Ausgabe 
17.10.1903 Zweites Blatt
 
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[ Angeheitertes Rindvieh richtete dieser Tage im holländischen Dorfe Stölln allerlei Unheil an. Auf der dortigen Gutsbrennerei war aus Versehen Spiritus in die für das Vieh bestimmte Schlempe geraten, wodurch sich dieses einen Mordsrausch antrank. Die Kühe wirtschafteten darauf wie toll in dem Stall herum und konnten nicht gemolken werden. Noch ärger betrugen sich die vor die Pflüge ge­spannten Ochsen, welche wild mit denselben losstürmten und die Knechte mitschleiften, wodurch einige Verlegungen er­litten. Am nächsten Tage litt das gesamte Rindvieh sichtlich an einem großen Kazenjammer. Wenn der Berichterstatter aus Stölln nur nicht ein Schalk ist, der die bekannte Szene aus Moritz Buschs Die Partikularisten" in neuer Auflage verzapft hat.

*[ Des Eiffelturmes Ende.] Der langjährige Stolz der Pariser, der ragende Eiffelturm, geht seinem Ende ent­gegen. Der städtische Ausschuß hat beschlossen, ihn im Jahre 1910, in dem die Konzession der Eiffelturmgesellschaft erlischt, entfernen zu lassen. Den Parisern geht der drohende Abschied von dem Riesenturme nahe. Man will ihn wenig. stens nicht zerstören lassen, und schlägt deshalb vor, der Staat solle ihn ankaufen, um ihn irgendwo an einer fran­zösischen Küste als riesenhaften Leuchtturm wieder zu er richten. Andere sprechen die Hoffnung aus, den ausgedienten Riesen an einen ausländischen Kapitalisten loszuschlagen.

[ Ad oculos demonstriert.] Ein amüsantes Hiſtör­chen erzählt man sich in Washington. Ein Offizier des dort vor Anker liegenden Kriegsschiffes Teras" war be. müht, einem frisch angeworbenen Matrosen die Maschinerie einer Sturzbad- Einrichtung zu erklären. Sehen Sie dieses Ventil?" fragte der Offizier. Sie müssen es immer erst öffnen, ehe Sie die Wasserhähne andrehen, denn sonst be­tommen Sie fein Wasser. Sie sehen, es ist jetzt geschlossen." - Ich verstehe, Sir," erwiderte der Matrose mit feier­licher Aufmerksamkeit. Um seine Worte zu illuſtrieren, trat der Offizier unter das Sturzbad und drehte beide Hähne auf. Jemand hatte aber offenbar das untere Ventil borher geöffnet gehabt, denn sowie der Offizier die Hähne angedreht hatte, flutete ein Schauerbad herab, das ihn bis auf die Haut durchnäßte. Der Matrose stand noch immer in strammer Haltung vor ihm, mit dem Ausdruck respekt­bollen Interesses in seinen Mienen. Ich glaube, ich ver­stche nun, wie die Maschinerie arbeitet, Sir," sagte er, ohne daß auch nur der Schatten eines Lächeln über seine Züge gehuscht wäre.

Das Neuefte aus den Witzblättern. Malitiös. Wo ist denn Ihre Gattin?"" Die muß das Bett hüten!"" Ich dachte immer, das Bett darf nicht gepfändet werden!"

Unverfroren. Bettler( nach reichlicher Speisung): Ach, entschuldigen Sie, Madam', aber ich merk' jetzt erst, daß mein Hunger vorhin eigentlich Durst war!"

Zu viel verlangt.( Beim Rechtsanwalt.):,... Wie, du willst dich nicht von mir scheiden lassen?!... Hugo, du haft mich nie geliebt!"

Ein praktischer Arzt. Papa, der Arzt hat endlich das Zehnmarkstück gefunden, welches ich vorgestern verschluckt hatte!... Er hat's aber gleich behalten und mir die quittierte Rechnung mitgegeben!"

Hyperbel. Sie: Moritz, hast de vielleicht e' Stecknadel bei dir?" Er: Wie haißt bin ich e' Warenhaus?" Von der Schmiere. Regisseur: Herr Direktor, heut sputt's mit' m Spiel'n! Uns're Anstands- Dame hat einen Mordsschwips!" ( Flieg. Blätter.)

Modern. Gatte: Liebes Frauchen, den Kodak, den du dir wünschst, kann ich dir momentan nicht kaufen, so leid es mir tut!" Gattin: Ach, Alfred, ich wüßte schon einen Ausweg, ich habe bereits eine Annonce verfaßt: Wasch­maschine wird gegen Kodak umzutauschen gesucht!"

Seine Auffassung. Schwiegermutter: So, die Mitgift behalten Sie und meine Tochter schicken Sie einfach zurück ins Elternhaus!?"- Schwiegersohn: Na ja, ich hatte doch jeinerzeit in meinem Heiratsgesuch geschrieben: Nicht kon­benierendes retour."

Immer derselbe. schon so früh, Artur?" ansehen, Papa." ' ran."

Professor: Wohin gehst du denn " Ich will mir den Sonnenaufgang ,, Na, dann geh' nur nicht so nahe ( Megg. H. Bl.) Humor des Auslandes. Der Dichter Krizler hat jetzt doppelt soviele Leser, wie früher." So? Wen hat er geheiratet?"

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Im Eifer. Emanzipierte: Wenn die Emanzipation der Frau früher eingesetzt hätte, hätten die Taten Alexan­ders, Cäsars, Napoleons ebensogut von Frauen vollbracht verden können." ( Jugend.)

Hus dem Gerichtssaal.

Wegen Majestätsbeleidigung verurteilte die Leipziger Strafkammer nach mehrstündiger nichtöffentlicher Verhand lung den Redakteur der Leipziger Volkszeitung" Lüttich zu sechs, den Redakteur der Altenburger Volkszeitung" Hell mann zu drei und den Redakteur der Volkszeitung für das Muldental", Reichstagsabgeordneten Schöpflin, zu vier Mo naten Gefängnis. Der mitangeklagte Metteur Schmidt wurde freigesprochen.

§ Prozeß Eckmann- Heine. In München fand der bekannte Beleidigungsprozeß Eckmann- Heine einen versöhnlichen Ab. schluß. Der Simplizissimus- Zeichner Theodor Heine hatte, wie erinnerlich, s. 3t. öffentlich behauptet, daß die Familie Eckmann den Zeichner Hellmut Eckmann in eine Irrenanstalt interniert habe und dort festhalten lasse, trotzdem der junge Mann geistig vollkommen gesund sei. Heine erklärt jetzt, daß er sich inzwischen von der Geisteskrankheit Eckmanns über­zeugt habe und seine Angriffe bedauere. Daraufhin kam es zu einem Vergleich zwischen den Parteien.

Der Kaiferinfel- Prozess.

CB. Berlin, 16. Oktober.

Der Kaiserinsel- Prozeß beschäftigte heute in neuer Ver­handlung die hiesige Straffammer. Den Untergrund der An­flage gegen die Redakteure Karl Leid und Julius Kaliski bildet bekanntlich die phantastische Erzählung von dem be­absichtigten Bau eines taiserlichen Zwingschlosses auf der Havelinsel Pichelswerder. Die Angeklagten hatten sich mit dem Ergebnis der Zeugenvernehmung in der letzten Ver­handlung, das für sie niederschmetternd war, nicht beruhigt und nun noch den Chef des Militärkabinetts Grafen von Hülsen- Haeseler, den Chef des Zivilkabinetts Dr. v. Lucanus, den Hofmarschall der Kaiserin Frhrn. v. Mirbach, sowie ver­schiedene Herren aus deren Ressorts als Zeugen laden lassen. Alle erklären, daß sie von der Angelegenheit erst durch die Veröffentlichungen des Vorwärts" erfahren haben. Der Zeuge Eisner, Redakteur des Vorwärts", erklärt, daß die Veröffentlichung auf Grund eines dem Vorwärts" zuge­gangenen Aftenstücks erfolgt sei. Es sei ein vierseitiger Quartbogen gewesen, von dem die erste Seite bis auf den Rand und den Kopf ausgeschnitten war. Der Kopf lautete ,, Militärischer Begleiter Se. Kaiserl. Hoheit des Kronprin­zen", dieses sei ausgestrichen und statt militärischer Be­gleiter" sei Hofmarschallamt" darunter geschrieben gewesen. Auf der dritten Seite des Bogens sei ein Teil eines in Stanzlei­schrift geschriebenen Briefes sichtbar gewesen; der Brief habe mitten im Sage begonnen. Der Inhalt war etwa fol­gender: Die Potsdamer Sache muß also vorläufig in der Schwebe bleiben. Was nun die Sicherheit für Se. Majestät betrifft, so ist Ihnen wohl vertraulich der Vorschlag zu unter­breiten, im Zuge der Döberizer Heerstraße auf der Insel Pichelswerder für die ganze kaiserliche Familie ein Schloß zu erbauen." Der Zeuge, dessen Vereidigung abgelehnt wird, weigert sich, den Gewährsmann zu nennen, der das Dokument überbracht habe. Der Staatsanwalt beantragt gegen Leid 9 Monate, gegen Kaliski 4 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof beschloß nach langer Beratung dem An­trage des Staatsanwalts gemäß.

Der Fall Ries.

+ Oldenburg, 16. Oktober.

An den Biertischen unserer sonst so stillen Stadt, die fernab von der politischen Heerstraße ein beschauliches Leben führt, ging es gestern Abend sehr erregt her. Der Sensa­tionsprozeß gegen den Oberlehrer Dr. Ries wegen Beleidi­gung des Justizministers Ruhstrat hatte morgens begonnen, allerdings um gleich vertagt zu werden. Doch war auch das wenige, was verhandelt worden war, geeignet, neuen Zünd­stoff in die allgemeine Erregung hineinzutragen, die nun seit Wochen schon die Gemüter beherrscht. Die Verteidiger er­klärten, daß sie den Gerichtshof wegen Befangenheit ablehnen müßten. Bezüglich eines der Richter wurde diesem Antrage auch stattgegeben. Nun quält sich die kochende Volksseele" mit allerlei geheimnisvollen Andeutungen über Beein flussungen von hoher Stelle. Es wird ja wohl nicht so schlimm sein, denn der oldenburgische Richterstand wird so gut wie der

Kohlen

von den beften Zechen,

in anderen deutschen Staaten seine Unabhängigkeit zu wahren wissen, selbst wo es sich um den Herrn Justizminister in persona handelt.

Allerdings darf nicht verkannt werden, daß der bisherige Verlauf der Dinge ganz dazu angetan ist, den Munkeleien einen gewissen Schein von Berech tigung zu geben. Vor allem wirft man den Ve­hörden graufame Härte gegen den Angeklagten vor, weil sie ihm nicht gestattet haben, seinen sterbenden Water noch einmal zu sehen. Der alte Mann ging hinüber, ohne den Trost, dem geliebten Sohn vor dem Scheiden von dieser Erde die Hand zum Abschied drücken zu können, trotzdem die Freunde des Dr. Rieß die anfänglich für dessen Haftent­lassung geforderte Kaution von 5000 Mark aufgebracht und deponiert hatten. Im letzten Augenblick wurde seitens der Staatsanwaltschaft die Summe auf 10 000 Mark erhöht. Hierin will man die Hand des erzürnten Justizminiſters selbst erkennen. Sicher mit Unrecht, aber was wird schließlich nicht geglaubt, wenn einmal das Mißtrauen geweckt worden ist?

Und die öffentliche Meinung in Oldenburg ist nun einmal im höchsten Grade mißtrauisch geworden, troßdem nach dem Erkenntnis des ersten Prozesses, der sich mit dieser Angelegen­heit befaßte, gegen den Verleger des Residenzboten", Bier­mann, die Grundlosigkeit der gegen den Justizminister er. hobenen Anschuldigungen konstatiert sein sollte. Die An­flage gegen Ries wurde bekanntlich veranlaßt durch einen im Oldenburger Residenzboten erschienenen Artikel, in dem dem Oldenburgischen Justiz- und Kultusminister Ruhstrat borgeworfen wurde, er habe, als er noch Staatsanwalt war, sich am Hazardspiel beteiligt. Bei dieser Gegenheit habe er eine Gefälligkeit des Oberiehrers Früh angenommen und diesen dafür bei Besetzung der Diretiorstelle am Birken. felder Gyn.nasium protegiert. Der Artikel war anonym er­schienen, indessen wurden bei einer Haussuchung Schrift proben gefunden, die die Staatsaracaltschaft öffentlich aus­hängen ließ, und durch diese, sowie durch die Herkunft des Artikels aus Jever wurde der Oberlehrer Dr. Gustav Ries der Autorschaft verdächtig. Ries wurde in einem Restaurant verhaftet.

Ries und Biermann haben sich auch wegen Veröffent­lichung geheimer Aftenstücke über den oldenburgischen Ministerwechsel im Jahre 1900 zu verantworten, und hier ist wieder ein geeigneter Punkt, wo das öffentliche Mißtrauen seinen Hebel einsetzen kann. Biermann veröffentlichte s. 3. im Residenzboten" den aufsehenerregenden Auszug aus den geheimen Staatsakten des Großherzogtums, die sich auf den bor zwei Jahren stattgefundenen Ministerwechsel bezogen und zugleich einen Rückschluß auf das zwischen dem Großherzog und seinen Ministern bestehende gespannte Verhältnis zuließen. Es ging u. a. daraus hervor, daß der Großherzog scharfe Randbemerkungen zu den Akten gemacht hatte, die nach der Ansicht des Residenzboten" ein anderes Ministerium zum Rücktritt veranlaßt haben würden. Auch dieses Dokument hatte Ries, der der Sohn eines Ministerialsekretärs ist, Bier­mann übermittelt. Da sich Nies in dieser Angelegenheit als vorzüglich unterrichtet erwies, so gibt es viele, die ihm auch in den übrigen Bunkten seiner Enthüllungen Glauben schenken. Am Justizminister wird es sein, diese Ent­hüllungen" als Märchen zu erweisen.

Berantwortlich: für den politischen und Inseratenteil Albin@lein: Sokale, den Gerichts" un Def lichen Sprechsaal": Fr. Oppermant Drud und Berlag ber Gießener Berlagsbruderet( vorm. Wilh. Keller), Gießen.

Zum Wachstum der Kinder.

Es kann allen Eltern und Erziehern nicht oft ge­nug vorgehalten werden, daß starke, erregende Getränke nicht nur auf das Nervensystem der Kinder von nach teiligster Wirkung sind, sondern daß sie auch das Wachs­tum der Kleinen hindern. Die meisten Eltern sind nun zwar so vernünftig, ihren Kindern Wein und Bier gänzlich borzuenthalten, dabei geben sie ihnen aber ruhig Bohnenkaffee und Tee zu trinken, die doch, wie wissenschaftlich festgestellt ist, gerade auf den zarten, noch in der Entwicklung begriffenen Körper schädlich einwirken. Es ist dagegen darauf hinzu­weisen, daß wir in Kathreiners Malzkaffee ein sehr zweckmäßiges Ersatzmittel für Bohnenk ffee und Tee besigen, das den Kindern ausgezeichnet schmeckt und be­tommt. Bei Kathreiners Malzkaffee, mit Mild gekocht, gedeihen auch die jüngsten Sprossen ganz vorzüglich.

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der erste Bartscherer nach Rom gekommen sein, und nachdem

Nr. 244

Famil

Samstag, den 17. Oftober

1903.