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Die neue deutsche Rechtschreibung.

V Der vom Bundesrat in seiner legten Sigung gefaßte Beschluß über die Einführung der neuen deutschen Recht­schreibung lautet folgendermaßen: Eine einheitliche Recht­schreibung in den Schulunterricht und in den amtlichen Gebrauch der Behörden einzuführen und von dieser Recht­schreibung nicht ohne wechselseitige Verständigung der ver­bündeten Regierungen untereinander und mit Desterreich abzuweichen; als Zeitpunkt für die Einführung der neuen Rechtschreibung in den Schulen, insofern sie nicht schon zu einem früheren Zeitpunkte erfolgt ist oder erfolgt, den Beginn des Schuljahres 1903-1904- das ist der Herbst 1903 und als Zeitpunkt für die Einführung in den amtlichen Gebrauch aller Behörden des Reiches und der Bundesstaaten, insbesondere bei allen amtlichen Ver­öffentlichungen, den 1. Januar 1903 festzusehen; auf die Einführung der neuen Rechtschreibung in Verkehr der kommunalen und sonstigen nichtstaatlichen Behörden in geeigneter Weise hinzuwirken.

Die Ausgleichskrise in Oesterreich- Ungarn. Die Ausgleichsverhandlungen zwischen Desterreich und Ungarn haben sich in zwölfter Stunde zerschlagen, und den beiden leitenden Ministern von Kör­ber und v. Szell ist nichts übrig geblieben, als, wie üb­lich, dem Kaiser Franz Josef ihre Rücktrittsgesuche zu überreichen. Kaiser Franz Josef hat beide Gesuche ab­gelehnt und die Minister aufgefordert, sich zu einigen. Das ist nun schon etliche Male so geschehen, ohne daß ein Erfolg sich gezeigt hat. Auch diesmal ist er faum zu erwarten, und wenn der Kaiser die beiden Minister wirklich im Amt halten will, wird ihm nichts übrig bleiben, als in der alten Weise ,, fortzuwursteln".

Ein Burenstreich.

Eine seltsame Nachricht kommt aus Kapstadt: 240 Buren haben den Engländern freiwillig angeboten, im Somalilande unter der britischen Fahne Kriegsdienste ge­gen den tollen Mullah" und sonstiges Gesindel zu tun. Angeblich soll Piet Dewet, der slimme Piet", sie führen. Schon früher einmal hatten eine Anzahl Buren, denen es offenbar in dem verwüsteten Südafrika nicht mehr gefällt, der britischen Regierung ein solches Angebot ge­macht; damals hatten die Engländer es nicht angenommen. Jen Deutschland werden viele Freunde der Burensache sich von diesem Schritt der 240 Buren peinlich berührt fühlen; uns Deutschen erscheint es schwer begreiflich, wie Buren freiwillig für die Briten, die Erwürger der Buren­freiheit, fechten können.

Bürgerkrieg in Marokko.

Nab und Fern.

4 Zu der Defrandation bei er Nationalbank. Die Potsdamer Filiale der Nationalbank für Deutschland, bei der der Buchhalter Heyde große Summen unterschlug, wurde förmlich von Leuten, welche ihr Geld oder ihre Wertpapiere dort niedergelegt hatten, gestürmt. Na­mentlich viele teine Rentiers, Beamte, Witwen, ältere Fräuleins usw. erschienen dort in der durchaus un­begründeten Besorgnis, daß auch sie durch die Verun­treuungen des flüchtigen Filialen- Vorstehers Albert Heyde Verluste erleiden könnten. Da aber in der Filiale hin­reichend Geldmittel vorhanden waren, um etwaige Zu­rückzahlungen glatt erledigen zu können, so verließen selbst die eingefleischtesten Skeptiker, die nach der Sanden­Affaire, welche gerade in Potsdam viele Opfer forderte, zu nichts mehr recht Vertrauen haben, das Lokal der Bank mit Beruhigung. Der Defraudant, der sich jedenfalls schon seit geraumer Zeit mit Fluchtgedanken trug, scheint, wie jetzt bekannt wird, schon vorgearbeitet" zu haben. Er hatte nämlich schon vor Antritt seiner Urlaubsreise in verschiedenen Potsdamer Restaurants geflissentlich e:= zählt, daß er seiner angegriffenen Gesundheit wegen nach Italien gehen werde. ,, Angegriffen" war aber nur seine Kasse und zwar sehr stark. Den genauen Betrag hat man noch immer nicht feststellen können. Auf Heydes Ergreifung hat die geschädigte Bank 3000 Mark Beloh­nung gesezt.

() Der Sultan von Marokko kommt mit jedem Tage tiefer in Bedrängnis, und es ist nicht unmöglich, daß schon die nächsten Tage ihn zum Tode und seinen Neben­buhler auf den Thron bringen werden. Der Sultan ist in Fez eingeschlossen, die Stadt ist schlecht befestigt, schlecht verproviantiert. Die Rebellen haben ihr die Wasserleitung abgeschnitten und die Bevölkerung ist dem Sultan übel gesinnt. So hat er sich denn bereits in seinem Palast, ber befestigt ist, verschanzt, nachdem ein Ausfall, den er aus der Stadt gemacht, zurückgeschlagen war. Kommt ihm nicht von außen Hilfe, und wer sollte sie bringen?- jo ist er so gut wie verloren. Die Wirren in Marokko lenken natürlich die Aufmerksamkeit der dort interessierten Mächte auf sich, England, Frankreich und Spanien rüsten sich für alle Eventualitäten. England möchte gar zu gern bie Spanier sich mit den Maroffanern herumbalgen lassen, sschlägt eine gemeinsame Aktion der drei Mächte vor, bei der Spanien in Marokko Ordnung schaffen, England and Frankreich die Kosten der Sache decken sollen. Natür­ich würden Frankreich und England sich für diese Kosten päter an Marokko schon schadlos halten.

* In Dresdener Hofkreisen ist man in sehr großer Besorgniß wegen des Befindens des Königs. Die Influenza zeigt eine bei dem hohen Alter des Königs doppelt bedenkliche Hartnäckigkeit.

Zum Genfer Bombenattentat. Aus St. Blaise wird über die Festnahme des Urhebers des Genfer An­schlages gemeldet: Der Detektiv Brunnier studierte mor­gens auf der Präfektur die Photographie und das Sig­nalement eines gewissen Marchetti, welcher dem Bundes­anwalt geschrieben hatte, er sei der Urheber des Genfer Anschlages. In diesem Augenblick trat ein Gendarm mit drei wegen Landstreichens verhafteten Personen ein. Bru­nier erkannte sofort in einem derselben Marchetti und fuhr denselben an: ,, Haben Sie die Bombe geworfen?" Marchetti gestand gelassen die Tat; er ist offenbar geistes­gestört. Später fand man bei ihm eine Patrone, deren Inhalt noch nicht untersucht ist.

* Infolge des Lehrermangels haben mehrere Bezirksregierungen auf die vermehrte Anstellung weib­licher Lehrkräfte Bedacht genommen.

* Mit Unterſtüßung des Kultusministers sollen jetzt für die Zahnärzte Fortbildungskurse eingerichtet wer­den, wie sie für Aerzte seit drei Jahren bestehen.

Lokales.

Gedenktafel für den 1. Januar.

1484. Der schweizer Reformator Ulrich Zwingli*. 1618. Der spanische Maler Murillo in Sevilla getauft. 1806. Bayern wird Königreich. 1814. Blücher über­schreitet den Rhein bei Caub. 1834. Der preußisch­deutsche Zollverein tritt in Kraft. 1891. Deutschland nimmt Besitz von der Küste Teutsch- Ostasritas.- 1900. Das bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches tritt in Kraft. 1901. Der australische Bundesstaat wird in Mel­bourne seierlich ausgerufen.

Jede Familie

die ein gediegenes Blatt lesen will, das auf allen Gebieten allgemeiner Bildung stets das Neueste und Interessantefte bringt, abonniere auf die

Eine ganze Fischerflottille untergegangen. Aus Riga kommt die Nachricht von einem entsetzlichen Un­glück. 50 Bauern aus mehreren Stranddörfern waren in ihren Booten gemeinsam zum Fischfang auf das Meer hinausgefahren. Plötzlich erhob sich ein orfan­artiger Sturm, der sämtliche Boote zum Kentern brachte. Von den 50 Fischern konnte sich kein einziger retten.

Gießener

Neueste Nachrichten.

li ale nachhaltig heit fet noch barauf eine große Anzah Berten der Malere bat. Diefe Meifter fellt; el foll ein g pfänglichen erfreuen beranbilben. Mög ausgiebiger benupt ferer Rultur lebhaf teil erweden

Der politische Teil befaßt sich in unabhängigem Sinne mit den neuesten Staatsgeschäften und aktuellen Tages­fragen und behandelt in ausführlichen Leitartikeln die wichtigsten Vorgänge in der inneren und äußeren Politik.

* Leo Tolstoi im Sterben. Aus Moskau treffen höchst beunruhigende Nachrichten über den Zustand des großen russischen Schriftstellers und Philosophen Grafen Leo Tolstoi ein. Seine Kräfte sind stark im Abnehmen begriffen. Die ganze Familie ist nach Jaßnaja Poljana berufen. Man befürchtet jeden Augenblick die völlige Auflösung des von langer Krankheit Geschwächten.

Der lokale und provinzielle Teil bespricht alle tom munalen Angelegenheiten und berichtet in zahlreichen Korrespondenzen die Tagesneuigkeiten aus der Umgebung. Das Feuilletons, ift mit guten Romanen und originellem Unterhaltungsstoff ausgestattet.

Inserate haben durch die weite Verbreitung

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der Gießener Neuesten Nachrichten" gute Wirkung. So sind die ,, Gießener Neueste Nachrichten" als ein gern gelesenes Familienblatt bekannt und der mäßige Abonnementspreis

8 Durch eine Lawine verschüttet wurden bei Nelson in Britisch Kolumbien die sämtlichen Arbeiter der Mollie Gibson- Mine. Die furchtbare Schneelast durchbrach das Dach des gemeinsamen Schlafhauses und wirbelte die dort Ruhenden samt ihren Betten einen steilen Bergabhang hinunter. Man fand später die Verunglückten 400-500 Schritt von dem Schlafhause entfernt unter einer hohen Schneemauer auf. Neun Mann von ihnen waren tot und viele mehr oder weniger schwer verletzt.

** Sylvesterabend! Von den Türmen in Stadt und Land hallen die Glocken hinaus in die winterlich- feier­liche Stille der deutschen Gaue. Die chernen Schick­salstünder mahnen das lebende Geschlecht, daß wieder ein Jahr zur Rüste geht, hinabsteigt in die Tiefe der Vergangenheit, daß ein anderes sich erhebt aus dem Schoß der Zeiten. Und mit dem heiligen Schauer, mit dem unsere Altvordern die Jahreswende begingen, sieht auch der Deutsche des zwanzigsten Jahrhunderts der Stunde entgegen, da das alte Jahr von dem neuen sich scheidet. Kein Aberglaube ist's, der uns beschleicht am Tage der Jahreswende: was uns in ernste Stim­mung versetzt am Sylvestertage, ist ein zwiespältiges Ge­fühl: Erfahrung und Hoffnung bestimmen die Empfin­pfindung, mit der wir den Tag, da das Jahr sich vollendet, verbringen: Die Erfahrung, die den Menschen, den flüchtigen Sohn der Stunde, lehrt, wie vieles von seinen Hoffnungen und Entwürfen eitel Hirngespinnst bleibt, die Hoffnung, die uns Menschenkindern als schön­stes Geschenk des Himmels verliehen ist, die uns er­hebt über die Widrigkeit der Vergangenheit und die uns mit Zuversicht beseelt für die Zukunft trotz aller Erfahrung. Und diese Hoffnung wird auch den Armen

Bunte Chronik. Der vor kurzem verstorbene Rentner Franz Anton Gering hat der Stadt Frankfurt a. M. den Betrag von 100 000 Mark zur Gründung eines Heims sür alleinstehende, unbescholtene Mädchen vermacht.

pro Monat 60 Bfa.

frei in's Haus

Und

** Finem 60 Felbige 1860 un folge einer Fran fagt worden. der Tajche lag, f Manne ein, daß hilfsbedürftiger gemacht! noch mehrfache laffen müffen, nicht in dem 2 auf Unterfügung wohl ein Kriegs M. Als ein muß folgende Ne werden. Demna Maschinenperfon ( 12 Gr. Celfius) Getränke, Warm und Nachtfahrten belabfolgt werde ** Beziglich Sommer in Turnfest besteht heit; es handelt abteilungen teilnehmen follen Nürnberg waren di eingeladen worden, Turnerschaft, Dr. G auf den Standpunt Mitglied der deuts Recht zur Teilnah müffe, der weiblic und zarter Weise burd öffentliche herabgedrüft werde 3m nächste

ermöglicht es auch dem kleinen Manne, sich auf dieselben zu abonnteren.

Aus der Nikolaikirche zu Zeiß sind nachts durch Ein­bruch sämtliche aus der Reformationszeit stammenden, äußerst wertvollen Altargeräle geraubt worden.

Bären verursachen im Bezirk Gottschee( Krain) große Aufregung. Ein Knabe wird vermißt, eine Kuh haben die Bestien weggeschleppt. Es finden Treibjagden statt.

Die Expedition der

, Gießener Neueste Nachrichten.""

Giessener Cagesneuigkeiten.

*=* Herr Prof. Dr. Josef Heimberger hat, wie uns von sehr geschäßter Seite mitgeteilt wird, den Ruf nach Bonn angenommen.

- Der Tunnel der Jungfraubahn ist jetzt bei der Station Eigerwand durchgeschlagen; nächsten Sommer wird der Betrieb bis dahin eröffnet. Diese Kilometer erfor­derten drei Jahre Bauzeit.

** Das Amtsblatt Großh. Ministeriums der Justiz Nr. 36 enthält ein Ausschreiben an sämtliche Justizbehörden, betreffend die Handhabung des be dingten Strafaufschubs.

**( Stadttheater.) Am Neujahrstage wird nachmittags 4 Uhr das dreiaftige Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg Das Theaterdorf" in Scene gehen. Abends 8 Uhr wird zum ersten Male die reizende 4aftige Gesangs posse von W. Mannstaedt und K. Schott " Höhere Töchter" zur Aufführung gelangen und zwar findet diese Vorstellung der hohen Honorarfosten wegen bet erhöhten Preisen statt. Abonnementsbillets haben mit Zuzahlung Gültigkeit. Freitag findet eine Wiederholung des 3aftien Lustspiels 3m buntea Rod" statt und zwar im Abonnement bei gewöhnlichen Preisen.

fräftigen, den Kampf mit dem Leben trotz der frischen Wunden des alten Jahres von neuem rüstig aufzuneh­men. Und sowohl dem Günſtling wie dem Stiefkind For­tunas wird die Wechselwirkung zwischen Erfahrung und Hoffnung jene ernst- frohe Stimmung erzeugen, mit der uns geziemt das alte Jahr zu beenden und das neue zu begrüßen. Jene ernst- frohe Stimmung, die den Sol­daten beseelt, wenn er von der letzten Ruhestatt eines Kameraden heimkehrend, unter den Klängen mutiger Marschweisen wieder an seine Berufsarbeit geht. Und so, ernsten Sinnes, doch voll früher Zuversicht, mögen am Sylvesterabend im Kreise der Lieben, der Ange­hörigen und Freunde, deutsche Männer die Gläser er­flingen lassen auf ein

Gesegnetes neues Jahr!

** Der Hessische Waisenschutz hält morgen abends 8 Uhr im Hotel Einhorn" seine Weihnachts­feier ab. Wie alljährlich, so soll auch diesmal wieder eine Anzahl bedürftiger Halbwaisen, erfreulicherweise ca. 22, mit Kleidungsstücken bescheert werden

**

lidhen Bebran Gartenbau zu gende Unterricht der Zeit vom 12. furjus in der Zeit Doftbauturius in d

März 1903; Baur Februar bis 21.

bom 2. bis 13. J bom 15. bis 27. S Zeit vom 17. bis furfus in der Zeit berwertungsfurfus 1903; für Männe 1903. Das Unt

Aurius: für Brenf

35 Mart.

Oeffentliche Lesehalle. Die Frequenz des Lese­zimmers hat in so erfreulicher Weise zugenommen, daß der Vorstand sich entschloß, diesen Raum bom 1. Januar 1903 an nicht nur Sonntage, sondern auch an allen Wochentagen von 10 Uhr vormittags bis 10 Uhr abends dem Bublifum offen zu halten Tageszeitungen eller politischen Richt­ungen, Wochen- und Monatsschriften, Reisewerke, Meyers Konversationslexikon und andere Nachschlagebücher sind aus: gelegt. Der Enheimische mag gera eine sonst müßige halbe Stunde dort zubringen, der Reisende zur Rast und Drien. tirung verweilen, und so die Volksbildung wie die Bequem. lichkeit unserer Mitbürger und der Fremden so unaufdring Unsicherheiten am besten abgeschafft würden. Diese Frage wird von beiden Parteien mit der den Deutschen eigen­tümlichen Gründlichkeit erörtert. Wir glauben zwar kaum, daß die Prüfungen für den höheren Staatsdienst überhaupt entbehrt werden könnten, denn sie sind das Gegenstück zu der akademischen Freiheit. Dem Hoch­schulbesucher steht es vollständig frei, über seine Zeit zu verfügen. Er muß sich aber für die Anwartschaft auf die Aemter ausweisen und es gibt hierzu keine andere Möglichkeit als eine gründliche Erforschung der erworbenen Kenntnisse. Die zweite Dienstprüfung aber nach Ableistung einer gewissen amtlichen Tätigkeit dient dem Zwecke, die praktische Verwendbarkeit eines Amts­bewerbers einer möglichst objektiven Kritik zu unter­werfen, denn wenn nur die Dienstberichte der vorge­setzten Behörden entscheidend sein würden, dann würde der Zufall ebenso in dem Geschicke eines Mannes mit­spielen, wie bei einem Examen. Das Maß der Anfor­derungen und die Art der Beurteilung wäre keine gleich mäßige, wie sich andererseits Kliquen bilden fönnten. Es ist also kein Zweifel, daß die staatlichen Prüfungen für die Amtsbewerber als abschaffungsfähig nicht in Betracht kommen können; wir sprechen nur von den Ab­schlußprüfungen in den Schulen. Wir meinen, daß ein Schüler, der Jahre lang unter der Obhut seiner Lehrer gelebt hat, ganz gewiß bezüglich seiner sittlichen, geistigen und wissenschaftlichen Reife von seinen Lehrern ohne den nervenzerrüttenden Apparat des Abiturienteneramens be urteilt werden kann. Es ist wirklich ein Unding, daß ein Abiturient nochmals das ganze Kompendium der den Unterrichtszweige gründlich für eine Revue vor prüfenden Behörden zusammenfassen und auf allen Ge bieten gleich gerüstet sein muß. Die Aufregungen und An strengungen stehen in feinem Verhältnis zu dem Werte der Abschlußprüfungen; eine schärfere Beaufsichtigung der Schulen durch die oberen Instanzen während des Schul jahres und eine gewissenhafte Zenfurierung am Ende eines jeden Schuljahres geben dem Staate hinreichende Sicher heit, daß die in das Leben hinausgeschickten Elemente auch die Reife für das Leben haben; die Prüfungsfolter wäre also wirklich zu entbehren.

Im neuen Jahre beginnt in manchen Haushalten eine sorgenvolle Zeit. Denn die Weihnachtszensuren der Schüler haben nicht überall frohe Gesichter gefunden. Wer auf seinem Quartalszeugnis den Vermerk trug, daß seine Versehung zu Ostern fraglich sei, oder wer überhaupt nur zum Zwecke der Benachrichtigung über den schlechten Klassenstand ein Zwischenzeugnis erhielt, geht nunmehr der Verfallzeit des Eichtwechsels entgegen. Eine besonders sorgenvolle Zeit aber herrscht in jenen Familien, in denen sich die Schatten eines nahenden Examens fühlbar machen. Dessen Ausfall ist für das Le­beusschicksal eines Abiturienten oder eines Kandidaten entscheidend und doch sind diese Prüfungen wie ein Würfelspiel. Die Augen können gut und schlecht fallen, ganz unabhängig von dem ehrlichen Ringen und Stre ben des Prüflings. Der eine hat Pech, weil er gerade in den wenig gepflegten und unliebſamen Fächern ge­prüft wird, der andere ist ohnehin von Haus aus eine schüchterne Natur und zeigt daher unter dem Drucke der schwülen Atmosphäre Befangenheit, Aengstlichkeit und Unsicherheit, die leicht den Prüfungsausfall in einer ent­scheidenden, eventuell sogar verhängnisvollen Weise besin­flussen. Unter diesen Umständen ist schon die Frage auf­geworfen worden, ob nicht die Prüfungen bei diesen

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