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4.7.1903 Erstes Blatt
 
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Pläne sehr genau eingeweiht zu sein und berechtigte An­sprüche an ihn zu haben, die sie nun geltend machen will. Sie droht ihm, und der ganze Ton des Briefes läßt er­kennen, daß sie dazu berechtigt ist! Und einem solchen Manne willst du deine Tochter anvertrauen? Ich hoffe, du wirst nun einsehen, wie wenig dieser Rudi Funke deiner Fürsprache wert ist! Er hat sich hier eingeschlichen, um ein gutes Geschäft zu machen, und es wäre ihm vielleicht gelungen, wenn diese Zeilen uns nicht die Augen üebr ihn geöffnet hätten."

Roggendorf drehte mit gedankenvoller Miene an den Spitzen seines Schnurrbartes; unter den buschigen Brauen blizten die Augen in hellem Zorn.

Ich verdamme niemand, ohne ihn vorher gehört zu haben," sagte er ,,, gerecht muß man vor allen Dingen sein! Wenn es sich so verhält, wie du vermutest, dann allerdings muß Martha ihren Wünschen und Hoffnungen entsagen."

,, Es kann sich nicht anders verhalten," unterbrach ihn Reimann, der nun auch erregt wurde. Funke hat dem Mädchen gesagt, daß er sich mit Martha verloben werde. Das Mädchen aber weigert sich, auf seine Ansprüche zu verzichten. Ich glaube nun auch, daß diese Elise Ham­mer den Brief absichtlich offen gelassen hat, damit wir ihn lesen sollen, und nachdem wir ihn gelesen haben, bleibt uns nichts weiter übrig, als den jungen Mann zu entlassen, und das soll heute noch geschehen."

Der alte Herr hatte schon den Arm ausgestreckt, um nach der Glockenschnur zu greifen, die neben seinem Schreib­tisch hing, aber das energische Halt!", das Roggendorf ihm zurief, bewog ihn, denselben wieder sinken zu las­sen.

,, Was hast du noch dagegen einzuwenden?" fragte er unwirsch.

,, Nichts, wenn deine Vermutung sich bestätigt," ant­wortete sein Schwiegersohn. Aber die Sache kann auch anders liegen und, wie ich vorhin bemerkte, eine Teufelei dahinter stecken. Ueberlaß es mir, die Geschichte zu ord­nen, bei mir hat Rudi Funke um die Hand Marthas geworben, ich bin allein berechtigt, ihm die endgiltige Antwort darauf zu geben. Dir bleibt dadurch die Auf­regung erspart; ich werde gerecht und streng sein."

Werner Reimann blickte eine geraume Weile, in Nach­denken versunken, vor sich hin, dann ordnete er die Pa­piere auf seinem Schreibtisch, wie er es stets vor seinem Fortgehen zu tun pflegte.

,, Gut," sagte er ,,, ich will dem Aerger aus dem Wege gehen, ich vertraue aber darauf, daß du diese häßliche Angelegenheit in meinem Sinne ordnen wirst. Morgen früh erwarte ich deinen Bericht; hier sind noch einige Briefe zu beantworten, besorge das nötige, ich gehe jeẞt ins Kasino."

Roggendorf nickte zustimmend; er steckte den Brief wieder in das Couvert und klebte dieses zu, dann zog er an der Glockenschnur.

Einige Minuten später trat Rudi ein, seine hoffnungs­frohe Miene ließ Roggendorf erkennen, daß er sich keiner Schuld bewußt war.

,, Es ist uns ein Brief zugeschickt worden, den wir Ihnen persönlich übergeben sollen," nahm Roggendorf das Wort, indem er dem jungen Manne einen Stuhl anbot, ,, bitte, lesen Sie ihn."

Rudi las die Aufschrift und schüttelte das Haupt. Aufrichtiges Erstaunen sprach aus seinen Zügen, aber die­ses Erstaunen wich der Entrüstung, als er den Brief gelesen hatte.

,, Man scheint sich da mit mir einen Scherz erlauben zu wollen," sagte er unwillig ,, bitte, lesen Sie den Wisch, vor dem Vater meiner zukünftigen Gattin darf und will ich keine Geheimnisse haben, und am allerwenigsten Ge­heimnisse dieser Art. Ich leugne nicht, daß ich das Mäd­chen kenne, wir haben ja als Kinder mitsammen gespielt, aber niemals stand ich mit ihr in irgend welchen Be­ziehungen, die sie zu diesem Schreiben berechtigen könn­ten."

Man behauptet, Sie seien mit ihr liiert und besuchten sie häufig, erwiderte Roggendorf, dem es schon jetzt klar geworden war, daß die Vermutungen seines Schwieger­baters jeder Begründung entbehrten.

,, Wer das behauptet, macht sich einer Infamie schul­dig!" rief Rudi. Ich habe nie die Wohnung des Mäd­

nie

versprochen und ihr auch

chens betreten, ihr etwas keinen Anlaß gegeben, mir zu drohen. Ich bezweifle so­gar, daß sie diese Zeilen geschrieben hat, die offenbar nur dazu dienen sollen, mich zu verleumden."

,, So müßte eine andere Person sie geschrieben haben," sagte Roggendorf, nochmals einen forschenden Blick auf das vom Zorn gerötete Antlitz Rudis werfend ,,, auf wen könnte Ihr Verdacht fallen?"

Ich weiß es nicht," antwortete Rudi achselzuckend, ,, ich kenne wohl eine Person, die mir abgeneigt ist und die ich einer solchen Schande fähig halte, aber ich will keinen Namen nennen, so lange ich nicht meiner Sache sicher bin."

Haben Sie vielleicht mit irgend jemand über Ihre Absicht, sich mit meiner Tochter verloben zu wollen, ge­sprochen?"

Nur mit meiner Schwester, und auf deren Verschwie­genheit kann ich bauen."

,, Nun wohl, ich werde die Sache untersuchen," er­widerte Roggendorf, überlassen Sie mir den Brief und reden Sie vorläufig mit niemand darüber, ich hoffe die Wahrheit ans Licht zu bringen. Bevor dies nicht geschehen ist, kann ich Ihnen die Antwort, die Sie erwarten, nicht geben; der Brief wurde uns offen zugeschickt, mein Schwie­gervater hat ihn gelesen und sich ein Urteil gebildet, das Ihnen nicht günstig ist!"

,, Auch das noch!" sagte Rudi entrüstet. Solcher Jn­famie stehe ich wehrlos gegenüber, ich finde es höchst un­gerecht, daß man mich verdammt, ohne meine Vertei­digung gehört zu haben."

( Schluß.)

( Fortsetzung folgt.)

Am Rheinfall ein Reinfall! Novellette von Wilhelm von Trotha. ( Nachdruck verboten.) Wenige Tage darauf standen die beiden auf dem Bahnhofe und erwarteten den nach Basel abgehenden Schnellzug.

Als er eingelaufen war, half er ihr in ein Abteil erster Klasse und machte ihr den Eig bequem mit Kissen und Decken zurecht.

,, So, nun eilen Sie, lieber Kommerzienrat, daß Sie hinauskommen, sonst könnte der Zug abgehen, ich sende Ihnen von Basel ein Telegramm, wie ich angekommen bin!"

Ein boshaftes Lächeln glitt über seine ihr abge­wandten Züge, dann zog er die Abteiltür zu, nahm ihr gegenüber Plaz und sagte, während sich der Zug lang­sam in Bewegung ſezte:

Ich fahre mit!"

,,, wie charmant," rief sie und klatschte vergnügt in ihre Hände.

Nun war er aber ganz irre an ihr geworden, und als er in ihre phosphorglühenden Augen sah, da glänzte es so eigenartig in ihnen, daß er sich eines kalten Ge­fühles im Rücken nicht erwehren konnte und er unwillkür­lich an die Augen jener Weiber erinnert wurde, die keine Seele haben an die Nixen!

Doch da lächelte sie, reichte ihm die kleine feinbe­handschuhte Rechte und sagte:

,, Aber schön artig sein, lieber Kommerzienrat, ja?" Er nickte und bedeckte die Hand mit feurigen Küssen. In Basel hatte er viel Werger mit der Zollrevision, so daß beide knapp den nach Konstanz abgehenden Schnell zug erreichten. Sie wollten zunächst einige Tage in Schaffhausen bleiben, um von dort durch die Schweiz nach Oberitalien weiterzureisen.

Die Fahrt von Basel am Rhein entlang war herrlich, Zur Rechten lagen die aufsteigenden Alpen, zur Linken erblickten sie die waldumkränzten Berge des Schwarzwal des, indem sie meist ziemlich dicht an den Ufern des wo­genden und über Klippen dahinrauschenden und-rau­schenden Rheines entlang fuhren.

In Neuhausen verließen sie den Zug und schritten durch herrliche Gartenanlagen dem nahen Hotel Schwei zerhof zu.

Dort nahm sie zwei Zimmer, das eine in der ersten der Zorn in ihr gegen ihn auf, daß er sie so einfach hatte und das andere in der zweiten Etage, bevor er noch zu sigen lassen, dem Unglück preisgegeben. Worte kommen konnte. Beide gingen den nahen Waldungen zu. Ich fühle mich angegriffen," sagte sie, während er innerlich wütend, die beiden Billets ausfüllte, äußerlich sich aber den Anschein gab, als ob das ganz selbstverständ­lich sei.

Schon nach einer kleinen halben Stunde erschienen beide Arm in Arm auf der Terrasse und ein Sf des Er­staunens entfloh ihren Lippen.

,, Wunderbar," murmelte sie ,,, o wunderbar, ich hatte nicht gedacht, daß der Rheinfall so bezaubernd wirkt. Diese Macht in den Wassermassen!"

Das klang fast jubelnd.

Ja! Jawohl, das ist sehr schön, aber eine weit höhere Macht liegt in Ihnen, Marga, in Ihren Augen," sagte er nach einer kleinen Pause und versenkte die seinen init mehr lüsternen, als verliebten Blicken in die ihren, die sie sogleich unter Erröten ihres Gesichtchens wieder dem tosenden Wasserfall zuwandte, wobei ein halb ärger­liches, halb boshaftes Zucken über ihr rosa angehauchtes Gesicht flog.

,, 000?" fragte sie dann gedehnt, aber in dem Ton lag ebensoviel Gleichgiltigkeit, wie zuvor in ihrem Blick und Bewegung, so daß er sich ein wenig ungeduldig in den Hüften wiegte.

,, Geben Sie ihm den Laufpaß! Lassen Sie sich von ihm ſcheiden, Sie lieben ihn ja doch nicht mehr, seitdem er kein Geld mehr hat," plagte er jezt heraus, ohne auf die Wirkung seiner Worte zu achten.

,, Zudem ist er ja in die Welt gezogen, Eie wissen nicht einmal wohin? Wochen sind vergangen, ohne daß er etwas von sich hat hören lassen, ein schöner Gatte das!" ,, Eben darum kann ich das Gefühl nicht bannen, daß er ebenso wie er gegangen ist, auch wiederkommen wird und daß wir ihn vielleicht gar treffen könnten.

Dabei leuchteten ihre Augen förmlich auf; er sah, sie liebte ihn noch immer!-

,, Hm, auf Spuren stießen wir ja schon, sogar auf ganz frische durch die Zeitungsnotizen; er scheint wieder Last an seiner Arbeit gefunden zu haben," seufzte der kleine Bankier.

,, Ja, ja, das hat er und wenn er uns gar zusammen mich! Ich treffen sollte, so mordet er Sie und tenne ihn!"

,, Oho, da bin ich denn auch noch da und stelle meinen Mann!" rief der Herr Rat.

Jezt mußte sie wieder lächeln, aber das war kein freudiges Lächeln, nein, Epott und Mitleid lag darin, ſie kannte ihn genau: schlotternden Knies würde er um Gnade flehen. Dann schweifte ihr Blick hinab auf den nimmer ruhenden Wasserfall, und sie sagte:

Sehen Sie dort unten jenes Boot, wie es auf den schäumenden Wellen tanzt! das ist köstlich, sehen Sie nur, lieber Rat, und dabei ergriff ſie ſtürmisch seinen Arm, so daß er mit einem leichten Schrei zusammenfuhr. ,, Die fahren hinein in die tosenden Wasser, hinüber nach den Felsen, die mitten in dem Fall liegen, o wie mutig! Kommen Sie, da muß ich auch hin, ja von dort, dem kleinen Tempelchen aus, will ich den Rheinfall sehen," und hierbei zog sie den Kommerzienrat mit sich.

,, Aber was ist Ihnen denn?- Sie haben ja ein krei­beweißes Gesicht? Ihre Kniee schlottern ja?" unterbrach sie sich selbst.

,, Nichts, nichts! Ein leichter Anfall. Fahren Sie allein! Ich, fühle mich nicht ganz wohl!"

,, Der Weg zu meinem Herzen und meiner Hand geht nur durch jenen Strudel!"

Hochaufgerichtet stand sie da und wies hinab in den kochenden zischenden Gischt, dessen feiner Staub vom Winde getrieben bis hinauf drang und ihr leicht gepa­dertes Gesicht nezte.

Eine furze peinliche Pause trat ein, dann schnappte er einige Male nach Luft und sagte:

,, Es sei! Morgen-- aber erst morgen." Also morgen! Schön, aber dann am Abend, während der Illumination, soll es sein!"

,, Es sei!" seufzte er.

,, Topp, abgemacht, Kommerzienrätchen!" Ginen Augenblick noch dachte sie an Egon, aber dann sagte ihr ihr Verstand, sie müsse Teben, und hierbei kam

*

Wenige Minuten später schritt ein junger Mann über die steinerne Brücke, die über einen toten Arm des Flusses dem Schlößchen Wörth zuführte.

Er trat an den Billetschalter und verlangte eine Karte zur Ueberfahrt nach dem Schlosse Laufen, das auf der anderen Seite des Rheines liegt. Nach einigem Hin­und Herreden erfuhr er, daß man ihn erst in etwa einer halben Stunde übersetzen könne, da sich der eine Schiffer­knecht den Arm verlegt hätte und nicht rudern könne. Allein traute sich der Schiffer nicht hinüberzurudern, da Hochwasser sei und der Wind die Wassermassen mit grɔ­ßer Gewalt die Felsen heruntertreibe.

Flugs sprang der Fremde in den leichten Nachen, zog den Rock aus und griff zum Kuder.

,, Na, Schiffer, kommt man, wir beide zwingen' schon!" Der alte Mann kraute sich hinter den Ohren und meinte:

,, No, olter Freund, derdazu da g'hört doch a bisserl mehr Kraft, als Ihr Stoadtleut' hoabt!"

,, Hm, da, schaut her," gab der junge Mann zurück, und indem er seinen Hemdärmel hochzog, zeigte er dem erstaunten Alten einen muskulösen Arm, der jedem Akros baten Ehre gemacht hätte.

,, No, denn zua!"

Bald tanzte das leichte Boot auf den schäumenden Wellen und schoß von den kräftigen Armen getrieben durch den reißenden Strom dem andern Ufer zu.

Leichtfüßig sprang der Fremde an das Ufer und bat den Schiffer, auf ihn zu warten.

Kaum eine halbe Stunde später stand er wieder im Boot.

Während sie zurückruderten, sagte er zum Boots­führer:

,, Schiffer, ich möchte morgen abend während der Illumination hinüber nach dem Felsen rudern, der mit­ten im Wasserfall liegt."

,, Schön, kommt's so gage halber zehn."

"

Wir rudern allein!"

Joa, scho guat!" dann trennten sich beide am Ufer.

Langsam neigte sich am anderen Tage der Sonnen­ball den Bergspißen zu und übergoß die Berge mit einem goldenen Hauch. Rosaglühend hoben sich die fern am Horizont liegenden Alpen vom aschgrauen Himmel ab, der wie ein Dunst über ihnen hing.

Oben auf der Terrasse des Hotels, wo sie gestern schon gestanden hatten, standen der Banlier und Marga ein wenig abseits von den übrigen Gäſten. Er sah krank und leidend aus, und seine gelbliche Haut hatte etwas Le­derartiges erhalten; sie war blühend, und ihre Gesichts­farbe eiferte mit dem Rosa der fernen Alpen.-

Die Uhr zeigte ein Viertel nach neun Uhr, als unten bei dem Fischer derselbe junge Mann wie gestern erschien. Beide zogen sich wasserdichte Gummimäntel über und stülpten einen Südwester" auf den Kopf.

Ihr müßt noch a Mument woarte,' s hoat sich noch a Poar a'gesagt, sell will noch mit nüber," sagte der alte Bootsführer zu dem Ankömmling.

,, Gut, gut, ich habe Zeit!"

,, Also stets mit de Kopf noach de Felsen zug'schaut un kräftig g'rudert," instruierte der Schiffer seinen, Ge­hilfen", nachdem das erwartete Paar eingestiegen war.

Ein eigentümliches Gefühl war der jungen Frau durch den ganzen Körper gerieselt, als ihr der Schifferknecht" beim Einsteigen geholfen hatte und sie mit seinen kräf­tigen Armen in den Nachen hob. Viel Zeit zum Nach­denken blieb ihr nicht, denn bald tanzte der Kahn auf den wilden Wogen.- Tiefe Finsternis lag ringsumher.

Langsam näherten sie sich dem Fuß des Felsens, da drehte sich der Kahn in einem Strudel herum. Kein Wort hätte man unter dem Getose verstanden, so wild donner­ten die Wassermassen nieder.

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