Nr. 198.
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Dienstag, den 25. August 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Weßlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. fg.
Postzeitungslifte No. 3269.
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Bekanntmachung.
Ich bringe hiermit zur allgemeinen Kenntnis, daß die Friedhöfe vom 16. August bis 15. Oktober von morgens 6 bis abends 8 Uhr geöffnet sind.
Die Schließung des Friedhofes wird durch Läuten der Friedhofsglocke angezeigt. Bei Beginn des Läutens muß der Friedhof sofort verlassen werden. Eine Viertelstunde nach dem Läuten werden die Friedhofstore gr= schlossen.
Gießen, den 20. August 1903.
Der Oberbürgermeister Mecum.
Düben und drüben.
Das Parteiwesen bei uns und in England. CB. Der Tod des Lord Salisbury hat ganz zweifellos in England mehr bedeutet, als seiner Zeit der Heimgang des Herrn v. Bennigsen für Deutschland, nicht etwa, weil hier ein verschiedenes Größenmaß an geistiger Bedeutung vorliegt, sondern weil in England ein Parteiführer weit mehr vorstellt, als hier. Er ist ein Stück Staatsgewalt, da der König ihn zuni leitenden Minister berufen muß, sobald seine Partei den Sieg davonträgt. Zwar ist der Monarch in der Auswahl der Personen frei, aber da andererseits die von dem König ernannten Minister dem Parlament verantwortlich sind und da weiterhin die königliche Macht eine mehr repräsentative ist, so versteht es sich von selbst, daß die Regierungsmaschine nur dann geölt bleibt, wenn sich das Kabinett auf die Mehrheitspartei stüßen kann. Die überragende Bedeutung des Parlaments ergibt sich aus folgender Tatsache am besten. Jedem Parlamentsmitglied steht das Recht zur Einbringung einer Gesezesvorlage zu, die es vorher mündlich ankündigen muß. Zur Durch beratung ist die Zustimmung des Königs erforderlich. Dieser hat sonach auch das Ablehnungsrecht, aber davon ist seit nahezu 200 Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden. Die letzte Verweigerung geschah im Jahre 1707, feiert ſonach bald ihr Jubiläum.
Da in England also das Parlament die eigentliche Staatsgewalt ist, so müssen die Wähler vor allem darauf bedacht sein, in kompakten Massen aufzutreten, denn jede Parteizersplitterung schwächt dann ja die Aussichten auf die Erlangung eines großen öffentlichen Einflusses. So sind denn seit Jahrhunderten zwei Weltanschauungen mit einander im Kampfe, die liberale und die konservative, die hier tatsächlich auch das bedeuten, was der Name sagt. Die eine hat ein freiheitliches, die andere ein am Herkömmlichen haftendes Ziel. Salisbury war der Führer der Konservativen, und er hat jedesmal, je nach dem Wahlausfall, mit Gladstone, dem Führer der Liberalen, in der Ministerpräsidentschaft abgewechselt.
In England hat also das Volk im wörtlichen Sinne, die Wählerschaft also, das Heft in den Händen; aber diese Macht ist sehr beschränkt durch ein Wahlsystem, das sich mit unserem nicht messen kann. Denn die Engländer haben die schärfsten Zensuswahlen, die sich denken lassen und die einen großen Teil des Volkes bei der Ausübung des Wahlrechts ausschalten. Diese relativen Verhältnisse müssen auch in Betracht gezogen werden, wenn man immer die politischen Verhältnisse in England als Muster hinstellt. Dort haben die Parteien größere Macht, aber der Einzelne kommt innerhalb der Parteien nicht so zur Geltung wie hier; dort hat man einen starken Einfluß der politischen Persönlichkeiten auf das öffentliche Leben, aber ein schwaches Königtum. Dort kann eine Minderheitspartei durch einen Umschwung der politischen Gesinnung im Volke plötzlich zum ausschlaggebenden Machtfaktor werden, aber dafür bringt auch jeder Wahlsieg ungeheure Erschütterungen, die man dadurch auszugleichen sucht, daß nur alle sieben Jahre gewählt wird. In England arbeitet das Parlament prompter, aber die Fülle von Anregungen, die unser politisches Leben zeitigt und die ihren Niederschlag in den Gesezen finden, fehlen dort. Die Besißenden haben auch im Parlament den Haupteinfluß, während bei uns auch die Besitlosen ihre Stimme im Parlament erheben können. Das ganze englische Barlamentssystem, das schon in seinem Zeremoniell sehr altertümlich ist, hat das Ziel, den herrschenden Klassen dauernd die Macht zu sichern, unser Parlamentarismus ist darauf eingerichtet, daß sich die Kundgebung der Volkswünsche möglichst individuell vollzieht. Das ist der Unterschied zwischen hüben und drüben. Wenn man sich diesen etwas genauer ansieht, wird man unserem System doch den Vorzug geben. Der Kaifer in Mainz.
Der Kaiser hat auf dem großen Sand bei Mainz eine große Besichtigung der großherzoglich) hessischen Regimenter borgenommen und dann in Gemeinschaft mit dem Großherzog von Hessen einen feierlichen Einzug in die festlich geschmückte Stadt gehalten. Des Näheren wird uns darüber berichtet:
Frühmorgens traf der Kaiser mit Gefolge mittels Sonderzuges bei der Wärterbude 39 der Linie Mainz- Alzen ein.
Zum Empfange des Kaisers, der beim Verlassen des zuges die Uniform seines hessischen Infanterieregiments Nr. 116 trug, waren anwesend: der Großherzog von Hessen, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, der Gouverneur und der Koinmandierende General mit seinem Stabe; ferner meldete sich sogleich bei der Ankunft des Kaisers Prinz Andreas von Griechenland als beim Dragonerregiment Nr. 23 eingetreten. Die Herrschaften bestiegen die Pferde und begaben sich auf den großen Sand. Hier fand zunächst ein reglementarisches Exerzieren des 6. Ulanenregiments statt, dann folgte ein Gefecht ooischen einer roten und einer blauen Partei. Die blaue Partei stand unter dem Kommando des Generalmajors v. Bredow, die rote unter Kommando des Oberst v. Gersdorff. Die Uebungen waren vom schönsten Weiter begünstigt. An die Gefechtsübung schloß sich ein Parademarsch, an dem die Infanterieregimenter Nr. 87, 88, 115, 116, 168 und 170, die Unteroffizierschule Biebrich, das Artillerieregiment Nr. 3, das Pionierregiment Nr. 21, das Husarenregiment Nr. 13, das Ülanenregiment Nr. 6, das Feldartillerieregiment Nr. 27 und die zweite Abteilung des Feldartillerieregiments Nr. 63 teilnahmen. Der erste Vorbeimarsch erfolgte in Kompagnie, bezw. Eskadronund Batteriefront, der zweite Vorbeimarsch in Regiments. kolonnen. Die berittenen Kolonnen gingen im Trabe vorbei. Beidemal führte der Kaiser das 116. und der Großherzog das 115. Regiment vor. Nach dem Parademarsch bildeten die Truppen Spalier. Der Kaiser und der Großherzog setzten sich an die Spike der Fahnenkompagnie und der Standarteneskadron, die vom 116. Infanterieregiment und dem 6. Ulanenregiment gestellt wurden, und führten unter dem Geläute der Glocken sämtlicher Kirchen von Mainz und dem Jubel einer zahlreichen Menge die Fahnen durch die festlich geschmückten Straßen der Stadt nach dem großherzoglichen Schlosse. Nach Einbringung der Fahnen begrüßte Oberbürgermeister Dr. Gaßner den Kaiser im Vestibule des Schlosses namens der Stadt Mainz. Der Kaiser dankte in warmen Worten. Die beiden Töchter des Oberbürgermeisters überreichten den Kaiser und dem Großherzog Blumensträuße. Hierauf fand im großherzoglichen Schlosse eine Frühstückstafel statt, an der außer den anwesenden Fürstlichkeiten das beiderseitige Gefolae. die Generalität, der hessische Staatsminister Te. Stothe und die höheren militärischen Chargen teilnahm
Franzöfifche Kulturkampfreden.
Trotz der vielen Kundgebungen der französischen Bevölkerung zu Gunsten der von der Regierung befehdete Mönchs- und Nonnenorden scheint der Leiter des Parise. Kabinetts doch sehr sicher zu sein, daß er in dem Kampfe gegen den Klerus Sieger bleiben werde. Der Ministerpräsident hat in Saintes( Charente inferieure) zwei Reden gehalten, die beide als Ankündigung einer Verschärfung des Kampfes der Regierung gegen den Klerus erscheinen. Die erste Rede bedeutet kaum weniger als die Mitteilung, daß das Kabinett das Konkordat mit der Kurie, das dem Staate die Besoldung der katholischen Geistlichen auferlegt, kündigen will. Und Combes' zweite Rede atmet ebenfalls eine Kampflust, die angesichts der unsicheren Lage des Kabinetts nicht recht verständlich scheint. Wir entnehmen den beiden Reden die Hauptstellen:
In der ersten Rede, die den Vertretern der Behörde galt und die Erwiderung auf eine Ansprache des protestantischen Pfarrers war, erklärte Ministerpräsident Combes, es bestehe in weiten Kreisen Frankreichs eine Tendenz, die darauf abziele, in einer vielleicht schon nahen Zukunft Veränderungen in den Beziehungen zwischen Kirche und Staal herbeizuführen. Wenn das geschehe, werde der Staat, das könne er, der Minister, schon heute erklären, allen Religionen Schutz und Freiheit sichern. Wer zwischen den Zeilen zu lesen weiß, wird aus dieser Aeußerung die Absicht des Ministerpräsidenten, solche Veränderungen" herbeizuführen, unschiver herausfinden. Die zweite Rede war ein Toast. In ihr nannte Combes den Klerikalismus den Todfeind der Republik, den er bekämpfen müsse. Er sei entschlossen, diesen Kampf ohne Gnade fortzuführen bis zum Siege des republikanischen Geistes über den klerikalen Geist.
Das heißt doch, wenn irgend etwas, den Krieg ankündigen! Zum Ueberfluß hat noch ein anderes Mitglied des Kabinetts, der allezeit redefrohe Marineminister Pelletan, sich im gleichen Sinne wie der Ministerpräsident ausge sprochen. Er erklärte in einer beim Stapellauf des Linienschiffes Ferry" gehaltenen Rede, die Marine hätte sich der Regierung unterzuordnen. Die Marine dürfe nicht mehr eine Bildungsanstalt für Offiziere sein, die von Dominikanermönchen erzogen wurden, und ihren Degen nicht in den Dienst der Reaktion stellen. Zum Schluß versicherte Pelletan, die Regierung werde das Kongregationsgesetz durchführen.
Aus diesen Reden geht unzweifelhaft hervor, daß sie Fanfaren für einen neuen erheblich schärferen Vorstoß der Regierung gegen die Kirche sind. Frankreich steht offenbar am Vorabend eines Kulturkampfes, zu dem die bisherigen Vorkommnisse nur ein Vorspiel bildeten
Die Politik.
Anläßlich der Ernennung des bayerischen Staatsrats Freiherrn v, Stengel zum Reichsschatzsekretär hat ein Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser nnd dem Prinzregenten Luitpold stattgefunden, in dem der Prinzregent seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß er im Freiherrn v. Stengel dem Reichsdienste eine schätzbare Kraft überlassen könne, wäh rend der Kaiser dem Regenten für diesen Entschluß Dant sagt.
Die alten Soldaten erweisen sich auch im Auslande immer wieder als die Träger der Anhänglichkeit an das deutsche Vaterland. In Ferre Haute in den Vereinigten Staaten findet gegenwärtig eine Versammlung alter deutscher Soldaten statt, in der die Gründung eines Zentralverbandes deutscher Veteranen und Soldaten des deutschen Heeres in den Vereinigten Staaten" erfolgen soll.
Daß Deutschland nunmehr mit China in Frieden lebt, bestätigt die soeben erschienene amtliche Bekanntmachung, wonach das Verbot der Waffenausfuhr nach dem Reich der Mitte nunmehr aufgehoben wird.
* Die Krise in Ungarn ist auf einen toten Strang geraten: Die Beratungen über die Wege, wie man aus der Kalamität sich heraushilft, kommen nicht vom Fleck. Die Audienz der ungarischen Staatsmänner beim Kaiser Franz Josef blieb bisher ohne jeden Erfolg. Der Kaiser soll sich gegenüber den ungarisch- nationalen Armeeforderungen scharf ablehnend verhalten und erklärt haben, er wolle lieber abdanken, als der ungarischen Kommandosprache zustimmen. Anscheinend will Kaiser Franz Josef die Krise hinausziehen und abwarten, ob die Opposition nicht müde wird. Graf Khuen- Hedervary soll auf unbestimmte Zeit die Geschäfte weiterführen. In Ungarn, wo ohne vorherige Lösung der Krise eine Refrutenaushebung unmöglich ist, werden die fehlenden Mannschaften durch Einberufung der Ersabreservisten ergänzt.
Die italienischen Radikalen wollen keinen Zarenbesuch in Rom dulden. Wie aus Rom in Ergänzung unserer früheren Mitteilungen gemeldet wird, hat das Geheimkomitee der Volksparteien den Beschluß gefaßt, anläßlich des Besuchs des Zaren 1. Broschüren zum Preise von einem Centime zu berbreiten, in welchen das Volk über den Zarismus aufgeklärt werden soll; 2. eine Reihe von Konferenzen zum gleichen Zweck abzuhalten; 3. eine äußerst billige Pfeife zu verkaufen, welcher das Geheimkomitee den Namen„ Barverscheucherin" beigelegt hat; 4. Kundgebungen vor dem russischen Konsulat und 5. Kundgebungen längs der Eisenbahnlinien zu veranstalten; endlich 6. einen Aufruf an die gesamte demokratische Presse zu richten und sie aufzufordern, die Protestbewegung gegen diesen der liberalen Tradition und der Kultur hohnsprechenden Besuch mit Eifer zu unterſtüßen. Die voranstehende Mitteilung liest sich wie ein Scherz wie ein schlechter Scherz.
* Der Tod des früheren britischen Premierministers Salis. bury wird eine Veränderung im Ministerium herbeiführen. Der älteste Sohn des Verstorbenen, Viscount Cranbourne, der bisher Abgeordneter und Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes war, erbt den Siz seines Vaters im Oberhause und scheidet dadurch aus dem Unterhause. Da aber sein Chef im Auswärtigen Amte, Lord Lansdowne, gleichfalls im Oberhause sitzt, muß der künftige Lord Salisbury seine Stelle mit einer anderen vertauschen. Der parlamentarische Brauch verlangt nämlich, daß entweder der Minister des Aeußeren, oder dessen Unterstaatssekretär Mitglied des Unterhauses sei.
Zur Abwechslung sind wieder einmal in einer russischen Stadt Streifkrawalle augerbochen. In JekaterinosI am hat kürzlich ein Teil der Bäcker die Arbeit eingestellt, nach der Verhaftung der Führer wurde sie aber wieder aufgenommen. Doch schon wenige Tage später brach ein allgemeiner Streit in allen großen Fabriken und Eisenwerkstätten aus. Die Ausständischen führten gewaltsam die Einstellung der Arbeit in Privatwerkstätten und auf Bauten herbei. Das Militär, welches zur Herstellung der Ordnung aufgeboten wurde, wurde feindselig empfangen, doch wurde die Menge durch einige Schüsse zerstreut. Pferdebahn- und Eisenbahnbetrieb wurde gestört. Die Zeitungen konnten nicht erscheinen. Die Fabriken wurden von Truppen umringt. Nach amtlichen Berichten sind 11 Personen getötet und 12 berlegt worden.
Hof und Gesellschaft
Die Kaiserin tam gestern in Begleitung der Gräfin Keller und des Hofmarschalls von dem Knesebeck im offenen Zweispänner von Wilhelmshöhe in Kassel an und besichtigte das Diakonissenheim und die Krankenküche. Dann wurde unter den Ovationen des Publikums die Rückfahrt nach Wilhelmshöhe angetreten.- Am 11. September wird die Kaiserin der Lungenheilstätte in Vogelsang bei Magdeburg einen Besuch abstatten. Vor der Abreise des Kaisers nach Mainz waren zur Mittagstafel geladen der Generalleutnant von Hülsen, Generalsuperintendent Lohr und der Erzabt von Monte Cassino in Italien.
Tochter des Hofmarschalls an der einſamen wato Baß die Gedanken, welche über sein tête- à- tête mit der Waldquelle bei
gelegentlich mit den Damen, er war so unbefangen und heiter,
Schranken, welche Wahn und Hochmut zwischen den Menschen
dann umgeben mich wieder drohend und beengend alle jene
herzen aufgerichtet haben.
Margot ſchüttelte traurig den Kopf.
hängnis
für ewig auseinander reißt für ewig.
denn
enthüllen kann, nicht enthüllen darf, und das mich zum um bares, ein entsetzliches Geheimnis lastet auf mir, das ich nicht niemals werden wir uns wieder begegnen ein furcht
Sie
hatte die Hände gefaltet und das Haupt auf die
Brust gesenkt.
Ein lebhafter innerer Kampf fchien fie zu bewegen. Für eine gewöhnliche Hofdame wäre die Lage, in der


