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WILD WALD
schnöde Erinnerung des Alten, daß er eigentlich nur ein armer Künstler sei, ließ ihn schweigen. Mit bleichen Wangen verließ auch er das Haus; Louise folgte ihm, ihr ſtanden die Tränen in den Augen.
Franz verlor alle Luſt an dem Bauwerk, er arbeitete nichts mehr dafür und so war an ein Einziehen in die„ Villa der Blumen" gleich nach der Hochzeit nicht zu denken, die Hochzeit aber sollte nicht aufgeschoben werden. Da kam der Architekt auf einen bösen Gedanken: er beschloß, die Villa mit Profit zu verkaufen und dem seiner Kunst so feindlichen Schwiegervater das ausgesetzte Kapital zurückzuerstatten. Später konnte er sich ja eine neue, schönere Villa erbauen. Er setzte also ein Inserat in die Zeitung.
Inzwischen rückte der Tag der Hochzeit immer näher heran und schon zwei Tage vor dem Feste waren alle Hochzeitsgeschenke eingetroffen. Der Schwiegervater schickte sie alle mit spöttischem Lächeln in die neue Villa. Der Künstler eilte dann jedesmal wütend nach und stellte die ganze Herrlichkeit, Dupendwaren aus Bazaren u. s. w. in den noch nicht ausmöblierten„ Raum der Lieblinge". Dort waren der Fußboden und drei Tische mit dem Kram belegt und an den Wänden standen Bilder, Ofenschirme u. s. w.
Eben hatte Franz mit kolossaler Verachtung das letzte Geschenk, eine schlecht versilberte Visitenkartenschale, auf den Tisch gestellt, als es klingelte und zwei ältere Personen, ein Ehepaar aus Amerika, die Villa zu besichtigen wünschte; sie hatten von dem Verkauf in der Zeitung gelesen. Der Architeft zeigte alle Räume und besonders die Dame war von allem sehr entzückt. Auch ihr Gemahl sprach sich sehr freundlich über das meiste aus.
Wissen Sie," sagte er, wir wollen uns in Deutsch-- land zur Ruhe setzen. 37 Jahre zurück sind wir nach Amerika ausgewandert und haben uns dort einiges Geld gemacht. Wir haben keine Kinder und ich sehe, Sie haben auch kein Kinderzimmer eingerichtet."
solcher Raum vorgesehen, dort liegt er." Einen Raum für die Lieblinge? Nein, doch ist ein
Und was ist jetzt in diesem Raum für die Lieblinge?" Der Architekt dachte an die verhaßten Hochzeitsgeschenke und ein teuflischer Gedanke wurde in ihm erweckt. Er nahm eine wichtige Miene an und sprach:
Ihnen zuletzt zeigen, denn er enthält das- Muſeum.“ Meine verehrten Herrschaften, diesen Raum wollte ich ,, Ah, ein Museum ist auch in diesem Hause?" Türe zum Raum für die Lieblinge"." Hier sehen Sie an " Ja, hier ist es!" rief Franz und öffnete feierlich die einigen auserwählten Gegenständen, wie die deutsche Kunst in den letzten fünfzig Jahren entstanden ist. Betrachten Sie sich diesen Teppich mit den großen Blumen. Solche Teppiche liebte man vor fünfzig Jahren; mit großen Kosten habe ich das seltene Stück auf einem alten Schloffe gekauft. Visitenkartenschale an." Sehen Sie sich ferner dieses Porzellanservis und hier diese
wahrhaftig!" rief die Dame gerührt. Sieh nur, Pitt, solch eine Visitenkartenschale haben wir als Geschenk erhalten, als wir heirateten. O, wie viele, viele Erinnerungen weckt dieses herrliche Museum in meinem Herzen!" Sie Augen. meinte und auch dem alten Herrn traten die Tränen in die
Mein Herr," sprach er zu Franz,„ Sie haben ein schönes und modernes Haus gebaut; für uns Deutsch- Amerikaner aber ist das interessanteste dieses Museum, das alle GegenHaus, aber mit dem Museum?" stände enthält, die wir einstens liebten. Was kostet das
" Zweimalhunderttausend Mark."
,, Hier meine Hand, die Villa ist unser! Kommen Sie mit, damit wir das Geschäft gleich abschließen."-
Als nach etwa drei Stunden Franz nach Hause kam und dem Schwiegervater von dem Verkauf der„ Villa der Blumen" Mitteilung machte, war dieser hoch beglückt über den Profit von etwa fünfzigtausend Mark und rief: Umzug verbrannt!" nach ihren Geschenken fragen, so sagen wir, sie wären beim Fort mit der Villa! Und wenn die Hochzeitsgäste später
Ganz recht," stimmte der Architekt zu,„ und das wahre Masse, sondern im Zauber des eigenen Heims." Glück findet man auch nicht bei der großen verständnislosen So?" brummte der Schwiegervater. Wenn das deine diese Idee schon vor dreißig Jahren hatte.“ moderne Kunstanschauung iſt, ſo kann ich dir sagen, daß ich
O. Januar
Nr. 24.
UND
WAIDWERK
Instinkt oder Ueberlegung?
Die Schlauheit des Fuchses ist sprichwörtlich. Das folgende Erlebnis eines alten Jägers läßt den Meister Reinecke aber noch in einem neuen Lichte erscheinen. Ich wohnte damals in Oſtpreußen, so erzählt unser Gewährsmann, und hatte mehrere Jagden gepachtet, auf denen der vote Räuber sehr häufig vorkam. Eines Abends befand ich mich auf dem Anstand auf einen Rehbock. Ich nahm einen Stand ein, der mich bei gutem Winde nicht nur vollständig deckte, sondern mir auch erlaubte, nach allen Richtungen zu schießen. Ich konnte etwa dreiviertel Stunden gestanden haben, als am Rande der mir gegenüberliegenden Schonung ein sich bewegender Schatten meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Schattenträger trat nach kurzer Zeit in den Lichtkreis. Es war Reinecke, welcher, nachdem er durch Winden sich überzeugt hatte, daß die Luft rein war, langsam auf mich zukam. Ich ließ ihn vorübergehen, um das Wild, welches vielleicht schon ganz in der Nähe stand, nicht durch einen Schuß zu verjagen. Zwanzig Schritte von mir ab blieb er stehen, machte Kehrt und sprang nach vorn. Ich glaubte, daß er mause. Dies war jedoch nicht der Fall, denn er ging auf dieselbe Stelle zurück und wiederholte den Sprang, und in dieser Weise verfuhr er noch mehrere Male. Die Sprünge wurden immer weiter, und ich bemerkte, daß er sich anstrengte, diese Fortschritte zu ermöglichen. Durch ein Geräusch hinter mir abgelenkt, hatte ich ihn einige Sekunden aus den Augen gelassen, und als ich nach ihm sah, war er fort. Wo war er geblieben? Während ich noch darüber nachdachte, erhob sich auf dem Plazze, auf dem er verschwunden war, fast senkrecht seine Standarte, die er hin und her, von rechts nach links bewegte. Er hatte sich also gedrückt. Den übrigen Teil seines Körpers verbarg die Furche. Was hatte er vor? Wohl war mir die Liſt des Fuchses bekannt, aber was er hiermit bezweckte, blieb mir vorläufig ein Rätsel. Etwas später kam aus der Schonung, die vorher auch den Fuchs beherbergt hatte, ein Hase, der sich allmählich der Stelle näherte, wo der Räuber im Versteck lag. Als er die winkende Fahne sah, stutzte er, machte ein Männchen und kehrte dann die Sache mußte ihm wohl nicht geheuer vorkommen schnell in das Holz zurück. Aber kampe war neugierig, er kam wieder und ging schon näher an den verdächtigen Gegenstand heran. Dieser schien ihm noch Furcht einzuflößen, er kehrte wieder um, doch war sein Gang schon bedeutend langsamer als zuerst. Reinecke rührte sich nicht, aber seine Standarte war etwas gesunken. Bald darauf kam Lampe zum dritten Mal. Nach meiner Berechnung konnte er nur noch wenige Schritte vom Kopfe des Fuchses entfernt sein. Hier blieb er sitzen und sah unausgesetzt nach der markierten Stelle. Sie mußte ihm nicht mehr verdächtig vorkommen, sondern ihn mit immer stärkerer Gewalt anziehen, denn er näherte sich ihr mehr und mehr. Jetzt aber verschwand die Standarte und statt ihrer erschien das verschmitzte Gesicht des Fuchses. Lampe erschrak, zur Flucht war es zu spät geworden, und im nächsten Augenblick befand er sich auch schon in der Gewalt des Meister Reinecke, der ihn in der früher abgemessenen Entfernung durch einen Sprung erreicht hatte. Das Rätsel war nun gelöst. Ein Schuß, und der Räuber brach zusammen. Lampe war gerächt; ich aber sann lange darüber nach, ob diese mit Vorbedacht und Ueberlegung ausgeführte Tat nicht weit über den Verstand hinausgeht, welcher sonst gewöhnlich den Tieren zugestanden wird.
Die Moritzburger Geweihsammlung. Die Sammlung der Hirschgeweihe in Moritzburg ist als eine der schönsten in ihrer Art der größten Aufmerksamkeit wert. In dem einen großen Speisesaal sind 71 Hirschgeweihe vereinigt, von denen keines unter 24 Enden zählt. Die ganze Sammlung besteht aus 18 Geweihen von 24, 18 von 26, 13 von 28, 5 von 30, 10 von 32, 2 von 34, 3 von 36, und 2 von 50 Enden. Alle diese Geweihe sind regelmäßig gestaltet. Um von ihrer ungewöhnlichen Größe einen entfernten Begriff zu geben, sei gesagt, daß unter ihnen 25 Stück
50 bis 59, 13 Stück 60 bis 69, 3 Stück 70 und 73 und 82
Zoll von dem einen äußersten Kronenende bis zum andern messen.
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Montag, den 1. Februar
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Oberhessische Familien
1904.
lienzeitung.
Cägliche Unterhaltungs- Beilage
Gießener Neueste Nachrichten.
Sad und Berlag ter Othones Merlagsbrudsrei, vorm. With. Roller'sche Bushbradossi( gegs. 1783);
( 21. Fortsetzung.)
Der Beuge.
Roman von Marie Bernhard.
--- sie schätzt die Männer gering, die, lediglich von ihrer SchönNoch habe ich kein entscheidendes Wort zu Hilda gesprochen bcit bezaubert, auf ſie einſtürmen mit Liebesbeteuerungen und Bewerbungen, ich weiß es durch ihren Bruder. Aber ich hoffe, mit der Zeit wird es mir gelingen, mir ihr Herz zu gewinnen. Und auch du wirst sie lieben lernen. Daß sie arm ist, kann bei der Stellung und den Einkünften, die deine Güte mir gegeben hat, nicht ins Gewicht fallen"- der Senior machte eine abwehrende Handbewegung ,, ich wußte das, ― ich danke dir! Und nun sage mir, lieber Vater, daß du zu meiner Wahl mit freudigem Herzen deine Zustimmung gibst!" lange schon selbständig „ Du bedarfst ihrer nicht, Hellmut! Du bist mündig, biſt
Bedarf!" Der Junior ſprang auf und stieß den Schaukelstuhl mit einer heftigen Bewegung zurück. Das weiß ich, Vater! Und, wahrhaftig, ich kam nicht zu dir, wie ein Schulknabe um Erlaubnis betteln, ich kam aus freiem Antrieb, der Mann zum Mann, der Sohn zum Vater, der ihm der beste Freund ist, ich kam, um mir deinen Segen zu holen zum wichtigsten Schritt meines Lebens, und jetzt, angesichts deines Weſens, das mich, ich geſteh' es dir offen, ſchmerzlich und bitter enttäuscht hat, trete ich wieder vor dich, Mann gegen Mann, und frage dich: was hast du gegen Hilda Ermshagen? Denn du, der mit mir selbst oft von meiner fünftigen Heirat als von einem selbstverständlichen, dir erwünschten Ereignis gesprochen, du kannſt unmöglich jetzt so kalt und ab= lehnend bleiben, ohne vollwichtige Gründe dafür zu haben!" Hellmut ſtand hoch aufgerichtet da, in faſt drohender Haltung, seine weiche Stimme war fest und klangvoll geworden; er war doch auch seines Vaters Sohn, das sah man jetzt, da die beiden in der Tat Mann gegen Mann" standen.
Norden senior seufzte tief auf, aber er blieb stumm. " Sch fordere eine Erklärung, Vater, und habe ein Recht, ſie zu fordern!“ kam es in demselben festen, beſtimmten Ton von des Sohnes Lippen.
" Ich habe keine- Hellmut- ich wenigstens keine Unheil über uns alle!" poſitive— es iſt mir dies Mädchen- ich fürchte, sie bringt
Vater! Du und Ahnungen!" Hellmut lachte halb zornig, halb ungläubig.„ Das sind Ausflüchte, deiner wie meiner nicht würdig, ebensowenig der Angelegenheit, um die es sich handelt! Noch einmal: was hast du gegen Hilda?" Mein Wort darauf, ich weiß es nicht! Sie ist jung, schön, klug, du liebst sie, ich bin überzeugt, sie wird dich eine undefinierbare Antipathie in mir es ist, ich bitte dich, wieder lieben, wenn sie es nicht jetzt schon tut, es ist aber Hellmut, laß es für heute genug sein! Diese Unterredung.. ich fühle mich ernſtlich angegriffen... habe Nachsicht mit mir, noch nicht, wie ich dich liebe!" du weißt es, mein Sohn, vielmehr du weißt es immer
Frizz Nordens Stimme wurde bei den lezten Worten unsicher, er wandte sich rasch ab und bedeckte seine Augen mit der zitternden Hand. Hellmut stand noch eine kleine Weile wie betäubt, er wollte sprechen, aber sein Vater winkte ihm ab
#Iblo 21
( Nachdruck verboten.)
wehrend mit der freien Hand. Da wandte sich der junge Mann langsam und verließ das Zimmer, mit einem Herzen voll Kummer und Zweifel. Wie anders hatte diese Unterredung geendet, als er es gehofft hatte!
Sechstes Kapitel.
Die Tage, welche auf das Frühlingsfest zu Uyeno folgten, wurden von dem ganzen Nordenschen Hausstand und Geſchäftspersonal einstimmig als ungemütlich bezeichnet. Nicht daß es so enorm zu tun gab! Im Gegenteil, die Arbeitslast hatte sich verringert, der neue Thronfolger", Walter Ermshagen, hate ſich mit wahrhaft überraschender Schnelligkeit und großem Geschick in den Geschäftsbetrieb hineingefunden, er disponierte, daß es nur eine Art hatte, und der alte Buchhalter Koßmann erklärte, dieser junge Mann sei ein ähnliches kaufmännisches Genie wie Norden senior, in seinem Munde ein unerhörtes Lob! Der Prinzipal übte auch keine allzu strenge Kontrolle über seine Kontoristen aus, er war, un sich der ausdrucksvollen Sprache des Herrn Arthur Fersius zu bedienen, doch nicht immer mit der Hezpeitsche hinter jedem einzelnen her", und zumal der junge Berliner, der richtig seine Kündigung empfangen hatte und demnächst nach Shanghai übrsiedeln sollte, erfreute sich, als Vorbereitung für das lustige Leben, das er in China zu führen gedachte, einer fast gänzlich unbeschränkten Freiheit und kostete die Genüsse, die Yokohama bot, bis auf die Neige aus. Auch die Hize hatte einigermaßen nachgelassen, draußen wuchs und blühte alles, und die Abende waren unvergleichlich schön. Dennoch lag ein Druck über dem ganzen Hause, und das ist anz natürlich," sagte der alte Koßmann mit bedenklichem pf= schüteln,„ draußen scheint die Sonne, und das ist ganz schön, aber drinnen im Hause unsere Sonne, an die wir uns ebenso gewöhnt hatten, die wir hinnahmen wie etwas Selbstverständliches, woran wir doch jeden Tag unsere helle Freude hatten, die Sonne hat sich getrübt, und das kann kein Mensch gleichgiltig mit ansehen! Was, zum-( hier machte sich die innere Sorge des alten Kontoristen in einem derben Fluch Luft) iſt in unsern Junior gefahren?"
Ja, das war es, das empfanden sie alle, vom Chef des Hauses bis auf den Wasserträger und Schuhpuzer herab. Hellmut war nicht unfreundlich, nicht herrisch( ,, das fann er überhaupt nicht," sagte Koßmann), aber das sonnige Lächeln, das jedem bis ins Herz gedrungen war, blieb aus, die schönen Augen blickten ernst und nachdenklich, die feingeschweiften Lippen öffneten sich zu feinem Scherzwort mehr, das fröhliche Gesicht, das so oft und zu allen Türen hereinsah, zeigte sich selten, und wenn es einmal doch geschah, so war es eben fein fröhliches mehr! Koßmann hatte seine eigenen Gedanken, aber sie dem ,, leichtsinnigen jungen Bolf auf dem Nontor" anzuvertrauen, fiel ihm nicht ein, und der einzige, den er nicht für leichtfertig hielt, bei dem verbot sich eine offene


