Ausgabe 
31.10.1903 Zweites Blatt
 
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[ Welchen Wert Tauben besitzen können, zeigte eine Muftion in Manchester, bei der 72 Drachentauben versteigert wurden und zusammen den Preis von 18 000 Mark brachten. Taubenzüchter aus allen Teilen Englands und selbst aus dem Norden Schottlands wohnten der Auktion bei. Die beste Taube erzielte einen Preis von 1200 Mark. Da dieses Tierchen nur ein Pfund wiegt, ist es sein Gewicht in Gold wert.

[ Wenn man zu realistisch ist. Eine hübsche Theater­anekdote, welche die Gefahren des übertriebenen Realismus zeigt, erzählt eine englische Zeitschrift. In einem Drama hält die sehr erregte Heldin plötzlich inne, um wieder Fassung zu gewinnen, als sie die herannahenden Wagen ihrer Gäste hört. Horch!" sagt sie, ich höre die Räder ihrer Wagen." Den Effekt der herankommenden Räder erzielte man leicht; was man aber auch versuchte, das Stampfen der Pferde auf dem Kies vor Clarissas Tür konnten wir nicht hervorbringen. Schließlich verfiel man auf eine glänzende Idee, die der Regisseur sofort in die Tat umsekte, nämlich einen Esel auf dem hinter der Szene gestreuten dies auf- und abtrotten zu lassen. Natürlich waren die Darsteller bei dem ersten Auf­treten jenes Vierfüßlers, der die Pferde des glänzenden französischen Hofes vertreten sollte, ein wenig erregt. Als das Stichwort gefallen war, herrschte verhängnisvolle Stille. Die Heldin wiederholte das Wort etwas lauter. Da hörte man plötzlich den Esel ia" schreien. Das Publikum brach in ein schallendes Gelächter aus. Es war zwar eine der ernstesten Situationen des Stückes; aber die Heldin konnte sich nicht helfen, sie mußte mitlachen, bis ihr die Tränen über die Backen liefen.

A[ Eine Straußenfarm auf der Weltausstellung von St. Louis. Eine Straußenfarm im Betriebe wird von der Regierung des nordamerikanischen Bundesstaates Kalifornien auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 gezeigt werden. Außer der Straußenfarm wird man auch die Gewinnung und Verarbeitung der Straußenfedern beobachten können.

[ Nichts gelernt und nichts vergessen.] Adelina Patti, die z. Zt. in Newyork ihre Triumphe feiert und ungezählte Dollars einheimst, entgeht trotz der Begeisterung der Yankees doch nicht boshaften Angriffen der Kritif. Die Veröffent­lichung der von der Diva zu singenden Musikpiecen, durchweg dieselben, mit denen die Patti bereits vor 30 Jahren ent­zückt hatte, veranlaßte einen Witzbold zu der Aeußerung, daß man daraus ersehe, daß die Patti nichts gelernt und nichts vergessen habe; das erste sei angesichts ihres Alters weniger merkwürdig denn das lezte. Boshafter kann man nicht in so wenio Worten sein.

** Sizen geblieben dieses einst so gefürchtete Wort hai yeutzutage seinen Schrecken verloren. Es ist durch die Statistik unumstößlich erwiesen, daß ein gewisser Prozent­satz von Frauen, in manchen Ländern ein größerer, in an deren ein kleinerer, unverheiratet bleiben muß. Ist dies immer als ein Unglück anzusehen? Gewiß nicht! Wie manche Frau, die in unbedachter Eile den Ghebund geschlossen, würde oft gern mit der alten Jungfer tauschen, die, ihren besseren

Gefühlen und Ueberzeugungen treu, sich lieber selbst genügen ließ, als daß sie ohne Neigung oder aus falter Berechnung an den Altar trat. Ein Mädchen, das seine Aufgabe ver­steht, seine Kräfte benützt und entwickelt hat, wird auch nach außen immer eine ebenso ehrenvolle und geachtete Stellung finden, wie sie die hochstehende Frau sich nur wünschen mag. Aber um dieses Ziel zu erreichen, muß bei der Erziehung des Mädchens von allem Anfange an die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß es unverheiratet bleiben kann. Man muß auch das jüngste Mädchen darauf hinweisen, daß es viel länger alt als jung sein wird, daß der Zweck seines Lebens dahingeht, erst dann in reinster Schönheit zu glänzen, wenn die Rosen auf den Wangen anfangen zu erbleichen. Die Bestrebungen unserer Zeit auf sozialem Gebiete sind ja auch in hervorragender Weise darauf gerichtet, der Frau, die im ehelosen Stande lebt und deshalb nur zu oft für ein über­flüssiges Wesen gehalten wird, würdige und lohnende Ge­biete der Tätigkeit zu erringen. Wenn das Herz sich schon früh an die Vorstellung gewöhnt, daß ihm möglicherweise die The versagt bleiben kann, wird sein unruhiges Bochen nicht mehr so viele Frauenleben mußlos vergiften. Die Kranken­pflege, der Beruf der Lehrerin und Erzieherin im weitesten Sinne, des Arztes für Kinder und Frauen, die Pflege der Künste, wissenschaftliche Studien, die Beschäftigung mit ge­werblichen Arbeiten und kaufmännischen Obliegenheiten--­dieses ganze weite Feld der Arbeit ist heute der Frau aufgetan und ist für das Mädchen, das die richtige Erziehung genossen, ein Glück, im Vollgefühle seiner Kraft dazustehen, das Ge­botene zu ergreifen und sich tüchtig zu machen für den Kamps ums Dasein. Ein solches Mädchen wird wahrlich das Glück, unter allen Umständen unter die Haube zu kommen", wenn ihr Herz nicht mitspricht, nicht allzu hoch veranschlagen und einen vollen Ersatz hierfür in der Genugtuung finden, alles dem eigenen Verdienste, seiner Arbeit und Tüchtigkeit und sonst niemandem zu verdanken.

Das Neueste aus den Witzblättern.

Bei der Schmiere. Regisseur( nach der Probe zu einem Drama, in dem der Held sich erschießt): Die Pistole, die Sie mir gegeben haben, geht nicht los, Herr Direktor!"

Direktor( das Mordinstrument in die Hand nehmend): sa, ia, das hat man mun von dem ewigen Vorschießen!" Bedienten wit. Herr: Jean, holen Sie mir mal eine Flasche Burgunder, mir ist heute nicht recht ertra!" Jean: Es ist keiner mehr da, gnädiger Herr!" Herr: So, warum denn nicht?" Jean: Weil gestern mir nicht ,, recht extra" war!"

Verplappert. Richter: Wenn Sie ein reines Ge­wissen hatten, weshalb entfernten Sie sich dann durch die Hintertür über die Mauer, anstatt vorn zum Hause hinaus­zugehen?" Angeklagter: Ja... vorn stand nämlich ein Polizist!"

Immer parlamentarisch. Abgeordneter( der, zu Gefängnisstrafe verurteilt, sich beim Pförtner zum Straf­antritt meldet): Sie, wo ist denn hier der Situngssaal?" ( Dorfbarbier.)

Geschäfts- Uebernahme und Empfehlung.

Der Unterzeichnete beehrt sich hiermit ergebenst anzuzeigen, daß er das seither unter dem Namen Gg. Koch in Gießen betriebene

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fäuflich erworben und unterstelle die hierbei übernommenen Waren einem Aus verkauf. Regulateure, 14 TageSchlagwerk, ca. 1-1,05 Mtr. lang, so lange Vorrat reicht v. 20 M. an. Gleichzeitig empfehle ich mich in allen in der Uhrmacherei, Optik und Goldwaren Branche vorkommenden Reparaturen einschließlich komplizierter Uhren, unter reeller Garantie.

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Es wird mein eifrigstes Bestreben sein, meine werte Kundschaft pünktlich und reell zu be= dienen. Einem geneigten Zuspruch gerne entgegensehend, zeichne

Mit aller Hochachtung

Julius Philipp, Ahrmacher.

Kochs Nachfolger.

Gießen, Bahnhofäraße 50.

Kunft und Wiffenfchaft.

CF. Meridianmessung. Auf dem Observatorium von Pulkowa, der Petersburger Sternwarte, werden gegen wärtig unter der Leitung des Direktors Baklund die Be rechnungen eines Meridianbogens von Grad beendet. Das Material zu diesen Berechnungen lieferten die 1899 bis 1901 von dem Akademiker Tschernyschew auf Spißbergem gemachten Triangulationen. Die Berechnungen sind bom hohem astronomischen und geodätischen Intereſſe insofern, als erst die Ausmessung eines Meridianbogens unter hohen Breiten die Möglichkeit einer genaueren Bestimmung der Abplattung des Erdballes gewährt. Die von der schwedischen Spitzbergen- Expedition vermessene Länge des Meridians beträgt 1% Grad, so daß im ganzen 44 Bogengrade( etwa 460 Kilometer) berechnet werden. Für die Genauigkeit der Vermessung ist es bezeichnend, daß der als möglich in Rech­nung gestellte Fehler nur 7,2 Millimeter auf 6,225 Meter beträgt.

RO. Der Kampf um die Vivisektion wirft in Wien immer breitere Wellen. Sämtliche medizinische und ärztliche Kor porationen und Vereine machen in Resolutionen gegen das Vorgehen der Behörde, speziell des Grafen Kielmannsegg, Front. Medizinstudenten ließen sich sogar zu einer lärmen den Demonstration gegen den Statthalter hinreißen. Die Aufregung ist groß. Man verlangt Genugtuung für die der Wissenschaft angetane Schmach.

BG. Totale Magenexstirpationen kommen in der modernen Chirurgie in immer ausgedehnterem Maße in Anwendung. Wie Dr. Ullmann in der letzten Sitzung der Gesellschaft der Aerzte in Wien mitteilte, sind bisher schon etwa 20 Jälle bekannt, in denen der Magen mit Erfolg vollkommen ent­fernt wurde. Dr. Ullmann stellte eine 62jährige Frau vor, bei der die Operation vor mehreren Wochen ausgeführt wor den war. Die Frau verträgt jetzt schon alle Speisen und hat seit der Operation um mehrere Kilogramm an Körper­gewicht zugenommen.

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Nr. 256

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