der junge Staudius hier Aufnahme gefunden, so befahl sie mir sofort die nötigen Schritte zu tun, einstweilen als Drohung. Ich hinterließ das Dokument gestern, damit Herr Fiebiger Ein­blick in dasselbe nehmen könnte

Moritz, schon ohnehin leichenblaß, wurde nun oliven­farben.

Das darf nicht sein," stieß er heiser, fast tonlos hervor.

Leider zu spät... ich fand es nicht mehr vor. Ich dachte zuerst, daß dies die Veranlassung zu Herrn Fiebigers plöblicher Abreise sein könnte, aber ich habe mich geirrt. Die Löschung der Hypothek ist auf Grund des Dokuments bereits anstandslos erfolgt, und hier ist eine Anweisung des Herrn Rieg auf sechzigtausend Taler, auch Zinsen im aufgestellten Betrage, im ganzen neunundsechzigtausendvierhundertdrei­undzwanzig Talern achtzehn Silbergroschen auf die Com­mercebant Union. Wollen Sie über den Empfang für Ihre Frau Mutter quittieren oder soll ich ihr das Papier lieber selbst aushändigen lassen? Wohl besser, da sie in Geldsachen feinen Spaß versteht."

Moritz knirschte mit den Zähnen. Sie haben mich ver­raten, Stöberer! Sie durften meiner Mutter das nicht ab­nehmen. Sie wissen, daß... daß

Ja, daß... daß... daß

Stöberer trat hinter seinem Pult hervor und sah Herrn Moris ins Gesicht, Auge in Auge, ähnlich wie dieser ihm noch kürzlich ins Gesicht gesehen hatte. Er war auch ebenso bleich wie dieser und bebte jetzt vor höhnischer Wut. Dann sprach er ebenso leise und heiser:

Verzeihen Sie, Herr Moriz, ich bin zu manchem Ge­schäft zu gebrauchen, aber Andeutungen, wie Sie sie mir

( Nachdruck verboten.)) vorgestern zu machen beliebten, lasse ich mir nicht gefallen. Was wollten Sie damit sagen: Zuchthaus in Sicht?"

Was für Andeutungen? Ich verstehe Sie nicht," flüsterte Moritz, sich entsegt umsehend.

,, Aber ich habe Sie sehr wohl verstanden," zischte Stö­berer durch die Zähne. Ihr Glück hat Sie größenwahn­sinnig werden lassen, vielleicht bringt Sie das Unglück wieder zur Besinnung. Ich wache!" schloß er drohend.

Die anwesenden Schreiber duckten sich tief über ihre Ko­palien, aber sie schielten verstohlen empor und zuckten ängst­lich zusammen, als das Wieselauge des gestrengen Herrn Stöberer über sie hinflog. Auch Moriz zuckte zusammen, dann stolperte er fast fassungslos hinaus und lief dabei wie blind mit der Stirn gegen die Türkante hinter der Portiere.

Vierzehntes Kapitel.

Es war ein schwerer Tag für Herrn Moritz, aber er ver­lor die Besinnung nicht. Trotz der Brausche an der Stirn trieb es ihn, nun Franziska noch zu sprechen und vom Hofe aus, um den nochmaligen Gang durch das Bureau zu ver­meiden, zu ihr zu dringen. Er rief Anton Köberlein, um sich durch diesen bei der Tochter des Hauses melden zu lassen.

Anton Köberlein wollte sich zuerst dem ausgesprochenen Wunsche gar nicht fügen. Er war sehr niedergeschlagen. " Ich bin daran schuld, daß Herr Staudius aus dem Hause gehen mußte."

Sie?" starrte Moritz, sich die Brausche mit seinem Taschenmesser drückend.

" Ja... es kommt alles daher, daß ich es Ihnen er­zählt habe, daß der arme Stü'rmann sich bei mir Geld ge­borgt hat. Armut ist ein Verbrechen heutzutage, während es bei den Aposteln eine Ehre war. Damals hätte ich leben mögen, ich wäre eine Art von Johannes geworden."

Morik zog einige Münzen heraus und wollte sie dem Sträflinge geben.

Man hätte Sie gewiß als Märtyrer gebraten," sagte er höhnisch ,,, da nehmen Sie.

Nein... nein," weigerte sich der Sträfling, das eine Auge pfiffig zukneifend, Sie wollen meine Seele kaufen, Herr Moriz."

Moriz warf die Münzen zornig zu Boden.

Melden Sie mich!" schrie er den Sträfling an, Sie Johannes Tappsius, Sie!"

Dieser sah ihn an und verfiel in ein breites Grinsen; dann schob er sich die Müße über die Nase und kratzte sich hinter den Ohren. Moriz bebte vor Wut.

,, Nicht alles ist käuflich," sagte Köberlein, ich diene nur denen, deren Nase mir gefällt. Meinem Sergeanten seine gefiel mir zum Beispiel nicht

Moritz stieß Köberlein zur Seite und stürmte die Balkon. treppe hinauf, fand aber den Zugang zum Salon verschlossen, und durch die Küche wollte er nicht gehen. Er stand eine

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