Ausgabe 
24.6.1903 Zweites Blatt
 
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S

Rr. 145. Zweites Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., le's Saus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertels fährlich Mr. 1.50.

Bratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Sbft- und Bertenbas, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

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Mittwoch, den 24. Juni 1903.

Gießener

12. Jahrgang

Insertionsprei: Die einfaltige Betitselle für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kretse Weglar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg.; Meklamen die Betitzelle 30 resp. 40 fg.

Boftzettungsliste No. 8289.

Rebattion und Expedition: Gießen Regenweg 28. Berufprechaufchluk s, 363.

Neuelle Nachrichten

( Sichener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weßlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Kaiferdenkmal und Bismarckfäule.

( Von unserem Spezialberichterstatter.) Hamburg, 21. Juni. Hamburg war in den letzten Tagen der Schauplak bon zwei Gedächtnisfeiern, die gewissermaßen typisch für die Empfindungen des deutschen Volkes sind. In der Hansastadt selbst wurde das Kaiser Wilhelmdenkmal in Gegenwart der offiziellen Welt enthüllt, und in unmittel­barer Nachbarschaft auf dem Hamberge bei Friedrichs­ruh weihte die Studentenschaft die Bismarcksäule ein, einen 10 Meter hohen Turm aus deutschem Hartstein, den zwei Seitentische nach Art der altgermanischen Opfer­steine flankieren. Die Feier in Hamburg war prunkvoll und, wie alle offiziellen Feierlichkeiten, etwas förmlich im Stile, eine hösische Festlichkeit, allerdings gemildert durch die zwanglose Art, wie der Kaiser sich gibt. Ins­besonders machte die Leutseligkeit, die er dem Künstler gegenüber bewies, einen wohltuenden Eindruck auf das

is, wollen gehereiche Bubitum, er zeigte während des Gesprächs eten, der bentmal und flopste ihm wiederholt auf die Schultern

öfter mit dem Marschallstab, sah lebhaft nach dem Kaiser­

schließlich überreichte er ihm den roten Adlerorden 2 Klasse persönlich.

Das Denkmal zeigt den alten Kaiser mit einem über­aus milden und gütigen Gesichtsausdruck, aber mit einem unhistorischen Degen. Der Kaiser trägt nämlich die erst im Jahre 1890 eingeführte Offizierswaffe, ein Fehler, gem Blick in dahilitärischen Berlin gewiß, eher aufgefallen

wäre als in Hamburg. An den Säulenwänden des Sockels find die Allegorien des Welthandels und des Friedens an­gebracht. Das Denkmal steht auf einem erhöhten Plah, unserer im Hintergrund sind Ruhebänke. Dieſe ſind flankiert durch die Darstellung der Rechtsprechung, des Münzwesens, der Des tennt Industrie und des Handels, der Ackerbau ist leer aus­gegangen. Die oberen Flächen sind durch Hochreliefs, dar­stellend die Kaiserproklamation und den Einzug der 76er in Hamburg ausgefüllt. Das Denkmal ist sehr hübsch und künstlerisch vollendet, aber dennoch nicht individuell. n unserer hier soll die Persönlichkeit des Repräsentanten aus der froßen Zeit dargestellt werden.

Anders aber ist die Feier zu Ehren des Fürsten Bis­arck gedacht. Diesen faßt die Studentenschaft, die ihm zwischen Aumühle und Friedrichsruh auf dem Hamberge ein Denkmal errichtet hat, nicht als Repräsentanten des deutschen Volfes, sondern als dessen Typus auf. Nicht

neter, nicht reis Gießen Reichschöpfers. Ein hehrer Stein und eine altgermanische Kultusfeier, das Sonnenwendfest, künden der Welt das Als Gedächtnis an Deutschlands größten Mann. In bunter

eine äußere Persönlichkeit soll dem Besucher von Fried­

richsruh entgegentreten, sondern die mythische Figur des

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Noment im Augenblicke

g zu geben, Verhältnisse

Farbenpracht bewegte sich am Nachmittag der Zug der Studenten in Wichs und mit Bannern zunächst nach dem Sachsenwalde, dann nach Friedrichsruh, wo das Sterbe­zimmer besichtigt wurde. Dann ging der Zug nach dem Mausoleum, wo die Studenten einen Kranz niederlegten und defilierten. Mit einbrechender Dunkelheit aber zogen sie, von dem grellen Fackelschein magisch beleuchtet, zum Hamberge, wo patriotische Reden gehalten und Lieder ge­sungen wurden, während auf der Bismarcksäule lohende Feuergarben zum Himmel stiegen und weit im Lande einen roten Schein verbreiteten. Die alten Eichen aber,

die Friedrichsruh umrauschen und die seinerzeit wohl auch

bie Sonnenwendfeste der Sachsen sahen, mögen verwun­bert gewesen sein, daß ein einziger Mann es vermochte, in Deutschland den Geist der alten Germanen wieder zu erwecken.

Vermischtes.

$[ Zartbesaitete Naturen.] Ein Theaterverlag in Karlsruhe verschickt soeben an die deutschen Bühnen die Anpreisung eines sensationellen Schauspiels; Draga oder des Volkes Rache von Zeverin Brudrowic. Der Berlag wird vielleicht mit seiner Spekulation auf die Gemütsroheit gewisser Menschen ein glänzendes Geschäft

achen. Bringt doch eine französische Kinematographen­Gesellschaft jetzt in vielen deutschen Artistenfachblättern ein Inserat, in dem sie eine hübsch ausgeführte Szene Serbien." ,, Ermordung der Königl. Familie von empfiehlt. Ganz abgesehen davon, daß natürlich keine photographische Aufnahme von den schrecklichen Vor­jängen im Belgrader Konak gemacht worden ist, heißt das denn doch mit dem Grausigen in der frivolsten Weise spielen.

£[ Gussenbauer- Anekdoten] machen jezt nach dem Tode des genialen Wiener Arztes in dortigen Universitätskreisen die Runde. Bei einer praktischen Prüfung hatte der Kandidat schon die Frage: Ihre Diagnose, Herr" mit tuberkulose Lymphdrüse" richtig Geantwortet. Dann tam Gussenbauers Frage: Therapie es Falles, Herr?" Der Kandidat überlegt und schlägt ndlich die konservative Methode vor. Darauf Gussen­auer: ,, Gut, Herr, es frägt sich nur, was Sie konservieren wollen: den Patienten oder die Drüse?" Oft unter­tüßte Gussenbauer arme Studenten in ausgiebigſter Beise, um mittellosen jungen Leuten ihr Fortkommen u ermöglichen. Er übte auch erziehlichen Einfluß auf en Charakter seiner Schüler und forderte bei den Operationen stumme Präzision und Disziplin; mitunter wies er Hörer zurecht, wenn sie den Ernst der Handlung durch unnötige Bemerkungen störten. In Prag ist es einmal vorgekommen, daß Gussenbauer einem über­höflichen Studenten, der bei jedem Worte ,, Ich bitte!" sagte, zurief: Sind Sie denn ein Kellner?"

[ Schusterei und Tanzkunst.] Die Madrider Schuster haben einen Verein gegründet, der den idealen Zweck hat, die Kunst der Terpsichore zu fördern. Im Vereins­lokal finden jede Woche zwei Bälle statt. Der Eintritt foftet für jedes Tanzpaar bloß 50 Centimes. Mit der Eintrittskarte wird dem Kavalier und seiner Dame je ein Schein ausgeliefert, der eine Anweisung auf ein Zwanzigstelpaar Stiefel ist; das heißt, daß der Träger von 20 solchen Scheinen das Recht hat, sich vom Vereins­magazin ein Paar Stiefel ausliefern zu lassen. Auf der Rückseite jedes Echeines steht ein Verslein, das in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautet:

Lasset die Füße nimmer in Ruhe, Tanzet und springt und zerreißet die Schuhe.

[ Was die Berliner Feuerwehr leisten muß.) In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurde nach einer soeben erschienenen Statistik die Feuerwehr bei 655 Berliner Bränden in Anspruch genommen. Außerdem wur­den noch 3779 Brände gemeldet, so daß im ganzen 4434 Brände, oder durchschnittlich 37 täglich zum Ausbruch kamen, die zum größten Teile im Keime erstickt wurden. In 50 Fällen wurden Samariterdienste geleistet. Ver­letzungen bei Bränden kamen in dieser Zeit in 80 Fällen zur Meldung. In 86 Fällen leistete die Feuerwehr außer­halb der eigentlichen Aufgabe Hilfe.

::[ Die feindlichen Bereine.] Ein Fremder, der sich dieser Tage auf der Durchreise in Leipzig aushielt, war zur Abwicklung mehrerer Geschäfte in einem Einsvänner auf Zeit gefahren und schickte sich nach beendeter Fahrt an, dem Kutscher das Jahrgeld und ein Trinkgeld zu ge­ben, wobei er beiläufig bemerkte: Eigentlich hätten Sie etwas schneller fahren können." Mein Pferd abheben," meinte der Kutscher ,,, niemals! Ich bin Mitglied des Tierschutzvereins." Und ich," sagte der Fahrgast, indem er das Trinkgeld wieder einsteckte, ich bin Mitglied des Mäßigkeitsvereins und daher ein Feind der Trinkgelder. *[ Die erste Maßregel des neuen Serbenkönigs wird nach dem ,, ult" die sein, seinen Offizieren das Waffentragen zu verbieten." Das kann man ihm bei den bösen Erfahrungen seines Vorgängers auf dem Throne mit der ,, treuen" Armee auch nicht verdenken. Nach einer weiteren Nachricht des ,, ulk" lehnte es sogar neulich je­mand als unnötig ab, einem Freunde auf die Frage nach dem Familiennamen des neuen Königs Auskunft zu geben. Seiner Meinung nach ist nämlich der Name Karageorgiewitsch so lang, daß, ehe man ihn zu Ende spricht, schon wieder ein anderer auf dem Throne ſißt. Vielleicht wird Veter nach kurzer Zeit den Wunsch he­

Wegen Aufgabe

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des Geschäftes

gen, daß der Konak sich, wie es der Druckfehlerteufel im Berliner Lokal- Anzeiger mit ihm gemacht hatte, wirklich in einen ,, Kodak" verwandelte, dann hätte er doch wenig­stens eine Dunkelkammer, um sich vor Verschwörern zu berbergen. Oder vielleicht noch besser in einen Kognak", wie ihn die Straßb. Bürgerztg. nennt, um sich Mut zu trinken.

Das Beste aus den Witblättern. Immer höflich. Der Lederer- Seppl fängt eine Rauferei an. Es ent­steht ein Höllenspektakel und ein fürchterliches Durch­einander. Da taucht mitten in dem Trubel der schmächtige, dünnstimmige Dorfpolizist auf, der sich auf den Eeppl zu durcharbeitet und dabei immer ruft: ,, Ich bitt' um's Wort! Ich bitt' um's Wort: Sie sind ver­haftet!"

Seltsame Motivierung. Erster Buchhalter ( am Neujahrstage): ,, Herr Prinzipal, ich rechne bestimmt auf eine Gehaltserhöhung im neuen Jahre!"- Prinzipal: Soo?! Muß ich Ihnen sagen, daß Se hab'n falsch gerechnet, und ä Buchhalter, was sich tut verrechnen, kann ich nix brauchen. Am Ersten könne Se geh'n!"

Ein Pedant. Chef( zum Kommis): Ordnen Sie die Briefe nach dem Alphabet und verbrennen Sie sie dann ich brauche sie nicht mehr!"

-.- Postskriptum. Hebe diesen Brief gut auf, liever Freund. Sollte ich einmal ein berühmter Mann werden, kannst du ihn teuer verkaufen, und dann teilen wir den Erlös; wenn du mir jezt einen Vorschuß d'rauf geben wür­dest, wäre es mir sehr angenehm.

- Raffiniert. Ich werde es meiner Gattin freistel­len, ob sie eine Badereise nach Norderney, nach Helgo­land, nach Ostende oder St. Morib unternehmen will dann kommt sie sicher bis zum Ende der Badesaison zu keinem Entschluß!" ( Fl. Bl.)

Die gute Freundin. Braut( wenig reizend): Weißt du, daß mein Bräutigam mich vergöttert?" Freundin: ,, Also quasi religiöser Wahnsinn."

- Dilemma. Professor: ,, Meine Kollegen haben mir in letzter Zeit den Ehrentitel ,, Sokrates der Zweite" zu­gelegt, wenn ich nur wüßte, ob megen meiner Gelehrsam­keit oder wegen meiner Frau."

- Seine Logik. Bekannter: ,, Der Verunglückte hin­terläßt sechs Kinder im Alter von sechs bis siebzehn Jah­ren." Professor: Von sechs bis siebzehn Jahren? Das gibt aber doch elf Kinder!"

- Tüchtiger Geschäftsmann. Sonntagsjäger: ,, Der Wildprethändler Meier ist wirklich eine Perle des Berufes. Wenn der einem auf der Straße begegnet, tut er, als ob er einen nicht kenne."

- Ein Schlauer. Der Lehrer stellt seinen Schülern die Aufgabe, einen Satz zu bilden, in dem das Wort ,, immerhin" vorkommt. Keiner, außer der schlaue Wirts­Xaverl, findet einen solchen Saz: Wenn bei uns g'raust ( Megg. H. Bl.) wird, dann ist einer immer hin."

Aus dem Gerichtsfaal.

§ Im Prozeß gegen Treberschmidt zu Kassel versuchte die Verteidigung des Angeklagten, die Verhandlung über die Anklage, soweit sie Betrug betrifft, zur Zeit für unſtatt­haft zu erklären und das Verfahren insoweit einzuſtel­len, da nach dem mit Frankreich bestehenden Vertrage Schmidt wurde bekanntlich in Paris verhaftet- wegen Betruges nicht ausgeliefert werden dürfe. Der Vertreter der Anklagebehörde widersprach dem Antrag, weil die Ent­scheidung über dessen Zulässigkeit lediglich Sache der Ver­waltung, nicht des Gerichtes sei. Nach fast einstündiger Beratung beschoß der Gerichtshof, den Antrag der Ver­teidigung abzulehnen.

§ Das Urteil im Prozeß Besas zu Berlin fiel für die Angeklagten sehr günstig aus. Berthold Besas wurde ganz freigesprochen, Julius Besas wegen Urkundenvernichtung zu drei Monaten Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe berurteilt.

mache heute besonders bei bedeutend herabgesetztes Preisen auf mein großes Lager in

Cischmessern und Gabeln,

feineren und gewöhnlichen

Caschenmessern und Scheeren

Schlacht und Hackmessern, sowie Meggerstähle

aufmerksam. Der Ausverkauf dauert nur noch bis Juli.

Georg Schwan, Messerschmied Gießen. Marktstraße.