Ausgabe 
15.4.1903 Zweites Blatt
 
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Die Dyanen der Kennbahn.

( Von unserm Sport- Mitarbeiter.)

Wie die ,, Könige" des Turfs, die Jockeys, eine un­widerstehliche Anziehungskraft auf die Masse der Wett­spekulanten ausüben, die von den Herren im Sattel nüßliche Winke" zu erhaschen suchen, so sind auch die Hyänen" der Rennbahn, die sogenannten Tipmacher, sehr gesuchte Persönlichkeiten. Was wird nicht alles in Tips gemacht! Die Sportjournale bringen für jedes Rennen Tips in bunter Mannigfaltigkeit und für ein paar Nickel bekommt der Rennbahnbesucher sogar ge­sammelte Tips aller Blätter schön in Rubriken einge­teilt. Sie sind natürlich eine scharfe Konkurrenz für die Tipmacher oder ,, Tipjungens", wie sie im Sportjargon genannt werden. Diese Tipmacher geben vor ,,, Berbin­Sungen" zu besigen. Sie haben immer ein paar ,, tot­sichere" Sachen aus dem Stall und teilen für Geld und gute Worte ihre Weisheit mit. Da erzählt der eine zum Beispiel, Trainer Soundso habe ihm gesagt, dieses oder jenes Pferd gewinnt ganz bestimmt, während sich seine Bekanntschaft mit dem Trainer darauf beschränkt, daß dieser dem Tipmacher im Winter, in der geschäfts­Losen" Zeit, einmal einen Taler geschenkt hat. Ein an­derer behauptet, er erfahre alles, was in einem be­stimmten Stall vorgehe, ein dritter ist angeblich mit Jockey Warne oder Martin auf du und du, ein vierter schreibt seine Wissenschaft davon her, daß er für einen durch seine ,, Schiebungen" bekannten Wettstall die Wetten besorge, ein anderer schließlich behauptet, er rechne den Sieger aus.

Alle diese Tipmacher sind im Winter sehr kleinlaut, und an den ersten Renntagen sind sie froh, wenn sie genug Geld für einen Hemdkragen zur Vervollständigung ihrer Toilette und für die Fahrt nach den Rennplägen zusammenbekommen. Aber bald bessert sich ihre Form". Nach wenigen Wochen gehen sie ganz elegant einher, und in der zweiten Hälfte der Frühjahrszeit, zur Derby­zeit, blüht ihr Weizen, wenn auch schon jetzt, wo die Rennsaison ihre ersten Fühler ausgestreckt hat, das Ge­schäft gut im Gange ist. Mit größter Gelassenheit und Frechheit behaupten die Tipmacher stets nach dem Ren­nen, es wäre unglaublich, wie man ein anderes Pferd hätte wetten können, als das, welches soeben gewonnen hat, aber vor Tische las man anders", da hatten sie ihrer Kundschaft ein ganz anderes Pferd getipt. Dadurch jedoch, daß sie zum Beispiel beim Siege eines Außen­feiters auf der Rennbahn laut ausrufen, sie hätten das Pferd gewettet, ziehen sie immer wieder neue Klienten an sich heran, zumal, da sie anscheinend den Beweis führen. Denn die richtigen, professionsmäßigen Tip­macher haben stets 20 Marttickets von allen Nummern des Totalisators in der Tasche. Wenn nun beispielsweise ein Pferd Nr. 7 gewinnt, auf das die Wettmaschine viel­leicht 150 Mart für 10 Mart auszahlt, so ziehen sie triumphierend ein Totalisatorticket Nr. 7 aus der Tasche und zeigen es herum: Ja, seht, solche Tips habe ich!" Aber wenn sie die Karte genügend herumgezeigt und darauf ein paar neue Kunden erhalten haben, stecken siz das Ticket ruhig wieder ein und hüten sich wohl, es am Aber wenn sie die Karte genügend herumgezeigt und giltiges Ticket von früheren Renntagen, was natürlich von denen, die damit geködert werden sollen, keiner

merft

Ausschreiben.

Für die Provinzial- Siechenanstalt werden noch Wärterinnen gesucht. Anfangsgehalt bei freier Station 300 Mark jährlich.

Anmeldungen auf dem Verwaltungsbureau erbeten. Verwaltung der Provinzial- Siechen- Anstalt

Oberbeffen.

Bekanntmachung.

Die am 7. I. Mts. angeordnete Sperre der Fran f- furterstraße, zwischen Hofmann- und Klinikstraße, wird hiermit aufgehoben.

Gießen, den 11. April 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen.

J. V. Roth.

Bekanntmachung.

Es gibt aber noch ein anderes, sogar noch untrüg­licheres Mittel für den Tipmacher ,,, auf sicher" etwas zu verdienen. Allerdings gehört dazu eine ausgebreitete Kundschaft und ein gutes Gedächtnis. Der Tipmacher bezeichnet nämlich jedem seiner Klienten ein anderes Pferd als Sieger und veranlaßt dadurch Wetten auf alle startenden Pferde. Da nun nach Adam Riese ein Pferd gewinnen muß, hat er auch in seiner Kundschaft mindestens einen Gewinner und von diesem holt er sich dann ein ordentliches Trinkgeld.

Manche Tipmacher leben wochenlang, monatelang, ja, manchmal die ganze Rennsaison hindurch von einem Kunden, der sie vollständig ernährt und sie stets bei guter Laune zu erhalten sucht, um Tips zu bekommen. Schließlich bleibt der Kazenjammer nicht aus, aber was tut das dem Tipmacher? In der nächsten Saison kommen wieder neue ,, Freier", und das artige Spiel kann von neuem beginnen. Wie groß übrigens gerade in Deutsch­land der Hunger nach Tips ist, zeigt der Erfolg, den sogar englische und französische Tipster nie haben. So läßt sich gerade jetzt der ,, König der französischen Tipster" ein gewisser Dair, vernehmen: Sein tägliches Baroli ist immer gewonnen. Alleiniger Tipster, welcher den hohen Gewinn aller seiner Tips garantiert." Fast durch die Bank fündigen sie der staunenden Welt an, was sie in letzter Woche für gute Sachen" ihren Kunden tele­graphisch gegeben haben. Selbstverständlich kann nie­mand ihnen nachweisen, daß sie geschwindelt haben. Wenn sich einer seiner Klienten beschwert, so kommt ent weder gar keine Antwort oder die Ausrede, das Tele gramm mit den guten Tips müsse verloren gegangen sein. Aber in Wirklichkeit dachte der Tipmacher garnicht daran, eine solche Depesche abzusenden. So wird das Geschäft dieser Hyänen der Rennbahn lustig fortblühen, denn diejenigen, die nicht alle werden, leisten ihnen treue Gefolgschaft, und das genügt schon, damit das seltsame Geschäft des Tipgebens seinen Mann gut er­nährt.

Vermischtes.

>[ Fürstin Bismard als Wunderdoktorin.] Infolge des Prozesses Nardenkötter tauchen alle möglichen und unmöglichen Anekdoten von berühmten Kurpfuschern und Wunderdoktoren auf. Wenig bekannt dürfte es sein, daß auch die Gemahlin unseres eisernen Kanzlers zu den letzteren gehört hat. Fürstin Bismarck ließ jahrelang in der Zeit der heiligen Nächte", vom 24. Dezember bis zum 6. Januar, Elstern schießen, die zur Bereitung eines ,, unfehlbaren" Mittels gegen die Epilepsie gebraucht wur­den. Sie ließ die Elstern mit vollem Federschmuck und Eingeweiden im Backofen langsam verbrennen, bis nur ein Häuslein Asche davon übrig blieb. Dieses bekamen dann Epileptische ein und ste s soll Heilung eingetreten sein. Ohne an dem guten Glauben der Heilenden und Geheilten im geringsten zu zweifeln, ist doch wohl an­zunehmen, daß Autosuggestion bei diesen Elsterkuren die Hauptrolle gespielt hat.

[ Ein Pathenfind der Königin Draga.] Aus Bel­grad wird geschrieben: Ein Bauer aus Jagodina namens Pero Predajics hat sich an die Königin Draga mit dem Bittgesuche gewendet, bei dem vierzehnten Mädchen, wel­

Gaskoks,

In der Stadtverordneten- Versammlung vom 22. d. Mts. wur­de beschlossen, die am 10. April d. I. festgesetzten Preise bis auf weiteres beizubehalten, mit der einzigen Ausnahme, daß der Preis für Nußkoks, Größe Nr. 2, um 5 Pfennig für den Gentner herab­gesezt wird. sodaß die Nußtoks Nr. 1 und 2 jetzt gleichen Preis haben. Die Kokspreise stellen sich hiernach wie folgt: Für den Zentner ab Verkaufsstelle: 1,10 Mr.

Stück- Boks Buß- Boks, ausschließlich trocken gelagert in 2 verschiede= nen Korngrößen für Stubenheizung und für weite und enge Ofenschächte passend zerkleinert:

Größe Br. 1, etwas größer als durchschnittliche Korngröße des Anthracit, gangbarste Sorte..

1,25 Mf.

Größe Nr. 2, kleiner als durchschnittliche Korn­größe des Anthracit

1,25 Mr.

In Wagenladungen von mindestens 36 Zentnern:

Stückkoks Bußkoks Nr. 1 Nußkoks Nr. 2

1,05 Mr.

1,20 Mr. 1,20 Mr.

Stückkoks

1,00 Mr.

Nußkoko Nr. 1 uhkoks r. 2

1,15 Mr 1,15 Mr.

Die Gartenstraße, zwischen Südanlage und Bei Entnahme von mindestens 200 Zentnern: Löberstraße, wird wegen Vornahme von Walzarbeiten

von Dienstag, den 14. I. Mts. ab bis auf Weiteres für

den Fuhrwerks- und Fahrradverkehr gesperrt

Gießen, am 11. April 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen.

J. V. Roth.

Bekanntmachung.

Tiefenweg 13, bei der früher Lindenstruth'schen Hofraite ist eine geräumige Werkstätte alsbald zu vermieten. Näheres bei der Bürgermeisteret Zimmer Nr. 15.

Für Koksabnehmer, welche zwei und mehr Doppel. waggons bezichen, ermäßigt sich der Preis um weitere 5 Pfg. pro Centner. Für Anfuhr an das Haus werden 5 Pfennig für den Zentner NB. Sofern das Verbringen der Koks bis zu 6 Zentnern - auf die betr. Lagerplätze( Keller, Stall 2c.) mit feinem außergewöhnlichen Zeitaufwand verbunden ist, geschieht dies ohne besondere Vergütung.

berechnet.

Im Gaswerk findet nur ein Verkauf von über 5 Centner Koke statt; dagegen bleibt bei folgenden biesigen Firmen der

ches ihm seine Ehe bescheerte, die Pathenstelle zu über­nehmen. Königin Draga hat dieser Bitte zugestimmt, und wird das Bauernmädchen nach seiner königlichen Bathin benannt werden.

)[ Eine eigenartige Flottenschau] wird während des Aufenthalts des Königs Eduard von England auf Malti im dortigen Hafen stattfinden. An ihr werden Schiffs typen aller Zeiten und aller Länder teilnehmen: Go­leeren, chinesische Thaus usw. Die merkwürdige Beran­taltung wurde nach Zeichnungen des Admirals Dom oille von einem Komitee von Seeoffizieren vorbereitet. Der König wird Donnerstag in Malta erwartet.

)[ Die Ostereier des Saitaphernes.] Es war vorauszu sehen, daß die Pariser Industrie die kurzweilige Geschicht von der gefälschten Tiara des Saitaphernes für ihre Zwecke ausnußen würde, und so sah man denn auch bei allen Pariser Zuckerbäckern Ostereier, die die Form da berühmten Tiara hatten; eigentlich waren es immer wei Tiaren, die unten an der Basis verbunden waren. Die meisten dieser Atrappen sind aus vergoldetem Papp deckel angefertigt. Den Vogel schoß aber ein Papier händler ab, dessen Schaufenster stundenlang von einer großen Menschenmenge umlagert wurden: hatte doch alles, was dort ausgestellt war, die Form der berühmten Tiara! Man sah dort Tiaren aus vergoldetem Metall, die als Tintenfässer, Briefbeschwerer, Zündholzschachteln u. s. m zu verwenden waren. Am drolligsten war aber eine Inschrift, die auf diese Kostbarkeiten hinwies, sie lau tete: ,, Tiaren des Saitaphernes! Echt falsche Reprodut tionen!"

(!) Schlechtes Festweiter gab es diesmal in ganz Deutsch land. Aus den verschiedensten Gegenden werden heftige Schneefälle gemeldet. Noch weniger glimpflich aber ging es vährend der Ostertage im Auslande zu. Aus Budapest wird gemeldet: Der infolge anhaltenden Regens ange schwollene Teernovafluß hat einen großen Teil der un garischen Stadt Csakathurn im Komitat Zala über schwemmt. Auf der Messe in Vincennes stürzte der Sturm eine Schaubude um, wobei sieben Per sonen verlegt wurden. Infolge des herrschenden Stur mes stürzte auf dem Turnplay in Marseille ein Gerüst zusammen, wodurch neun Turner mehr oder weniger chwere Verlegungen erlitten.- Im Atlantischen Ozean jeigt sich massenhaft Eis, sodaß alle großen Schiff fahrtslinien ihren Kurs vorderhand weiter südlich ver­legten.

[ Das Erdbeben als Streifbrecher.] Folgendes Ge schichtchen wird aus Grasliz in Böhmen gemeldet: In einem Gasthause opferte eines Abends e in Gast ein Zweihellerstück und warf es in den Musikautomaten. Doch dieser hatte keine Lust zu spielen; der Zweiheller blieb auf halbem Wege stecken. Auch die Gäste küm merten sich nicht weiter um den streikenden Automaten und gingen bald nach Hause. Doch gegen Mitternacht, als alles schlief, erschütterte plötzlich ein heftiger Erd­stoß das ganze Haus, und entsetzt sprangen der Gastwirt und seine Familie aus den Betten. Wie sehr wurde aber der Schreck vermehrt, als auch der Automat sich zu regen begann. Der Erdstoß hatte das Zweihellerſtüd bollends hinabgeschüttelt, was der Automat prompt quit tierte, indem er einsetzte: Komm' herab, Madonna Theresa...

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WILD­

Nr. 87

Famil

Mittwoch ben 15. April.

1903.