Nr. 164,
Wernement& prets: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Vf.. we Saus gebracht 60 Bfg., burch die Poft bezogen viertel fahrlich Mr. 1.50.
Gratiebellagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberbeffiche Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Bestenbek, fowie bie Cebenor Coffexblafen( bentlich). Das ist wichst an allen tagen naitas.
Donnerstag, den 16. Juli 1903.
Gießener
12.
Jnsertion pret: Die einfaltige Bettelle
ganz Oberbeffen, die Kreise Weglar und Warbu sonst 15 Vfg.: Reklamen die Betttjeile 30 refp.
Bostzeitungsliste No. 3000. Rebattion und Expedition: Gießen Neng Ferefprechaudin As, S.
28.
Neuelle Nachrichten
( diefoner Tageblatt)
Unabhängige Tageszeitung
( Sichener Beitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Im Schatten des Todes.
Rom, 15. Juli.
In Damasohofe, wo auf Erlaubnis Rampollas die Journalisten sich aufhalten dürfen, herrscht banges SchweiJen. Aller Blicke richten sich nach dem Fenster dort oben, wo die Schatten des Todes die Dulderstirn des greisen Kranken umziehen. Es flingt kein lautes Wort, die feierliche Stille wird nur ab und zu durch das Klirren der Waffen eines der Gendarmen unterbrochen, die auf dem weiten Hof Wache halten. Man weiß, der Zustand des Papstes schließt die Genesung aus. Und doch? Sollte nicht ein Wunder möglich sein, nachdem er solange der schweren Krankheit Troß geboten? Auch der ruhigste, objektivste Beurteiler wird schließlich von der Atmosphäre wundergläubiger Hoffnung angesteckt, die sich nach der letzten unverhofften Verlängerung des päpstlichen Lebens, das schon abgeschlossen schien, von neuem im römischen Volk breitmacht, das sich wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm an jede kleine, ach, nur zu schnell wieder weichende Beſſe. cung flammert. Der Aerztestreit.
Das Harren auf Nachricht aus den Gemächern des Papstes vertreibt man sich mit Diskussionen über den Streit
cer Aerzte. Caldarelli, der bekannte große italienische Kliniker, hat die Absicht, in einer wissenschaftlichen Zeitschrift darzutun, daß Lapponi und Mazzoni den Papst gänzlich falsch behandelt haben. Dagegen nimmt Baccelli, der an Ruhm Caldarelli nicht nachsteht, die Angegriffenen ener gisch in Schutz. Lapponi und Mazzoni ihrerseits wieder verwahren sich gründlich gegen die falschen Darstellungen der Presse über ihre Diagnose und ihre Behandlungsweise. Unter anderem erklären sie die Meldungen von der Analyse des dem Papste entzogenen Eiterferums für glatt erf..nden. Sie hätten über ihren efund zu niemand etwas verlauten lassen. Inzwischen fahren sie fort, die sich im Brustfell des Papstes sammelnde Flüssigkeit von Zeit zu Zeit mit einer großen Pravatz- Spritze, die etwa 100 Gramm faßt, zu entfernen. Der Papst empfindet dabei keinerlei Schmerz.
Ritter Pio Centro.
Im Mittelpunkt des Interesses steht der getreue Kammerdiener des Papstes, Cavaliere Pio Centro, dessen scharfmarkierte Silhouette sich ab und zu am Fenster des päpstlichen Schlafgemaches zeigt. Er ist, außer Rampolla und den Aerzien, der einzige, der etwas Genaueres über den Zustand Leos XIII. sagen fönnte, aber er verläßt seihen Herrn auch nicht eine Sekunde. Die ständigen Nachtnachen haben ihn, dessen kräftige Natur ihm den Beinamen Il Robusto ini Vatikan erworben hatte, doch stark mitjenommen. Centro genießt das volle Vertrauen des Paptes, der ihn stets an sein Bett winkt, falls er irgend einen Wunsch hat. Die letzte Nacht soll er ihn oft ger:: sen und Die Lippen bewegt haben, als ob er ihm etwas sagen wollte, 3 dann aber nicht ausdrücken konnte. Wer den KammerDiener nicht als solchen fennt, würde ihn, wenn er früh norgens heute geschah es erst um 8 Uhr die Fenster des päpstlichen Schlafgemachs öffnet, für einen Prälaten jalten, solch salbungsvollen Ausdruck trägt sein glatt rasieres Gesicht. Centro muß stets seine„ Autorität" beim Papst geltend machen, wenn es den Aerzten einmal nicht gelingt, ihn zum Einnehmen von Arzneien zu veranlassen. Centro erreichte alles mit Leichtigkeit durch einen einzigen Blick oder wenn es sein mußte durch sanfte Gewalt, die natürlich mit dem nötigen Respeft zur Anwendung gelangte. Zwischen Vatikan und Quirinal
sind die Beziehungen momentan die denkbar besten. Die italienische Regierung hat ihre Bereitwilligkeit zu ertennen gegeven, beim etnigen Zusammentritt eines Konilave die volie Garantie für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Sicherheit zu stellen. Das Entgeger.commen beiderseits geht so weit, daß, wie verlautet, Kardinal Oreglia ernstlich erwogen hat, das Konilave eventuell in Sankt Peter abzuhalten, wozu es unbedingt nötig wäre, vom Vatikan aus föniglich italienisches Gebiet zu überschreiten. Ebenso wird fest versichert, daß die Regierung im Falle des Ablebens Reos XIII. für ihn eine Trauer anordnen, die öffentlichen Bebäude flaggen und den üblichen Salut abgeben lassen verde. Viel besprochen wird auch in politischen Kreisen eine Nase, die der französische Cesandte Nisard von Paris aus rhalten haben soll. Präsident Loubet findet, daß Herr Nisard eine allzu geräuschvolle Tätigkeit entfaltet.
Die in italienis en Blättern aufgetauchte Nachricht, Kaiser Wilhelm habe durch einen Flügela Sjutanten dem Papst Leo ct faiserliches Handschreiben und cinigen Kardinälen, darunter den Kardinal Steinhuber, Briefe überreichen lassen, wird offiziös dementiert.
Yankee- Dreiftigkeiten.
RK. Die Venezuelaaffäre scheint zu einer völligen Revo lutionierung des diplomatischen Herkommens führen zu sollen. Und die Mankees sind es, die diese Revolution vor.
zunehmen sich berufen halten. Erst führte Herr Bowen als Mittelsmann zwischen Venezuela und den Mächten eine Art Hemdsärmeldiplomatie ein, die die gesamte Diplomatenwelt baß in Staunen setzte, und jetzt kommt Herr Hay, der Washingtoner Staatssekretär des Aeußeren, und macht einen noch undiplomatischeren Coup: Er hat, ohne die Mächte zu befragen, ob sie etwas dawider hätten, einfach den Zaver ersucht, drei Mitglieder des ſtändigen Ausschusses des Haager Schiedsgerichts auszuwählen zur Regelung von aus Entschädigungsforderungen an Venezuela bezüglichen Fragen. In dem unter amerikanischem Beistand ab. geschlossenen Abkommen zwischen Venezuela und der Mächten war nirgends davon die Rede, daß ein fremder Herrscher die Schiedsrichter auswählen solle, auch war den Yankees keineswegs die Befugnis cingeräumt, irgend jemand wegen Bestimmung der Schiedsrichter anzugehen. Treist und gottesfürchtig, wie sie sind, haben sie sich dieses Recht einfach angemaßt. Worum? Weil sie dabei ihr Schäfchen zu scheren hoffen. Das ergibt sich aus den Nommentaren, mit denen die Washingtoner Presse diesen Schritt Hays begleitet. Die Blätter sprechen die Hoffnung aus, der Zar werde sich dadurch geschmeichelt fühlen und freiwillig eine Erklärung bezüglich der Mandschurei und Kischinewe machen.
Die Kischinewgeschichte liegt den Yankees nämlich schwer im Magen. Rußland hat kategorisch erklärt, es nehme die in Amerika zustande gekommene Protestresolution: gegen die Rischinewer Vorgänge nicht an, falls das Washingtoner Rabinett sie, wie es angekündigt hatte, offiziell Rußland iberreichen wolle. Mit Rußland sich schlecht zu stellen, jaben die Amerikaner ebensowenig Veranlassung, wie sie ein Interesse daran haben, ihr Ansehen durch eine Zurückweisung der amerikanischen Resolution gemindert zu sehen. Ihr Hoffnung der Zar werde die Resolution nicht erst abwarten, ondern vorher schon freiwillig eine zufriedenstellende Er lärung über die Kiſchinewer Greuel abgeben, ist freilic nehr als naiv. Einzelne flügere Politiker sehen das bereits in. Und um die Union aus der Klemme zu befreien, in > ie sie mit ihrer Ankündigung der Neberreichung der Resoution und durch Rußlands Ablehnung der Entgegennahme eines solchen Protestes geraten ist, suchen diese Politiker etzt einen Rückzugsweg für das Kabinett zu bahnen, auf em es sich mit guter Art aus der Affäre ziehen fann. Sie erbreiten, es werde überhaupt nicht erst der Versuch gemacht verden, diese Protestresolution an die russische Regierung ibzuschicken; die Resolution habe in erster Linie bezweckt, Jünftigen Eindruck auf die jüdischen Wähler in den Ver inigten Staaten zu machen. Dieser Zwed sei erreicht, und a Rußland neuerdings wieder eine nochmalige streng Intersuchung der Kischinewer Metzeleien vornehme, sei d. leberreichung der Resolution vollends übrig.
Dieses Zurückweichen ist zweifellos das Klügste, we Die Amerikaner tun können. Denn Rußland würde sia icherlich nicht nur mit der Ablehnung der Protestresolution escheiden, sondern den Yankees noch eine gepfefferte Ant vort geben und sie darauf hinweisen, daß sie zunächst Ver inlassung haben, vor der eigenen Tür zu fehren. Wird och nach den vielen Lynchmordmeldungen der letzten Zeit ben jetzt wieder bekannt, daß im Orte Devon( West- Virinia) ein Neger wegen eines Angriffs auf eine Weiße buch täblich zu Tode gemartert worden ist. Er wurde förmlich n Stücke gehackt, Zunge und Herz wurden ihm ausgerissen, Zehen und Finger wurden ihm abgehackt, rnd Fezzen seiner Haut wurden unter den Lynchern als„ Andenien" verteilt. Sein Leichnam wurde schließlich mit Wachs übergossen und erbrannt.
Und diese Lynchgreuel sind noch nicht einmal das chlimmste, was auf das Schuldkonto der von Humanität so iberfließenden Yankees zu setzen ist: Es hat sich jetzt herausJestellt, daß unter dem Sternenbanner die Negersklaverei n den Südstaaten munter fortbesteht! Als die Sache ruch. jar wurde, sandten die Behörden eine Kommission zur Untersuchung der Anklagen nach den Südstaaten. Diese Rommission hat in zwei Bezirken Alabamas bisher bereits 99 Fälle von Sklaverei festgestellt. Die Neger wurden aus alsche Beschuldigungen hin zu Geldstrafen verurteilt. Do ie diese nicht bezahlen konnten, erfolgte ihre Verurteilung zu Zwangsarbeit. Ihre Arbeitsleistung wurde dann meist bietend versteigert, und es wurden selten weniger als 20 Dollar, oft aber über 50 Dollar geboten, während die Geld strafen nur 5 Dollar betrugen. Den Unterschied zwischen der Höhe der Geldstrafe und dem Höchstgebot teilten sich die Beamten. Die Versteigerer preßten die Steger ungehinder bis aufs Blut aus; dabei waren die Neger völlig rechtlo Die Plantagen- Aufseher sind mit Revolvern bewaffnet Bluthunde verhindern die Flucht. Es ist erwiesen, das Neger zu Tode gepeitscht wurden, ohne daß ein Hahn danad frähte. Unter diesen Umständen hat Amerita gar kein Veranlassung, den Sittenrichter und den internationaler Anwalt der Menschenrechte zu spielen. Wer es mit der Amerikanern chrlich meint, der wird ihnen angesichts ihre vielen Dreistigkeiten und Uebergriffe in jüngster Zei inahnend das Wort Goethes zurufen:
,, Sehe jeder, wo er bleibe, Sehe jeder, wie er's treibe. Und wer steht, daß er nicht falle..."
Die Politik.
58% Millionen Reichsdeutsche.
Das„ Statistische Jahrbuch des deutschen Reiches für 1903", das soeben erschienen ist, bringt u. a. recht inter essante Angaben über die gegenwärtige Bevölkerung de Deutschen Reichs. Die Seelenzahl der Reichsdeutschen wiri nach dem Stande vom Juni d. I. auf 58 549 000 Personer Jeschätzt. Für Mitte 1902 war sie auf 57 708 000 und fü Mitte 1901 auf 56 862 000 Personen angenommen. Da nach hat seit einent Jahre eine Bevölkerungszunahme um 341 000 oder 1,46 pet. stattgefunden, während die Zunahme von 1901 zu 1902 846 000 oder 1,49 pCt. betragen hatte. Bei der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1900 ist eine Einwohnerzahl von 56 317 178 Röpfen festJestellt, so daß in den verflossenen 2½ Jahren eine Beölkerungszunahme um 2,18 Millionen stattgefunden hat. In zehn Jahren hat sich die Bevölkerung des Reichs uni 7,8 Millionen, in zwanzig Jahren um 12,5 Millionen und eit der Errichtung des Deutschen Reichs um 17,5 Millionen Köpfe vermehrt.
Die sächsische Landtagswahlreform gesichert. Der sozialdemokratische Wahlsieg in Sachsen, dessen Ursachen nach allgemeiner Ueberzeugung in der Unzufriedenheit weiter Volfskreise mit dem sächsischen Landtagswahlrecht liegen, hat die Dresdener Regierung veranlaßt, schleunigst der Reform des Landtagswahlrechts näher zu treten. In den sächsischen Regierungsblättern findet sich eine Erklärung des Ministeriums, die besagt: Die Regierung habe sich überzeugt, daß das jezige Wahlrecht den Einfluß der in der dritten Wahlklasse gewählten Wahlmänner aus die Wahl der Abgeordneten auf ein den Grundjäßen der Gerechtigkeit nicht entsprechendes Maß herabdrücke. Sie habe daher die Reform des Landtagswahlrechts ernstlich ins Auge gefaßt. Angesichts der außerordentlichen Schwierigkeiten der Sache gedenke sie sich des Beirates einer Ende August oder Anfang September einzuberufenden Verſammlung zu bedienen, an der auf diesem Gebiet besonders erfahrene Mitglieder beider Ständekammern teilnehmen sollen. In Sachsen wird man dieses Vorgehen des Kabinette in allen nationalen Kreisen willkommen heißen.
Franen an der Wahlurne.
In Australien sind bekanntlich seit einiger Zeit auc die Frauen wahiberechtigt zum Parlament des australischen Staatenbundes. Es handelt sich um 850 000 Frauen, die wahlberechtigt sind, und die Führerinnen der Frauen im Fleinsten Erdteil sind eifrig an der Arbeit, die weibliche Wählerschaft zu bearbeiten. Das Wahlprogramm, das sie ufgestellt haben, enthält neben der Forderung völliger gejeglicher Gleichberechtigung von Mann und Frau auch die, daß die Aemter des Staatenbundes zu den gleichen BeDingungen und mit den gleichen Gehältern für Männer und Frauen offen sein sollen. Lediglich das Verdienst und die Brauchbarkeit sollen bei Ernenmungen zu Staatsstellen auschlaggebend sein. Daneben verlangt das Programm der Frauen die Einrichtung von Schiedsgerichten zwischen Arbeitjebern und Arbeitern, ferner sollen zur Förderung des internationalen Friedens das Landheer und die Marine lediglich zu Defensivzwecken organisiert werden und ein Freiwilligenjeer den Vorzug vor regulären Truppen erhalten. Wenn die Frauen bei den Wahlen Erfolg haben, wird die Welt vielleicht bald das Schauspiel haben, weibliche Minister in Australien am Ruder zu sehen.
Russische Grenzbarrikaden.
Eine Art chinesischer Mauer gedenkt Rußland um di Grenzen des Riesenreiches aufzuführen. Zwar feine au Quadersteinen und mit Türmen und Zinnen, aber eine au Eisen: Rußland läßt nämlich jetzt seine Landesgrenzen, so auch die unserige, durch St a cheldrahtzäune ab. sperren, um das Ueberschreiten der Grenze auf verbotenem Wege zu verhindern. Ob's viel helfen wird? Für Schmuggler werden die Stacheldrahtzäune kein Hindernis bilden.
Die nenè französisaje Infanterie- Uniform.
Bei der Truppenrevue, die aus Anlaß des franzö sischen Nationalfestes bei Longchamps stattfand, sah man auch die neue französische Infanterieuniform zum ersten Male. Sie besteht aus weiten, dunkelblauen Blusen mit glanzlosen Hornknöpfen, ebenfalls dunkelblauen und weiten, an den Knöcheln zusammengebundenen Hosen und einen Burenhut. Den Franzosen gefällt die neue Uniform, mi der zunächst nur eine Kompagnie bekleidet war, ganz und gar nicht.
Chinesische Sozialdemokraten.
Die sozialdemokratische Bewegung macht jezt aud in China Fortschritte. Lenng- Kai- Kiu, ein chinesischer Ge lehrter, hat„ Das Kapital" von Karl Mary ins Chinesisch übersetzt. Lenng gibt in China ein sozialistisches Blat heraus, das in einer Auflage von 30 000 Gyemplaren er scheint. Die japanischen Genossen" helfen fleißig bei de prepagonda der sozialistischen Ideen unter den Getreuen des Confucius.
" Ich bezweifle es," versette Mirius.
" Doch, wie ge- wenn Mirius gegangen war, nahm die Fürstin ihre Bern
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Wie eine Wette gewonnen wurde.
Nachforschungen anzustellen,
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