Ausgabe 
31.10.1903 Zweites Blatt
 
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Mr. 256.

Zweites Blatt.

Samstag, den 31. Oftober 1903.

Abonnement& prete: in Gießen, abgeholt monatlich 50- Pfg., in's Haus gebracht 60 Bfg., durch die Poft bezogen viertel jährlich Mr. 1.50.

Bratt@ beilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Sbft- und Bartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmitage.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionspret di Die einspaltige Betitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfa. fonist 15 Pfg.; Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.

Boftzeitungslifte No. 3269.

Redaktion und Ervedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Hus der Reichsbauptstadt.

Wandelbilder von Spectator.

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In den letzten Tagen machte ein Inserat Furore, durch idas ein Musikdirektor seine Kapelle mit der Bemerkung em­pfiehlt, daß er zu Festlichkeiten, für die seine Musik ge­11ommen wird, eine Hochfrau gratis liefert. Ich weiß nicht, Das die hiesigen Konzert- Direttoren gesagt haben, als sie sverwaltung Von dieser genialen Idee hörten, aber ich vermute, daß manch seiner von ihnen erst blaß, dann rot und dann wieder blaß rbeiten geworden ist, sich nachher vor den Kopf geſchlagen hat und dann an's Telephon ging, um seinen Rechtsanwalt zu fragen, en Wohnbob es als unlauterer Wettbewerb angesehen werden kann, Installat enn er sich diesen glänzenden Gedanken für seinen Be­und Plat idarf zurechtstuge. Welch herrliche Aussichten eröffnen sich tid Rolli wem Konzert- Veranstalter, dem es jetzt wieder so viel Kopf­fhmerzen bereitet, wenn er für das Auftreten irgend eines ergeben warunbekannten Künstlers dem Saale die anständige Füllung bei mit geben soll, die der Künstler für sein schweres Geld verlangen lann. Jetzt, da das Ungetüm, Berliner Konzertsaison" achm. 2 genannt, aus seinem Sommerschlaf erwacht ist und wieder feine Krallen nach tausenden von unschuldigen Ohren aus­behalten, it redt, ist es nicht so leicht, für den in den weitesten Kreiſen istungsfäb unbekannten Geiger X. oder die ebenso unbekannte Sängerin ift 3 To 9. die genügende Anzahl Opfer in dem Saal zu vereinigen; möge obengenannte Krallen auch von Freibillets verhüllt gebot geb ein. Es ist dies um so schwerer, als neben den Konzert­Infündigungen auf den Anschlag- Säulen seit einigen Tagen Großhaus, die Eisbahn- Boranzeigen stehen, die boshafte Thermo­meter- Säulen bekanntlich stets zum Steigen veranlassen. Man denke sich dagegen die warme Begeisterung, mit der elbst die jämmerlichsten Leistungen von einem Publikum quifgenommen würden, dem ein nicht minder warmes Abend­Wrot nach der Aufführung natürlich nach der Aufführung winkt. Die Konkurrenz freilich würde sich auch dieses Gebietes bemächtigen und die Ansprüche des Publikums Genso wie den Wert dieser Konzert- Knochenbeilage steigern. Pünftige Konzert- Veranstalter würden sich dann gezwungen sehen, dem individuellen Bedürfnis des einzelnen Rechnung u tragen und dem Studenten einen Monatswechsel, dem ungen Mädchen einen für den Ehereisen reifen Jüngling und gewissen polnischen Gräfinnen einen als Majoratserben Therwendbaren Säugling auf das Freibillet noch drauf­legen.

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in Gieken a 180 Fftm Giden Fitm. Mar Fichten- Bau­Stangen, 6000 Fichten- Reision befonders auf k ag Gebote aufs b, wie Gebote ents. Gany

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Wie sehr hier die Kunst nach Brot geht, beweisen auch die zahlreichen Kneipen mit literarischem Anstrich. Meist steht tatsächlich nur der Anstrich, die Dekoration, in einer Beziehung zur Literatur, wie bei dem vor einigen Tagen oeröffneten Nachtasyl", dessen Namen und Einrichtungsidee von dem Gorkischen Drama entnommen ist, das es ja bekannt­lich an Lebensdauer im Kleinen Theater selbst mit der unga­tischen Ministerkrisis aufnehmen kann. In anderen Kunst­tineipen wieder wird neben den materiellen Genüssen eine billige Kunst verzapft, und diese sind bei den Leuten sehr Ibeliebt, die neben leichten Weinen ein leichtes Lachen lieben. 050 lockt ein früherer beliebter Operettensänger durch seine Gesänge die Mäuschen in seine kleine Weinstubenfalle, bis idiese die grausamen Krallen des Katers zu spüren be­ginnen. Noch lebhafter zeigt sich die weinlaubumkränzte leichte Muse in den kleinen Hinterzimmern einiger Wein­Heipen, im siebenten Himmel", der grünen Minna" oder pie sonst diese Cabarets heißen. Wie lichtscheue Lasterhöhlen erstecken sich diese Kunstinstitute" in die hintersten Räume, und doch sind es meist recht harmlose Vorträge, an denen sich hier nicht nur Künstler- und Journalisten- Gesindel, son­dern auch Leute von anständigen gut bürgerlichen Berufs­eigen vergnügen.

Aber nicht nur in den fidelen Wirtshäusern gibt die Kunst Gastrollen. Eine originelle Vorstellung" gab es ingst sogar in einem Tunnel der Untergrundbahn. Man pielte das Pariser Untergrundbahn- Unglück oder, wie es in der Amtssprache hieß, man veranstaltete eine fünstliche Ver­qualmung". Ein solider Scheiterhaufen hatte die Rolle des brennenden Zuges übernommen und spielte sie mit sehr viel

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natürlich nachts sorgte die elektrische Leitung, die aus­geschaltet worden war. Alles gelang ziemlich naturgetreu; nur die Panik wollte nicht recht in Gang kommen. Dem be­anntlich schnell schreitenden Unglück zum Troß schritt man langsam und vom Rauch unbeschädigt zu den nächsten Aus­

nd stilgeredängen, und so verlief das Unglück recht gemütlich und ver­

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nügt. Alle Teilnehmer verließen befriedigt die Szene; die inent in dem stolzen Bewußtsein, daß bei uns so was, wie in Paris, nicht vorkommen kann, einige andere vielleicht uch mit dem Gedanken, daß ein wirkliches Unglück doch wohl twas fürchterlicher funktionieren würde, als so eine General­probe. Ein boshafter Teilnehmer meinte, das Feuer wäre Ditfungsvoller gewesen, wenn ein frischerer Zug durch unser Verkehrswesen ginge.

Der verstekte Vorwurf dieses Herrn hat aber gerade jetzt Denig Berechtigung. Man probiert und projektiert eifrig. Das beweist das schwebende Schwebebahn- Projekt und vor tllem der geplante Schnellbahn- Bau Berlin- Hamburg, den elle Leute, die eine Sehnsucht nach der großen Hasenstadt haben, besonders also Defraudanten und solche, die es werden pollen, mit Ungeduld erwarten.

Vermischtes.

Ein billiges Martyrium] hat sich allem Anschein nach der Verfasser des vielbesprochenen Buches ,, Aus einer kleinen Garnison", Leutrant Bilsen vom Forbacher Trainbataillon, verschafft. Der von militärfeindlichen Kreisen vielbedauerte ,, Enthüller furchtbarer Wahrheiten" nimmt es selbst mit der Wahrheit nicht sehr genau. Ec erzählt z. B. einen ur­alten Schwank aus den Fliegenden Blättern als seine eigene Beobachtung. Es ist die bekannte Geschichte von der auf Geschenke erpichten Frau Wachtmeisterin und den Einjäh­rigen, die ihr auf zarte Andeutung ihres Gemahls hin ein Klavier spendierten. Als aber für die Einjährigen der Tag der Entlassung fam, fam für den entsetzten Wachtmeister ein großer Wagen, dessen Lenker die Weisung hatte, das für sechs Monate gemietete Klavier wieder abzuholen. Wenn der übrige Inhalt des Buches auf ähnlichen zuverlässigen" Quellen beruht, ist es bedauerlich, daß Herr Bilsen ernst ge­nommen worden ist.

Der zweite weibliche Stationschef in Desterreich. Fräulein Mizzi Horak auf der Station Vilpian der Bozen­Meraner Vahn ist nun nicht mehr der einzige weibliche Stationschef", da jetzt auch die Station St. Anton der Mendel­bahn einen blondhaarigen weiblichen Stationschef aufzu­weisen hat.

[ Nationalökonomie im Tingeltangel.] Chamberlains Bollpolitik feiert 3. Zt. in den Londoner Tingeltangeln große Siege. In der Alhambra" wird allabendlich ein Chamber­lainhymnus gesungen, der John Bulls Magazin" betitelt ist. Die zweite Strophe lautet:

Aber heute ist's eine andre Sache,

Des Neiches Ruhm scheint sich zu verdunkeln, Wir kaufen dort, wo einst wir verkauften, Der Fremde hat unsern Handel ergaunert! Ter Horizont ist schwarz, die Bestellungen felten Doch ein Kämpe rückt vor mit gewaltigem Sprunge, Das Monocle im Auge läßt besser ihn sehen, Was in John Bulls Magazin noch fehlet.

Refrain:

Kaufet, kauft in John Bulls Magazin! Wir brauchen nicht mehr den Deutschen, den Ycukee, Das verdiente Geld bleibt in unseren Händen, Wenn Ihr in John Bulls Magazin mur kaufet"

Die Verse erregten eine ungeheure Begeisterung, und dem Kämpen mit dem Monocle scheinen sie auch sehr gut gefallen zu haben, denn er beglückwünschte den Verfasser in einem sehr schmeichelhaften Telegramm zu seinem Erfolge.

Die Tierbonne.] Der neueste, höchst originelle Frauen­beruf ist der der Tierbonne. Die wertvollen Schoßtiere, mit denen jetzt besonders in Paris und Newyork geradezu Kultus getrieben wird, sind ihre Zöglinge. Erstes Erfordernis der Tierbonne ist genaue Kenntnis der gewöhnlichen Krank­heiten der Haushunde und der Katzen. Beide Tiere sind Er­fältungen der Atmungsorgane und dem Rheumatismus unterworfen. In einigen Fällen müssen Pillen, in anderen Pulver gegeben werden, und bei Rheumatismus sind Dunst­einpackungen von Nutzen. Wenn ein Hund schlecht aufgelegt ist, so ist es schwer, ihn dazu zu bringen, ein Pulver einzu­nehmen oder sich in nasse Tücher wickeln zu lassen. Die Kunst der Bonne besteht nun darin, ihn so zu behandeln, daß er sich ihr willig überläßt. Kazen sind launenhafter als Hunde, daher schwerer zu behandeln. Wenn eine Katze ein Pulver oder einen Trank nehmen soll, so muß die Wärterin ge­wöhnlich ein Paar dicke Lederhandschuhe tragen, um sich vor dem Beißen und Krazen ihres Zöglings zu schützen. Auch besondere Affenpflegerinnen gibt es. Wenn sich eine Bonne" spezialisieren will und sich der Pflege nur eines besonderen Tieres widmen will, so findet sie auch dafür ein gutes Feld. So besitzt eine gute Papageienpflegerin eine große Praris in Paris. Papageien haben mitunter Anfälle von Schweig­samkeit und wollen dann trotz aller Schmeicheleien ihrer Herrin kein Wort äußern. Sache der Pflegerin ist es dann, die Widerspenstigen wieder zum Plaudern zu bringen. Die Tierbonne" nimmt entweder eine regelrechte Stellung in einem Hause an oder sie macht Visiten". Die Stellungen sollen viel rentabler sein als die der Kinderbonnen.

Hunde als Schmuggler] sind wohl schon an jeder Zollgrenze verwandt worden. Zwischen Gibraltar und dem spanischen Gebiet hat jedoch der große Unterschied, der in den Preisen für Tabak, Streichhölzer und Spezereiwaren hüben und drüben herrscht, den Schmuggel mittels Hunden zu einer besonderen Vollkommenheit gebracht. Man bindet den Tieren in Wachstuch eingenähte Pakete auf den Rücken und wirft sie von einem Boot ins Wasser. Sobald die Tiere das User erreicht haben, werden sie durch Schießen und durch Werfen mit Steinen und Stöcken so gehezt, daß sie in tollstem Lauf und jeden Menschen meidend, dem Hause zueilen, in das sie gehören. Auf diesem Wege lernen die Hunde be­greifen, daß sie auf ihrem Wege jeglichem menschlichen Wesen ausweichen müssen. Sind sie so weit abgerichtet, dann wer­den sie in der Nacht in der angegebenen Weise als Schmuggler verwendet. Die Zollbeamten machen natürlich auf diese vier­beinigen Schmuggler sehr eifrig Jagd und versuchen sie, während sie schwimmen, zu schießen. Die Folge davon ist, daß der ganze Strand mit mehr oder weniger verwesten Hundeleichen bedeckt ist.

Die neue Rechtschreibung erfährt in dem Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" folgende beachtenswerte Kritik. Eine Merkwürdigkeit der neuesten Rechtschreibung - so schreibt das Blatt ist die Behandlung der Wörter geben und lesen. Zwei gleichartigere Wörter als diese hat die ganze deutsche Sprache nicht; der Stamm beider besteht aus je drei Buchstaben( zwei einfachen Mitlautern, einem einfachen Selbstlauter) und die Zeitformen lauten durchwegs übereinstimmend: ich gebe, ich lese,- ich gab, ich las, ich gäbe, ich läse, gegeben, gelesen. In diese Uebereinstimmung bringt nun die neueste Rechtschreibung eine Störung. Sie befiehlt einerseits: du liesest( liest), er liest, mit ie geschrieben; andererseits: du gibst, er gibt, beides ohne e. Man vergleiche aber die Abwandlung der Wörter sehen( sieht), geschehen( geschieht); ist denn das e in geben weniger lang als das e in den Wörtern lesen, sehen, geschehen? Und wie verhält es sich mit der Bildung des Intransitivums liegen aus dem Transitivum legen? Und die Schreibung des aus schwer abgeleiteten Wortes schwie­rig? Beweist auch diese nichts für die Umwandlung eines langen e in ie?- Aber nicht genug mit dieser Verleug­nung eines mit Händen zu greifenden Gesetzes; das merk­würdigste ist: die neue Unrechtschreibung widerspricht sich jeibit: sie ordnet an: ergiebig, ausgiebig mit ie!!!

Drei Millionen- Diebstahl. Die Pariser Polizei hat einen Italiener Namens Musso verhaftet, der zu der Bande ge­hört, die im März d. Js. in einer Villa in Casale einen Einbruchsdiebstahl verübte und dabei für 3 Millionen Francs italienische Rententitres erbeutet hatte. Die Untersuchung hat ergeben, daß die Bande bisher für 500 000 Francs Rententitres verkauft hat. Musso ist an Italien ausgelie­fert worden.

* Zions Ende. Der fromme amerikanische Apostel Dr. Dowie steht auf dem Sprunge, sich von seinen Gläubigen zu wenden und die von ihm gegründete Stadt Zion im Stich zu lassen. Nicht so aber das Geld, das er sich in seiner Eigenschaft als Prophet Elias von arglosen Seelen hat auf­drängen lassen. Das hat er in eisernen Kisten auf dem Dampfer Sayonia" samt der Frau Prophetin und seinem Sohn Gladstone nach Australien einschiffen lassen. Er selbst wird Frau und Kind in kurzem nachfolgen, um die Zinsen der 7 Millionen Dollars, die der Schatz enthält, dort in Ruhe zu verzehren. Die Mauern des neuen Zion aber wer­den zusammenkrachen, da das goldene Fundament ihnen entzogen ist. Was kümmert das aber den smarten Geschäfts­mann Dowie? Business is Business, ob man nun in faulen Aktien oder Prophetenruhm macht.

[ Moralpostkarten, die die Uebel der Trunksucht illustrieren, hat ein Herr Capmartin in Blaye hergestellt. Er schlägt vor, diese Karten an notorische Trunkenbolde zu schicken. Die Empfänger sind aber jetzt wegen Verleumdung gegen die Absender vorgegangen. So wird die gute Absicht berfannt.

[ Abgetrumpft.] Von dem fürzlich verstorbenen Württembergischen Oberlandstallmeister v. Scholl weiß ein Stuttgarter Blatt folgende niedliche Anekdote zu berichten. Auf der Reitschule Hannover erschien der als Kavallerie­offizier dahin kommandierte v. Sch. in einfachen langen Beinkleidern in der Reitbahn, was einen anwesenden Herrn bon den Husaren zu der kritisierenden Bemerkung veranlaßte, daß er in diesem Anzug wohl kaum mitkommen werde. Sch. als ausgezeichneter Seiter aber ritt alle Touren tadellos ab, während der kritische Husar das Pech hatte, sich von seinem Pferde zu trennen. Nach getaner Arbeit trat v. Sch. auf den etwas gedeppten" Husaren zu, klopfte ihm gemütlich auf die Schulter und sagte in seinem unverfälschten Schwäbisch:" D' Hösle machet's ne- et, Herr Kamerad!"

ver seleidigte Künstler. In Anhalt fam es in der be­lebten Friedrichstraße zu einem brutalen Auftritt, den der frühere Hofopernsänger Kienlechner provozierte. Er stellte den herzoglichen Kapellmeiſter Milorey wegen einer abfäl­ligen Aeußerung zur Rede, die dieser über ihn und seine fünstlerische Tätigkeit getan haben sollte. Als Milorey ab­leugnete, schlug ihn Kienlechner mit der Faust ins Gesicht und trat ihn mit Füßen. Gegen den schlagfertigen Künstler ist Anzeige erstattet worden.

Für den Vater geopfert. Ein vor 26 Jahren zu lebens­länglichem Zuchthaus verurteilter Maurer namens Bur­meister ist jetzt begnadigt und freigelassen worden. 1877 beteiligte er sich an einem von seinem Vater angeregten Ein­bruch in das Gehöft eines Mühlenpächters in Damsdorf. Da der Pächter und seine Frau erwachten, streckte der Vater des Burmeister beide durch Schüsse nieder. Nach der Ent­deckung der Mörder bestritt der Vater, ein übel beleumun­deter und mehrfach vorbestrafter Mensch, die Tat; dagegen gestand der Sohn ein, daß er die tödlichen Schüsse auf die Eheleute abgegeben habe. Das Schwurgericht zu Kiel ver­urteilte beide zum Tode; die Strafe wurde aber auf dem Gnadenwege in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Nachdem der Vater im Jahre 1896 in der Anstalt gestorben war, versicherte der Sohn, der sich im Zuchthause tadellos geführt hatte, daß nicht er, sondern sein Vater beide töd­liche Schüsse abgefeuert hätte; er habe durch die falsche Selbstbezichtigung seinen Vater vor dem Schaffott retten wollen. Jetzt ist sein Gesuch um Freilassung bewilligt worden.