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1.3.1904 Erstes Blatt
 
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abend im Reichstag erschienen und hatten das Anklage­material des Abg. Haase durch tatsächliche Angaben wider­legt. Die heutige Verhandlung war nunmehr bestimmt, den Barteien des Hauses Gelegenheit zu geben, auch ihr Urteil in der Sache zu sprechen. Die Bedeutsamkeit der heutigen Verhandlung befundet nicht nur die außerordentlich starke Be segung des Hauses, sondern auch die bis auf den letzten Platz gefüllte Diplomatenloge und nicht zum wenigsten das Ein­greifen des Reichskanzlers nach einer Rede des Abg. Bebel. Dieser behauptete, daß die sozialdemokratischen Angriffe nicht widerlegt seien. Hierauf antwortete Reichskanzler Graf Bülow: Ich habe das Krankenlager ver­lassen, um mich hier über das auszusprechen, was wir von Bebel gehört haben. Ich glaube, alle Regierungen haben sich gegen die anarchistische Propaganda zu unterstützen. Der Anarchismus muß bekämpft werden, so gut wie jede andere Pest. Der Reichskanzler erörtert die im Laufe der letzten Jahrzehnte stattgehabten Ermordungen von Staatsober­häuptern bezw. von leitenden Staatsmännern. Alle diese seien dem Messer solcher Mordbuben zum Opfer gefallen. Sollen, wir den anarchistischen Bestrebungen gegenüber gleich gültig sein? Nein, meine Herren! Die Zulassung der russischen Agenten sei stets widerruflich. Die Agenten haben sich bis jetzt unsere Achtung erworben. Sie dürfen keine polizeilichen und feine polizei- ähnlichen Funktionen ausüben. Auch wird ihre Tätigkeit fortgesezt von den preußischen Behörden über­wacht, um etwaige Ausschreitungen der Agenten zu verhüten. Die Zulassung der russischen Agenten ist lediglich ein Akt der Vorsicht gegen anarchistische Bestrebungen. Nach der Rede des Reichskanzlers ergriffen noch mehrere Abgeordnete das Wort. Es ergab sich eine Uebereinstimmung der Mehrheit des Hauses, daß Uebergriffe der russischen Agenten nicht vor­gekommen seien, die aber auch nicht geduldet werden dürften.

Preussifcher Landtag.

( 30. Sigung.)

Haus der Abgeordneten.

RK, Berlin, 29. Februar. Der Gesezentwurf, der zur Verbesserung der Interbeamten und Arbeiterwohnungen wei­tere Staatsmittel fordert, beschäftigte heute in erster Lesung das Haus. Seine Beratung nahm nur kurze Zeit in An­spruch: Nachdem Redner der Nationalliberalen, der Kon­servativen und des Zentrums ihre Zustimmung zu der Vor­lage ausgesprochen hatten, wurde diese der Budgetkommission überwiesen. Dann begann die zweite Lesung des Etats der Bauverwaltung. Der Nationalliberale Witz- mann eröffnete die Debatte mit der Forderung, daß auf den Verkehrsstraßen möglichst überall Radfahrerwege ange­legt werden möchten. Ein Regierungskommissar betonte, daß die Schaffung solcher Wege Sache der Gemeinden sei. Dann gab es eine kurze Debatte über die Beschleunigung des Dortmund Emskanals und schließlich ein langes Hin und Her über die Frage der Schiffahrtsabgaben, von deren Einführung doch, wie die Regierung wiederholt erklärt hat, nicht die Rede ist. Von konservativer Seite wurde der Erhebung solcher Abgaben entschieden das Wort geredet, eben­so von dem Zentrumsredner Herold, von der Linken wurde sie ebenso entschieden bekämpft. Irgend ein Beschluß wurde nicht gefaßt, außer demjenigen, der die Weiterberatung auf Mittwoch vertagte.

Hus dem Gerichtssaal.

§ Im Pirnaer Duellprozeß ist nunmehr die Verhandlung auf kommenden Donnerstag vor dem Kriegsgericht der 3. Di­bision in Pirna anberaumt. Es sind an 40 Zeugen geladen. Die Verhandlungen finden unter Ausschluß der Deffentlich­teit statt. Ueber die Vorgeschichte der Aufsehen erregenden Angelegenheit geben wir im Nachstehenden die hauptsäch lichsten Tatsachen wieder. Der Oberleutnant Krohn vom 64. Artillerieregiment in Pirna, ein bekannter Herrenreiter und vorzüglicher Pistolenschütze, sah sich veranlaßt, um seiner Familienehre halber drei seiner jüngeren Kameraden zum Duell zu fordern. Die Zweikämpfe fanden Mitte Januar d. Is. in dem bei Pirna gelegenen Waldungen statt. Wäh­rend Krohn in allen drei Fällen ohne Verlegung davonkam, wurde einer seiner Gegner durch einen Schuß in den Arm nicht unerheblich verwundet, so daß er dem Lazarett zugeführt werden mußte, wo er jetzt wiederhergestellt worden ist. Die schuldigen drei Offiziere sind inzwischen beurlaubt" worden. Auch Oberleutnant Krohn hat seiner Zeit die Garnison mit Urlaub verlassen, während seine Gattin, die das ganze Unheil angestiftet hat, seitens ihrer Angehörigen einer Nervenheil­anstalt überwiesen wurde, gleichzeitig ist gegen die Ungetreue das Ehescheidingsverfahren eingeleitet worden.

Nab und Fern.

+ Straßenunrnhen in Prag. Bei einer von dem poliftscen ( sozialistischen) Arbeiterklub veranstalteten Versammlung, die sich mit dem russisch- japanischen Krieg beschäftigte, kam es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei. 15 Personen wurden berhaftet.

O Präsident Krüger liegt im Sterben. Diese Nachricht hat der frühere Burengeneral Ben Viljoen in St. Louis von Freunden aus Mentone erhalten. Nicht bloß der Körper, sondern auch der Geist des Präsidenten sei in Auflösung be­griffen. Die Erlaubnis, sein Leben in Südafrika beschließen zu dürfen, ist dem Greise von der englischen Regierung ver­weigert worden.

A Brandkatastrophe auf See. An Bord des englischen Dampfers Queen" brach zwischen San Franzisko und Seatle Feuer aus. Vier Passagiere und neun Mann der Be­sagung famen um.

Ein weiterer schwerer Unfall auf See trug sich bei Danzig zu. Ein Fischfutter, in dem die Fischer Theodor Bartsch und Rudolf Foht zu Neufähr zum Breitlingsfang nach Hela gefahren waren, geriet auf der Rückkehr bei der Einfahrt in Treibeis, dabei ist das Fischerboot led gesprungen und ge­funken. Beide Fischer ertranfen. Bartsch war Familienvater und hinterläßt vier Kinder.

Ein Attentat beim Fünf- Uhr- Tee sette eine elegante Versammlung im Pariser Elysee- Palast in große Aufregung. Ein dem Hotelpersonal bekannter stellungsloser Italiener namens Marchioni sezte sich an einen Tisch und verlangte Tee. Als ihm dieser verweigert wurde, stürzte er sich auf den Zahl­fellner und stieß ihm ein Stilet in die Brust. Doch dürfte der Verwundete am Leben erhalten bleiben.

Vermilchtes.

[ Der Gerichtssaal ist kein Theater!] In Wien frie jetzt an den Türen des Schwurgerichts und der Erkenntnis. gerichtssäle Plakate folgenden Inhalts angebracht: Der Ge brauch von Operngläsern ist strengstens untersagt. Der k. k. Landesgerichtspräsident Vittorelli." Die Vorgänge bei den drei letzten Prozessen, denen viele mit Operngläser bewaffnete Damen beiwohnten, hat den Anstoß zu diesem Verbot gegeben.

[ Die armen Kriegskorrespondenten.] Ergößlich sol es sein, das Treiben der englischen und amerikanischen Kriegs. forrespondenten zu beachten, die in Masse auf Wartegeld in den Hotels Tokios siyen. Fortwährend werden die Mane­ger" um Nachrichten bestürmt. Auch der größte Unsinn wird dankbar angehört und schleunigst nach Hause telegra. phiert. Das Wartegeld muß doch eben verdient werden. Kürzlich eilte der Korrespondent einer englischen Zeitung in das Bureau des( deutschen) Direktors des Imperial- Hotels und machte ihm Vorwürfe, daß er( der Direktor) ihm das und das nicht gesagt, den anderen Korrespondenten aber mit. geteilt habe. Der also Belästigte erklärte, die bewußte Nach richt sei falsch. Er habe sie s. 3. fünf Minuten später auch bereits bei den Kollegen des Englishman dementiert. Aber das ist ja ganz einerlei," lamentierte der andere ,,, die Haupt­sache ist, daß ich etwas telegraphiere, auf das was kommt es weniger an. Alle anderen Korrespondenten haben die Nachricht depeschiert und sind jetzt dobei, die Dementi nach­zuschicken. Denken Sie, zwei Depeschen an einem Tage!"

A[ Wie die japanischen Soldaten verpflegt werden.] Die Hauptverpflegsartikel der japanischen Armee bilden Reis und Fleischkonserven. Lettere enthalten je 250 Gramm Fleisch. Achtzig Blechdosen sind in einer Kiste verladen, wovon je drei auf ein Backpferd kommen. Der Reis wird in Säcken von je sechzig Pfund mitgeführt, wovon je zwei einem korea­nischen Pony aufgeladen werden. Jeder Soldat führt stets zwei Nachschubportionen und sechs Reserveportionen Reis bei sich, erstere frtiggekocht, in seiner Eßschale aus Aluminium. Beim Abkochen werden große blecherne Stochkessel verwendet, wovon neun auf jedes Bataillon kommen.

** Anfragen von Angehörigen der Schutztruppe in Deutsch­Südwestafrika laufen seit dem Ausbruch der dortigen Wirren bei der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin in diesen Tagen in großer Menge ein. Durch die Polizei­behörden wird daher jetzt darauf hingewiesen, daß derartige Anfragen, so berechtigt sie auch erscheinen mögen, ganz über­flüssig sind. Sobald nämlich authentische Nachrichten aus Deutsch- Südwestafrika beim Auswärtigen Amte einlaufen, teilt diese Behörde den Angehörigen von Mitgliedern der Schußtruppe von selbst unverzüglich mit, was mit dem im Dienste der Truppe stehenden Sohne, Bruder u. s. m. ge schehen ist. Auch Richtigstellungen dieser oder jener Art werden den Angehörigen sofort telegraphisch übermittelt.

FO. Die Wärmeabgabe des Radiums ist im Physikalischen Institut der Technischen Hochschule zu Hannover von J. Precht durch neue Untersuchungen sehr genau bestimmt worden. Schon früher hatten Curie und Laborde dieselbe zu 100 Ka­lorien für die Stunde und das Gramm reinen Radiums an­gegeben, später fanden Runge und Precht dafür 105 Ka­lorien. Die neuen Untersuchungen von Brecht wurden mit 34,1 Milligramm Bromradium angestellt, und es ergab sich für das Gramm Bromradium eine stündliche Wärme- Ent­wickelung von 61,15 Kalorien, woraus für 1 Gramm Na­dium 98,83 Kalorien für die Stunde folgt. Sonach würden also 6,4 Kilogramm Radium ununterbrochen aus sich selbst heraus die einer Pferdestärke entsprechende Wärmemenge liefern. Die eigentliche Quelle aber, aus der das Radium seine Energie ununterbrochen schöpft, ist gegenwärtig noch unbekannt.

Kurpfufcherprozefs Schröter.

CB. Tilsit, 25. Februar.

Ein ganzer medizinischer Areopag aus allen Teilen Deutschlands ist z. Zt. hier versammelt. Die Herren sollen teils als Sachverständige, teils als Zeugen in dem Prozeß des Kurpfuschers Schröter vernommen werden.

Die Anklage

lautet auf nicht weniger als 40 Fälle des Betruges, 17 Fälle der gefährlichen Körperverlegung, einen Fall der fahrlässigen Tötung und einen weiteren Fall der Mißhandlung und Be­leidigung einer Patientin. In den meisten Fällen kommen Frauen und junge Mädchen als Geschädigte in Betracht. Die Untersuchungshaft des Angeflagten datiert vom 24. Mai 1902. Der Angeklagte ist 25 Jahre alt, hat das Gymna­sium in Königsberg bis zur Obertertia besucht und ist später als Lehrling in ein Konfektionsgeschäft eingetreten. Neben­bei beschäftigte er sich mit medizinischen Studien. Der Vor­sigende scheint aber nicht sehr von dem Wissen des Angeklag­ten in dieser Hinsicht erbaut zu sein, denn er wirft ihm vor, daß er behauptet habe, die Milz size auf der rechten Seite. Die magnetische Diagnose.

Vors. Sie wollen aus dem Gesichtsausdruck den Sitz der Krankheit konstatiert haben? Angefl.: Ja, wenn ich den Gesichtsausdruck erfaßt habe, so verspüre ich in meinem Kör­per dort, wo der Kranke leidet, ebenfalls einen heftigen Schmerz.( Bewegung.) Vors.: Also wenn der Kranke an der Milz leidet Angekl.: So sticht's bei mir in der Milz. Die Milz speziell ist für mich Gemütsorgan. Aus ihrem Zustande schließe ich sehr viel. Ein Kranker, der z. B. viel Gram im Leben gehabt hat, besitzt immer eine Milzuneben­heit, und ein Magnetiseur nimmt das sofort beim Magne­tisieren wahr. Vors.: Und wie stellten Sie nun Ihre Di­agnose? Als Magnetiseur kenne ich keine Diagnose an sich, sondern nur Hellfühlen, mit dem ich Krankheiten feststelle. Der Herr Profeſſor.

Der Angeklagte beruft sich, um die Stichhaltigkeit seines Verfahrens zu beweisen, auf den Professor" Scheibler- Ham­burg, dem er einen großen Teil seiner medizinischen Bildung verdanke. Scheibler betonte, daß er Laienpraktiker sei und die Diagnose u. s. w. den in seinen beiden Instituten in Ham­burg und Berlin tätigen Aerzten überlasse. Dr. Behrend hielt dem Angeklagten Schröter eine von diesem verfaßte Schrift: Meine Stellung zur Schulmedizin!" vor, in welcher u. a. die Behauptung aufgestellt wird, daß bei plötzlichem Schreck die roten Blutkörperchen sich in Berliner Blau ver­wandelten.( Große Heiterkeit.) Auf die Frage des Sach­verständigen, ob er diese Behauptung heute noch aufrecht erhalten wolle, erwidert Schröter: Das ist eine Scheiblersche Theorie. Den Professortitel will Herr Scheibler von einer Pariser magnetischen Schule" erhalten haben. Diese sei zur Verleihung dieses Titels berechtigt und staatlich aner­kannt. Kreisarat Dr. Bebrendt: Er müsse bemerken, daß

zwischen Schule" und Akademie" in Paris ein Unterschied zu machen sei. Unter einer Schule, wie sie hier in Frage fomme, sei ganz einfach eine Fachschule zu verstehen, wie sie hier in Tilsit z. B. die Barbiere hätten.( Heiterkeit.) Das Gesundbeten

gehört auch insofern zum Repertoire des Angeklagten ,,, als es eine Autosuggestion darstellt, und der Heilglaube erfah­rungsgemäß viele Erfolge aufzuweisen hat." Vors.: Herr Sachverständiger Scheibler, Sie halten nichts von dem Ge­sundbeten? Sachb.: Nein. Vors.: Sie haben sogar in Ihrer Zeitschrift dagegen Stellung genommen, indem Sie auf dem Standpunkt stehen, daß Ihre Oszillationstherapie bollkommen genügt? Sachv.: Jawohl. Vors.: Sie haben auch einmal einen Ihrer Mitarbeiter, Dr. med. Stei­nice, zu einer solchen Geſundbeterin geschickt, die mit einem ..zwölfjährigen" Mädchen Braun arbeitete". Der Herr hat sich augenscheinlich über den Betrieb lustig gemacht, denn er schreibt da, daß das Mädchen für die glückliche Entbindung einer Frau und ferner dafür gebetet habe, daß ein Kutscher, der ein Talerstück verschluckt hatte, dies zu seiner Erleichte rung in gewechseltem Zustande in Form von 30 Silber­groschen wieder von sich gebe.( Stürmische Heiterkeit.) Das geheimnisvolle Augenglas,

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das Schröter zur Untersuchung anwendete, wird vorgeführt. Durch dieses Glas will der Angeklagte erkannt haben, an welchen Krankheiten seine Patienten litten, und für welche Leiden sie außerdem veranlagt waren. Auch Unglücksfälle seiner Kranken will er durch dieses Glas vorausgesehen und ebenso die medizinischen Gifte erkannt haben, mit denen die Patienten vordem vergeblich kuriert worden waren. Schrö­ter gibt dazu an, daß er das Glas genau nach den Angaben des ungarischen Arztes Dr. Perzely und seinen in dieser Be­ziehung selbständig gesammelten Erfahrungen habe anfer­tigen lassen. Das Glas sei eine von Rathenow bezogene, vier. fach vergrößerte Linse im Werte von etwa 30 Mark. Auf dem breiten silbernen Rahmen seien die einzelnen mensch, lichen Organe aufgezeichnet, und zwar in derselben Reihen­folge, wie sie, nach dem Angeklagten, auch in der Fris des Patienten sichtbar seien. Und zwar sehe er in der menschlichen Fris beſtimmte charakteristische Regionen", deren hellere oder dunklere Färbung ihm gegenwärtige oder frühere Krank­heiten anzeige. Der Angeklagte will heute aber sein Augen­glas nicht anwenden. Er untersucht einen Kranken vermittels Perkussion, doch wird ihm von den Aerzten vorgeworfen, daß er nicht einmal deren Grundregeln kenne. Er kann denn auch keine weitere Diagnose stellen, als daß der Kranke nicht an der Lunge leide. Der Sachverständige aber erklärt den Fall für ein typisches Lungenemphysem.( Heiterkeit.) Ferner leidet der Mann an einem Unterschenkelgeschwür. Angekl.: Na, das konnte ich doch durch die Perkussion nicht feststellen. Sachv.: Nein, aber Sie haben ihm ja in die Augen gesehen, und also auch die Augendiagnose angewandt, ver. mittels der ein berühmter Vorgänger von Ihnen doch schon als elfjähriger Knabe bei einer Eule einen alten Beinbruch festgestellt hat.( Heiterkeit.)

Ein warmer Verteidiger ersteht dem Angeklagten in sei­nem Lehrer Dr. Steingießer, der selbst als praktischer Arzt die Scheibelsche Oszillationsmethode anwendet. Auf meh rere Fragen des Angeklagten erflärt Dr. Steingießer, daß innere Ruhe des Magnetiseurs eine unerläßliche Vorbeding­ung für das Gelingen eines Erperiments sei, und daß es dem Angeklagten in seiner Gegenwart gelungen sei, bei meh­reren Patienten des Scheiblerschen Instituts überstandene Krankheiten, z. B. einen alten Beinbruch und Lungen- und Nierenerkrankungen, mittels des Augenglases" festzustellen. Sh. Tilsit, 29. Februar.

Die Beweisaufnahme läßt in buntem Wechsel Fälle über Fälle an uns vorbeiziehen, in denen verzweifelte oder leicht. gläubige Kranke bei dem großen Wundermann" die Hei lung von allerlei Gebrechen suchten, die dieser ihnen teilweise bon der Nase ablas." Denn die Nasenbildung seiner Pa­tienten galt dem vielseitigen Arzt" auch als ein wichtiges Symptom zur Erkennung ihrer Leiden. Im allgemeinen allerdings verließ er sich vor allem auf seine magnetische Kraft.

Der magnetisch geheilte Zahnschmerz.

Bei einer Zeugin, der Bäckermeistersfrau Helene Beh rendt, hat diese Kraft auch, als der Angeklagte ihr die Backen streichelte, heftige Zahnschmerzen beseitigt. Vors.: Und der Zahn hat nicht wieder weh getan? Zeugin: Nein, nie­mals wieder. Ich habe es auch meinem Zahnarzt erzählt, und der sagte: Na, es ist ja gut, wenn Ihnen der Glaube geholfen hat.( Heiterkeit.) Die Zeugin ist dann immer zu Schröter gegangen. Sie hat u. a. an Venenentzündung und Kopfschmerzen gelitten, wogegen Schröter Vorschriften in Bezug auf Diät und Kleidung gab. Auch wandte er wieder­holt den Magnetismus an. Auf Befragen gibt die Zeugin an, daß sie länger als 7 Jahre an diesen Leiden laboriert und daß ihr kein Arzt geholfen habe, während Schröters Verordnungen in wenigen Wochen zu ihrer vollständigen Ge­sundung geführt habe.

Eine Charakterstudie".

Während eines Besuches der Zeugin bei Schröter assistierte diesem der Naturheilkundige Guter aus Detmold, der aus der Gesichtsbildung auch Schlüsse auf den Charakter der Zeugin zog und ihr eine Charakterstudie" aushändigte. Dieses ganz im Stil der bekannten Jahrmarktsplaneten ver­faßte Machwerk gelangt unter großer Heiterkeit des Audito­riums zur Verlesung. Es heißt darin: Es ist Ihnen ein unbedingtes Bedürfnis, sich zu bewegen. Wohlwollen stark entwickelt. Interesse und Liebe für Fortschritt. Gut bean­lagte Denkfräfte und juristisches Talent, auch wissenschaft­liches Talent... Kann unter Umständen heftig werden. ( 3eugin: Das stimmt auch!) Muß sich hüten, auch nicht borübergehend tyrannisch zu werden. Sie finden Vergnügen an etwas Opposition, Sie können feinen Tag leben, ohne Widerstand zu leisten oder zum Kampfe herauszufordern. Sie würden als Offizier, Weltreisender, Großkaufmann, In­dustrieller auf dem rechten Plaße sein" u. s. w.- Vors.: Der Mann hat Sie doch gesehen, bevor er Ihnen diese, Cha­rakterstudie" gab, wie konnte er da solchen Unsinn schreiben, daß Sie sich zum Offizier eigneten?( Heiterfeit.) An­gefl.( einfallend): Das ist doch nichts Auffälliges. Guter ist eben von der Ansicht ausgegangen, es sei gar nicht aus­geschlossen, daß auch die Damen mal Offiziere werden.( Große Heiterkeit.)

Außer dieser Zeugin treten noch einige andere Frauen für die angebliche Heilwirkung des Verfahrens des Ange­klagten ein. Doch scheint es sich hier nur um ganz leichte Fälle gehandelt zu haben. Wo wirkliche Leiden vorlagen, wie z. B. bei der Ehefrau des Goldarbeiters Jaschick, die an Herzklappenfehler und Wassersucht litt, versagte die magne­

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