£[ Immersatt und Nimmersatt.] Das nördlichste Dor bes preußischen Staates ist ,, Nimmersatt", und die am Be ginn des Dorfes gelegene Postagentur heißt, Immersatt". Als es noch keine Eisenbahnen gab, führte die große Verfehrsstraße von Berlin nach St. Petersburg über Königs. berg, die furische Nehrung, Memel und Nimmersatt. Tie sen Weg nahm einst auch König Friedrich Wilhelm III. bei seiner Rückkehr aus Rußland. In Nimmersatt wur den vor die königliche Kutsche sechs Pferde gespannt, und der Posthalter Mellieu war verpflichtet, dem Könige als Vorreiter zu dienen. Der König sprach deni Posthalter bei der Verabschiedung seine Anerkennung über den an trengenden Ritt aus und gewährte ihm die Gnade, einen Wunsch auszudrücken. Da soll dieser nun nach dem Memeler Dampfboot etwa gesagt haben: Ich habe sonst leinen Wunsch, Ew. Majestät, nur der Name Nimmersati gefällt mir nicht; denn ich bin immer jatt und bitte, meiner Besigung den Namen ,, Immersatt" verleihen zu wollen.' Dieser gewiß bescheidene Wunsch ging bald in Erfüllung, and seit jener Zeit heißt die in der Ortschaft Nimmersatt gelegene Postagentur auf ewige Zeiten Immersat. Nach. lömmlinge des Posthalters Mellieu leben heute noch im Kreise Memel.
[ Ein eigenartiger Kampf um den Alkohol] ist in Hamburg entbrannt. Ein dortiges Blatt enthielt neulich folgendes hübsche Artikelchen:„ Ich habe absolut nichts dagegen, wenn die Kaufleute, die vielleicht kränklich sein mögen oder früher des Guten zuviel getan haben, jezt abstinent leben und sich zu einem Verein jusammenschließen. Nur sollten sie uns andere mit ihrer Aufdringlichkeit verschonen und nicht alle Welt zu bejern versuchen. Die Herren vom Deutschen Verein abſtienter Kaufleute sind, trotz ihrer Abstinenz, doch im mer noch Kaufleute geblieben und sollten sich hüten, einen jo blühenden Geschäftszweig wie die Brauerei- und Brennerei- Industrie, sowie allen Weinbau, muiwillig zu zerstören zu versuchen. Taß alcoholi ch: Get än e, mä ig ge nossen, an sich nicht schädlich sind, sehe ich an meinem alten Großvater, der zu Pfingsten 75 Jahre alt wird und der jeden Abend erschrick nicht, Deutscher Verein abstinenter Kaufleute!- vier Glas Grog trinkt. Also im mer hübsch Kaufmann bleiben, leben und leben lassen!"
[ Belohnung eines ehrlichen Finders.] Als die Schloßherrin Grunelius in Kobsheim vor etlichen Tagen eine Bäckerrechnung bezahlen wollte, vermißte sie ihr Portemonnaie, in welchem sich etwas über 600 Mart befanden. Fast der ärmste Mann des Dorses, Andreas Wells, fand das Geld und erstattete es sofort zurück. Seine Ehrlichkeit wurde in hochherziger Weise belohnt. Er erhielt einen Finderlohn von 20 Mt. und wird, solange er lebt, das Mittagessen vom Schlosse beziehen. Von Nahrungssorgen ist der ehrliche Finder zeitlebens befreit.
†[ Wie man als„ Schriftsteller" sein Glück machen tanu,] auch ohne eine Berühmtheit zu sein, das ist aus folgender Anekdote ersichtlich, die französische Blätter mitteilen. Unter dem ersten Kaiserreich widmete ein arm jeliger Poet, der nichts zu essen hatte, der Prinzessir Pauline einige Verse und ließ sie ihr durch die kam merzofe, die seine Rusine war, überreichen. Die Prinzes sin las die Verse, während sie sich frisieren ließ. ,, Si sind nicht übel," sagte sie. Wer ist der Dichter? Die Kusine lobte ihn natürlich sehr und interessiert die gute Pauline so sehr für das Schicksal des Reimschmieds, daß die Prinzessin ihn dem allmächtigen Posizeiminister Fouché empfahl, den sie fragte, ob nicht für ihren Dichter" irgendwo ein Plätzchen frei ſei Fouché ließ sofort den nichtsahnenden Dichter in einem yoswagen abholen und fragte ihn, was er für sick vünsche, und als der Poet, der vor Schreck und Staunen die Sprache verloren zu haben schien, nicht antwortete, sagte Fouché kurz:„ Ich ernenne Sie zum Gonverneur der Insel Elba." Bald darauf steder neue Gouverneur nach Elba ab, und kurz nach seiner Ankunft teaf es sich, daß eine Bergbau- Gesellschaft eine Konzession verlangte, die er ihr augenblicklich bemif.
Bur Frühjahrs- Saison
ugre, moju ste ihm attten im werte von 200 000 Fres chenfte. Zwei Monate später traf Fouché zufällig mit der Prinzessin Pauline zusammen und erzählte ihr, das er ihrem Schüßling eine sehr gute Stellung verschaffi jabe. Belcher Schüßling? Was für eine Stellung? ragte die Brinzessin. Touché war sehr erstaunt, erinnert ie an den Namen des Tichters und sagte, daß er ihr zum Gouverneur der Insel Elba gemacht habe. Nur achie die Prinzessin laut auf; jie hätte für den Maun jöchstens irgend eine Schreiberstelle verlangt, sagte sie Der
Gouverneur wurde sofort abberufen, aber er wai ür den Rest seines Lebens versorgt und machte fortan in Frieden Verse, die nur seine Freunde und Gäste bevunderten.
[ Ein originelles Diner.] Die amerikanische Schau pielerin Miß Tyrce wird dieser Tage ein originelles Diner geben, dem die Blätter schon im voraus lange Beschreibungen widmen. Alle Wohnräume der Schau pielerin werden dem Charakter des Festes entsprechend zeschmückt werden, das als ein ,, maritimes Diner" be zeichnet wird. Guirlanden aus Algen und Netzen werder Die Wände schmücken, der Tafelaufsas soll ein Minia tursee sein, in dem seltene Fische schwimmen werden. Miß Tyrce wird eine grüne Robe, die mit irisierenden Fischschuppen geschmückt ist, tragen, und alle Diener verden kostümiert sein, die Männer als Matrosen, die Frauen als Fischerinnen. Auch das Menu wird sich aus den seltensten Gerichten, die alle einen maritimen Ursprung haben, zusammensetzen. Natürlich werden auch die Gäſte in einem den Umständen angemessenen Kostüm erscheinen.
)[ Ein goldenes Haus] will die Stadt Colorado aus der Weltausstellung in St. Louis 1904 errichten. Das Schazamt in Washington ist bereit, die Ausführung des Planes durch Leihen von Goldbarren im Werte von 40 Millionen Mark und im Gewichte von 18000 Kilogramm zu unterstüßen. Es soll aus Goldbarren, von der Größe eines Dominosteines bis zu der eines Mauerziegels, eine Nachbildung irgend eines berühmten nordamerikanischen Gebäudes, wahrscheinlich des Kapitols in Washington, hernestellt werden
::: Der Kaiser und Prof. Delitzsch. Bei dem letzten großen Diner beim Reichstanzler, zu dem, wie erinnerlich, auch der Kaiser erschienen war, hatte dieser Gelegenheit, mit mehreren hervorragenden Mitgliedern der Orient gesellschaft, u. a. auch Professor Telizsch, zusammenzutreffen. Der Kaiser begrüßte den Professor äußerst freundlich und streifte das Thema ,, Babel und Bibel" in harmlos scherzhafter Weise. Er bekundete dadurch wieder einmal, daß er in wissenschaftlichen und theologischen Streitfragen die Toleranz anderer Meinungen nicht nur geübt sehen will, sondern auch selber übt. Professor Delitzsch wird übrigens im April seinen dritten Vortrag halten. In den nächsten Tagen erscheint eine Neuauflage seines zweiten Vortrags mit einem zur Klärung" überschriebenen Vorwort, in dem der Verfasser seinen Standpunkt zum alten Testament weiter erklärt.
)( Prinzessin Luise von Tostana soll, wie von Wiener eingeweihten Kreisen behauptet wird, die Erklärungen Girons über eine bevorstehende Wiedervereinigung mit ihr als völlig erfunden bezeichnet haben. Im Einvernehmen mit dem Dresdener Hose wurden der Prinzessin folgende Anträge gestellt: Uebersiedelung ins Schloß Brandeis in Böhmen; Uebergabe des zu erwar tenden Kindes an den sächsischen Hof; Revokation des Verbotes, den Titel einer österreichischen Erzherzogin zu führen. Der sächsische Hof verpflichtet sich, zweimal jährlich das Wiedersehen mit den Kindern zu gestatten; die Mitgift wird an den Großherzog von Toskana zurückerstattet. Der Pariser ,, Petit Bleu" läßt sich dagegen aus Genf melden, daß der sächsische Hof auf die Auslieferung des zu erwartenden Kindes verzichtet und daß nur hieraufhin die Prinzessin ihren Plan, nach England zu flüchten, aufgegeben habe. Zu einem gewissen Abschluß müssen übrigens die Verhandlungen wohl gediehen sein, denn der Kronprinz von Sachsen wird am 19. d. Mts. nach Neapel abreisen.
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Der Held von St. Privat, der auf allen birdlicher Darstellungen der Erstürmung des brennenden Dorfes in der Schlacht am 18. August 1870 die Sturmfahne tragende sächsische Grenadierhauptmann Julius von Rouvroy, ist zu Dresden gestorben. Sein auf dem alten sächsischen Soldatenkirchhof in Dresden- Neustadt stattge fundenes Begräbnis vereinigte an seinem Earge in der Aufbahrungshalle, wie an der Gruft seiner Väter, noch einmal seine Waffengefährten, die mit ihm in das hartnäckig verteidigte Dorf eingebrochen waren. Hauptmann von Rouvroy war bei Beginn der Schlacht durch einen Schuß verwundet worden, hatte dann aber seine Kompagnie wieder eingeholt und sie zum entscheidenden Sturm geführt, nachdem er die Fahne selbst ergriffen hatte.
V[ Ein Gatte zum Whistspielen gesucht.] Eine 70 Jahre alte Dame in Washington, eine eifrige Whistspielerin, erließ vor kurzem eine Anzeige, durch die sie auf ,, diejem nicht mehr ungewöhnlichen Wege" einen Lebensgefährten suchte mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß Der letztere ein ausgezeichneter Whistspieler sein müsse. Auf diese Anzeige hin stellte sich der alten Dame wirklich ein Heiratskandidat vor, mit dem sie, nachdem sie ihn auf seine Fähigkeiten im Whist geprüft und sie als genügend befunden hatte, die Ehe unter folgenden Bedingungen einging: Der Mann hat die einzige Ver pflichtung seiner Gattin gegenüber, mit ihr an jedem Abend, jahraus, jahrein, Whist zu spielen, wofür sie ihm die Zinsen eines 100 000 Mart betragenden Vermögens und nach ihrem Tode das ganze Kapital zur Verfügung stellt." Wenn er es nur solange aushält.
!!! Eine startnervige Familie muß die des Raubmörders Sentencik sein, der, wie erinnerlich, in Olmüz gehenkt wurde und sell bis zum letzten Augenblick eine erstaunliche Gleichgiltigkeit und Gemütsruhe an den Tag legte. Der Hinrichtuno w hnten nämlich als Zuschauer Bruder und Schwager des Delinquenten bei. Auch seine Mutter und Tante wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen und es wurde ihnen tatsächlich die Bewilligung erteilt, aus einem Fenster des Justizgebäudes die schreckliche Szene mit anzuschen. Doch wurden beide von dem diensthabenden Aufseher, dem diese Bewilligung nicht be fannt war, abgewiesen. Nichtsdestoweniger gingen beide nach der Hinrichtung die noch hängende Leiche anzusehen. Als, Andenken" an ihren hingerichteten Sohn nahm die Mutter seinen Strohhut und einige Kleidungsstücke.
Bunte Chronit. In Stargard( Pommern) wurde der Knecht Albert Faust, der wegen Ermordung der unverehe lichten Wilhelmine Wachlin aus Neugrape am 11. Of tober 1902 zum Tode verurteilt worden war, enthauptet. - Die Baronin v. Seckendorf- Rüsselsheim wurde in Tarmstadt unter dem Verdacht des Kindesmordes ver haftet.
In einem Warschauer Theater veranstalteten die Polen anläßlich eines deut chen Gastspiels deutschfeindliche Kundgebungen. Zwar geling es der Polizei, die Ruhestörer aus dem Theater zu entfernen, die Fortsetzung der Vorstellung war jedoch trotzdem unmöglich, weil die Demonstranten mittelst eines chemischen Präparats einen unerträglichen Geruch im Zuschauerraum verbreiteten.
In Gablonz wurden durch Gasolinexplosion drei Menschen schwer verletzt, zwei Mauern wurden eingedrückt, Fensterflügel wurden auf die Straße geschleudert.
- Ter allgemeine Studentenausstand in Spanien dauert fort. In Barcelona hat der Rektor die Universität schließen lassen. In Valencia ordnete der Gouver neur die Säuberung der Straßen von der lärmenden Menge an, wobei viele Studenten durch Säbelhiebe ver wundet und mehrere verhaftet wurden. Die Studenten fordern jetzt die Abseßung des Gouverneurs.
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- In Tucson( Arizona) hat eine Räuberbande aus der merikanischen Provinz Sonora eine Postkutsche überfallen und den Kutscher und sämtliche sechs Reisenden ermordet.
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Nr. 64.
Mittwoch, ben 18. März.
1903.


